Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wer versteht die Krise besser: Professor Sinn oder die Finanzmärkte?

| 53 Lesermeinungen

An den europäischen Finanzmärkten spielt die Krise derzeit keine Rolle, während manche Ökonomen die Krise weiter beschwören. Um dies zu tun, müssen sie suggerieren, sie seien schlauer als Märkte - eine verlockende, für einen Marktwirtschaftler aber eigentlich sehr problematische Einstellung.

© dpaHans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn schaut gerne in die Zukunft: Als das Bundesverfassungsgericht seine deutlichen Vorbehalte gegenüber dem geplanten Anleihenkaufprogramm (OMT) der Europäischen Zentralbank äußerte und das juristische Dossier an den Europäischen Gerichtshof weiter leitete, zeigte sich der Chef des Ifo-Instituts erfreut. Die Finanzmärkte würden sich zwar angesichts der Anrufung des Europäischen Gerichtshof freuen. Aber längerfristig werde die Stellungnahme der Verfassungsrichter nicht ohne Folgen bleiben, denn die EZB werde es zumindest vorerst nicht wagen, ihre Anleihenkaufprogramm zu aktivieren und außerdem werde die Bundesregierung nicht länger die aus Sinns Sicht verfehlte Politik der EZB stillschweigend tolerieren. (Hier ist die Stellungnahme von ifo/Sinn im Original.)

 

Irrungen und Wirrungen

Hätte Sinn recht und wäre das Anleihenankaufprogramm der EZB wirklich tot, müsste nach seiner Analyse an den europäischen Finanzmärkten eigentlich eine schwere Krise ausbrechen. Denn noch Ende Januar hatte Sinn in der „Zeit“ geschrieben: „Seit die EZB die Steuerzahler im Rahmen ihres OMT-Programms gezwungen hat, für die Staatspapiere der Südländer zu haften, sind die Kapitalanleger beruhigt und bereit, den Staaten Südeuropas wieder mehr Geld zu leihen.“

Sinn ist nicht der einzige Ökonom, der die Ruhe an den europäischen Kapitalmärkten in erster Linie mit der EZB verbindet. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Gegenspieler Sinns in öffentlichen Euro-Debatten, fürchtet wegen der Stellungnahme des Bundesverfassungsgerichts eine wirtschaftliche und juristische Spaltung Europas.

Und wie reagieren die Finanzmärkte? Von Panik oder auch nur Beunruhigung ist dort nichts zu sehen. Im Gegenteil: Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen bewegt sich mit 3,57 Prozent in der Nähe ihres niedrigsten Standes seit acht Jahren. Auch die Renditen für Anleihen aus Spanien und Portugal sind gefallen. Ebenso wenig weisen die Preise für Kreditausfallderivate (CDS) auf Staatsanleihen auf Krisenangst im Euroraum hin. Am Devisenmarkt zeigt sich der Euro mit Kursen um 1,37 Dollar stark und nicht schwach. Auch die Aktienkurse steigen seit einiger Zeit in den südeuropäischen Ländern.

© F.A.Z.Beruhigung in der Peripherie

Möglicherweise spielt das umstrittene Anleihenkaufprogramm der EZB, das deren Präsident Mario Draghi im Sommer 2012 in Aussicht stellte, für die Finanzmärkte längst keine große Rolle mehr. „Das OMT-Programm ist praktisch tot“, sagte der Chefökonom der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, Joachim Fels, schon im Juni 2013 in einem Gespräch mit FAZIT. Das Anleihenkaufprogramm sei nicht mehr länger relevant, weil alleine seine Ankündigung ihren Zweck der Beruhigung der Märkte erfüllt habe, bemerkte dieser Tage Ewald Nowotny, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank.

Dass die EZB ihrer Ankündigung von Anleihenkäufen Taten folgen lassen müsse, hatten dagegen von Anfang an einige deutsche Ökonomen vermutet. So hatte der frühere EZB-Chefökonom Jürgen Stark im vergangenen Sommer eine schwere Krise für den Spätherbst 2013 in Aussicht gestellt, in deren Verlauf die EZB wohl auch französische Staatsanleihen kaufen müsse: „Ich glaube, die Krise wird sich im Spätherbst zuspitzen. Wir werden in eine neue Phase der Krisenbewältigung eintreten“. Bis heute hat die EZB im Rahmen des OMT-Programms allerdings nicht eine einzige Staatsanleihe gekauft. Dafür sieht jetzt Sinn für Frankreich schwarz: „In Wahrheit wird uns die französische Krise als nächstes beschäftigen.“ Honi soit qui mal y pense.

