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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bachmanns Konferenzgeflüster (5): Was heißt hier Mainstream?

| 25 Lesermeinungen

Rüdiger Bachmann© privatRüdiger Bachmann

In Münster hat der Verein für Socialpolitik getagt. Das Netzwerk Plurale Ökonomik hielt eine Konkurrenzveranstaltung ab. Mittendrin war der Makroökonom Rüdiger Bachmann (University of Notre Dame). Mit Johannes Pennekamp spricht er über „ignorante“ Kritiker und begabte Nachwuchsforscher.

Herr Bachmann, gerade ist die wichtigste deutsch geprägte Ökonomenkonferenz in Münster zu Ende gegangen. Warum haben Sie nicht am regulären Programm teilgenommen, obwohl Sie ja Nachwuchsbeauftragter des Vereins für Socialpolitik sind?

In meiner Funktion als Nachwuchsbeauftragter hatte ich eine neue und sehr spannende Aufgabe. Und zwar habe ich zusammen mit anderen Amerika-erfahrenen Kollegen ein Jobmarktseminar angeboten, bei dem acht ausgesuchte Jungwissenschaftler zwei Tage an der Präsentation eines ihrer wissenschaftlichen Papiere gearbeitet haben.

Wie sah das konkret aus?

Ich habe zunächst eine Präsentation über den internationalen Jobmarkt und seine detaillierten Abläufe gehalten – die gleichen in ihrer Stilisiertheit ja fast einer traditionellen italienischen Oper. Ich habe auch die Besonderheiten des deutschen Berufungsverfahrens geschildert, und dann haben wir daran gearbeitet, wie man sein Papier in drei Minuten einem allgemein ökonomisch gebildeten Gegenüber erklären kann. Wir haben Jobinterviews geübt und an der Präsentation der Papiere vor einer Berufungskommission gefeilt.

Und, welches Fazit ziehen Sie?

Mich hat besonders und positiv die enorm gute Qualität der Bewerbungen und natürlich der schlussendlich ausgewählten Nachwuchswissenschaftler überrascht. Und zwar nicht nur von den üblichen Verdächtigen, also den internationalen Leuchttürmen wie Bonn, Mannheim und Zürich, sondern auch aus der Breite der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Und die thematische Breite, die wir an diesen Tagen besprochen haben, widerlegt das in der breiten Öffentlichkeit doch oft immer noch vorherrschende Bild einer monolithischen ökonomischen Forschung an den Universitäten.

Zu dem Konfliktthema kommen wir gleich noch. Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele, die diese Bandbreite zeigen.

Da gab es eher angewandte Papiere zu wettbewerbstheoretischen und wettbewerbspolitischen Problemen, zum Mindestlohn und seinen Verteilungswirkungen, zum Einfluss von Schulbildung auf spätere Löhne, ebenfalls unter Berücksichtigung von Verteilungswirkungen, zur Arbeitslosenrate über den Konjunkturzyklus, zu den Wohlfahrtswirkungen von Arzneimittelwerbung sowie theoretische Arbeiten zu Freundschaftsnetzwerken und Wissenstransmission in Netzwerken. Auch auf der methodischen Seite sah man Vielfalt und eine große Virtuosität des Nachwuchses in der Beherrschung der neuesten Verfahren.

Wir können uns also auf spannende Forschung des deutschsprachigen Nachwuchses freuen?

Die Substanz des deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchses ist exzellent, an der wissenschaftlichen Kommunikation haben wir gearbeitet. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass wir vielleicht noch nie so einen guten wissenschaftlichen Nachwuchs in der deutschen Ökonomik hatten, jedenfalls in dieser Breite. Was mir darum umso größere Sorge bereitet ist: Werden all diese hervorragend ausgebildeten Ökonomen auch gute Jobs bekommen; insbesondere: sind ausreichend Professuren für diese Generation da? Da bin ich leider nicht so zuversichtlich.

Es hat in diesem Jahr wieder eine Konkurrenzveranstaltung zur Tagung gegeben. Das Netzwerk Plurale Ökonomik, das eine angebliche paradigmatische Verengung der Disziplin bemängelt, hatte eingeladen. Und Sie waren auch dabei. Haben Sie die Seiten gewechselt?

Nein! Aber ich war bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wie plural sollte die Jahrestagung deutschsprachiger ÖkonomInnen künftig sein?“ dabei. Zu dieser Diskussion war ich freundlicherweise von Helge Peukert und Christoph Freydorf vom Netzwerk Plurale Ökonomik eingeladen worden, ebenso wie Frank Beckenbach, Gustav Horn, Rolf Ptak und Carl Christian von Weizsäcker.

Was waren Ihre Argumente in dieser ja schon lange andauernden Debatte?

Ich habe natürlich erst einmal angemerkt, dass, wie gesagt, die VfS Jahrestagung schon sehr plural ist, und zwar sowohl thematisch als auch methodisch. Außerdem hat ja jüngst eine Ökonomenumfrage gezeigt, dass auch wirtschaftspolitisch, und zwar ganz entgegen dem Mythos, den deutsche Erzkeynesianer wie Gustav Horn oder Heiner Flassbeck gerne verbreiten, die sogenannten deutschen Mainstreamökonomen sehr unterschiedliche Ansichten haben, was zugegebenermaßen vielleicht nicht immer für die Ökonomen gelten mag, die sich am lautesten in den Medien äußern. Der Mainstream als Monolith ist also ein Phantasma, und man sollte vielleicht den Begriff des Mainstreams gar nicht mehr verwenden, obwohl ich das natürlich auch in diesem Interview wieder lose tue. Auf der anderen Seite heißt Pluralität selbstverständlich nicht „anything goes“, und auch nicht, dass bestimmte Gruppierungen wie eben das Netzwerk Plurale Ökonomik einen Alleinvertretungsanspruch auf Heterodoxie haben. Lordsiegelbewahrer haben grundsätzlich in der Wissenschaft nichts zu suchen, so dass dieses Jahr auf der Vereinstagung andere heterodoxe Ansätze in einer von Dennis Snower organisierten Veranstaltung zu sehen waren.

