Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bücherkiste (8): Dollar-Dominanz

Wer den Dollar vorzeitig abschreibt, hat unser Währungssystem nicht verstanden. Eswar Prasad hat die zentrale Rolle der amerikanischen Währung einprägsam analysiert.

Die Macht des Dollar zeigt sich gerade wieder in der aktuellen Krise mancher Schwellenländerwährungen. Man mag darüber streiten, ob diese Krise eher durch eigene wirtschaftspolitische Fehler der Schwellenländer oder durch Reaktionen großer Geldgeber auf die amerikanische Geldpolitik verursacht worden ist. Vollständige wegdefinieren lässt sich ein Einfluss der amerikanischen Geldpolitik und amerikanischer Großanleger aber nicht. Andererseits sind seit Jahrzehnten unablässig Stimmen zu vernehmen, die den Dollar mindestens im Niedergang, manchmal sogar vor dem Untergang sehen.

Eswar S. Prasad, früher beim Internationalen Währungsfonds (IWF) tätig und heute Professor an der Cornell University in den Vereinigten Staaten, wagt in seinem Buch „The Dollar Trap“ (Princeton Press, Princeton 2014, 408 Seiten, 35 Dollar) eine Prognose: Der Dollar wird noch lange die dominierende Währung in der Welt bleiben, und das ist auch gar nicht die schlechteste Aussicht. Der Dollar bleibt dominierend, obgleich die amerikanische Wirtschaftspolitik keineswegs über Zweifel erhaben wäre. Aber es gäbe einfach keine richtige Alternative.

Prasad beginnt mit der im Jahre 2007 ausgebrochenen Finanzkrise. Die besaß ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten, die in eine Rezession fielen und zumindest um die Zeit des Zusammenbruchs von Lehman Brothers bestanden Zweifel an der Solidität des amerikanischen Bankensystems. Man hätte denken sollen, dass in dieser Zeit eines schwankenden Vertrauens in Amerika auch das Vertrauen in den Dollar nachgelassen hätte. Aber dem war nicht so – der Dollar ist immer noch der sichere Hafen für viele Kapitalanleger. Schaut man sich Statistiken über Reservewährungen an, hat der Dollar seit dem Jahr 2007 an Bedeutung gewonnen. Dass der Dollar langfristig als reine Handelswährung an Bedeutung verlieren könnte, sieht der Autor als wahrscheinlich, aber auch nicht als sehr bedeutend an. *)
Nach Ansicht Prasads, und hier wird man ihm nicht widersprechen können, hängt dies einerseits mit der Wirtschaftskraft der Vereinigten Staaten und der Liquidität am Markt für amerikanische Staatsanleihen zusammen, andererseits aber auch an einem transparenten demokratischen System, das Eigentumsrechte schützt. Nimmt man dies zusammen, kann niemand auf absehbare Zeit mit dem Dollar konkurrieren: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas hemmen den Aufstieg des Euro und der chinesische Renminbi kommt vorerst wegen Kapitalverkehrkontrollen und weniger transparenter Institutionen in China auch nicht als großer Rivale in Frage. Weitere ernsthafte Wettbewerber gibt es sowieso nicht – der Markt für Gold ist viel zu klein, als dass das Edelmetall noch einmal eine bedeutende Rolle in der Währungspolitik spielen könnte.
Aus diesem „exorbitanten Privileg“ *), das aus dem Status einer faktischen Weltwährung stammt, lassen sich weitere Vorzüge ziehen. Prasad befasst sich auch mit der Idee von „Währungskriegen“, also dem Versuch von Ländern, durch Abwertungen Wettbewerbsfähigkeit zu Lasten anderer Länder zu gewinnen. Wenn Abwertungen so vorteilhaft wären, dürfte man derzeit allerdings nicht von einer Krise in den Schwellenländern reden, sondern die Abwertungen von Währungen wie der türkischen Lira oder dem brasilianischen Real als – aus der Sicht dieser Länder – hoch erfreuliche Preisanpassungen sehen.

Warum aber werden solche Abwertungen als ein Problem angesehen? Die Antwort ist einfach. Heutzutage reicht es nicht, bei Wechselkursveränderungen nur auf Handelsströme zu schauen, sondern man muss auch Bestände wie Vermögen und Verbindlichkeiten betrachten. Und hier wird das Privileg der Amerikaner deutlich: Sie können sich in eigener Währung im Ausland verschulden (etwa in Form von Staatsanleihen, die von Chinesen und Japanern gekauft werden); die Amerikaner besitzen aber auch über ihre großen Kapitalanleger erhebliche Auslandsaktiva in Fremdwährung.

Wenn nun der Dollar abwertet, steigt in der Bilanz mit dem Ausland der Wert der Aktiva relativ zum Wert der Passiva, weil auf der Aktivseite Fremdwährungsanlagen stehen, auf der Passivseite aber Dollarverbindlichkeiten.

In Schwellenländern, die Leistungsbilanzdefizite durch Kapitaleinfuhren finanzieren, sieht es genau anders aus: In diesen Ländern stehen auf der Aktivseite von Banken und Unternehmen überwiegend Forderungen in Landeswährung, aber auf der Passivseite viele Verbindlichkeiten in Dollar (oder Euro oder Yen), weil sich die Banken und Unternehmen in den vergangenen Jahren stark in westlicher Währung verschuldet haben. Wenn sich nun die Währung eines Schwellenlandes deutlich abwertet, steigt der Wert der Passiva ( der Verbindlichkeiten in Fremdwährung) im Vergleich zu den Aktiva. Wenn es schlecht geht, können dann Banken in den Schwellenländern in Schwierigkeiten kommen.Daher können in erster Linie die Vereinigten Staaten eine Abwertung ihrer Währung in Betracht ziehen, für viele andere Länder wäre der Beginn eines „Währungskrieges“ gefährlich. Prasad vertritt die Ansicht, dass die absehbare weitere Dominanz des Dollar im Weltwährungssystem durchaus Vorteile besitzt, aber auch wegen des erheblichen Gewichts der amerikanischen Geld- und Wirtschaftspolitik nicht unproblematisch ist. Aber eine Alternative bietet sich derzeit nicht an. Kurz und einfach: Wer den Dollar vorzeitig abschreibt, hat unser internationales Finanzsystem nicht verstanden.————————————————————————————

*) Die Rolle des Dollar als Transaktionswährung erklärt sich auch damit, dass er in Geschäfte mit Drittwährungen zwischengeschaltet wird. Ein Beispiel: Wenn brasilianische Real gegen neuseeländische Dollar getauscht werden sollen, werden in der Praxis  erst die Real gegen (amerikanische) Dollar und anschließend die (amerikanische) Dollar gegen neuseeländische Dollar getauscht. Der Grund hierfür ist die große Liquidität im Währungsmarkt für (amerikanische) Dollar. Es gibt allerdings gerade im asiatischen Raum seit ein paar Jahren von dortigen Regierungen unterstützte Bemühungen, künftig dort Währungen ohne die Zwischenschaltung des Dollar zu tauschen.

**) So der Titel eines Buches von Barry Eichengreen über den Dollar, das Erich Weede in der F.A.Z.  besprochen hatte.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Version eines Artikels, der am 3. Februar 2014 in der Rubrik „Wirtschaftsbücher“ im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist.

 

Die bisherigen Beiträge der Reihe “Bücherkiste”:

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut

Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister (Smith, Marx, Hayek)

Bücherkiste (7): Die Rückkehr der Erben

 

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