Noch in einer weiteren Hinsicht folgen die Finanzmärkte nicht den Schlussfolgerungen mancher Ökonomen. Sinn verurteilt oft die Umverteilungswirkungen der EZB-Politik, in deren Rahmen die Steuerzahler im Norden für die Sünder im Süden einstehen müssten. Der Münchener Ökonom spricht in diesem Fall von einer Umverteilung von den „Gutgläubigen zu den Cleveren“. Folgte man dieser Logik, wären zwar die niedrigen Renditen für Anleihen in Südeuropa erklärbar, aber die Risiken für die Steuerzahler im Norden müssten sich in Gestalt steigender Risikoprämien für Staatsanleihen besonders aus Deutschland niederschlagen.

Der beste Maßstab für die Messung dieser Risikoprämien sind die Preise für Kreditausfallderivate (CDS) auf Staatsanleihen. Er zeigt, dass die Preise für CDS auf deutsche Bundesanleihen in den Krisenjahren 2011 und 2012 deutlich gestiegen sind, mit der Beruhigung der Eurokrise aber auch wieder deutlich zurückgegangen sind. Von einer speziellen „Bestrafung“ Deutschlands kann an den Märkten keine Rede sein; im Gegenteil liegen die CDS-Preise für Bundesanleihen sogar unter den CDS-Preisen für Staatsanleihen aus Ländern wie der Schweiz, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten – alles Länder, die nicht den Euro haben.

Im Grunde erkennt man hier einen fundamentalen Unterschied in der Wahrnehmung: Sinn hat gedanklich die Eurozone längst geteilt und sieht unterschiedliche Interessen in Nord und Süd. Die Preise an den Finanzmärkten belegen, dass man dort Nord und Süd in einem Boot sitzen sieht: Gehen die CDS-Preise im Süden hoch, steigen sie auch im Norden (wenn auch weniger stark). Sinken die CDS-Preise im Süden, sinken sie auch im Norden.

 

Sind Finanzmärkte ineffizient und ihre Teilnehmer durchgeknallt?

Wie sind diese erheblichen Auffassungsunterschiede zwischen manchen (keineswegs allen!) Ökonomen und Märkten erklärbar?

1. Keine Seite besitzt wichtige Informationsvorsprünge, die ihr ein spezielles Wissen garantierten, denn die relevanten Wirtschaftsdaten über die europäischen Länder sind für jedermann verfügbar. Das ist ein Grund, warum der Einfluss der Ratingagenturen auf die Wahrnehmung europäischer Länder an den Märkten zurückgegangen ist. Akademische Ökonomen und Finanzmarktteilnehmer tauschen zudem Wissen aus. So ist unter deutschen Euro-Skeptikern eine nicht mehr ganz taufrische Studie der Investmentbank Goldman Sachs über die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Staaten verbreitet. Umgekehrt schauen sich große Banken und Fonds, in denen häufig Ökonomen mit Doktorhüten aus Elite-Universitäten beschäftigt sind, auch auf Erkenntnisse aus der akademischen Welt. Kurz und gut: Die Vorstellung, dass Finanzmärkte Informationen langsamer verarbeiten als akademische Ökonomen, ist wenig plausibel, um es vorsichtig zu sagen.

2. Gelegentlich meinen Ökonomen, Teilnehmer an Finanzmärkten seien wegen der lockeren Geldpolitik in einer Art Drogenrausch. Man könnte hier zum einen konkret einwenden, dass die Bilanzsumme der EZB seit ihrem Hoch im Sommer 2012 um rund 800 Milliarden Euro zurückgegangen ist, weil Banken Kredite zurückgezahlt haben – sprich: weil sie, um in dem verbreiteten Bild zu bleiben, Drogen an den Dealer zurückgegeben haben. Das tun Süchtige normalerweise nicht. Grundsätzlicher: Teilnehmer an Finanzmärkten sind fraglos keine Maschinen, sondern unterliegen Stimmungen, die hin und wieder zu einem Verhalten führen mögen, das man als „Herdentrieb“ bezeichnen mag. Aber die These, dass sich Marktteilnehmer über einen langen Zeitraum irrational verhalten und lernunfähig sind, müsste im konkreten Fall erst einmal belegt werden und sie ist vor allem dann erstaunlich, wenn sie von Ökonomen vertreten wird, die sich als Marktwirtschaftler bezeichnen. *)  Gegen die These des Drogenrauschs spricht auch die Tatsache, dass die Marktteilnehmer durchaus zwischen Peripherieländern zu unterscheiden wissen. So wird Spanien, gemessen an Anleiherenditen und CDS-Preisen, mittlerweile besser bewertet als Italien, was mit den in Spanien größeren Reformfortschritten zusammenhängen dürfte. **)