Eine Forderung des Netzwerks betrifft die Organisation der Großveranstaltung, man solle sich stärker am amerikanischen Vorbild orientieren. Was verbirgt sich dahinter?

Was die organisatorischen Fragen einer Jahrestagungsorganisation angeht, da bin ich ganz leidenschaftslos. Sicher, man kann Gründe dafür anführen, dass sich einmal im Jahr alle deutschsprachigen Organisationen, die irgendwie „wissenschaftlich“ Ökonomik betreiben, zu einer Großkonferenz treffen, wobei sie jeweils in Eigenregie ihre Konferenzprogramme gestalten. Vorbild hier ist die Tagung der Allied Social Science Associations (ASSA) in den Vereinigten Staaten. Das ist das Modell, das sich die Pluralen wünschen. Oder man sagt, jede Organisation macht ihr eigenes Ding und wer mit den jeweils anderen reden will, muss das dann halt dezentral organisieren. Dieses Modell haben wir zur Zeit in Deutschland. Ich persönlich mag eigentlich das ASSA-Modell, verstehe aber auch die Gründe für die andere Variante. Letztlich handelt es sich hier aber um eine pragmatische, organisationstechnische Frage, die man so oder so lösen kann.

Gab es den endlich mal ein paar neue, zielführende Ideen, in dieser Dauerdiskussion?

Insgesamt war die Diskussion mit den Pluralen seltsam unbefriedigend. Sie glich für mich etwas dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Zum Beispiel wurde natürlich wieder der übliche Vorwurf laut, dass Ökonomen die Finanzkrise nicht vorhergesagt hätten. Nachdem sowohl ich, als auch Carl Christian von Weizsäcker darauf hingewiesen haben, dass die sozialen Rückkopplungsphänome auf Finanzmärkten die moderne Ökonomik eben gerade nicht zu einer verkappten Naturwissenschaft machen – wie ja auch immer gerne von den Kritikern behauptet wird – und wir die üblichen Widerlegungen des Versagensvorwurfs gebracht hatten, wurde dann in der Tat von Gustav Horn konzediert: Man könne der Ökonomik unvollständige Vorhersagekraft in der Tat nicht zum Vorwurf machen. Der Mainstream habe aber nicht einmal eine Erklärung für die Finanzkrise und die anschließende Große Rezession. Wer auch nur ab und zu auf die großen Konferenzen unseres Faches in den letzten Jahren ging, der wird feststellen, dass jedenfalls in der Makroökonomik kaum noch Papiere ohne Krisenbezug geschrieben werden, was sich vielleicht noch als problematisch erweisen kann, wenn neue und andere Probleme auftreten. Und es ist ja auch klar warum: Da lassen sich heute am besten wissenschaftliche Sporen verdienen, das Anreizsystem wirkt also.

Und sonst?

Dann springt Gustav Horn zum Nobelpreisträger und Begründer der Theorie Realer Konjunkturzyklen Edward Prescott, den er zwar nicht namentlich nennt, und behauptet der Mainstream habe die Krise mit einer spontanen Erhöhung der Freizeitspräferenz der Haushalte erklärt, obwohl das zu keiner Zeit auch nur die Meinung einer nennenswerten Minderheit im Mainstream war. Frank Beckenbach wirft dem Mainstream vor, dass er keine Theorie des Geldes versehen mit Nichtlinearitäten habe. Dabei hat doch zum Beispiel der gerade Lesern dieses Blogs sehr bekannte Markus Brunnermeier aus Princeton, also einer Hochburg des Mainstreams, in den letzten Jahren bedeutende Arbeiten mit diesen Elementen geschrieben. Man fragt sich dann wirklich: Wird da einfach nicht gelesen oder wird so etwas bewusst ausgeblendet, um die Message an die eigene Klientel nicht zu verwässern? Dann wurde noch, ebenfalls von Gustav Horn, dem Mainstream vorgeworfen, dass er das Problem zustandsabhängiger Fiskalmultiplikatoren verkannt habe, also die Idee, dass Fiskalmultiplikatoren in einer Rezession besonders hoch sein können und deshalb Staatssparen in der Rezession vielleicht keine so gute Idee ist. Dabei hat es gerade in den letzten Jahren eine Fülle sowohl theoretischer als auch empirischer Literatur aus dem Mainstream dazu gegeben, die heute doch erst die wissenschaftlich-empirische Fundierung für die wirtschaftspolitischen Forderungen Gustav Horns liefert. Und so weiter und so weiter…

Sie klingen genervt. Sie sehen da also eine Ignoranz der Netzwerk-Vertreter?

Ja, schon. Schließlich habe ich zu dieser Literatur, bei aller Bescheidenheit, auch selbst beigetragen . Ganz nebenbei bemerkt: Mein Koautor in dieser Studie und guter Kollege und Freund, Eric Sims, ist, das darf ich wohl sagen, politisch eher dem konservativen Spektrum zuzuordnen, aber wir haben die Arbeit dennoch geschrieben und veröffentlicht, weil: die Daten sind nun einmal die Daten. Ein gutes Beispiel dafür, wie natürlich nicht ganz frei, aber doch freier von ideologischen Vormeinungen die jungen Vertreter des modernen Mainstreams sind.

Eine weitere immer wiederholte Behauptung ist die, dass der Mainstream den Markt als Ideal ansehe.

