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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Raus aus der Schuldensucht

| 18 Lesermeinungen

© ReutersAdair Lord Turner

Schulden sind in der Weltwirtschaft zum Problem geworden. Überschuldete Immobilienbesitzer haben die Finanzkrise ausgelöst, überschuldete Staaten die Eurokrise – und in einigen wichtigen Studien haben Ökonomen festgestellt, dass Schulden nicht nur diese beiden Krisen ausgelöst haben, sondern eine ganze Reihe mehr – zum Beispiel Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff oder Moritz Schularick und Alan Taylor.

Ohne Schulden geht es aber auch nicht. Die Welt steckt in einem Dilemma, findet Adair Lord Turner, ehemaliger Präsident der britischen Bankenaufsicht: Die „große Mäßigung“ zum Anfang des Jahrhunderts brachte ordentliches Wachstum bei niedriger, stabiler Inflation – allerdings nur um den Preis, dass die Menschen auf der ganzen Welt immer mehr Schulden machten. Selbst das Wachstum in Deutschland hänge am Kredit – den allerdings in diesem Fall nicht die Deutschen aufnehmen, sondern die Leute in anderen Ländern. Ein Gedanke, der in der Ökonomik inzwischen viel diskutiert wird: Gibt es Wachstum nur noch mit Blasen? (dazu zum Beispiel Larry Summers und Paul Krugman).

Gesucht: ein Gleichgewicht von Wachstum und Schulden

Turner hofft, ein Gleichgewicht zwischen Wachstum und Schulden zu finden. Er machte schon als Präsident der britischen Bankenaufsicht mit innovativen Vorschlägen zur Krisenbekämpfung von sich reden. Heute arbeitet er am „Institute for New Economic Thinking“, finanziert vom Hedgefonds-Manager George Soros – und am Montagabend stellte er an der Universität Frankfurt seine neue Arbeit vor, die einen ganz neuen Blick auf die Schuldenabhängigkeit der Welt wirft.

Turner sieht nämlich einen wichtigen Grund dafür, dass Schulden so gefährlich sind: Das meiste Geld wird nicht für neue Investitionen geliehen. Von rund 2000 Milliarden Pfund, die zum Beispiel in Großbritannien im Jahr 2009 an Kredit unterwegs waren, steckten nur rund 230 Milliarden in produktiven Firmeninvestments. Fast genau so viel Kredit hatten die Briten aufgenommen, um sich selbst etwas zu gönnen, das sie sich gerade nicht leisten konnten. Der größte Teil des Geldes wurde aber für Privathäuser ausgegeben – und davon waren längst nicht alle neu gebaut. Heute wird viel Kredit für den Kauf bestehender Häuser aufgenommen. Für die Volkswirtschaft ist das aber keine neue Investition.

Warum braucht Wachstum heute so viel Kredit? Turner nennt drei Gründe:

  1. den Kauf bestehender Immobilien. Mit immer neuem Kredit können die Leute immer mehr Immobilien kaufen und die Immobilienpreise steigen immer weiter, obwohl volkswirtschaftlich – wie beschrieben – nichts investiert wird.
  2. die hohe Ungleichheit. Während reiche Leute mit hohem Einkommen ihr Geld nicht ausgeben, sondern zur Bank bringen, kaufen arme Leute viel auf Kredit – ein Mechanismus, den Raghuram Rajan so ähnlich beschrieben hat.
  3. die Ungleichgewichte zwischen den Ländern: Sie führen dazu, dass sich dass sich einzelne Länder hoch verschulden, um Waren in anderen Ländern zu kaufen.

Die ersten beiden Gründe stoßen bei mir auf viel Sympathie.

Turners Fokus auf die Ungleichgewichte zwischen Ländern wird auf Kritik stoßen, speziell in Deutschland: Ein Kredit zwischen zwei Deutschen erhöht die Ungleichgewichte nicht, aber warum sollte er weniger gefährlich sein als ein Kredit zwischen einem Spanier und einem Deutschen? Gerald Braunberger verweist darauf, dass im Kreditverkehr über Grenzen hinweg oft schlechter geprüft wird, wie kreditwürdig der Schuldner ist.