3. Auch ist die Abhängigkeit von der Politik mit Blick auf die globalen Finanzmärkte nicht ganz leicht zu deuten. Der Zuwachs der Bestände an Staatsanleihen in den Bilanzen von Banken aus der Peripherie ist kein Zufall und fraglos auch das Ergebnis politischer Einflüsse. Die enge Verbindung zwischen Staaten und Banken in Europa ist natürlich in vielerlei Hinsicht problematisch und natürlich vertritt die Finanzbranche in Gestalt politischer Forderungen auch Eigeninteressen. Aber politische Einflüsse würden keinen Hedgefonds aus der angelsächsischen Welt davon abhalten, über die Märkte für Kreditausfallderivate (CDS) noch einmal Spannungen in den europäischen Märkten zu erzeugen, wie es in den Jahren 2011 und 2012 geschehen ist. So gab es noch im Sommer 2012 auf einem Treffen von Hedgefondsmanagern am Mittelmeer Versuche, zu Spekulationen auch gegen Bundesanleihen aufzurufen. Geschehen ist nichts, obgleich der Aufruf von einer englischsprachigen Wirtschaftszeitung öffentlichkeitswirksam verbreitet wurde. Im Vergleich von Ökonomen und Märkten würde der Vorwurf politisch motivierten Verhaltens zudem die Finanzmarktteilnehmer nicht automatisch zu schwarzen und die Ökonomen zu weißen Schafen machen: Es gibt auch Ökonomen mit einer politischen Agenda – und nicht immer tragen Ökonomen ihre Agenda offen mit sich herum.

4. Keinerlei Vorteil für eine der beiden Seiten ergibt sich auch aus einem Vergleich ihrer Kunst, in die Zukunft zu sehen. Die Unfähigkeit von Finanzmärkten, rechtzeitig Krisenherde zu erkennen, ist empirisch gut überprüft und derzeit wieder anhand der scheinbar überraschenden Krise einiger Schwellenländer zu besichtigen. Aber auch die Zunft der Ökonomen ist in den vergangenen Jahren gescholten worden, weil sie die im Jahre 2007 ausgebrochene Finanzkrise überwiegend nicht vorhergesehen hatte.

 

Fazit: Schlag nach bei Hayek – Märkte sind gar nicht so schlecht

Niemand kennt die Zukunft. Letztlich unterscheiden sich Ökonomen und Finanzmarktteilnehmer oft wenig in ihrer Diagnose der Krise und in ihren Diagnosefehlern. So ist die eminente Bedeutung der volumenstarken grenzüberschreitenden Finanzströme für den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit in der Peripherie und für die Fragilität des europäischen Banksystems von den meisten Ökonomen wie von den meisten Finanzmarktteilnehmern zu spät gesehen worden. (Wir hatten das Thema in FAZIT kürzlich hier behandelt.)

Heute sind aus zahlreichen Finanzunternehmen Studien zu lesen, die gerade von Ländern wie Italien und Frankreich dringend Reformen erwarten, um das Wirtschaftswachstum zu steigern. Bedeutende internationale Finanzunternehmen finden auch Gehör in Regierungszentralen, ohne dass dies an die große Glocke gehängt wird.

Am Ende des Tages plagt Sinn die Furcht, es werde in Südeuropa zu bedeutenden Staatspleiten kommen, deren Kosten nicht zuletzt von Deutschland getragen werden müssten. Das ist kein metaphysisches Thema, denn es entzieht sich nicht der ökonomischen Analyse: Aus ökonomischer Sicht hängt die Schuldentragfähigkeit eines Landes davon ab, in welchem Maße künftige Primärüberschüsse im Staatshaushalt erzeugt werden können. Dann hängt die Schuldentragfähigkeit im einzelnen ab unter anderem vom Zins (weil künftige Primärüberschüsse diskontiert werden müssen), vom künftigen Wirtschaftswachstum, der Inflationsrate, der Fähigkeit, Steuereinnahmen zu generieren (ein Land muss wissen, wo es sich auf der Laffer-Kurve befindet) und Staatsausgaben zu kontrollieren. Das heißt: Jedes Land verfügt über wirtschaftspolitische Hebel, um seine Schuldentragfähigkeit langfristig zu beeinflussen.