Durch die ständige Wiederholung wird die Behauptung nicht wahrer. Jede vernünftige Vorlesung der Mikroökonomik wird von dem Begriff der Allokation und zwar zunächst ohne Rekurrierung auf Märkte ausgehen, die dann erst in einem zweiten Schritt als ein mögliches Mittel zur Erreichung gesellschaftlich erwünschter Allokationen eingeführt werden sollten. Die Bedingungen zu verstehen, wann das Märkte besser oder schlechter können und über Alternativen nachzudenken ist letztlich der Inhalt der VWL-Forschung seit mindestens dreißig Jahren, wahrscheinlich länger. Es geht ja auch gar nicht anders, der „ideale“ Markt ist bereits verstanden und ausgeforscht, so dass schon aus forschungspraktischen Gründen Themen wie Marktversagen, aber auch Staatsversagen eine größere Rolle spielen. Wenn überhaupt dient dabei der „ideale“ Markt als forschunspragmatische Referenz – das Adjektiv „ideal“ ist hier also nicht normativ gemeint – ganz einfach weil er sehr gut verstanden und weil er ein relativ simples Konstrukt ist, während es Abweichungen in der Realität zu tausenden gibt.

Und was ist mit der fehlenden Realitätsnähe, die oft, auch von dem Netzwerk, kritisiert wird?

Ich halte den mir etwas unreflektiert erscheinenden Realitätsbegriff für eine Vereinigung, die wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen diskutieren will, befremdlich. Da hörte man dann auch auf dem Podium so Formulierungen wie „Die Wirtschaftswissenschaften müssen realitätsnäher werden“. Schön und gut, aber was heißt Realität hier eigentlich? Wo ist diese unkonstruierte Realität? Wirtschaftswissenschaftliche Modelle und Theorien werden immer von wichtigen Dingen abstrahieren und sich ihrer eigene Realität konstruieren müssen. Nehmen wir Sex, ich vermute, dass Sex ganz allgemein eine wirklich wichtige Antriebsfeder des menschlichen Handeln ist, aber müssen die Agenten in meiner Konjunkturtheorie wirklich Sex haben, damit sie realitätsnäher wird? Vielleicht sollte ich das mal ausprobieren.

Das wäre ganz sicher ein pluraler Ansatz!

Spaß beiseite. Nehmen wir einmal das Beispiel der Integration von Finanzmärkten in Makromodelle. Nach dem Kriterium der Realitätsnähe hätte es die rein theoretischen Forschungen zu diesem Thema in den 1990er Jahren nie geben dürfen, weil es damals ja relative Ruhe an den Finanzmärkten und kein Überschwappen auf die Realwirtschaft gab, jedenfalls in den entwickelten Ländern. Genau aus diesem Grunde war ja diese Forschung zwar da, aber eben doch etwas ein Nischenthema. Ich könnte mir gut vorstellen, dass damals diejenigen, die heute fragen „Warum keine Finanzmärkte in DSGE Modellen?“, diesen Forschungszweig als akademisches Glasperlenspiel denunziert hätten. Nein, Grundlagenforschung ist schon deshalb wichtig, weil man nie weiß, wann man sie mal brauchen kann. Das haben wir ja gesehen.

Aber dennoch ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es nicht schaden kann, andere Fächer und Disziplinen in die Forschung stärker zu integrieren. Oder sehen Sie das anders?

Gerade weil soziale Realität auch konstruierte ist, braucht es natürlich das Konzert und die Perspektiven der anderen Sozialwissenschaften und, ja klar, auch interdisziplinären Austausch, der ja aber auch stattfindet, etwa in der Verhaltensökonomik, in Law and Economics, der Neuroökonomik, der Politischen Ökonomik, der Wirtschaftsgeschichte, etc. Natürlich wurde dieser interdisziplinäre Austausch auf dem Podium auch gefordert, und von mir dann begrüßt, wobei natürlich nicht jeder Ökonom auch interdisziplinär arbeiten muss. Und wenn man dann zugestimmt hat, wird sofort die Angriffsstrategie gewechselt. Ja, aber der ökonomische Imperialismus zerstöre ja gerade die Identität der anderen Sozialwissenschaften. Und man müsse auch schon radikale Vielfalt innerhalb der Ökonomik selbst haben. Was den ökonomischen Imperialismus angeht: Liegt das nicht eher an den anderen Sozialwissenschaften, wenn diese ökonomische Methoden übernehmen? Gibt es wirklich Beispiele dafür, wo aus der Ökonomik heraus anderen Sozialwissenschaften Methoden aufgezwungen wurden? Und das mit der radikalen Vielfalt innerhalb der Ökonomik – ist das nicht letztlich eine relativ uninteressante semantische Frage, ob man eine bestimmte Herangehensweise als Ökonomik oder als etwas anderes bezeichnet? Ich finde es ganz gut, wenn die Ökonomik einen wenn auch atmenden Kern hat. Solange man auch noch marxistische Analysen durchführen darf, ist doch alles gut, selbst wenn man das vielleicht heute nicht mehr als Ökonomik bezeichnet im Mainstream. Überhaupt nehme ich manchmal ein etwas pegidaähnliches „Man wird doch mal sagen dürfen“-Syndrom bei manchen Vertretern der Heterodoxie wahr.

Klingt nicht so, als hätte die Podiumsdiskussion eine große Annährung gebracht. Was haben Sie denn mitgenommen von der Veranstaltung?

Eines habe ich gelernt in dieser Diskussion, und zwar ein gewisses generationelles Problem. Ich glaube nämlich inzwischen besser zu verstehen, wen die Generation von Gustav Horn und Frank Beckenbach als eigentlichen Gegner, als zu kritisierenden Mainstream ansieht. Das sind nämlich die Ordoliberalen, die einst in Deutschland die wirtschaftspolitische Debatte beherrscht und auch akademisch die Keynesianer von den Lehrstühlen verjagt haben. Das ging ganz klar aus Frank Beckenbachs sehr interessanter historisch-soziologischer Analyse der deutschen Ökonomikgeschichte hervor. Und auch aus Gustav Horns Attacke gegen den sogenannten Hamburger Appell , der ja hauptsächlich aus einem ordoliberalen Dunstkreis erfolgte. Nur – Newsflash – die Ordoliberalen spielen schon längst keine Rolle mehr in den Führungsetagen des Vereins für Sozialpolitik und sind schon gar keine wichtige Kraft mehr unter den forschungsstarken deutschen Ökonomen. Es ist wohl so, dass manchmal im Sachverständigenrat auch bei den jüngeren, forschungsstarken Vertretern vielleicht doch eher konservative wirtschaftspolitische Positionen dominieren, aber ich bezweifle, dass dies Auswirkungen auf den Verein für Sozialpolitik, was dessen wissenschaftliche Arbeit angeht, hat. Außerdem: Wie viele Leser ja vielleicht wissen, habe ich selbst die Ordoliberalen bekämpft. Vielleicht bin ich ja gar kein Mainstream, wenn das so ist.

