Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum die Zinsen niedrig sind

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Ein langfristiger Trend wirkt: In den Industrienationen sinken die Zinsen seit mehr als 30 Jahren. Deutsche Sparer hatten oft nichts zu lachen - auch zu Zeiten der D-Mark nicht.

Mit Wertpapieren des deutschen Staates ist aus der Sicht der Sparer derzeit kein Staat zu machen. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren mit nur noch knapp ein Prozent im Jahr, für kürzere Laufzeiten gibt es noch weniger. Am Freitag, dem 29. August 2014, brachte die zehnjährige Bundesanleihe gerade noch eine Rendite von 0,89 Prozent. Schaut man auf die reale Verzinsung, also den Zins nach Abzug der – im historischen Vergleich auch sehr niedrigen – Inflationsrate, bleibt so gut wie gar nichts übrig.

Der Trend sinkender Zinsen ist kein Ergebnis der jüngsten Finanzkrise und der seitdem betriebenen Geldpolitik. Dieser Trend ist gut drei Jahrzehnte alt und solange sinken in den Industrienationen die Renditen der Anleihen und die Zinsen für Bankguthaben. Die Grafik, die einer Arbeit des Londoner Hedgefondsmanager Stephen Jen entnommen ist, zeigt dies anhand der durchschnittlichen Rendite zehnjähriger Staatsanleihen aus den sieben führenden Industrienationen (G-7-Gruppe). Ein Grund für den langfristigen Fall der nominalen Renditen liegt im säkularen Rückgang der Inflationsraten in den Industrienationen; seit Anfang der achtziger Jahre hat sich die Teuerung spürbar verlangsamt und mittlerweile wird an den Kapitalmärkten über Deflation ähnlich intensiv diskutiert wie über Inflation.

Aber neben den nominalen Renditen sind auch die realen Renditen langfristig gesunken und hierfür bedarf es langfristiger Erklärungen, über die in Fachkreisen seit einiger Zeit intensiv diskutiert wird. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat drei Begründungen für den langfristigen Fall der realen Renditen zusammen gestellt. Erstens entstehen in den Schwellenländern nicht nur durch die neuen Reichen, sondern auch durch eine wachsende Mittelschicht sehr viele Ersparnisse, die zum Teil auf die internationalen Kapitalmärkte drängen. Immer noch fließt mehr Geld von den Schwellenländern in die Industrienationen als umgekehrt, obgleich es in den aufstrebenden Schwellenländern eigentlich mehr attraktive Investitionsprojekte geben sollte als in den reifen Industrienationen.

Viele große Anleger in den Schwellenländern, darunter die Staatsfonds und Zentralbanken, wollen einen großen Teil ihrer Mittel allerdings sicher anlegen. Somit entsteht, und das ist der zweite Grund für einen rückläufigen Realzins in den Industrienationen, eine starke Nachfrage nach Anleihen mit einem AAA-Rating; gleichzeitig hat die Krise aber dafür gesorgt, dass die Zahl der Länder mit einem AAA-Rating geringer geworden ist. Von dieser zunehmenden Knappheit an bonitätsstarken Anleihen profitieren unter anderem deutsche Bundesanleihen.

Der dritte Grund für den Rückgang der realen Renditen in den Industrienationalen ist in einer langfristig nachlassenden Investitionsdynamik in den reichen Ländern zu suchen. Vereinfacht ausgedrückt, drängen viele Ersparnisse in die Industrienationen, für die es aber nur eine eingeschränkte Verwendung gibt. Das gilt auch für Deutschland, das seit vielen Jahren netto Kapital ins Ausland exportiert, weil es an genügend attraktiven heimischen Investitionsmöglichkeiten mangelt. So ist es denn auch kein Wunder, dass die Industrieproduktion in Deutschland bis heute ihren Stand des Vorkrisenjahres 2007 nicht wieder erreicht hat. Für die langfristige Wachstumsschwäche in den Industrienationen spielt auch die Demographie eine Rolle, die Markus Küppers, Vorstandsmitglied der Deutsche Oppenheim Family Office AG, in einem vor wenigen Tagen in dieser Zeitung erschienenen Artikel gesagt hat.