Kaum bestreitbar erscheint, dass infolge der jüngsten Krise mehrere europäische Staaten zumindest in die Nähe der Grenze ihrer Schuldentragfähigkeit gekommen sein dürften. Aber an dieser Stelle trennen sich die Wege, denn weder Ökonomen noch Finanzmarktteilnehmer besitzen eine Glaskugel. Ökonomen wie Sinn oder auch Ken Rogoff sind mit professoraler Beharrlichkeit der Überzeugung, dass es in der Peripherie jenseits von Griechenland zu weiteren Umschuldungen – in welcher Form auch immer – kommen muss. An den Finanzmärkten würden viele Teilnehmer eine solche Vision speziell für Portugal als durchaus möglich erachten, aber sie sehen diese Frage nach wie vor speziell für Italien und Spanien als ziemlich offen an.

Unterschiedlich ist auch der Grad der unmittelbaren Betroffenheit: Ein Ökonom aus einer staatlichen Universität kann zehnmal Unsinn erzählen, ohne dass ihm dies schaden muss. Aber kein Teilnehmer an den Finanzmärkten kann es sich erlauben, zehnmal auf das falsche Pferd zu setzen. Er verlöre schon viel früher seinen Job. Das zwingt Finanzmarktteilnehmer eigentlich zu besonders sorgfältigen Analysen: Und falls wichtige Teilnehmer an den Finanzmärkten zum Schluss kommen sollten, dass die Reformanstrengungen mancher Länder nicht reichen, werden sie früher oder später darauf reagieren. Der Satz, dass die Krise in Europa derzeit eingedämmt ist, aber nicht überwunden sein muss, ist auch in Finanzkreisen nicht zu überhören. Finanzmärkte sind Märkte und damit als Sammelstellen dezentraler Informationen schwer zu übertreffen, wie der liberale Nobelpreisträger Friedrich von Hayek gelehrt hat. Bei Hayek ließe sich auch etwas über die Anmaßung von Wissen lesen. Die Rolle des apokalyptischen Reiters übernehmen die Finanzmärkte derzeit jedenfalls nicht.

 

—————————————————————————————————-

*) Ein reinrassiger Marktwirtschaftler mit Finanzmarktexpertise ist der Nobelpreisträger Gene Fama. Er käme wohl nie auf die Idee, sich als Wissenschaftler über Marktpreise zu erheben. Während dessen beklagt sich Sinn über einen „Finanzkapitalismus“ – was die Frage erlaubt, ob er hier nicht Rudolf Hilferding näher steht als Fama.

**) Eine einprägsame Beschreibung der Entwicklung in Spanien liefert Juergen B. Donges. In FAZIT hatten wir vor einiger Zeit eine mehrteilige Reihe über Spanien gebracht. Nach aktuellen Angaben haben die spanischen Güterexporte im vergangenen Jahr einen langjährigen Höchststand erreicht – die These, in der Peripherie sei der Rückgang der Leistungsbilanzdefizite alleine das Ergebnis fallender Importe, ist zumindest für Spanien und Portugal unhaltbar.

Die Ratingagentur Moody’s hat die Bonität Spaniens am Freitag (21. Februar 2014) um eine Note heraufgesetzt. Damit liegt die Note zwei Stufen über dem Ramschniveau („Junk“), mit dem Agenturen sehr spekulative Anlagen kennzeichnen. Zudem gibt es laut Moody’s gute Chancen auf eine weitere Verbesserung der Bonität.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Version eines Artikels, der am 20. Februar 2014 im Finanzmarkt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist.

