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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Zinsen werden noch lange niedrig bleiben

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Neue Studien nennen Ursachen des Zinsrückgangs der vergangenen Jahrzehnte. Viele dieser Einflüsse sind immer noch am Werk.

Die extrem niedrigen Zinsen in den Industrienationen sind ein für viele Sparer ärgerliches Ereignis und eine für viele Ökonomen nicht leicht erklärbare Entwicklung. Denn der Rückgang des Zinses wird zwar erst seit wenigen Jahren thematisiert, aber tatsächlich handelt es sich um ein Phänomen, das schon vor rund drei Jahrzehnten begonnen hat. Und es handelt sich nicht um ein auf Europa beschränktes, sondern um ein globales Phänomen. Offenbar sind hier sehr langfristig wirkende Einflüsse am Werk. Ein Teil des Zinsrückgangs lässt sich auf den Rückgang der Inflationsraten in den Industrienationen zurückführen; die Inflationsraten liegen heute nahe null Prozent. Aber das Verschwinden der Inflation erklärt den säkularen Zinsrückgang nur zu einem Teil: Auch der Realzins, das ist der um die Inflationsrate bereinigte Zins, ist deutlich gesunken. Anders als auf die Inflationsrate hat die Geldpolitik nach gängigen ökonomischen Theorien auf den Realzins allenfalls einen kurz- bis mittelfristigen, aber keinen dauerhaften Einfluss.

In Untersuchungen der langfristigen Entwicklung des Realzinses schauen Ökonomen gerne auf die inflationsbereinigten Renditen von Staatsanleihen aus großen Industrienationen, weil diese Renditen zumindest in der Vergangenheit kaum durch Aufschläge für Bonitätsrisiken oder eine geringe Liquidität verzerrt waren. In den Märkten für Unternehmensanleihen mit erstklassiger Bonität ist die Liquidität hingegen deutlich geringer.1) In manchen Studien wird alleine die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen betrachtet, da sie als maßgebend für die Entwicklung an den Anleihemärkten der Welt gilt.

Einen interessanten Versuch, die Bestimmungsgründe langfristig rückläufiger Realzinsen zu ermitteln, haben mit Lukasz Reichel und Thomas Smith zwei Ökonomen der Bank of England unternommen (hier und hier). Ihrer Analyse haben sie den sogenannten realen Weltzins zugrunde gelegt, ein erst vor kurzem entwickeltes Konzept. Dieser Weltzins wird als Durchschnitt der Rendite zehnjähriger inflationsgeschützter Staatsanleihen führender Industrienationen berechnet. Dieser Weltzins ist in den vergangenen 25 Jahren um rund 4 Prozentpunkte zurück gegangen und nur ein Teil dieses Rückgangs entfällt auf die Jahre nach dem Ausbruch der jüngsten Finanzkrise.

###F.A.Z.-Grafik Stefan Walter

Die Höhe des Realzinses ist unter anderem vom Wirtschaftswachstum abhängig. Als Folge eines langsameren Bevölkerungswachstums in der Welt und einer schwachen Produktivitätsentwicklung halten Reichel und Smith eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in der Welt für wahrscheinlich, die sich bereits in Form eines Rückgangs des realen Weltzinses um rund einen Prozentpunkt niedergeschlagen hat. Fast ebenso wichtig ist die Rolle der Demografie: In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Anteil der arbeitenden Menschen an der Gesamtbevölkerung in der Welt vergrößert. Dies hat zu höheren Sparquoten geführt (Ersparnisse werden meist von arbeitenden Menschen gebildet), als deren Folge der Realzins um rund 0,90 Prozentpunkte zurückgegangen ist. Wichtig ist, dass sich dieser den Realzins dämpfende Effekt allmählich abschwächen dürfte, da mit der Alterung der Bevölkerung der Anteil der arbeitenden Menschen an der Gesamtbevölkerung zurückgehen wird.