In dieser sehr langfristigen Perspektive haben die Notenbanken keinen Einfluss auf den Realzins genommen, wohl aber durch eine Anti-Inflationspolitik einen Beitrag zum Rückgang der Nominalzinsen geleistet. Ein in der aktuellen Diskussion häufig zu hörender Vorwurf lautet, die Notenbanken in den Industrienationen hätten durch eine sehr expansive Geldpolitik, zum Beispiel durch Anleihekäufe („quantitative easing“) die Renditen von Anleihen auf künstlich niedrige Niveaus gedrückt. Inwieweit dies geschehen ist, lässt sich schwer schätzen.

Denn aus der Sicht einer reinen marktwirtschaftlichen Theorie kann die Notenbank die Anleiherenditen durch solche Käufe überhaupt nicht beeinflussen. Dies betont unter anderem John Cochrane, Finanzprofessor in Chicago und einer der führenden amerikanischen liberalen Ökonomen. In seinem Blog bezeichnete Cochrane die Anleihekäufe der Fed kürzlich als „kurioses Experiment“, da die Standardtheorie „eine sehr klare Aussage über ihre Effekte macht: Null.“ (Die Grundlagen dieser Lehre haben wir in FAZIT unter anderem hier beschrieben.)

Viele Kapitalmarktpraktiker und auch zahlreiche Ökonomen sind jedoch der Ansicht, dass die reine marktwirtschaftliche Lehre nicht der Realität entspricht und die Geldpolitik der Fed und anderer westlicher Notenbanken in den vergangenen Jahren zumindest dazu beigetragen hat, den Realzins zu senken. Eine Erklärung verweist auf die internationalen Effekte der amerikanischen Geldpolitik: Sie habe dazu geführt, dass amerikanische Anleger höhere Renditen in den Schwellenländern gesucht hätten. (Dieses Phänomen haben wir in FAZIT unter anderem hier behandelt.) Das in die Schwellenländer geflossene Geld sei von dortigen Anlegern, die auf der Sucht nach sicheren Anlagen waren, zumindest zum Teil auf dem amerikanischen Anleihemarkt investiert worden.

Der deutsche Sparer befindet sich allerdings nicht zum ersten Mal in der Situation, dass er für viele Anlagen keine reale Verzinsung erhält. Darauf hat vor einiger Zeit die Deutsche Bundesbank verwiesen – wohl nicht zufällig zu einer Zeit, als der Europäischen Zentralbank (EZB) nach ihrer jüngsten Leitzinssenkung hier und da in Deutschland der Vorwurf gemacht wurde, sie benachteilige den deutschen Sparer. 1)

Denn schaut man nicht auf die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen, sondern die für viele Sparer relevanteren Zinssätze für Spar-, Termin- oder Sichteinlagen, zeigt sich, dass auch zu Zeiten der D-Mark die von den Banken und Sparkassen gebotene Verzinsung häufiger unter der Inflationsrate lag. In der Grafik ist dieser Sachverhalt für Spareinlagen abgebildet. Negative Realzinsen sind in Deutschland kein auf die Euro-Zeit beschränktes Phänomen. Insofern erweist sich die Neigung vieler deutscher Anleger, einen erheblichen Teil ihrer Ersparnisse auch langfristig auf Bankkonten zu halten, im Sinne eines langfristigen Vermögensaufbaus als unergiebig.

Die Bundesbank schreibt: „Diese sogenannte negative reale Einlageverzinsung ist allerdings kein neues Phänomen des Niedrigzinsumfelds. In den vergangenen Jahren waren negative Realzinsen sogar eher die Regel als die Ausnahme. Bereits vor der Finanzkrise, nämlich in den siebziger Jahren, Anfang der neunziger Jahre sowie in den 2000er Jahren, erhielten Bankkunden insbesondere auf ihre Spareinlagen keine inflationsausgleichende Verzinsung.“

Wie sich der Zins für Anlagen mit sehr guter Bonität in den kommenden Jahren entwickeln wird, ist schwer vorhersehbar. Die demographische Entwicklung in den meisten europäischen Staaten spricht nicht für eine nachhaltige wirtschaftliche Dynamik. Auf diese Argumentation stützen sich Vertreter der Ansicht, Europa stehe vor einer Art „Japanisierung“ mit einer lange dauernden Phase wirtschaftlicher Stagnation. In einem solchen Falle könnten nach Ansicht dieser Schule auch die Zinsen in Europa noch lange sehr niedrig bleiben.