0

53 Lesermeinungen

  1. Welch weise Worte
    Text eingeben

  2. Naiver Optimismus ?
    vielleicht haben sich die Finanzmärkte ja nur deshalb beruhigt, weil sie schon längst von der -de facto und bald auch de jure – Vergemeinschaftung der europäischen Schulden ausgehen und übrigens seit der Euroeinfühung immer gegangen sind?
    Genauso könnte man behaupten, dass das Problem der Radioaktivität von Tchernobyl gelöst ist, nachdem die Reaktoren mit Beton zugedeckt wurden ? Ökonomen wie Sinn haben gottseidank den Vorteil, dass Sie nicht die Rosarot-Apologeten machen muessen. Wie kann man den Finanzmaerkten nach den ganzen geplatzen und neuen Blasen wieder Rationalität und gar Wohlfahrtsstiftung zutrauen ? Die Periheriestaaten haben ausser ihrer Austeritätspolitik noch nichts erreicht, um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu verbessern. Das wird selbst bei besten Willen auch sehr schwer angesicht der Möglichkeiten Asiens und des kapitalintensiven techn. Fortschritts. Die Probe auf die theoretische Sicht steht noch aus !

  3. Fianzmaerkte sind Realisten
    Sie sehen die Weichen, die Europa gestellt hat und wissen, dass diese nicht wieder rueckgaengig gemacht werden. Punkt.

    Faszinierend aber, wie der Begriff des „Marktes“ in der Entwicklung der Eurokrise missbraucht wurde/wird: Die kuenstlich geschuerte Angst vor den „boesen“ Maerkten erlaubte die totale Missachtung bestehender Vertraege und Absprachen und ermoeglichte so den politisch gewollten finanziellen Zwangszusammenschluss Europas. Die aus dieser massiven Risiko- und damit auch Zinsmanipulation resultierende „Beruhigung“ der Maerkte macht diese nun zu „guten“ Maerkten, da sie vordergruendig Kritiker der Aktionen Luegen strafen.

    Preise auf einem manipulierten Markt sind keine „Marktpreise“ und die nun salonfaehigen Maerkte wuerden sofort wieder zum Schmuddelkind der Politik, wuerden die Eingriffe aufhoeren.

  4. Der nackte Kaiser der EZB, oder warum "Maerkte" oder Preise mit dem derzeitigen System nix zu tun
    haben.
    Sehr geehrter Hr. Braunberger,
    vielen Dank fuer ihre kenntnisreiche und ausfuehrliche Analyse, zu der ich – wahrscheinlich wesentlich unfundiertere Ammerkungen habe – oder einen Versuch die scheinbare Diskrepanz zw. Finanzmarktrealitaet und den Euroskeptikern (teilweise) aufzuloesen.

    Vorweg, m.E. ist der euro ein Ponzi im fortgeschrittenen Verfallsstadium, das nur noch durch Massnahmen in der Grauzone der Legalitaet und darueberhinaus „kuenstlich beatmet“ wird.
    Insofern kann man die vielfaeltigen Massnahmen, von Lockerung der Sicherheitsanforderungen im Tagesgeschaeft der EZB, ueber ein Sprechverbot der Ratingagenturen, jetzt kuerzlich ohne Ankuendigung QE der EZB durch die Hintertuere (SMP Sicherheiten werden nicht mehr sterilisiert) als „Erfolg“ bezeichnen. Im Moment.
    All die o.g. Massnahmen, und noch viele darueber hinaus (von wahnwitzigen Auslegungen von Rechnungslegungsregeln, Wirtschaftspruefern mit schraegen Blickwinkeln, etc) haben verhindert, dass die Finanzmaerkte den bereits eigentreten Tod des euro nicht bemerkt haben. [an dieser Stelle waere eigentlich eine Schleife zum Stand der Weltueberverschuldung faellig, grob gesagt, woanders ist es nicht besser]