Turners Gründe sind zudem nicht die einzigen in der Debatte. Möglich sind auch:

  1. Die Leute in den Industrieländern sind aus den vergangenen Jahrzehnten noch höhere Wachstumsraten und einen schneller wachsenden Wohlstand gewohnt, den sie jetzt auf Kredit bekommen wollen.
  2. Der große Soziologe Wolfgang Streeck sieht dagegen den Kampf zwischen Kapitalinvestoren und Angestellten als wesentlichen Grund (hier eine genauere Beschreibung).

Wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt, weiß Turner auch nicht. Schulden bekommt man nur durch Wachstum oder durch Inflation wieder weg, glaubt er. Aber er hat einige Vorschläge dafür, wie sich so eine horrende Überschuldung künftig vermeiden lässt. Hier ist eine Auswahl:

  • Zentralbanken sollen künftig nicht nur darauf achten, dass das Wachstum der Kreditmenge im Rahmen bleibt – sondern auch darauf, wie groß die Kreditmenge insgesamt geworden ist
  • Auch mit Zinserhöhungen sollten Zentralbanken schneller werden (aber Vorsicht: Ungünstig wird es, wenn sich die Immobilienkäufer trotz hoher Zinsen nicht vom Kauf abhalten lassen, aber die Unternehmen ihre Investitionen aufschieben).
  • Kredite zu vergeben, könnte besteuert werden – zumindest aber sollten Steuervergünstigungen auf Kredite abgeschafft werden.
  • Auch ein höheres Eigenkapital in den Banken hilft – eine Forderung, die Turner mit Anat Admati und Martin Hellwig teilt.
  • Recht wären Turner auch Banken, die keine Immobilien finanzieren, sondern nur normale Unternehmenskredite für Investitionen.

 

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18 Lesermeinungen

  1. Pingback: Aufwachen im Blasenland - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust

  2. So viel wirr
    Wird man am Ende ein altes Prinzip wieder entdecken? Dass Darlehen grundsätzlich für Produktion zu vergeben ist? Dass auf jeden Fall irre ist, so viel Kredit für Verbrauch zu geben, wie es heute getan wird? Auch der Kredit für Immobilienkauf setzt Produktion voraus: vom Schuldner. Aber alles hängt zusammen, auch, dass Primärkredit grundsätzlich zum Warenabsatz steht. Wir haben ein neues Geld- und Finanzsystem, dass von Interessen getrieben ist. Nicht nur der Schuldner ist an Kredit interessiert, auch der Gläubiger. Die schlimmste Verschuldung für den Verbrauch kommt aus der Staatsverschuldung, da werden Bürger ohne ihren Willen verschuldet, sie sollen mit ihrer Steuer zahlen: was würden die armen reichen Leute tun, ohne die Möglichkeit zu haben, ihr Geld in Staatsanleihen sicher anzulegen?