Der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer, weist allerdings darauf hin, dass auch in den vergangenen Jahrzehnten die japanischen Anleiherenditen durch die Situation in den Vereinigten Staaten beeinflusst waren. Da in den Vereinigten Staaten früher oder später die Leitzinsen steigen dürften, nimmt Krämer an, dass mit einem Anstieg der amerikanischen Anleiherenditen auch die Renditen deutscher Bundesanleihen steigen könnten – sofern die EZB nicht mit massiven Anleihekäufen gegen halte. 2)

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1) Mit Manfred Neumann (Universität Bonn) hat kürzlich erstmals ein prominenter liberaler deutscher Ökonom eingestanden, dass die Geldpolitik der EZB überhaupt nicht sehr expansiv ist. Neumann spricht wörtlich von einer „Illusion von Expansion“.

2) Mario Draghis jüngste Rede in Jackson Hole ist allerdings so verstanden worden, dass die EZB eine Förderung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage im Euroraum weniger durch Geldpolitik, als vielmehr durch expansivere Fiskalpolitik bevorzugt.

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Eine ähnliche Version dieses Artikels ist am 30. August 2014 im Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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21 Lesermeinungen

  1. Die meisten Makromodellen berücksichtigen nicht der Einfluss der Zinsen auf Börsenkurse und Immos
    Da der Preis der Aktien theoretisch die Summe der diskontierten zukünftigen Cash-Flows ist, sollten dann auch bei eine Zinssenkung die Kurse steigen und umgekehrt.
    Da aber die Zentralbanken Angst vor Borsencrash und fallenden Kursen haben, vermeiden sie Zinserhöhungen (oder Verringerung der Geldmenge oder Verlangsamung ihres Wachstums) auch wenn sie ratsam sind und umgekehrt.
    Der Fehler liegt aber bei den Zentralbanken.

  2. Nun, so richtig versteht wohl niemand, was "Geld" ist. Geld idt nicht einfach ein Gegenstand, Ding
    welches den Handel auf Märkten erleichtert.
    Zuallererst ist Geld eine zwischenmenschliche Interaktion, die auch auf Märkten stattfindet. Das menschliche Verhalten hat sich einen Gegenstand, ein Symbol, geschaffen, Banknoten und Münzen.
    Die Geldtheorie lässt immer eine ganz entscheidende Geldfunktion außer acht. Das ist die Äquivalenzfunktion. Wieso tauschen sich auf Märkten Waren und Dienststleistungen zum Wert`
    Wieso kauft Geld werthaltige Güter als „wertloses“ Papier? Weshalb hat sich endlich Geld als allgemeines Äquivalent zum Kauf der Güter durchgesetzt?
    Kann man gleich zur Frage kommen: Wie misst Geld den Wert von Gütern? Ganz einfach über den Preis als Geldwert. Unabhängig jeder Nutzenfunktion ist der Preis als Geldwert die Basis für jede Kaufentscheidung.

    Wie bei nachlassender Wirtschaftsdynamik die Investitionen sinken muss auch die Kreditnachfrage sinken. Damit sinken aber nicht nur die Zinsen auf solche Kredite. Die Gewinne auf die Investitionen sinken ebenfalls, die die Zinsen für die Kredite erwirtschaften müssen. Würden die Zinsen nicht sinken, dürften die Gewinne nicht sinken. Damit die Gewinne nicht sinken, müssten die Löhne sinken, was durch Entlassungen erreicht wird. Damit sinkt aber der Konsum und neue Investitionen lohnen sich nicht mehr, weil sie zu wenig Gewinn abwerfen. Eine typische Abwärtsspirale bildet sich.
    Es ist völlig klar, wie man aus dieser Abwärtsspirale wieder herauskommt. Das gelingt nur durch Investitionen. Die wichtige Frage ist also: Wann ist die private Wirtschaft wieder bereit, in der Lage und willens verstärkt zu investieren? Am einfachsten ist der Ruf nach dem Staat. Investiert der Staat auf pump, schafft er Nachfrage nach Industriegütern und Dienstleistungen. Die Unternehmen haben gesicherten Absatz und die Bereitschaft zu investieren steigt. Es werden Arbeitsplätze geschaffen und der Konsum steigt. Jetzt trägt sich der Aufschwung wieder selbst.
    Durch staatliche Investitionen müssen nicht nur die Güter schlechthin gekauft werden. Vor allem müssen die Gewinnerwartungen der Verkäufer erfüllt werden. Das dauert aber seine Zeit bis das Vertrauen entsteht. Der Staat muss also immer länger in immer höhere Vorleistungen treten. Das muss auch dann passieren, wenn nicht gerade eine Finanzmarkt-, Staatsschulden- oder sonst eine Krise droht oder bereits besteht.