    1. Vielen Staaten und Banken der EZ befinden sich derzeit im Stadium der „fortgesetzten“ Konkursverschleppung – d.h. im Geiste des Konkursrechtes muessten diese „Marktteilnehmer“ mitteilen, dass ihre Verbindlichkeiten ihre Faehigkeit, diese zurueckzuzahlen, ueberschreiten. Es handelt sich in den meisten Faellen um ein Insolvenz, nicht um ein Liquiditaetsproblem. Diese Tatsache wird durch die wildesten Massnahmen ueberdeckt, ob Staatsanleichen zum Nominalwert (massiv ueber Marktwert) oder Trickereien in z.B. sp. Banken, die durch neue Kreditvergabe die Bedienung alter Kredite ermoeglichen, um diese nicht abschreiben zu muessen, obwohl keinerlei realistische Aussicht besteht, dass die Kohle real jemals kommt. Je nach national legalem Umfeld/ Interpretation von Regeln, reichen da kleine Aenderungen, um Berge von „toxic waste“ so anzuhuebschen, dass der Anschein von Solvenz, aber nur der Anschein, erhalten bleibt. Auf der naechste Ebene haben alle EU Banken seit 07 sog. EZB CDO’s kreiert, [die NIE eine andere Bank oder Hedgefond oder sonst ein Marktteilnehmer (ohne implizite Garantie in irgendeiner Form)] gekauft haette, um damit Geld von der EZB zu bekommen. Dann STEP in Frankreich, in Italien geben die gr. Banken „schuldscheine“ aus, die ital. Regierung stempelt „Garantie“ drauf, und Draghi verteilt dafuer euros – auch die Anleichen haben NIE einen Marktteilnehmer gesehen. Usw, usw. etc pp.

    Will sagen, es gibt in den euroBondmaerkten/Bank keinerlei Anreizstrukturen mehr, die irgendetwas mit Angebot und Nachfrage zu tun haben. Die Anreize sind, wie – nur ansatzweise – oben beschrieben, denn die Anzahl der Tricks, die laufen, ist weit groesser, und wuerde selbst den grosszuegigen Platz hier sprengen. Grob gesagt, die EZB manipuliert die Bondmaerkte in einem Umfang, dass eher von Planwirtschaft als denn von „Markt“ zu sprechen ist.

    2. der euro „funktioniert“ noch und solange, wie Draghi &Co die Illusion aufrechterhalten koennen, die im wesentlichen dt. Kreditkarte des Nordcore wuerde weiterhin fuer die Excesse der Olivenlaender zahlen. Punkt.
    3. In D sind wieder die Loehne gesunken. Wie – zum Teufel – sollen Portugal und Frankreich, Italien und Spanien durch „interne“ Abwertung, aka noch staerkere Reallohn!kuerzungen wieder auf die Beine kommen, wenn schon in D, gegen das abzuwerten waere, Deflation herrscht? Das Dilemma, dass der euro fuer D zu schwach, und fuer F, I, S etc zu stark ist, wird durch die in 1. bechriebenen Massnahmen ueberdeckt, aber nicht geloest. Waehrenddessen werden die Ungleichgewichte groesser, der ultimative Knall massiver. Leider. All diese Symptonkuren aendern nichts an den Ursachen, warum der euro nicht funktioniert. [siehe Don alphonsoblog, April 13, irgendwas mit alten Maennern, dort in den Kommentaren habe das beschrieben]
    4. Wie Sie bereits erwaehnten, die Haendler in den Banken muessen „Gewinn“ machen – und das geschieht u.a. mit dem Ankauf von Staatsanleichen, die nominal mehrzahlen als das, was die Bank an Zinsen fuer das Geld zahlt. Solange – es nicht zu Abschreibungen auf das Kapital fuehrt. Solange ein „toter“ Kredit, auch ohne Zinseingang, immer noch zu 100% auf der Bilanz steht, entsteht kein Verlust, u. in Kombination mit den Anleichen….. voila.
    5. In dem Moment, in dem aus welchem Grunde auch immer “ Abschreibungen“ drohen sollten – wird es mit der Ruhe an den „Maerkten “ vorbei sein.

    Kurz gesagt – die „Maerkte“ reagieren auf die verzerrten Anreize und akzeptieren – for the time being- die implizite Garantie der EZB (im wesentlichen d. gelockerte Sicherheitsanforderungen im Tagesgeschaeft, aber da kann ich mich irren).

    Sollte Draghi heute beschliessen, die Sicherheitsanforderungen an Sicherheiten im Tagesgeschaeft ab Montag auf 2005er Niveau anzuheben – dann ist der euro Dienstag platt, nachdem am Montag die meisten Banken in der EU gar nicht erst aufgemacht haben.

    Und da schliesst sich der Kreis. Den Bankern wurde gesagt, dass passiert nicht – Sinn& Co wissen, dasss diese Annahme nicht durchhaltbar ist.

    Ein Annaeherungsversuch, der sicher nicht vollstaendig ist. Aber vielleicht ein Anfang.