  3. Das Schuldenproblem wird bei den Bankenverortet und auch die Lösung wird nur dort gesucht
    Schuld an der hohen Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Bürgern haben dann die Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik. Fiskalpolitik der Staaten soll die Banken wieder retten.
    Geld- und Fiskalpolitik ist aber Wirtschaftspolitik, hier im Sinne von Realwirtschaft verstanden.
    Wirtschaftswachstum soll durch Kredite erlangt werden.
    Wo sind diese Kredite im BIP jedoch erkennbar? Der Kreditanteil des BIP und des Wachstums des BIP ist nicht mehr sichtbar. Das Gleiche gilt für die Berechnung der Einkommen aus der VGR. Volkseinkommen, Unternehmereinkommen, Vermögenseinkommen und Arbeitnehmereinkommen sowie Transfereinkommen werden durch Kredite stark beeinflusst. In der Ergebnisrechnung findet sich davon nichts mehr. Warum ist das so?
    Solange der Kreditanteil am BIP und die Zinslasten niedrig zur Wirtschaftsleistung waren, spielte das in den Augen der Ökonomen gar keine Rolle. Eine Gefahr für die Wirtschaft und den Staat wurde nicht gesehen. Übrigens sieht auch nach 6 Jahren Finanzkrise kaum ein Ökonom, die Notwendigkeit den Kreditanteil am Wachstum oder am BIP zu ermitteln.
    Bestes Beispiel sind die USA.
    Der Staat hat sich um über 4 % des BIP neuverschuldet. Die Fed hat zusätzlich 7 % des BIP an Immobilienkrediten und Staatsanleihen von den Geschäftsbanken aufgekauft. Das ist kaum weniger als 2010. Aus diesen 11 % „frischgepresstem“ Geld wurden tatsächlich 2 % Wachstum erzeugt. Wohin ist das übrige Geld? Darüber erfährt man nichts und darüber spricht man nicht.
    Warum wohl? Dieses übrige Geld, das nicht in den Kreislauf der Realwirtschaft geflossen ist, hat dennoch einen Weg in die Taschen von Anlegern, Privaten oder Institutionellen, gefunden.
    Die Suche nach Lösungen im Bereich der Banken bzw. der Geld- oder Fiskalpolitik ist deshalb ein Irrweg, der nicht zielführend ist. Das werden die Bankenvertreter noch herausfinden, auch wenn das Jahre dauern sollte. Bis dahin wird auf Zeit gespielt und darauf gehofft, dass sich die Wirtschaft von selbst belebt. Dann kann man das leidige Thema beiseite schieben und braucht sich nicht mehr darum zu kümmern.
    Der Ärger ist ohnehin groß, dass man nach 6 Jahren Krise immer noch die selben Fragen stellt und auf keine Lösung hoffen kann.
    Noch schlimmer ist, dass uns bald die nächste turnusmäßige Wirtschaftskrise beuteln wird.
    Das ist jedoch ein anderes Thema.

  4. Wenn Turners Diagnose richtig ist…(viel spricht dafür)
    …wurde diese Krise unter regulativen Gesichtspunkten vertan. Die neuen Eigenkapital- und Leverage-Regeln, werden eine neue Finanzkrise nicht verhindern – zumal nicht auf dem heutigen Verschuldungsniveau sobald sich das Zinsniveau wieder „normalisiert“. Das grundlegende Problem scheint mir, dass die Zentralbanken sich regelmäßig weigern Asset-Blasen – die ihren Niederschlag besonders in Bankbilanzen finden – zu verhindern. Dabei gibt es bereits seit vielen Jahrzehnten Erfahrungen mit der Regulierung von Leverage (FINRA & EMIR regulieren z. B. die sog. Margin-Requirements bei bestimmten Börsengeschäften). Entsprechend ließe sich z.B. (ohne neue Steuern regeln), dass Staatsanleihen eines Staates nur bis zur Grenze 60%-Grenze als refinanzierungsfähig akzeptiert werden. Bei Immobilienfinanzierungen würde eine Non-Recourse-Regel (ausschließlich das finanzierte Objekt dient als Sicherheit für die finanzierende Bank) für hinreichendes Eigenkapital sorgen. Diese Regeln hätten auch den Vorteil, dass sie selektiv wirken und das allgemeine Zinsniveau nur indirekt beeinflussen.

  5. @ Oliver Klima
    „Die Geldmenge ist ja gerade in den letzten Jahren gigantisch gewachsen.“

    Woran machen Sie das fest? An der Bilanzsumme der EZB? Richtig ist, dass die Bilanzsumme der EZB gestiegen, aber inzwischen auch wieder gefallen ist. Hierauf hat Herr Braunberger bereits hingewiesen. Die aufgeblähte Bilanzsumme der EZB hat aber nicht zu einer weiteren Geldmengenexpansion geführt, was Sie leicht erkennen können, wenn Sie sich die Entwicklung des relevanten Aggregats M3 anschauen. Dies liegt daran, dass die EZB ausschließlich Anleihen am Sekundärmarkt gekauft hat. Damit handelt es sich lediglich um einen Asset-Swap, der auf M3 keinen Einfluss hat (siehe auch: http://noahpinionblog.blogspot.de/2013/10/of-course-monetary-policy-is-asset-swap.html ).