    Wie lange muss die Nullzinszeit andauern, bis unsere Experten die ökonomischen Zusammenhänge erkennen und die Lehren anpassen bzw. korrigieren? Bisher glaubte man darauf verzichten zu können, wenn die Krisen rasch enden. Wer konnte denn ahnen, dass auch noch im verflixten 7. Jahr, diese Krisen nicht überwunden sind? Jetzt erst werden die Forderungen nach Erklärung immer drängender.

    Dabei ziehen bereits wieder düstere Wolken auf, die das nächste wirtschaftliche Unwetter ankündigen. Was wird uns denn der anrückende Hurrikan samt Tsunami alles bringen? Können die Staaten wieder helfen? Ja sie können Zeit schinden, indem sie erneut alle Verluste auf Kredit sozialisieren. Nur die Staatschuldendebatte ist dann nicht mehr zeitgemäß.
    Derzeit beträgt der Geldumlauf über 200 Mrd. Dollar bei ca. 70 Mrd. Weltprodukt. Im Nächsten Schritt werden also im Durchschnitt alle Staaten der Erde das Dreifache des BIP an Staatsschulden ausweisen.
    Soll es so immer weitergehen? Glaubt man einigen Nobelgedächtnispreisträgern für Wirtschaft, dann sagen die Ja.

    • Soll es so immer weitergehen?
      Guter Beitrag. Geld ist nur ein Token bzw. eine Kulturtechnik. Oder um eine andere Betrachtung hinzuzufügen: Ein Geldschein ist ein allgemein konvertierbarer Schuldschein. Immer wenn wir Geld erhalten, dokumentiert damit der Geldgeber, dass er uns etwas schuldet und wie viel. Der Witz bei Geld besteht darin, dass jeder in der Gesellschaft bereit ist, diese Schuld zu begleichen. Erst dadurch lässt sich in einer Gesellschaft in komplexer Arbeitsteilung produzieren und Wohlstand erzeugen.

      Oder man kann es auch anders ausdrücken: Der Wohlstand einer Gesellschaft kann nur auf Pump erzeugt werden.

      Über den direkten Tausch von Leistungen wird das Tauschen sehr schnell so komplex, dass wir die meiste Zeit mit der Organisation von Tauschgeschäften statt mit der Produktion von Waren und Dienstleistungen beschäftigt wären. Daher ist eine Gesellschaft mit einer Aversion gegenüber dem Schuldenmachen auf lange Sicht auch eine bitterarme Gesellschaft.

      „Soll es so immer weitergehen? Glaubt man einigen Nobelgedächtnispreisträgern für Wirtschaft, dann sagen die Ja.“

      Klar, warum nicht? Wer will schon in Armut leben. Wohin der Versuch führt, Schulden nominal senken zu wollen, das kann man in Griechenland sehen: zu bitterer Armut. Wer keine Schulden machen will, der muss auch den Tausch von Waren und Dienstleistungen reduzieren und damit seine Wirtschaftsleistung. Nicht zufällig werden deswegen in Griechenland reihenweise Produktionsstätten abgebaut. Dass dabei dann auch Menschen entlassen werden, ist zwangsläufig. Wer nicht auf Pump leben will, dem bleibt nur eines: Armut. Wenn man nur auf das angewiesen ist, was man alleine mit eigener Hände Arbeit schaffen kann, dann bleibt einem nicht viel. Eine Gesellschaft ist sehr viel mehr, als die Summe ihrer Teile.

  3. Mario Draghi erinnert mich sehr an den ehemaligen Reichsbankpraesidenten Haverstein (1923)
    Ich kann nur sagen, was Mario Draghi als Zentralbankpraesident macht uebertrifft die Taten des ehemaligen Reichsbankpraesidenten Havenstein um das x-fache. Dieser schaffte in 5 Jahren eine gewaltige Hyperinflation im Jahre 1923. Interessant ist, dass die anthropologische Prozyklizitaet (gleiche Denkweise fuehrt zum gleichen Resultat) beider Herren ziemlich gleich ist. Mein Rat an Draghi ist, er sollte sich mehr mit der anthropologischen „Helvetii Monetary Union“ beschaeftigen. Denn dank der „Helvetii Monetary Union“ hat der Schweizerfranken einen konstanten und sicheren Wert.