Mal angenommen, das hier liest ein Student. Muss der nicht ziemlich verwirrt sein, von diesem Streit?

Das kann schon sein. Darum muss der Dialog mit den Studierenden über die Lehre auch gesucht, weitergeführt und ausgebaut werden. Ich denke wir können das von Vereinsseite, und wenn man so will von Mainstreamseite, auch durchaus selbstbewusst tun, aber letztlich kann Lehre nur funktionieren, wenn Lehrende und Studierende an einem Strang ziehen. Zumal nach meinem Eindruck oftmals die im Netzwerk Plurale Ökonomik zu den besseren, mindestens aber zu den interessierteren Studierenden zu gehören scheinen. Ich bin zwar aufgrund einer dummen Überschrift über einem Artikel mal als „Klappehaltenprofessor“ verschrien gewesen, wobei mir nichts ferner liegt, als die Diskussion mit Studierenden zu blockieren. Aber ich kann jetzt schon ankündigen, dass diese Debatte bei der nächsten Vereinstagung verstärkt und vertieft fortgesetzt werden wird.

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25 Lesermeinungen

  1. Kategoriefehler ...
    @ Ruediger Bachmann, 17. September 2015 um 15:33 Uhr:

    Sie schreiben: „Hier waere mal eine interessante Umfrage: gibt es bei den Vertretern der einzelnen Heterodoxien eine genau so grosse Breite wirtschaftspolitischer Ansichten, wie sie Thomas Fricke in seiner Umfrage fuer die „Grundgesamtheit“ gefunden hat. Meine Vermutung: nein. Da waeren die Antworten wesentlich weniger streuend.“

    Na mit solch einem Vergleich kommen Sie natürlich auf das gewünschte Ergebnis. ;-) Wenn schon, dann müssten Sie eigentlich einzelne Strömungen des Mainstreams mit einzelnen Strömungen der heterodoxen Szene vergleichen und nicht „Bandbreite des Mainstreams“ mit „Vielfalter einzelner Heterodoxien“.

    Wenn Sie andeuten wollen, dass in der gesamten heterodoxen Szene weniger Vielfalt herrscht als im Mainstream: So genau kann das eigentlich niemand sagen. Die Frage ist ja auch, woran Sie die Vielfalt festmachen wollen. Oder anders gesagt: Eigentlich müsste hier auch die „Qualität“ der Vielfalt eine Rolle spielen. Also nicht nur einfach abweichende Meinungen, sondern auch, wie weit die Meinungen voneinander abweichen. Und da kann es sein, dass die Kontroverse in der Heterodoxie breiter ausgeprägt ist, weil dort konträre Auffassungen aufeinander treffen (Stichwort: Austrians). Letztlich ist das auch wieder eine Definitionsfrage, was Sie unter „Mainstream“ und „Heterodoxie“ verstehen.

    Entscheidend ist für mich auch der Umgang mit Vielfalt …

  2. Kleine Ergänzung
    @ Gerald Braunberger: 16. September 2015 um 00:30 Uhr, Geht es nicht eigentlich um die Neoklassik?

    „Dennoch bleibt die Frage: Geht es heute in der Kritik von Heterodoxen nicht wieder häufig um eine Ablehnung der Neoklassik? Und während es früher immerhin noch einen Postkeynesianismus und einen Neoricardianismus (was immer man von ihnen hält) gab, an denen Forscher arbeiten: Was haben die Heterodoxen denn heute im Gepäck?“

    Gute Frage. Was ich hier zu bedenken gebe, ist, dass ein großer Teil der heutigen Heterodoxen in den 1970er Jahren berufen wurde und kurzfristig mit weniger Hürden (Stichwort: Habilitation) zu tun hatte, als dann wieder in den 1980er Jahren. Nachfolgend sind nur noch wenige „heterodoxe“ auf universitäre Lehrstühle berufen worden. Interessanterweise ist es einzig dem von Ihnen erwähnten Helmedag kurz nach der Wende gelungen, in den neuen Bundesländern Professor zu werden.

    Ich erwähne das deshalb, weil es durchaus möglich sein kann, dass wir mit der Kritik an der Neoklassik heute noch ein paar Nachwehen einer „alten“ Heterodoxie-Debatte erleben, die mehr oder weniger aus der Populationsentwicklung der Heterodoxen heraus erklärbar ist. Problematisch auch die mangelnde Differenzierung zwischen Lehrbuchökonomik und Forschung, wobei hier einzuräumen ist, dass es sich dabei um ein relativ neues Forschungsfeld handelt.

    Was die Heterodoxen heute im Gepäck haben, lässt sich auch mit Blick darauf beantworten, was sie heute im Gepäck haben können. Das sind im Wesentlichen die von Ihnen genannten heterodoxen Ansätze. Vereinzelt vielleicht sozialökonomische Ansätze (mehr oder weniger dem Alt-Institutionalismus bzw. der Historischen Schule nahe stehend), die aber meiner Beobachtung nach von Personen außerhalb der Ökonomik betrieben werden (Wirtschaftsdidaktik, Soziologie usw.).