    Die Geldmenge M3 entwickelt sich als Folge der Krise sogar bedenklich unterdurchschnittlich und ist die Gegenreaktion zu dem Vorkrisen-Kreditboom. Sie sollten sich von daher viel mehr Sorgen um die unterdurchschnittliche Entwicklung der Geldmenge machen. Und das von Ihnen beklagte Zahlenmaterial ist ja nun wirklich reichlich vorhanden. Hier der direkte Link zur Monetary Statistic der EZB: http://sdw.ecb.europa.eu/reports.do?node=1000003503_ALLPDF . Vor allem die Seite 9 könnte für Sie aufschlussreich sein.

    Das Dilemma, auf das Herr Bernau aufmerksam macht, liegt doch vielmehr am z. T. mangelnden Verständnis und vor allem am mangelnden Willen, die Ursachen dieser Krise adäquat zu beseitigen. Die EZB hat der Politik doch nur Zeit gekauft. Wenn Sie genauer verstehen wollen, warum die EZB so gehandelt hat, dann empfehle ich Ihnen diesen 30 Minuten Beitrag von Ray Dalio: http://www.youtube.com/watch?v=PHe0bXAIuk0 sowie den heutigen Beitrag von Daniel Stelter: http://think-beyondtheobvious.com/was-wenn-geld-drucken-nicht-gegen-deflation-wirkt/

    Bei Herrn Stelter finden Sie auch die von Patrick Bernau beklagten fehlenden Lösungsansätze: http://think-beyondtheobvious.com/die-krise-diagnose-optionen-szenarien-was-tun/

    • Geldmengenwachstum
      Lieber Herr Stöcker,

      die Geldmenge ist zuletzt nicht mehr so schnell gewachsen wie zuvor. Andererseits würde ich ein M3-Wachstum von 1,5 Prozent (Q3/12-Q3/13) und ein M1-Wachstum von 6,4 Prozent bei einem nominalen BIP-Wachstum von 1,1 Prozent auch nicht als bedenklich niedrig bezeichnen. Die Geldmengenaggregate wachsen durchaus schneller als das BIP.

      Daniel Stelter hat die vier offensichtlichen Lösungen aufgeschrieben. Alle sind mit ihren eigenen Schwierigkeiten verbunden; die einzig erstrebenswerte (echtes Wachstum) ist schwer zu erreichen. Das meinte Turner, als er sagte, er habe keine gute Lösung.

      Viele Grüße

      Patrick Bernau

      Viele Grüße

      Patrick Bernau

    • Geldmengenwachstum und Kreditvergabe
      Lieber Herr Bernau,

      Die neuesten Zahlen zu M3 vom Monatsbericht Februar der EZB zeigen weiter nach unten. Aus den 1,5 % wurden nun nur noch 1,0 Prozent. Auf Seite 29 schreibt sie: „Die Kreditnachfrage blieb im Schlussquartal 2013 insgesamt schwach.“ Hier der Link zu den Monatsberichten: http://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Veroeffentlichungen/EZB_Monatsberichte/ezb_monatsberichte.html

      Die Abbildungen auf den Seiten 22 und 28 sagen aber viel mehr über die aktuelle Wachstumsschwäche.

      Vergleicht man die aktuelle Entwicklung mit der Vorkrisensituation, dann wird deutlich, wie viel Kreditwachstum in der Vergangenheit benötigt wurde, um ein bescheidenes Wachstum zu generieren. Die Hauptwachstumsbremse – und da sind sich wohl die meisten einig – ist das Deleveraging sowie eine sehr ungleiche Vermögenskonzentration in Verbindung mit einer unterdurchschnittlichen Lohnentwicklung vor allem in den LB-Überschussländern. Wir haben im Moment vor allem ein Nachfrageproblem und als Folge davon ein Investitionsproblem im Unternehmenssektor.