    • Expansive Schweiz
      Ein Blick auf die Bilanzen der Schweizerischen Nationalbank und der EZB zeigt, dass die Geldpolitik in der Schweiz in den vergangenen Jahren weitaus expansiver als die Geldpolitik im Euroraum gewesen ist. Darüber hatten wir im Finanzteil der F.A.Z. auch mehrfach geschrieben.

    • Wo bitte schön ist denn bitte aktuell eine nennenswerte Inflation?
      Der Vergleich hinkt enorm. Die Hyperinflation hat ihre Wurzeln in der Finanzierung des ersten Weltkrieges durch Kriegsanleihen. Woher soll denn bitte eine Rendite kommen, wenn man enorm viel Geld darin investiert, Bomben zu bauen, die z.B. bei Verdun einfach explodieren? Welche Werte entstehen so? Das Wesen eines Krieges besteht darin, dass er Werte vernichtet. Nach 1918 standen die Kriegsanleihen aber immer noch in allen Büchern. Das Geld der Deutschen ist im Krieg auf den Schlachtfeldern in einem Feuerwerk vernichtet worden. Die Hyperinflation nach dem Krieg war nur die zwangsläufige Korrektur der bis dato falsch geführten Bilanzen. Denn weil die Deutschen den Krieg verloren hatten, konnten Sie die Kosten hierfür nicht, so wie vor dem Krieg geplant, auf die anderen Länder abwälzen. Stattdessen haben dann die Sieger Forderungen gegenüber Deutschland erhoben.

      Die Hyperinflation auf die Notenbank zu schieben, ist hingegen ein Witz. Die Notenbank hat nur wertloses Geld gedruckt, mit der die Regierung wertlos gewordene Kriegsanleihen zurückzahlen und seine Schulden beim Ausland begleichen wollte.

      Die Hyperinflation zeigt nur eines: wo keine Wirtschaftsleistung da ist, die für die Menschen konsumierbare Güter und Dienstleistungen erzeugt oder erzeugen kann, kann auch Geld keinen Wert haben. Da können dann die Nümmerchen auf den Zettelchen noch so groß sein, wenn die Geschäfte leer sind, wird man auch für noch so viel Geld nichts kaufen können.

      Und hier besteht auch der riesige Unterschied zu heute: aktuell könnten wir Wirtschaftsleistung nach belieben abrufen, fahren doch die Produktionsstätten in Europa mit angezogener Handbremse. Es fehlt allein an Konsumimpulsen. Selbst Deutschland bleibt hier weit hinter seinen Möglichkeiten, wie die Zahlen des Einzelhandels das seit Jahren eindeutig dokumentieren. Die Tragik Draghis besteht darin, dass er allein machtlos ist, solange die Staaten die Lippen aufeinanderpressen und den Arsch zukneifen. Denn die Zentralbanken können ihre Geld nur durch den Staat hindurch in die Realwirtschaft pumpen. Wenn Draghi den Hahn aufdrehen, die Staaten den an ihrem Ende aber zudrehen, kann kein Geld fließen. Was bleibt, sind Luftnummern zur Publikumsbespaßung.

      Wenn also die Staaten wieder Geld aufnehmen, und z.B. so Investitionsrückstände abbauen würden, was ja dem Abruf realer Wirtschaftsleistung in Form von Straßen usw. gleichkommt, muss es zwangsläufig zu Wachstum kommen. Was plant aber unser Wirtschaftsminister: er will einen ausgeglichenen Haushalt erreichen, was bedeutet, dass er kein neues Geld in die Realwirtschaft injizieren will. Faktisch bedeutet das Ziel sogar, dass er der Realwirtschaft auch noch Geld entziehen will, denn anders ist ein ausgeglichener Haushalt in der Krise nicht zu erreichen. D.h. er lässt Draghi am langen Arm verhungern.

      Das ist aber noch lange nicht alles, was die Regierung plant: sie will eine Maut für Deutschlands Straßen, um Straßenbau zu betreiben. D.h. sie zwingt die Bürger zur Verlagerung ihres Konsums. Damit mag sie vielleicht der Bauwirtschaft helfen, den Preis hierfür wird aber dann die Konsumgüterindustrie u.a. bezahlen müssen. Wachstum erreicht man so nicht, weil es nicht zu einer Zunahme beim Konsum kommen kann. So trägt man nur noch zu mehr Verunsicherung bei, also genau zu dem, was wir aktuell am wenigsten gebrauchen können.