    • Aber wo sind die Schüler?
      „Ich erwähne das deshalb, weil es durchaus möglich sein kann, dass wir mit der Kritik an der Neoklassik heute noch ein paar Nachwehen einer „alten“ Heterodoxie-Debatte erleben, die mehr oder weniger aus der Populationsentwicklung der Heterodoxen heraus erklärbar ist.“

      Das war ein Grund, warum ich den kleinen dogmengeschichtlichen Exkurs verfasst hatte. Die Frage ist natürlich, warum die alten Heterodoxen so wenige Schüler an den Unis haben? Hatten die Schüler als Heterodoxe keine Chancen auf Rufe oder fehlte es an sehr guten Schülern? Ich kann das von außen nicht beurteilen. Denn es gab ja nicht nur die von Ihnen erwähnte Berufungswelle in den Siebzigern, doch wohl auch noch eine in den Neunzigern im Zusammenhang mit den Unis in den neuen Bundesländern.
      Gruß
      gb

    • Antwort von Sebastian Thieme auf "Wo sind die Schüler?"
      Sebastian Thieme hat eine interessante Antwort auf meine Frage „Wo sind die Schüler?“ gesandt. Sie finden Sie, wenn Sie bis zum Ende der Seite nach unten scrollen und dann auf „Neuere Kommentare“ klicken.

      In der Zwischenzeit hat Rüdiger Bachmann auf Sebastian Thiemes Kommentar dort geantwortet.

      Und Sebastian Thieme hat darauf repliziert (20. September)

      Grüß
      gb.

  3. Klassifikationen und mehr ...
    Wer die im Gespräch erwähnte Podiumsdiskussion erlebt hat, kommt zunächst um drei Anmerkungen nicht herum.

    i) Im Podium saßen nur Männer.
    ii) Wird Ralf (nicht Rolf!) Ptak einmal außen vor gelassen, war auch kein wiss. Nachwuchs zugegen.
    iii) Bis auf Moderator und Ptak saßen dort nur „Modellbau-Ökonomen“.

    Anzumerken ist ferner, dass die Diskussion Rüdiger Bachmann regelrechte Steilvorlagen bot, die er – zu Recht – entsprechend aufgegriffen hat, konkret: a) der Vorwurf, die Ökonomik hätte die Krise nicht kommen sehen, und b) die Ökonomik sei nicht „realistisch“ genug.

    Bei aller Polemik, die auch in einer Podiumsdiskussion erlaubt sein mag, fragt sich jedoch, ob der Pegida-Vergleich von Rüdiger Bachmann – den er im obigen Gespräch auch wieder ins Spiel bringt – wirklich sein musste. Im Grunde hat sich Bachmann damit aber selbst einen Bärendienst erwiesen. Allen, denen er damals aufgrund eines unschicklichen Artikel-Titels als „Klappehaltenprofessor“ im Gedächtnis haften blieb, hat er auf diese Weise im Nachhinein das damit verbundene unsympathische Bild bestätigt.

    Was die Klassifizierungen wie Mainstream, Heterodoxie usw. betrifft, muss ich gestehen, dass mir das in der Diskussion (nicht nur im Podium) zu sehr drunter und drüber geht und die Diskussion selbst zudem von verschiedenen Stereotypen und Befindlichkeiten geprägt ist. Mit Stereotypen meine ich u. a. das, was Volker Caspari treffend mit der Frage „Was ist Neoklassik heute?“ verband. Die Heterodoxien bekleckern sich nämlich meistens nicht sonderlich mit Ruhm, wenn sie einen neoklassischen Mainstream behaupten, zu dem dann aber verschiedene Strömungen gehören sollen, die mit entscheidenden Annahmen der Neoklassik brechen (z. B. vollständige Information, vollständige Rationalität). Was ist dann noch Neoklassik? Selten wird auch unterschieden zwischen der Lehrbuchökonomik und der Forschung.

    Generell, so meine Beobachtung, definiert bzw. klassifiziert jede(r), wie es ihm oder ihr gerade passt. Selten ist eine Systematik zu erkennen und noch viel seltener werden andere Perspektiven zur Wissenschaftsentwicklung aufgegriffen (z. B. Bruno Latour). Der Umstand, dass die wissenschaftliche Entwicklung viel mit Netzwerken, der Ausstattung an sozialem und kulturellem Kapital sowie „Arbeitsteilung“ (Schülerproduktion, Politikberatung usw.) zu tun hat, wird üblicherweise übersehen und weicht stattdessen häufig genug einem überzogenen Wissenschaftsideal („Kampf“ um die besten Theorien) mit verkürztem Blick auf Theoriebrüche (Paradigmenwechsel, Forschungsprogramme).

    Jedenfalls hätten die einen oder anderen diesbezüglich etwas aus einzelnen Veranstaltungen der Ergänzungsveranstaltung am Montag lernen können (Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften nach 1945, inklusive dessen, was als „Heterodoxie“ bezeichnet wird; Pluralität in der Lehre).

    Konkret zum Gespräch von oben: Mir scheint, dass Rüdiger Bachmann thematische Breite mit Vielfalt verwechselt. Es macht m. E. schon einen Unterschied, ob ich mir andere Themenbereiche mit ökonomischen Verfahren erschließe (die eigene Brille aufbehalte) oder ob ich mich einem wirtschaftlichen Thema zuwende und dieses mit Verfahren aus anderen Wissenschaften sozusagen in die Ökonomik hereinziehe (die eigene Brille also mal zum Optiker bringe). Ich bin mir auch nicht sicher, was die von Bachmann erwähnte methodische Vielfalt betrifft. Was meint er damit konkret? Handelt es sich dabei um Variationen innerhalb der etablierten ökonomischen Verfahren? Oder werden wirklich ganz andere Verfahren verwendet (Diskursanalyse, Gruppendiskussionen usw.)? Oder besteht nicht doch eine gewisse Nähe zu bereits etablierten Verfahren? (Zum Beispiel ist der spieltheoretische Kontext in der experimentellen Ökonomik kaum zu übersehen.)

