Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Ökonomik des Datenschutzes

| 3 Lesermeinungen

Die Menschen interessieren sich schon für Datenschutz, sagen sie – aber wenn es drauf ankommt, handeln sie doch nicht entsprechend. Für dieses Paradox gibt es eine Lösung.

Das Auge des großen Bruders?© dpaDas Auge des großen Bruders?

Die Menschen interessieren sich schon für Datenschutz, sagen sie – aber wenn es drauf ankommt, handeln sie doch nicht entsprechend. Sie nutzen Facebook, obwohl sie sich gleichzeitig über den Datenschutz beschweren. Sie hören, dass der Messenger WhatsApp viel zu viele Daten sammelt, und weichen trotzdem nicht auf Alternativen aus. An diesem Paradox knabbern Experten schon länger, selbst die Meinungsforschung steht halbwegs ratlos davor.

Über diese Fragen und die Forschung darüber berichten wir in Fazit schon seit einiger Zeit.

Doch es gibt einige Ansätze, dieses Paradox aufzulösen. Sie finden sich in einem viel zu wenig beachteten Bericht der Forschergruppe „Ipacso“ namens „State-of-the-art of the Economics of Cyber-security and Privacy„, den die Wettbewerbsökonomin Nicola Jentzsch am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung aufgeschrieben hat. Ein Dokumententitel, der einen Anspruch aufstellt. Doch der wird ordentlich eingelöst. Jentzsch hat für diesen Bericht eine Reihe von Experimenten rund um Datenschutz und -freigiebigkeit ausgewertet. Deshalb kann sie nicht nur sagen, warum der ökonomische Umgang mit Daten so schwierig ist – sondern auch, wann Menschen den Datenschutz am ehesten ignorieren.

Warum ist Datenschutz so schwierig?

Über den Umgang mit Daten lässt sich schlagartig viel leichter sprechen, wenn sauber definiert ist, welche Art von ökonmischem Gut Daten sind. Jentzsch bezeichnet sie als „immaterielle Güter“ und schreibt ihnen als solche einige Eigenschaften zu. Dazu gehört unter anderem …

  • Nichtrivalität im Konsum: Wenn einer die Daten nutzt, sind sie nicht weg. Sie können quasi kostenlos kopiert werde und mehrfach genutzt werden.
  • Nichtausschließlichkeit: Wenn die Daten einmal gesammelt sind, fällt es schwer, andere von der Nutzung auszuschließen. (Das entspricht im Zweifel den diversen Hacker-Skandale, zuletzt der rund um die Seitensprung-Börse Ashley Madison.)
  • Informations-Externalitäten: Wenn persönliche Informationen kombiniert werden, lassen sich Schlüsse über andere Menschen ziehen. Beispiel: Wer auf Facebook genügend Daten über die Vorlieben von homo- und heterosexuellen Mitgliedern sammelt, kann hinterher einschätzen, wie ein anderer Facebook-Nutzer eingestellt ist. Plötzlich hat die Daten-Transaktion zwischen dem Nutzer und Facebook eine Auswirkung auf andere, und das ist in der ökonomischen Terminologie eine klassische Externalität.
  • Informationsasymmetrien: Vielen Nutzern ist nicht klar, welche Erkenntnisse sich aus Daten ziehen lassen. (Medien allerdings tragen einiges dazu bei, diese Informationsasymmetrien abzubauen.)

Diese Liste erfüllt viele Bedingungen, die Ökonomen für ein Marktversagen aufstellen. (Ob allerdings die Informationsassymetrien für ein Marktversagen reichen, daran kann man zweifeln.) Deshalb lässt sich plötzlich leicht erklären, warum der Datenschutz so schwierig ist. Beispiel Facebook: Jeder Nutzer betrachtet nur das Verhältnis zwischen sich selbst und Facebook. Dass er nebenbei unabsichtlich Informationen über andere preisgibt, ist ihm egal. So kommt Facebook zu mehr Informationen, als dem einzelnen Recht ist – und die Nutzer erschrecken irgendwann.

Drei Typen von Daten

Jentzsch unterscheidet drei Typen von Daten, die Nutzer unterschiedlich stark erschrecken können:

    1. Freiwillig angegebene Daten: Die werden von den Nutzern selbst eingegeben. Es geht um Kommentare, die auf sozialen Netzwerken abgegeben werden. Um die Bewertung von Büchern im Online-Shop und so weiter. Die Nutzer wissen, welche Daten sie angeben, und dass die Daten verwendet werden können.
    2. Beobachtete Daten: Die Daten sind Nebenprodukte der Nutzung. Facebook beobachtet, für welche Freunde sich die Mitglieder am meisten interessieren. Werbenetzwerke beobachten, welche Webseiten die Nutzer ansteuern, und verfolgen die Nutzer mit Anzeigen über mehrere Webseiten hinweg. Den Nutzern ist weniger klar, dass auch diese Daten gesammelt werden.
    3. Erschlossene Daten: Sie werden aus der Analyse der übrigen Daten gewonnen. Scoring-Anbieter errechnen aus der Adresse eines Online-Shoppers, wie kreditwürdig er ist und ob er auf Rechnung bezahlen darf. Forscher erschließen die sexuelle Orientierung von Facebook-Nutzern. Hier kann es auch geschehen, dass eigentlich anonyme Daten ent-anonymisiert werden. Was hier mit den Daten geschieht, ist vielen Nutzern vollkommen unklar.

Wer sich für Datenschutz und den Umgang mit Daten interessiert, sollte den Bericht lesen.

Das Blog:


Der Autor:


6

3 Lesermeinungen

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 1. September 2015 | Die Börsenblogger

  2. Datenschutzverletzungen sind meist abstrakt:
    Es tut nicht weh, es schmeckt oder riecht nicht bitter. Wir haben keinen Sensor. Es geht nur über Bilder.
    Sie lagern sich an. Wie Radioaktivität. So lagerte sich bei der ermordeten Anneli (17) bei Facebook immer mehr an. Den Mördern gefiel das, der Mund wurde wässrig. Facebook interessiert sich nicht für Sinn und Zweck des Klarnamensverbots in Deutschland (Par. 13 VI TMG). Das ist Datenschutz. Unter einem Pseudonym hätten die Mörder Anneli wohl nicht ausspähen können. Anneli würde vielleicht noch leben.

    • So traurig und dramatisch das Schicksal von Anneli ist, wir sollten nicht die Ursachen an der falschen Stelle suchen. Entführungen, auch mit traurigem Ausgang, gab es schon in der Zeit vor Facebook – gerade von Unternehmerkindern.

Kommentare sind deaktiviert.