  4. Die Zinsen
    sind so niedrig, weil bereits 3 Prozent Sparzinsen den kurzfristigen Bankrott fast aller öffentlichen Haushalte in der EU und in den USA herbeiführen.

    • Rekordhalter Schweiz
      Nirgendwo in der Welt sind die Anleihenrenditen niedriger als in der Schweiz. Bisher war nicht bekannt, dass die Schweiz extrem niedrige Zinsen braucht, um einen Staatsbankrott zu vermeiden.

    • Doch: die Schweiz braucht die niedrigen Zinsen, damit Der Schweizer Franken nicht weiter steigt
      Dazu kommt, dass durch das noch nicht völlig abgeschaffene Bankgeheimnis die Schweiz einen Nettozinsvorteil anbietet (im Durchchnitt für alle Anleger und insbesondere für bestimmte Länder mit einer sehr chaotische Steuerfahndung: Sudamerika, Afrika, viele Länder Osteuropa und Asien, einige Länder der EU).

  5. SCHULD-GELD
    Das Schuld-Geld verursacht alle die Probleme. Mit dem zinsfreien Geld gelangten die Völker immer zu Wohlstand. Die Römer beherrschten den Handel mit zinsfreiem Geld. Es ging ihnen sehr gut bis Julius Cäsar den Gold-Standard mit Zins einführte. 400 Jahre später verschwand Rom von der Bildfläche.
    Sie können mehr darüber in Erfahrung bringen, wenn Sie via You Tube die mit dem Silver Sierra Award 2009 ausgezeichnete Dokumentation „Der wunderbare Zauberer Oz“ studieren. Sie werden einen richtigen Augenöffner erleben.
    Ich habe den Regenbogen von oben gesehen. Nu bin ich AT HOME ! Judy Garland lässt mit viel Naivität grüssen. Crigs

  6. Geldsystem bewirkt exponentiell steigende Geldmenge...
    … und damit zwingend sinkende Zinsen, da in der bestenfalls linear wachsenden Realwirtschaft die notwendigen Zinserträge nicht mehr erwirtschaftet werden können.

    Fast alle Volkswirte lassen die Auswirkungen unseres Geldsystems völlig außer Acht.
    Die Tatsache, dass (Giral-)Geld nur in Form von Krediten erzeugt wird, haben Volkswirte noch im Studium gelernt. Dass sich daraus aber gravierende Folgen für das ganze Wirtschaftssystem ergeben, ist aber weitgehend unbekannt bzw. wird vollkommen unterschätzt.

    Eine sehr gute Systembeschreibung des Geldsystems, das sich jeder ansehen sollte, findet sich z.B. bei Prof. Joseph Huber, z.B. als diverse Vorträge auf Youtube (Suchbegriffe „Joseph Huber Geldsystem“),
    incl. der Alternative eines Vollgeldsystems

    Folgende weitere Probleme ergeben sich aus dem Geldsystem:
    a) Die Geldschöpfung erfolgt nahezu ausschließlich durch Privatbanken und nicht, wie allgemein angenommen, durch die Zentralbanken. Hierdurch fehlt eine Kontrolle über die Geldmenge, die wiederum großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hat.
    Dieses System wirkt hierdurch Pro-Zyklisch, d.h. Wirtschaftsaufschwünge befördern sich selbst durch verstärkte Kreditvergaben, ebenso Wirtschaftsabschwünge, die sich durch die Verringerung von Kreditvergaben erheblich verstärken.

    b) Bei der Geldschöpfung durch Kredite entsteht immer nur Geld im Nennbetrag des Kredits. Zinsen oder Gebühren, die für einen Kredit aufgewendet werden müssen, fehlen. Das bedeutet, dass von anderen Wirtschaftsteilnehmern die dem eigenen Kredit zugehörigen Zinsen erwirtschaftet werden müssen. Die anderen müssen sich wiederum um diese Summe verschulden, da sich das dafür notwendige (Giral-)Geld nicht im Umlauf befindet. Hieraus folgt, dass die Geldmenge zwingend exponentiell(!) wachsen muss, was wiederum im Gegensatz zum Wirtschaftswachstum steht, das maximal linear wachsen kann (in alternden Gesellschaften ist nicht mal das möglich).