Reichel und Smith nennen weitere Gründe für den langfristigen Rückgang des Realzinses wie eine Umverteilung zugunsten von Reichen, die viel Geld sparen, fallende Preise für Investitionsgüter, rückläufige öffentliche Investitionen sowie zunehmende Risiken aus Investitionen. Besonders interessant ist, dass nach Einschätzung der beiden Autoren die zuerst von Ben Bernanke thematisierte Ersparnisschwemme nur eine geringe Rolle für die Erklärung des rückläufigen Realzinses beanspruchen kann. Ihr Einfluss wird auf lediglich 0,25 Prozentpunkte geschätzt und dieser Effekt könnte sich sogar allmählich umkehren. Bernankes Argument, das im Laufe der Jahre häufig zitiert worden ist, besagt, dass erhebliche Kapitalzuflüsse aus den Schwellenländern die Anleiherenditen in den Vereinigten Staaten nachhaltig gedrückt hätten.

Reichel und Smith weisen darauf hin, dass ihre Schätzungen notwendigerweise mit Unsicherheiten behaftet sind und sie auch nicht beanspruchen, den Rückgang des realen Weltzinses vollständig zu erklären. Ihre Prognose lautet, dass sich in den kommenden Jahren am sehr niedrigen realen Weltzins wenig ändern dürfte.

Eine zweite aktuelle Untersuchung über die Gründe für den langfristigen und in der Vergangenheit von Finanzmarktteilnehmern wie Ökonomen unterschätzten Rückgang des Zinses stammt vom amerikanischen Council of Economic Advisors, dem Expertengremium, das den Präsidenten in Wirtschaftsfragen berät (hier und hier). Beteiligt an der Untersuchung war Maurice Obstfeld, der designierte Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Anders als Reichel und Smith unternehmen die amerikanischen Ökonomen keinen Versuch, die auf den Rückgang des Zinses wirkenden Einflüsse zu quantifizieren. Statt dessen treffen sie eine Unterscheidung zwischen mutmaßlich dauerhaften und mutmaßlich vorübergehenden Einflüssen auf den säkularen Rückgang des langfristigen Zinses. Es finden sich Parallelen zur Arbeit von Reichel und Smith, aber auch Unterschiede.

Zu den vermutlich langlebigen Einflussgrößen auf den Zins zählen die Ökonomen das Wirtschaftswachstum und die Produktivität. Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank haben ihre langfristigen Prognosen für das Wirtschaftswachstum in der Welt reduziert. Ob diese Einschätzung zutrifft, ist unklar. Sollte sie jedoch zutreffen, würde das langsamere Wirtschaftswachstum den langfristigen Zins niedrig halten. Als weitere dauerhafte Einflussfaktoren werden die Demografie und eine globale Ersparnisschwemme erwähnt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der seit einigen Jahren von manchen Ökonomen behauptete Mangel an sicheren Kapitalanlagen. Eine starke Nachfrage und ein begrenztes Angebot an solchen Anlagen, in Frage kommen unter anderem amerikanische und deutsche Staatsanleihen, sorgt für hohe Preise und im Gegenzug niedrige Renditen.

Die seit Ausbruch der Krise in vielen Ländern betriebene expansive Finanz- und Geldpolitik hat nach Überzeugung der amerikanischen Experten vor allem die langfristigen Zinsen gesenkt, doch wird dieser Effekt ebenso als vorübergehend eingeschätzt wie die außergewöhnlich niedrigen Abstände zwischen kurz- und langfristigen Zinsen. Beigetragen zum Rückgang der Zinsen hat in den vergangenen Jahren auch die Reduzierung der Verschuldung in vielen Banken und privaten Haushalten, aber auch dieser Effekt wird nur als vorübergehend eingeschätzt. „Es gibt keine keine definitive Antwort auf die Frage, wie lange die aktuelle Niedrigzinsphase andauert“, schreibt Obstfeld in einem Beitrag. „Die meisten Faktoren legen die Vermutung nahe, dass die langfristigen Zinsen auf lange Sicht unter ihren Niveaus aus der Zeit vor der Finanzkrise bleiben werden.“ Dies ist auch die an den Finanzmärkten verbreitete Ansicht: Dort wird in den kommenden zehn Jahren für langlaufende amerikanische Staatsanleihen ein Anstieg der Rendite von 2 auf lediglich rund 3 Prozent erwartet.