    Die Behauptung Bachmanns, dass heute z. B. marxistische Analysen noch möglich sind, ist sicher richtig. Mit der Ökonomik ist damit aber noch lange nicht alles in Ordnung. Solche Analysen finden nämlich abseits der für die wiss. Karriere notwendigen Zeitschriften statt. Marx ist dabei nur ein Beispiel. Wer die ziemlich konservative JEL-Klassifikation B.50 zur Heterodoxie bemüht, kann selbst einmal nachprüfen, wie viel von den dort genannten Strömungen heute noch wissenschaftlich vertreten werden. Ich vermute, dass es vor allem bei der dort genannten feministischen Ökonomik ganz, ganz schlecht ausschaut. Und dabei ist die JEL-Klassifikation B.50 – wie erwähnt – ziemlich konservativ und grob, sie kann die heterodoxe Szene nicht in ihrer Unterschiedlichkeit darstellen.

    Abschließend noch ein Hinweis: An der hiermit zusammenhängende Diskussion ist problematisch, dass es sich um meta-theoretische Fragen dreht (Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftsgeschichte usw.), die sehr schnell nach außerhalb der Ökonomik abgeschoben werden können. Tatsächlich finden solche Diskussionen auch überwiegend abseits statt, z. B. in der ökonomischen Ideengeschichte (sofern sie von Ökonomen noch der Ökonomik zugerechnet wird) oder auf Ergänzungsveranstaltungen, oder sogar gänzlich ausgelagert z. B. in der „sociology of economics“. Insofern mangelt es der Ökonomik m. E. an institutionalisierten, akzeptierten und honorierten – d. h. ihr vom wiss. Selbstverständnis her innewohnenden – Räumen zur Selbstreflexion.

    • Einspruch, Herr Thieme
      Wenn es auch, wie Sie ja richtig bemerken (und auch ich immer wieder gesagt habe), schwierig ist, den Mainstream von Heterodoxie genau abzugrenzen, so gilt doch:
      der Mainstream ist eben so kohaerent, dass er auf die gleichen wissenschaftlichen Konferenzen geht und einen regen wissenschaftlichen Austausch pflegt. Neokeynesianer und RBC Leute
      (nur zwei Beispiele) reden miteinander und publizieren in den gleichen Journalen. D.h. wissenschaftlich gibt es eine gewisse plurale Kohaerenz im Mainstream und doch eine
      ziemliche Vielfalt in den wirtschaftspolitischen Meinungen. Genau das duerfte bei den Heterodoxen anders sein, wo sich Postkeynesianer und Oesterreicher ja wohl auch wissenschaftlich
      eher nicht so viel zu sagen haben. Insofern ist mein Experiment genau das Richtige, denn es geht darum zu fragen, wie stark korrelieren Wissenschaft und Wirtschaftspolitik. Und da ist
      der Mainstream, denke ich, einfach anders. Anders gewendet kann man Heterodoxien fast immer auch ueber wirtschaftspolitische Ueberzeugungen abgrenzen, was eben beim heutigen Mainstream
      gerade nicht gelingen wird, und trotzdem ist er eben wissenschaftlich nicht nur kommunikationsfaehig, sondern kommuniziert auch und zwar in denselben Medien.
      Pegida. Geschenkt. Einen Sympathiewettbewerb muss ich in der Tat nicht gewinnen. Ich habe ja auch nicht geschrieben, dass die Heterodoxen Pegida oder auch nur wie Pegida sind, sondern
      meinem Eindruck nach einen bestimmten verschwoerungstheoretischen Zug mit Pegida teilen (die Neoklassiker, die der politischen womoeglich noch US Macht dienen, und uns keine Lehrstuehle
      geben). Polemisch verkuerzt, klar, strukturelle Argumentationsaehnlichkeiten sind aber schon da. Es gilt, was ich schon auf Herrn Fritzsche eingewandt habe: wir haben hier ein
      riesiges Identifikationsproblem. Die die drin sind sagen: mangelnde Qualitaet, mangelnde Fruchtbarkeit. Die die draussen sind sagen: Verschwoerung, Macht. So kommen wir aber nicht weiter.
      Und ist es irgendwie nicht bezeichnend, dass Sie auf Herrn Braunbergers Frage „Was haben die Heterodoxen zu bieten?“ zwar eine interessante wissenschaftshistorische Analyse brachten, aber
      jedenfalls fuer mich wenig Inhalt.
      Zustimmung: Oekonominnen und wissenschaftlicher Nachwuchs waere gut gewesen auf dem Podium. Aber dann vielleicht auch aus beiden Lagern? Um fair zu den Veranstaltern zu sein: eine
      Oekonomin war durchaus angefragt worden.
      Letzte zwei Punkte: Erstens gibt es natuerlich eine sehr grosse methodische Vielfalt im Mainstream, die von der klassischen Modelltheorie und Oekonometrie zu Experimenten im Labor
      und im Feld reicht, und das ist keineswegs nur Spieltheorie, da werden auch ganze Finanzmaerkte rekonstruiert; hinzu kommen natuerlich vor allem in neuerer Zeit Surveyanalysen, also Daten
      ueber Subjektives. Was in der Tat eher nicht geht sind Textanalysen (ich finde da die Oekonomik erfrischend modern, indem sie sich eben gerade nicht so darum schert, was mal alte weise Maenner
      zu Papier gebracht haben) oder Einzelfallstudien, wobei auch letztere nicht voellig ausgeschlossen sind und sich ja auch mit Modelltheorie verbinden lassen. Aber das bringt mich zum
      zweiten Punkt, der eigentlich eine Wiederholung ist: muss denn alles, was mal als sozial- oder geisteswissenschaftliche Methode vorgeschlagen oder verwandt wurde, auch fuer die
      Oekonomik akzeptabel sein? Warum muss denn der Marxist seine Analyse unbedingt in einem oekonomischen Fachjournal unterbringen? Ist das so wichtig? Warum sehen wir uns nicht alle als
      Teil einer grossen allgemeinen Sozialwissenschaft wo dann Labels zwar da sind, aber eben historisch kontingent. Der zynische Oekonom-Unsympath in mir kann sich da des Eindrucks nicht
      erwehren, dass man auch als Marxist durchaus das vielleicht vorhandene soziale und politische Prestige und die entsprechende Remuneration, die das, was man als Oekonomik labelt, nun einmal
      geniessen, ganz gut findet und einen Stueck vom Kuchen abhaben moechte (wo wir wieder bei der Lehrstuhldiskussion sind). Aber da bleibe ich dabei: der Marxist / Heterodoxe wird da um harte
      Ueberzuegungsarbeit nicht herumkommen. Das sieht uebrigens auch Christian Schubert (auch kein beinharter Mainstream Mann) drueben auf Wirtschaftliche Freiheit genauso:
      http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=17969