    Völlig unbedeutend dabei ist, wo Kredite aufgenommen werden müssen, sei es der Staat, Banken oder Nicht-Banken (Privathaushalte oder Unternehmen). Da in Wirtschaftskrisen letztendlich der Staat als Schuldner einspringt, erhöhen sich die relativen Staatsschulden in allen Währungszonen, einschließlich Eurozone wesentlich stärker, als die Wirtschaftsleistung ansteigt.

    Schließlich müssen die daraus entstehenden Zinszahlungen durch Wirtschaftswachstum in der Realwirtschaft erwirtschaftet werden. Da das aber in dem notwendigen Umfang inzwischen nicht mehr möglich ist, MÜSSEN ZINSEN LANGFRISTIG SINKEN. Eine Erhöhung, z.B. durch Anheben der Leitzinsen, würde automatisch eine Insolvenz zahlreicher Staaten zur Folge haben.

    c) Aus dem Geldsystem ergibt außerdem zwangsläufig eine Vermögensumverteilung von fleißig zu reich, da die arbeitende Bevölkerung auf Renten (oder ähnliches) angewiesen ist, welche aber durch das exponentielle Geldmengenwachstum automatisch entwertet werden.

    • Monetäre Mythen
      Gute Analyse. Aber noch eine ergänzende Anmerkung zu Punkt b), da der nicht ganz korrekt ist. Es gibt zwar einen Wachstumszwang bei der Geldmenge, aber keinen exponentiellen. Warum? Der Zins hat in einem Kreditgeldsystem vor allem 3 Funktionen.

      1. Deckung der Kosten der Bank für ihre Dienstleistung (wird also wieder zu Nachfrage und somit fehlt hier nichts).
      2. Aufschlag hierauf für eine potentielle Insolvenz des Kreditnehmers (führt zu Elimination von Forderungen und Verbindlichkeiten und löst sich somit quasi in Luft auf).
      3. Kompensation für den Konsumverzicht der Sparer (hier gibt es eigentlich nichts zu kompensieren).

      Huber hilft hier nur bedingt weiter, da er unser Geldsystem ebenfalls nicht in Gänze verstanden hat. Er spricht immer wieder von einer Seigniorage, die es so nicht gibt sowie einem fraktionellen Reservesystem, das auf den veralteten und falschen Darstellungen der Bundesbank aus dem letzten Jahrzehnt basiert. Die Bundesbank hat diesen Fehler inzwischen still und leise korrigiert und stellt den Prozess der Geldschöpfung mittlerweile korrekt dar. Der sogenannte Geldschöpfungsmultiplikator ist übrigens aus dem Glossar der Bundesbank verschwunden. Damit fällt aber auch die Theorie des fraktionellen Reservesystems in sich zusammen. Hier finden Sie mehr zu den Fehlern und Mythen rund um unser Geldsystem: http://zinsfehler.wordpress.com/2014/09/04/bankmythen/

      LG Michael Stöcker

  7. Niedrigzins ist EU-verschuldet
    Die Kurve zeigt das Gegenteil dessen, was der Artikel behauptet. Von 1990 bis 2010 brachten Staatsanleihen 2-3% reale Rendite. Vor 1990 war das hohe Inflationsrisiko in die Rendite eingepreist. Seit 2010 dagegen enteignet die von Lateineuropa gesteuerte EZB die deutschen Sparer mit dem Ziel, die hohen Staatsschulden Lateineuropas wegzuinflationieren. Zu Zeiten der alten Bundesrepublik legte die Deutsche Bundesbank den Leitzins passend zur Inflation fest, die Zinsen folgten also dem Markt. Draghis EZB dagegen beseitigt die Zinsen gemäß den Wünschen der ausgabefreudigen Regierungen Lateineuropas. Deutsche Sparer und Rentner bleiben auf der Strecke.

  8. Milchmädchenrechnung !
    Zitat:
    Die Bundesbank schreibt: „Diese sogenannte negative reale Einlageverzinsung ist allerdings kein neues Phänomen des Niedrigzinsumfelds. In den vergangenen Jahren waren negative Realzinsen sogar eher die Regel als die Ausnahme. Bereits vor der Finanzkrise, nämlich in den siebziger Jahren, Anfang der neunziger Jahre sowie in den 2000er Jahren, erhielten Bankkunden insbesondere auf ihre Spareinlagen keine inflationsausgleichende Verzinsung.“

    Welcher intelligente Mensch legt sein Geld auf Sparbüchern an, wo es nicht nur niedrigste Zinsen gibt, sondern man auch noch 3 Monate auf die Auszahlung warten muss?!
    Wer in den 90-er Jahren sein Geld in Bundesanleihen (Fond Deutsche Einheit) anlegte, erhielt rund 8 % Zinsen. Von solchen Zinssätzen kann man nur noch träumen.
    Die Niedrigzinspolitik hilft nur Schuldnern und insbesondere den Regierungen. Der brave Sparer hat das Nachsehen. Früher gab es den Sparkassenslogan:
    spare, lerne, leiste was,
    haste, kannste, bist Du was!