F.A.Z.-Grafik Stefan WalterF.A.Z.-Grafik Stefan Walter

Einen etwas anderen Blick auf die Bestimmungsgründe des säkularen Rückgangs langfristiger Zinsen werfen die Ökonomen Jhuvesh Sobrun und Philip Turner in einem von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich herausgegebenen Arbeitspapier. Für die Jahre 2000 bis 2008 halten sie Bernankes These einer Ersparnisschwemme für plausibel, da in diesen Jahren die Ersparnisse vor allem in den Schwellenländern sehr stark gestiegen sind: „Dies hat global Druck auf die langfristigen Zinsen ausgeübt.“ Mit dem Ausbruch der Finanzkrise hat sich die Situation allerdings geändert, da sich die Sparquoten in den Schwellenländern stabilisierten. Verwandt mit der Ersparnisschwemme ist die These, dass als Folge der alternden Gesellschaft einer wachsenden Nachfrage nach Finanzanlagen (die Menschen wollen für ihren voraussichtlich langen Ruhestand viel sparen) ein nicht ausreichendes Angebot an Sachkapital entgegen stehen wird. Diese These, die von dem deutschen Ökonomen Carl Christian von Weizsäcker vertreten wird, führt ebenfalls zu einem Druck auf den Zins.

Desweiteren sehen Sobrun und Turner Wirkungen der Geldpolitik auf den langfristigen Zins. Sie führen unter anderem die von Zentralbanken wie der Fed, der Bank of England, der Bank of Japan sowie der EZB betriebenen umfangreichen Käufen von Wertpapieren an: „Diese großflächigen Käufe der Zentralbanken haben nachweislich die langfristigen Zinsen reduziert.“ Diese These ist jedoch umstritten, da mehrere Untersuchungen vorliegen, die solche Wirkungen nur schwer nachweisen können. Außerdem kann das Verhalten der Banken Einfluss auf den Verlauf der Zinskurve nehmen. Wenn die Geldpolitik den kurzfristigen Zins stark sinkt, ermutigt sie Banken zu einem risikoreicheren Verhalten, das sich in einer größeren Bereitschaft zur Fristentransformation niederschlägt: „Wenn sich Banken kurzfristig verschulden, um langfristig Geld zu verleihen, tragen sie zu einer Reduzierung der langfristigen Zinsen bei.“

Der Chefökonom der BIZ und frühere Princeton-Professor Hyun Song Shin hat für ein solches Verhalten, das vor allem in den Jahren vor der Finanzkrise beobachtet werden konnte, den Begriff „Bankenschwemme“ (banking glut) als Alternative zu Bernankes „Ersparnisschwemme“ (savings glut) geprägt. Schließlich existiert an den Kapitalmärkten eine starke Nachfrage nach Kapitalanlagen sehr guter Bonität wie zum Beispiel amerikanischen oder deutschen Staatsanleihen. Diese Nachfrage ist zum Teil einer freiwilligen Anlagepolitik großer institutioneller Kapitalanlager geschuldet, zum Teil ist sie das Ergebnis von Regulierungen. Diese Nachfrage führt zu sehr niedrigen Renditen für solche als sehr sicher eingeschätzte Anleihen.

Zusammengefasst: Immer mehr Ökonomen sehen die aktuelle Niedrigzinsphase als Bestandteil eines langfristigen Trends sinkender Zinsen, der vor mehreren Jahrzehnten begonnen hat. Die Debatte über die Ursachen des jahrzehntelangen Zinsrückgangs hat bis heute zu keinem Konsens geführt und wird vermutlich noch lange weiter gehen.

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1) Hier sind erschütternde Zahlen aus der Citigroup für das Jahr 2014: Von 26.000 notierten amerikanischen Unternehmensanleihen wurden 3.000 überhaupt nicht und 5.000 an höchstens 5 Tagen im Jahr gehandelt. Nur 277 Anleihen wurden täglich gehandelt.

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17 Lesermeinungen

  1. Reale Eigenkapitalrenditen steigen, während reale Renditen auf Staatsanleihen fallen
    Hier ist eine interessante Diskussion zu einem interessanten Thema, das wir aus Zeitgründen erst später behandeln können. Auch wenn die realen Rendite für Staatsanleihen rückläufig ist, so gilt dies nicht für die reale Rendite auf Eigenkapital – jedenfalls in den Vereinigten Staaten.