  4. Wissenschaftstheoretische Reflexion notwendig
    Amüsiert und auch besorgt verfolge ich diese Debatte. Natürlich gibt es einen Mainstream in jeder Wissenschaft. Für Kuhn ist die Akzeptanz eines solchen durch die Mehrheit der Teilnehmenden Bestandteil des Paradigma-Begriffs und „Problemlösen“ im Kontext eines vorherrschenden Paradigmas stellt den Normalzustand wissenschaftlicher Arbeit für Kuhn dar. Und paradigmatische Umwälzungen — sei es nun im Sinne Kuhns oder Lakatos oder anderer Arbeiten in diesem Gebiet — vollziehen sich nicht linear und nicht in einem Elfenbeinturm sondern in Gesellschaften, in denen wohlbegründete Interessen bestehen.

    Was ich damit sagen will: Demut des durch die Akzeptanz der Mehrheit der Wissenschaftler/innen legitimierten Problemlösers in der Normalwissenschaft vor der Möglichkeit der Existenz einer besseren (im Sinne der Erklärungskraft für „ungelöste“ Rätsel) Lösung ebenso ist angebracht, wie auch ein Realismus der nicht mit der Normalwissenschaft konform gehenden Wissenschaftler/innen dahingehend, dass die Überzeugung der „Anderen“ von fundamental neuen Lösungen das Bohren sehr dicker Bretter bedeutet, frustrierend ist und die Möglichkeit dazu nicht unabhängig vom gesellschaftlichen Zeitgeist.

    Die wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist doch: Auf welcher Spielwiese findet das statt? Braunbergers Beobachtung über die 70er und 80er Jahre ist völlig richtig. Hajo Riese, übrigens ein Schüler der damals hoch renommierten Wissenschaftler Schneider und Bombach konnte seine frühen wachstumstheoretischen Arbeiten im Kyklos oder in der Konjunkturpolitik oder anderen Zeitschriften problemlos veröffentlichen (Peter Spahn, siehe unten, übrigens auch); in den entsprechenden von VfS-Ausschüssen herausgegebenen Sammelbänden finden sich viele Arbeiten von ihm. Das erwähnte Buch zur Inflationstheorie erschien in einen renommierten Verlag usw. In diesem Zusammenhang hat eine Veränderung der Wissenschaftslandschaft (und der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen) auch eine massive Veränderung der „Spielwiese“ herbeigeführt. Allerdings war die Spielwiese der 70er und 80er Jahre insofern nicht unproblematisch, da sie z.B. in Teilen zu einer Entkopplung der deutschen VWL-Diskussion von internationalen Entwicklungen geführt hat (das wäre ein Thema einer sehr viel längeren (Blog-)Diskussion) und natürlich — wenn auch anders als heute — politisch instrumentalisiert wurde.

    Aber es gibt aus meiner Sicht Zeichen der Hoffnung: Die Tatsache der Existenz eines IMK, verschiedener INET-Projekte, die „Pluralo-Debatte“ u.a. Aktivitäten sind aus meiner Sicht sowohl aus gesellschaftlicher und wissenschaftstheoretischer (Meta-)Sicht eindeutig zu begrüßen, weil den in der Normalwissenschaft arbeitenden Problemlösern „unbequeme“ Fragen (die die a priori-Annahmen der Theorie oftmals betreffen) nicht erspart werden dürfen und auch die breitere Öffentlichkeit ein Interesse an der Frage hat, welche „ungelösten“ Probleme die weithin akzeptierte Normalwissenschaft vor sich her schiebt bzw. über a priori Annahmen wegdifiniert).

    Ein wenigt betrübt nehme ich zur Kenntnis, wie unreflektiert immer noch von Seiten des „Mainstreams“ (den es ja so nicht gibt) — also von normalwissenschaftlichen Problemlösern (nach Kuhn) oftmals der Mythos einer werturteilsfreien, rein positiven Wissenschaftsinterpretation in den Raum gestellt wird. So einfach ist die Welt nicht. Das ist auch weit entfernt vom Stand der Forschung in der Wissenschaftssoziologie. Begriffe wie Deutungsmacht, Macht überhaupt und die Frage nach den Regeln der Reproduktion wissenschaftlicher Eliten sind einfach zu wichtig, um sie nur den Ökonomen zu überlassen. Ein wenig mehr kritische Distanz und Austausch mit anderen Sozialwissenschaften wäre hier tatsächlich angebracht.

    P.S. Ich legitimiere mich für die Diskussion jetzt als Mitherausgeber der gesammelten Werke Hajo Rieses bei Metropolis (2001). Nicht weil ich mich zu den Begründern einer monetärkeynesianischen Schule zähle oder zählen will, sondern weil ich Anfang der 2000er Jahre der Meinung war und auch heute der Meinung bin, dass Auseinandersetzungen über die fundamentalen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft dokumentiert werden müssen und auch zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen sollten.