  5. Kaffeesatz-Ökonomie eines Nostradamus namens Hans-Werner
    Bisher hat sich kaum eine These dieses populistischen Medienstars bewahrheitet. Der Euro ist stabil und sogar überbewertet, Griechenland auf dem besten Weg der Genesung und überhaupt scheint der Weltuntergang leider gerade nicht anstehen. Zumindest in seriösen Medien wie der FAZ scheint die Präsenz dieses Herrn fragwürdig.

    • Exakt das Gegenteil von dem, was Sie behaupten, ist wahr.
      Ihr Text trieft vor verlogener Propaganda.

    • Ihre Präsenz ist mindestens genauso fragwürdig, Herr Breuer!
      Hetze braucht hier niemand. Und einen seriösen, allgemein anerkannten Wissenschaftler mit dem Namen eines Scharlatanes namens Nostradamus zu titulieren, ist eine unglaubliche Dreistigkeit und Verleumdung. Haben Sie schon irgendwelche wirtschaftswissenschaftlichen Leistúngen erbracht? Vielleicht stellen Sie sich mal vor!
      Ich wundere mich schon sehr, daß solche Hetzbeiträge hier durchgehen. Die Zensur scheint wirklich mit dem Würfel durchgeführt zu werden. Wegen wesentlich geringerer angeblicher Verstöße sind mir schon reihenweise Beiträge gesperrt worden.
      Noch etwas: Griechenland ist „auf dem besten Weg der Genesung?“ Und wovon träumen Sie nachts?

    • Titel eingeben
      mit Kopfschütteln habe ich Ihren Beitrag gelesen!
      Sie gebrauchen Worte wie ..Nostradamus, ..populistischer Medienstar, vielleicht ist das ihre Welt, ok, macht nichts, Sie befinden sich in bester Gesellschaft, nämlich der überwiegenden Mehrheit unserer Gesellschaft.
      Ökonomische Zusammenhänge sind ihnen fremd, und bei der Suche nach der Wahrheit machen Sie es sich etwas zu einfach. Die Eurokrise ist nicht weg, sie ist nach wie vor heiß!
      Nur eine Ihrer Aussagen ist richtig: „Der Euro ist überbewertet.“ Da sind wir aber schon beim Kern der Eurokrise angelangt, denn für den einen Teil der Euroländer ist der Wert des Euro im Außenhandel ein Fluch und für uns z.Bsp. ein Segen, weil unterbewertet.
      Aber der Segen für Deutschland kann sich auch umkehren, wenn über die Droge der leicht verdienten Devise im Außenhandel die Innovationskraft hier erlahmt. Professor Sinn kennt viele dieser Gefahren mehr, und warnt zurecht!!!
      Also Herr Breuer werden Sie vernünftig und suchen sich nicht einen Abgott und legen Sie das Misstrauen gegenüber Herrn Sinn ab, ich kann Ihnen versichern, Herr Professor Sinn weiß, wovon er redet!

  6. Professor Sinn oder die Finanzmärkte?
    Weder noch der Professor oder die Finanzmärkte?

  7. Ist alles ökonomisch Sinnvolle auch politisch durchsetzbar ???
    „Das heißt: Jedes Land verfügt über wirtschaftspolitische Hebel, um seine Schuldentragfähigkeit langfristig zu beeinflussen.“
    Theoretisch richtig, aber nicht praktisch. Nicht jeder ökonomisch sinnvolle Hebel lässt sich (innen)politisch durchsetzen. Denken Sie z. B. an das Verfassungsgericht in Portugal, das der eigenen Regierung die Hebelwirkung mancher Instrumente ziemlich vermasselte weil schlichtweg untersagte.

  8. Selbstverständlich bleiben die Märkte ruhig.
    Mittlerweile sind mit ESM und Bankenunion zwei viel mächtigere Instrumente zur Umverteilung der deutschen Vermögen nach Süden etabliert worden.

    OMT ist nur noch eine optionale zusätzliche Möglichkeit, ein Zwischenpuffer von nachrangiger Bedeutung.

    Frau Merkel ist in unser aller Namen eine Bürgschaft für den Euro in Höhe aller heutigen und zukünftigen Vermögenswerte der Deutschen eingegangen. Diese Bürgschaft wird in voller Höhe(!) fällig gestellt werden.

    Eine Beunruhigung der Märkte wird erst (wieder) eintreten, wenn klar wird, dass diese Summe überschritten wird, was bei der derzeitigen Verschuldungsfreude Südeuropas nur eine Frage der Zeit ist.