    Wir verweisen auf Beiträge aus dem Blog von Stephen Williamson:

    http://newmonetarism.blogspot.de/2015/08/some-real-interest-rates-are-low-but.html

    und

    http://newmonetarism.blogspot.de/2015/08/gomme-ravikumar-and-rupert-on-rate-of.html

  2. nein ein renomiertes....
    deutsches Institut hat ganz klar festgestellt, dass Griechenland für die niedrigen Zinsen verantwortlich ist und Deutschland davon mindestens 100 Mrd profitiert! So war es zumindest in allen Zeitungen vor noch gar nicht langer Zeit zu lesen! Oder sollten die deutschen Professoren dieses Vereins doch nicht ganz auf der Höhe der Zeit sein?

    • Nein, Die Niedrichzinsphase hat nichts, aber auch gar nichts mit GR zu tun.
      Hierfür ist ausschließlich die amerikanische FED verantwortlich, die EZB hat immer nur nachgezogen. Im Übrigen dürfte die tiefere Ursache des Niedrigzinses in den überschuldeten Staatshalten liegen die eine normale Verzinsung ( 5-7% war lange Jahre normal) erst nach einem starken Inflationsschub verkraften könnten.
      Griechenland profitiert vom Niedrigzins da die Finanzierung und das Verbürgen seiner Schulden durch die EURO Partner erträglicher erscheint und somit großzüger mit diesen Riesensummen hantiert wird.

    • Zweimal nein!
      Auf der Basis fehlerhafter Theorien (insbesondere der Loanable-Funds-Theorie) kann man keine richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Die übergroße Mehrheit der Professoren (inkl. Paul Krugman: http://www.forbes.com/sites/stevekeen/2015/02/10/nobody-understands-debt-including-paul-krugman/, der allerdings näher bei der Wahrheit ist als unsere deutschen Professoren) ist leider im Jahre 8 der Finanzkrise immer noch nicht auf der Höhe der Zeit.

      Und auch die Fed ist keinesfalls allmächtig: http://zinsfehler.wordpress.com/2013/09/06/allmachtsfantasien-zur-zinssetzungshoheit/. Die Entwicklung des Goldpreises ist ein klarer Indikator dafür, dass die ZBen die Refinanzierungskosten den Marktgegebenheiten korrekt angepasst haben. Inflation ist genau so wenig in Sicht wie eine Flucht in das ultimative Geld der obersten Hierarchiestufe (aka Gold). Zur Hierarchie des Geldsystems als Krisenindikator siehe insbesondere Perry Mehrling: http://www.perrymehrling.com/2-the-natural-hierarchy-of-money/.

      Wer dies verstanden hat, wird seine bisherigen Vorstellungen zum Thema Geld und Zinsen unter Umständen revidieren müssen; insbesondere dann, wenn er/sie durch die falschen Darstellungen der Bundesbank geprägt war: http://blogs.faz.net/fazit/2015/04/17/wenn-ungleichheit-zur-wachstumsbremse-wird-5696/#comment-4469

      LG Michael Stöcker

  3. Sehr gute Übersicht
    … der Stand der Forschung in diesem Themenbereich. Dafür danke.

    Des Weiteren fand ich den Kommentar Paul Häußners lesenswert.

    Michael Stöcker hat ein sehr lesenswerter Link zu Schumpeter gelegt. Was ich daraus spannend finde ist:

    „Gewinn und Zins, behauptet Schumpeter im Widerspruch zu aller bisherigen Theorie, gibt es nur in einer dynamischen Wirtschaft.“

    Vor einiger Zeit las ich in der „Humane Wirtschaft“ einen Beitrag von Günter Moewes, der eine Aussage von Karl-Heinz Oppenländer aus 1988 zitierte:

    In einer Volkswirtschaft mit Nullwachstum würde die Einkommensverteilung zum Nullsummenspiel. Die Unselbständigeneinkommen könnten sich nur noch auf Kosten der Gewinneinkommen ausdehnen.“

    Oppenländer redet hier von Verteilung. Schumpeter ist da etwas radikaler. Aber es stimmt schon: die Unternehmen werden im Aggregat nicht darum herum kommen, alle Einnahmen auch wieder auszugeben. Das ändert aber nichts daran, dass Verbrauch, Privatpersonal und Sachwerten akkumuliert werden können. Die Unternehmensmotivation ist also nur begrenzt tangiert. Lediglich die Finanzakkumulation ist (im Aggregat) ausgeschlossen. Ansonsten gilt auch folgende Kausalität: die Ausgaben der Unternehmen bestimmen letztlich die Einnahmen (Kalecki).