      Daher plädiere ich ja immer wieder für ein niedriges zentralbankfinanziertes Bürgergeld (nicht zu verwechseln mit einem BGE, für das Herr Stelter Sympathie bekundet) in Verbindung mit verpflichtenden Haushaltsüberschüssen (http://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/neun-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/). Damit kann ich zwei Ziele gleichzeitig verfolgen: Mehr Wachstum durch höhere Nachfrage sowie leichtere Entschuldung über eine höhere Inflationsrate (finanzielle Repression), die für einen längeren Zeitraum vielleicht sogar bei 3 bis 4 Prozent liegen sollte als bei 2 Prozent. Das Totschlagargument, dass Inflation vor allem die Ärmsten trifft, würde in diesem Fall nicht zutreffen, da die Inflation ja eine Folge des zentralbankfinanzierten Bürgergeldes ist.

      Viele Grüße
      Michael Stöcker

    • Geldmengenwachstum
      Lieber Herr Stöcker,

      dann warten wir mal ab, wie das nominale BIP-Wachstum rauskommt. Gut möglich, dass es trotzdem geringer ist als das Wachstum der Geldmengen.

      Im Prinzip sind wir uns ja einig: Jahrelang stiegen Geld- wie Kreditmengenaggregate schneller als das BIP, und da dockt auch Turner an: Trotz hohen Kreditwachstums sahen wir nur geringes BIP-Wachstum.

      Wahrscheinlich spielt Ungleichheit in dieser Geschichte auch eine Rolle. Aber vielleicht hat die Kausalkette noch andere Elemente, vielleicht ist sie viel länger. Ich empfehle dazu wirklich die o.g. Gründe 4 und 5, Streecks Adorno-Vorlesungen geben viel Denkfutter, und auch die Debatte über Wachstum und Stagnation kann uns weiterhelfen.

      Viele Grüße

      Patrick Bernau

    • Titel eingeben
      Lieber Herr Bernau,

      in der Tat, wir stimmen in vielen Punkten überein. Und Sie haben Recht: Die Kausalkette ist viel länger. Ich habe meine Sicht auf die Kausalkette hier beschrieben: http://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/30/tapering-liquidity-a-trap-yet-a-tapering-in-the-dark-of-economic-theory-2/

      Grund 4. hängt meines Erachtens unmittelbar mit der Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zusammen. Ohne Abzahlungsgeschäfte, Kreditkartenkäufe und Verbriefung wäre es schon vor langer Zeit zu viel geringeren Wachstumsraten mit höherer Arbeitslosigkeit und Verteilungskonflikten gekommen. Und ja, Wachstumsraten gehen in gesättigten Märkten nach unten. Aber: Wir verschenken auch viel Wachstum, weil wir nicht genügend in Bildung, F+E und Infrastruktur investieren.

      Auf der anderen Seite erzeugen wir viel sinnloses Beschäftigungswachstum mit einem aufgeblähten Finanzsektor, der die besten eines Jahrgangs zu solch sinnlosen Aktivitäten wie Algotrading verleitet, um nur die Spitze der Absurdität zu benennen. Die private Altersvorsorge, mit der sich zigtausende von Versicherungsvertretern weitestgehend sinnentleert beschäftigen, tut das Ihrige dazu. (Siehe hierzu auch „Der Vorsorgealptraum“ von Carl Christian von Weizsäcker: http://www.wirtschaftsdienst.eu/archiv/jahr/2013/13/2918/)

      Auf Streeck bin ich schon im Oktober letzten Jahres gestoßen. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Replik von Michael Brie. Ich teile zwar nicht alle seine Ansichten, aber bei vielen Punkten findet er meine Zustimmung (https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2013/juli/vorwaerts-in-die-vergangenheit).