    • Zwei Anmerkungen, Herr Solchr
      Wo sind große Teile der Geldvermögen von Deutschen heute?
      Die Schulden der Unternehmen, Privathaushalte und des States müssen in der Bilanz den Geldvermögen gegenüber gestellt werden. Aus der Differenz ergeben sich die Nettoschulden. Für Deutschland ergeben sich ca. 3.000 Mrd. € Nettoschulden von Staat und Privat. Die reinen Geldvermögen betrugen zum 30. 9. 2013 jedoch 5.070 Mrd. €.
      Gleichzeitig wurden von den 1.750 Mrd. € Schulden von Bund und Ländern 1.091 Mrd. € von Ausländern gehalten. Diese 3.161 µrd. € sind bereits nicht in Deutschland, sondern im Ausland angelegt. Dabei liegen über 1.100 Mrd. € in den USA und GB. Wie viele Mrd. in der Schweiz, über 50 Mrd., und wie viele Mrd. in Luxemburg, 86 Mrd. €, sind ebenfalls in den angelsächsischen Ländern und auf Steueroasen gelandet? Oder glauben Sie, dass die 400.000 Luxemburger für 86 Mrd. € die Zinsen erwirtschaften werden? Bei 5 % Zinsen müsste jeder Luxemburger über 10.000 € für deutsche Zinsen zahlen. Auch Rentner und Babies.
      zweite Anmerkung:
      Aus der Größenordnung von über 3.100 Mrd. € deutscher Geldanlagen im Ausland wird deutlich, dass dieses Kapital nicht mehr in Deutschland investiert werden kann. Das Land ist viel zu klein. Auch die Erlöse aus den Exportüberschüssen müssen als Kapitalexport im Ausland bleiben. Daraus ist absehbar, warum die USA und GB die größten Defizite gegenüber Deutschland haben. Dort sind auch die Exporterlöse geblieben.
      Die Vorstellung scheint Ihnen zu gefallen, dass die Krisenstaaten Südeuropas sich freudig neuverschulden. Entspricht das der Realität?
      Nicht Frau Merkel hat die deutschen Geldvermögenswerte fällig gestellt. Das waren die Besitzer selbst, in Erwartung hoher Renditen. Banken haben dabei in wohlverstandenem Eigeninteresse geholfen. Diese Hilfe war manchmal illegal. Jetzt kommen die ersten Rechnungen für Steuerhinterzieher und die Helferbanken.
      Noch offen ist die Frage: Wie viel Geld haben die Spekulationen gegen den Euro und einzelne Krisenstaaten gekostet, nicht Gewinn erzielt. Finanzmarktteilnehmer können auf die Gefahr ihres eigenen Untergangs nicht zweimal den gleichen Irrtum begehen. Daraus erwächst die Ruhe an den Finanzmärkten.
      Man muss schon die wirtschaftspraktischen Folgen berücksichtigen. Das fällt Ökonomen als Professoren eher schwer. Manche wollen deshalb die Finanzmärkte nicht analysieren und verstehen. Andere nehmen die Märkte, wie sie sind und behaupten das ist alles rational ist und in Echtzeit.
      Finanzmärkte sind keine Götter, denn sie wissen nicht was sie tun. (meistens)
      Sie tun es allerdings aus ganz profanen Interessen.

  9. Der Herr Sinn bestimmt nicht.
    Dafür hat er schon mit seinen Analysen zu oft daneben gelegen. Auf dem Markt regiert das Geld und damit kann Sinn schon gar nicht konkurrieren. Das Geld macht die zwar Druck aber es hat auch funktionierende Bremsen. Außerdem sind die Finanzmärkte sensibler als jeder Wirtschaftsökonom.

  10. Finanzmärkte? Welche Finanzmärkte?
    Die Frage wer Recht hat ist irgendwie unhandlich. Wenn man fragt, wer von den Rettungsbemühungen profitiert, wird das schon eher klar: Die Akteure auf den Finanzmärkten! Die kaufen und verkaufen letztendlich Geld und spielen ihre Nullsummenspielchen. Die Euro-Rettung gibt Ihnen für diese Spielchen die fast kostenlose seit langem ersehnte Liquidität. Sie verdienen Geld ohne einen einzigen Cent Wertschöpfung.

Kommentare sind deaktiviert.