  4. Globale Ersparnisschwemme = relative Geldfülle und damit der sanfte Tod des Rentiers
    Die globalisierte Wirtschaftstätigkeit hat in den letzten 30 Jahren zu einer wahren Geldfülle geführt – und damit wird J.M. Keynes Prognose zum „sanften Tod des Rentiers“ nach und nach Realität.

    Das Sinken der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (nicht zu verwechseln mit dem Gewinn, sondern ein rechnerischer Teil von diesem), war für Keynes ein natürlicher und zwangsläufiger Vorgang in einer florierenden Wirtschaft. Das Kapital, so Keynes, wirft nämlich nur solange eine Rendite ab, wie es knapp ist. Es gibt aber keinen Grund, warum Kapital immer knapp sein müßte. Und mit jeder (Erweiterungs-) Investition nimmt seine Knappheit tendenziell ab, und damit sinken auch die Kapitalrenditen. Keynes meinte sogar, daß es relativ einfach sein sollte, die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals innerhalb von ein bis zwei Generationen auf ungefähr Null zu bringen. Damit würde der Zustand eines quasi statischen Gemeinwesens erreicht. Keynes zeigt sich auch hier unglaublich pro-gressiv und düpiert die Ökonomen aller Couleurs, denen etwas anderes als ein dynamisches Gemeinwesen, sprich eine wachsende Wirtschaft, ein Greuel ist.

    Keynes war allerdings klar, daß dem Verschwinden des „Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum“ ein mächtiger institutioneller Faktor entgegenstand in Form eines Geldes, dessen Haltung keine oder nur unbedeutende Kosten verursacht. Unter dieser Bedingung nämlich sei dem Sinken des Geldzinses eine Grenze gesetzt, weil bei zu niedrigen Zinsen die Geldbesitzer die „echten oder vermeintlichen Vorteile“ der Liquidität vorziehen würden. Den Geldbesitzern müsse also eine Mindestprämie für die Aufgabe der Liquidität geboten werden, die „Liquiditätsprämie“, um die krisenauslösende „Liquiditätsfalle“, volkstümlich ausgedruckt: das „Horten“ von Geld, zu verhindern. Der Geldzins setze damit aber den Standard, den auch die Renditen von Sachkapital erreichen müßten. Das Sach-kapital müsse deshalb knapp gehalten werden, um eine dem Geldzins vergleichbare Rendite abwerfen zu können.

    Wir können uns deshalb schon langsam auf die dritte Geldfunktion – nach Kaufen und Sparen/Leihen einstellen: dem SCHENKEN!

    Deshalb sei das Buch von Robert (Vater/Wirtschaftsprofessor( und Edward (Sohn/Philosoph) Skidelsky „Wieviel ist genug?“ zu Lektüre empfohlen.

    Eine Erkenntnis darin lautet, dass wir in einer Ökonomie des Schenkens zunehmend für die Armen arbeiten werden, und zwar solange, bis für alle genug da ist um ein „gutes Leben“ zu führen.

  5. So und jetzt noch mal...
    So, und jetzt machen wir das alles noch mal und schauen nicht bloß auf die letzten 30 Jahre, sondern auf die letzten 100 oder 150 Jahre. Dann sehen wir nämlich, dass die Zinsen in 20 – 30 Jahreszyklen auf und ab gegangen sind. Wenn man sich natürlich ein Zeitfenster raussucht, in dem die Zinsen nur gefallen sind, dann kommt man möglicherweise zum Schluss, dass die Zinsen weiter unten bleiben. Schaut man sich das größere Bild an, dann können die Zinsen genausogut auch wieder steigen.