    Dieses Motto der Sparkassen aus meiner Schülerzeit kann man dank Draghi, Merkel, Schäuble und Co. vergessen.
    Vielleicht wird demnächst der Reim so geschrieben werden müssen:
    Spare nichts, lerne nichts, leiste nichts,
    hast du nichts, kannst du nichts, bist du nichts….
    und lebst trotzdem entspannt von den Sozialleistungen, weil die dumme, immer noch arbeiteten, Mittelschicht fleißig Steuern zahlen muss.

    • Milchmädchenrechnung - in der Tat
      Anfang der neunziger Jahre lag die Inflationsrate in Deutschland bei über 5 Prozent. Außerdem musste Deutschland damals ein Leistungsbilanzdefizit finanzieren, sprich zu attraktiven Zinsen Kapital aus dem Ausland anlocken. Kein Wunder, dass die Anleiherenditen damals deutlich höher waren – mit der Welt von heute hat das allerdings nichts zu tun.

  9. Kann die EZB den Realzins beeinflussen?
    „Denn aus der Sicht einer reinen marktwirtschaftlichen Theorie kann die Notenbank die Anleiherenditen durch solche Käufe überhaupt nicht beeinflussen.“ Mit diesen und ähnlichen Aussagen wird in der Öffentlichkeit Skepsis gegenüber der Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaftslehre erzeugt. Bei einer realistischeren Betrachtung der Komplexität von Märkten können Volkswirte die beobachtbare Realität aber sehr gut wissenschaftlich erklären und in Grenzen prognostizieren. Basis dafür ist dann allerdings nicht mehr die „reine“ Mickeymouse-Theorie ökonomischer Lehrbücher, mit denen unsere Studierenden der Wirtschaftswissenschaften in den ersten Semestern konfrontiert werden. Leider formuliert Gerald Braumberger, dass viele Praktiker und Theoretiker „der Ansicht“ seien, dass die Notenbanken Einfluss auf die Kapitalmarktzinsen nehmen könnten. Implizit erweckt er damit den Eindruck, dass es sich hier nicht um Ergebnisse einer seriösen, empirisch belastbaren und ggf. falsifizierbaren ökonomischen Wissenschaft handelt, sondern gewissermaßen um die Privatmeinung einzelner. Dem soll hier herzhaft widersprochen werden.

    • Oxymoron
      Der Satz:“Denn aus der Sicht einer reinen marktwirtschaftlichen Theorie kann die Notenbank die Anleiherenditen durch solche Käufe überhaupt nicht beeinflussen.“ ist auch ein Oxymoron. Unter einer freien Marktwirtschaft versteht man auch, dass es keine Zentralbank gibt. Das Geldwesen ist ja fest in der Hand der Zentralbänker, welche die Zinsen festlegen wie das ehmalige Zentralratsbüro die Brotpreise.

  10. Der reale Nullzins als Danaergeschenk der Finanzpolitik
    Mehr und mehr wurden die Zinsen aus der freien Marktentwicklung genommen und mit finanzpolitischer Einflussnahme nach unten gedrückt. Wesentliche Gründe für diesen künstlich in die freien Märkte hinein getragenen Zinsdruck waren nicht Missbräuche dort, sondern Interesse von Staaten für steigende staatliche Schulden niedrigste Zinsen zu zahlen sowie durch billige Kredite in der Wirtschaft möglichst auch noch die Konjunktur zu beflügeln. Diese marktbeeinflussende Finanzpolitik hat beachtliche Risiken, nicht nur weil sie Verschwendung fördert und Sparer benachteiligt. Es sammelt sich in diesem artifiziell erzeugten System auch zunehmend heiße Luft, die irgendwann in der Zukunft zerstörerische Wirkung äußern kann und wahrscheinlich auch wird. Der reale Nullzins, wie er sich inzwischen präsentiert, ist kein Geschenk des Himmels, sondern doch wohl eher eine Art latentes Himmelfahrtskommando.

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