      Einen schönen Abend wünscht Ihnen
      Michael Stöcker

    • "Damit handelt es sich lediglich um einen Asset-Swap, der auf M3 keinen Einfluss hat"
      Die EZB erwirbt langfristige Forgerungen mit Noten und Sichteinlagen, kurzfristigsten Forderungen gegen sie, die nicht eingelöst werden sollen, weil sie genug Zinsen aus dem Gewinn der langfristigen Forderungen anbietet. Da brauche ich nicht zu wissen, was M3 bedeutet, um zu erkennen, was für trügerischer Euphemismus „Asset-Swap“ bedeutet.

  6. @ Oliver Klima
    „1. Verknappung der Geldmenge durch Zentralbanken: Die Geldmenge ist ja gerade in den letzten Jahren gigantisch gewachsen. Dieses Rad dreht niemand mehr zurück, weil man das Geld nicht mehr aus dem Markt herausbekommt.“

    Die Bilanzsumme der EZB betrug im Juli 2012 rund 3100 Milliarden Euro. Heute beträgt sie rund 2200 Milliarden Euro.

    • Die Bilanzsumme der EZB geschrumpft?
      Weil Banken den langfristigen Kredit der EZB vorzeitig zurückzahlen? Diese Maßnahmen trüben das Bild der Sache.

  7. Hallo Herr Bernau
    das haben Sie aber sehr schön geschrieben.

    Und wenn man sich das so durchliest, dann bekommt man das ungute Gefühl, dass uns leider die Zeit schon verloren gegangen ist, um das alles umzusetzen was notwendig wäre. Man soll ja nicht sagen, dass es schon zu spät ist, wenn man heute noch dem berühmten Apfelbaum pflanzen könnte.

    Wenn man die Schuldenneuaufnahmen bzw. die Eingehung neuer Verbindlichkeiten für die Zukunft zusammenrechnet, dann dürfte das Wachstum schon keines mehr sein. Allerdings ist es sehr schwierig, überhaupt Zahlenmaterial dazu zu bekommen.

    Und wenn man das Zahlenmaterial hat, würde es die Menschen überhaupt interessieren?

    Wen die Zahlen interessieren, der hat sie sich schon längst einmal zusammengestellt und beobachtet die Parameter mit ziemlicher Besorgnis, gerade im Hinblick der von Ihnen wiedergegebenen Punkte:

    1. Verknappung der Geldmenge durch Zentralbanken: Die Geldmenge ist ja gerade in den letzten Jahren gigantisch gewachsen. Dieses Rad dreht niemand mehr zurück, weil man das Geld nicht mehr aus dem Markt herausbekommt.

    2. Zinserhöhungen durch Zentralbanken: Wenn die Zinsen tatsächlich signifikant steigen, dann werden die Immobilienpreise zusammen mit dem demographischen Faktor für nachgebende Preise im Immobiliensektor ergeben.

    3. Kredite besteuern und Steuervergünstigungen abschaffen. Wie wahr! Da ist ja in den letzten Jahren auch schon einiges passiert. Abschreibungen für Schiffe, Berlin Sonderförderung usw. Hier wäre ein weiterer guter konsensfähiger Ansatzpunkt.

    4. Ein höheres Eigenkapital der Banken. Das ist nicht realistisch umsetzbar, da die heute bestehende Schuldenmenge schon heute zu groß ist, um dem ein vernünftiges Maß an Eigenkapital entgegenzustellen. Das räumt die EU auch selbst ein, denn für EU-Staatsanleihen müssen die Banken keine Eigenmittelunterlegung nachweisen.

    Wenn man diesen Artikel durchliest, stellt man fest, die Punkte sind wahr. Man zieht aber auch das Fazit, dass das einfach nicht ohne eine ordentliche Inflation zu stemmen ist. Sehr ernüchternd.

    Die Menschen kennen die Zahlen nicht. Die Statistiker erheben eine Statistik „Gefühlte Inflation“. Ist es nicht faszinierend, wie Menschen intuitiv ohne Kenntnis der Zahlen das richtige fühlen?