  6. Ende eines Kondrajeff-Zyklusses?
    Mal ein ganz anderer Erklärungsversuch: Könnte es sein, dass wir uns am Ende eines etwa 60-70 jährigen Kondrajeff-Zyklusses (Aufschwung nach dem II. WK; prägende Technologien: Computer und Internet) befinden? Nach Kondrajeff könnte dann erst bei der nächsten grundlegenden Innovation die Weltwirtschaft wieder in Schwung kommen und damit auch die Nachfrage nach Kapital (aus der Wirtschaft!, nicht von Staatsseite) – und somit das allg. Zinsniveau – wieder steigen…

    Gruß, O. Fragender

  7. Pingback: Kleine Presseschau vom 28. August 2015 | Die Börsenblogger

  8. Schumpeter und der Zinsmythos
    Das Hauptproblem bei den vielen unterschiedlichen modernen Erklärungsversuchen ist das fehlerhafte Verständnis über die Funktion des Zinses in einem Kreditgeldsystem. Die Mehrzahl unserer Ökonomen ist durch die Loanable-Funds-Theorie geprägt, nach der der Zins Sparen und Investieren in ein Gleichgewicht bringt. Diese Theorie ist aber falsch (siehe „Bankmythen“ oder auch zuletzt Steve Keen bei Forbes). Tatsächlich ist der Sparzins im Gleichgewicht aber bestenfalls Null, da der Zins ein Gewinnbestandteil ist und im stationären Gleichgewicht bei vollständiger Konkurrenz die Gewinne gegen Null laufen.

    Eine ganze Weile kann der Zins allerdings einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung folgen. Wenn alle an eine bestimmte Mindestverzinsung von ca. 4 % glauben, funktioniert dies aber nur in einem dauerhaften Aufschuldungsprozess bis zum Minsky-Moment. Minsky wiederum war Schüler von Schumpeter. Und der hatte schon damals die Geschichte vom Sparen und Investieren vom Kopfe auf die Füße gestellt. Wenn unsere Ökonomen also die tieferen Zusammenhänge zum Thema Zinsen ergründen möchten, sollten sie bei Schumpeter nachlesen. Heinz D. Kurz hatte hier im Fazit 2012 einen schönen Beitrag verfasst. Hier die aus meiner Sicht wichtigsten Aussagen:

    „Sowohl in der Ausgangs- als auch in der Endlage gibt es weder „Unternehmer“ noch „Kapitalisten“, sondern nur „statische Betriebsleiter“. Entsprechend gibt es weder Profit noch Zins, sondern nur Löhne und Grundrenten.“

    „Der Unternehmer bedarf des Kredits. Diesen erhält er vom Bankier, der „zusätzliches Geld schafft“[…] Um Unternehmer zu werden, muss dieser zuerst Schuldner werden. Das Risiko trägt letztlich jedoch der Bankier.“

    „Kapital sind weder produzierte Produktionsmittel noch kumulierte Ersparnisse usw., wie es die gängigen Theorien behaupten. Ja, um einen Prozess der Entwicklung in Gang zu setzen, ist überhaupt keine Ersparnis vonnöten. Es genügt die Kreditvergabe an die Neuerer. Erst im Gefolge von deren Innovationen kommt es zu Ersparnissen aus den realisierten Gewinnen und steigenden sonstigen Einkommen.“

    „Der Geld- beziehungsweise Kreditmarkt ist Schumpeter zufolge gleichsam „das Hauptquartier der kapitalistischen Wirtschaft“, der Zins eine Abspaltung aus dem innovationsbedingten Gewinn für die Überlassung von Liquidität. Gewinn und Zins, behauptet Schumpeter im Widerspruch zu aller bisherigen Theorie, gibt es nur in einer dynamischen Wirtschaft.“

    „Und wie Marx kommt er zum Ergebnis, dass der Kapitalismus letztlich am eigenen Erfolg zugrunde gehen werde…“ http://blogs.faz.net/fazit/2012/02/24/alte-meister-2-von-der-rastlosigkeit-des-kapitalismus-zum-100-geburtstag-von-joseph-schumpeters-theorie-der-wirtschaftlichen-entwicklung-266/

    Leider gerieten diese tiefen Erkenntnisse Schumpeters in Vergessenheit und es dominierten wieder/weiterhin die fehlerhaften Vorstellungen über die Funktion des Zinses in einem modernen Kreditgeldstandard. Noch schlimmer: Das Thema Geld wurde wieder als neutraler Schleier ignoriert und die Mythen und Märchen konnten sich frei entfalten: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/08/21/zinsmythen/

    LG Michael Stöcker

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