  8. Jedem, der sich nicht von Einwanderer-Diskussionen,
    Promiskandalen oder Medallienspiegeln ablenken lässt, sollte bewusst sein, dass diese auf den ersten Blick undurchschaubaren Geldflüsse und Schuldenberge für unsere Zukunft entscheidend sein werden. Eine kleine Gruppe von Fachleuten steuert das Schicksal eines ganzen Planeten, und niemand kann sich sicher sein, wieweit diese nicht Partikularinteressen folgen oder gegeneinander arbeiten. Man mag das als Verschwörungstheorien abtun, aber es ist statistisch praktisch unmöglich, dass diese Strukturen alle ehrlich, offen und gut sind.

    Ich frage mich nur, ob jemals bekannt werden wird, was wirklich hinter den Kulissen passiert? Wenn man in die Geschichte schaut – eher nicht. Was wissen wir schon über die Finanzkrisen und Zusammenbrüche der Geschichte, und deren Profiteure?

  9. überschuldete Staaten und Privatpersonen sind das Problem
    1)was machen wir denn mit bestehenden Immobilien, wenn die Eigentümer sie verkaufen wollen/müssen? Abreissen und neu bauen? Kaufen könnte die ja kaum noch jemand, wenn dies nicht finanziert werden dürfte.
    2) es ja nicht ausgemacht, dass es die „reichen“ Leute sind, die das Geld zur Bank tragen. Auch wird ja keiner gezwungen einen Konsumentenkredit aufzunehmen.
    3) auch in D steigt die Staatsverschuldung, trotz Exportüberschüsse.
    4) in den Problemländern haben sich die Menschen sehr schnell auf die neuen Bedingungen eingestellt und weniger konsumiert, weniger Häuser gekauft usw.

    Die Zentralbanken sind doch Teil des Problemes. Sie haben doch die Kreditvergabe an Banken und Staaten unverantwortlich ausgeweitet.
    Unternehmen werden nicht durch Zinserhöhungen von Investitionen abgehalten. Wenn sie ihre Produkte gewinnbringend verkaufen können, werden sie investieren. Zinsen sind nur ein Kostenfaktor und meistens nicht der wichtigste.
    Neue Steuern (auf Kredite) sind ja nun mal eine ganz neue Idee. Neue Steuern sind immer gut, um die Wirtschaft abzuwürgen. Steuerlich begünstigt sind Kredite in D im Privatbereich m.W. nicht.
    Banken sollen nur noch Unternehmerkredit finanzieren. Wer finanziert dann den Immobilienkauf oder den Hausbau von Privaten? Was machen wir mit den ganzen Banken? Wo bekommen die verbleibenden Banken das Eigenkapital her, das wesentlich höher sein müßte, da das Risiko der Bank wesentlich höher wird? Und was bitte sind „normale“ Kredite?
    Wird dann Kreditaufnahme durch Staaten ganz verboten?

    Durch Inflation entwerte ich die Schulden, indem ich das Geld entwerte. Durch Wachstum fallen auch nur die Schulden im Verhältnis z.B. zum BIP, wenn nicht neue Schulden gemacht werden. Schulden bekomme ich nur wieder weg, wenn ich sie tilge. Ein Hausbauer, der sich für T€ 300 ein Haus baut und T€ 150 Kredite aufnimmt, hat in 10 Jahren immer noch T€ 150 Schulden, wenn er nicht tilgt. Dabei ist es gleichgültig, ob das Haus dann T€ 400 wert ist und er 20 % mehr verdient. Nur im Vergleich ist es weniger geworden. Ein beliebtes Spiel der Finanzminister.

  10. Wir brauchen einfach ein strafbewehrtes Verbot des staatlichen Schuldenmachens sowie des
    Gelddruckens. Jeder Bürger sollte direkt, kostenlos und wirksam vor einem von allen Politkadern unabhängigen Gericht dieses Verbot durchsetzen können.
    Ganz einfach. Und funktioniert mit 100%-iger Sicherheit.

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