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      Herr Fritzsche –

      vielen Dank fuer Ihren Kommentar. Eine Anmerkung: selbstverstaendlich sind sich die Vertreter des Mainstreams Konzepten wie Macht, etc. bewusst. Allerdings ist der Machtbegriff genauso wie der Diskriminierungsbegriff eben oftmals nicht wirklich operationalisierbar. Werden bestimmte Arbeiten/Stroemungen nicht rezipiert, weil gegen sie aktiv diskriminiert wird oder weil sie einfach nur schlecht sind? Die Outsider werden immer Diskriminierung schreien, die Insider schlechte Qualitaet. Natuerlich ist auch letzteres Kriterium oft leer bzw. zirkulaer (wenn man mal von offensichtlichen logischen und empirischen Fehlern absieht). Um harte Ueberzeugungsarbeit wird man nicht herumkommen (da haben sie ganz Recht), und bei dieser wird es durchaus helfen, nicht staendig Diskriminierung zu rufen (der Reflex ist immer da, geht mir auch so, wenn ein Editor mein Papier ablehnt).

      Ich bleibe jedoch dabei: was die typischen Vertreter des Mainstreams auszeichnet, den ich meine (und er mag etwas anderes sein als den, den Gustav Horn meint), ist doch eine gewisse Offenheit sich von Daten ueberzeugen zu lassen, nicht im Sinne eines plumpen Empirizismus, aber doch im Sinne einer offenen Haltung gegenueber neuer Evidenz. Das ist etwas, das ich bei den Oekonomiken, die man gemeinhein als heterodox bezeichnet, weniger finde. Ich habe ja ein Beispiel zum Fiskalmultiplikator gebracht. Ich will ein weiteres Beispiel bringen, etwas, das in unserem gemeinsamem Forschungsinteresse liegt, naemlich Inflationserwartungen (zu denen Sie ja ganz mainstreamlike und interessantes forschen mit Ihren Mitarbeitern und wohl auch gut im Mainstream publizieren; es geht also). Als Eric Sims und ich schauten, wie Inflationserwartungen Konsumentscheidungen beeinflussen, hatten wir eigentlich erwartet/gehofft den Neokeynesianischen Mechanismus einer positive Relation zu bestaetigen (was publikationstechnisch bei der Dominanz des NK Paradigmas fuer uns besser gewesen waere), aber jedenfalls unsere Daten gaben es nicht her. Und dann laesst man sich eben von den Daten ein Stueck weit ueberreden.

      Hier waere mal eine interessante Umfrage: gibt es bei den Vertretern der einzelnen Heterodoxien eine genau so grosse Breite wirtschaftspolitischer Ansichten, wie sie Thomas Fricke in seiner Umfrage fuer die „Grundgesamtheit“ gefunden hat. Meine Vermutung: nein. Da waeren die Antworten wesentlich weniger streuend.

  5. Monetärer Mainstream
    Für mich zählen alle zum Mainstream (Keynesianer, Neokeynesianer, Neoklassiker…), deren Modelle und Überzeugungen durch die Loanable Funds Theorie geprägt sind. Dazu zählt insbesondere auch Paul Krugman: http://www.forbes.com/sites/stevekeen/2015/02/10/nobody-understands-debt-including-paul-krugman/. Aber auch viele andere Ökonomen unterliegen diesem Irrtum: http://blogs.faz.net/fazit/2015/09/02/illusionen-ueber-geldpolitik-6429/#comment-5041. Günther Grunert hat gestern eine kleine Auflistung der Mainstream-Lehrbücher erstellt, die von dieser abwegigen Vorstellung ausgehen: http://www.flassbeck-economics.de/deflationsgefahr-im-euroraum-was-bringen-die-anleihekaeufe-der-ezb/

    LG Michael Stöcker

  6. Geht es nicht eigentlich um die Neoklassik?
    Es seien mir ein paar Anmerkungen zu dieser Debatte unter Heranziehung lehrgeschichtlicher Aspekte gestattet.

    1. Debatten zwischen einem „Mainstream“ und „Heterodoxen“ hat es schon vor Jahrzehnten gegeben, auch wenn diese Bezeichnungen damals nicht benutzt wurden. Damals aber war die Schlachtordnung klar: Unter „Mainstream“ wurden alle Ökonomen verstanden, die auf dem Boden der Neoklassik standen, als „Heterodoxe“ verstanden sich vor allem Ökonomen, die der Neoklassik kritisch bis total ablehnend gegenüberstanden. Man denke an die berühmte Cambridge-versus-Cambridge-Kapitalkontroverse in den Sechzigern.

    2. Kritiker der Neoklassik fühlten sich früher oft anderen Schulen verbunden: Zum Beispiel den sogenannten Postkeynesianern (darunter verstand man damals sowohl die Cambridge-UK-Truppe um Robinson/Kaldor ebenso wie die eher monetären Analysen verpflichteten Amerikaner Minsky/Davidson). Dann gab es die Neoricardianer, die auf Sraffas „Warenproduktion mittels Waren“ aufbauten – im deutschen Sprachraum ließen sich Bertram Schefold und Heinz D. Kurz anführen. Dann gab es Marxisten und im deutschen Sprachraum noch spezielle heterodoxe Ausprägungen wie die Berliner Monetärkeynesianer um Hajo Riese, die in für Außenstehende nicht leicht verständliche Händel mit den Bremern Heinsohn/Steiger und deren Eigentumsökonomik verstrickt waren. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

    3. Wichtig ist der Hinweis, dass die Heterodoxen keineswegs nur Schwierigkeiten besaßen, im deutschen Sprachraum ordentlich zu publizieren. Der Marburger Metropolis-Verlag ist ein Kind dieser Heterodoxie; in seinen frühen Jahren hat er unter anderem interessante Bücher und Aufsätze aus englischer Sprache in Deutsch publiziert (wer würde das heute noch machen?). Beispiele sind Jan Kregel: Die Erneuerung der Politischen Ökonomie (1988), Kurt Rothschild: Arbeitslose. Gibt’s die? (1990), Hyman Minsky: John Maynard Keynes (1990) oder Michal Kalecki: Krise und Prosperität (1987). Mehrere dieser Bücher habe ich damals als Jungredakteur in der F.A.Z. vorgestellt. Hajo Rieses „Theorie der Inflation“ erschien im alteingesessenen Verlag Mohr Siebeck.

    4. Auch in angesehenen deutschen Fachzeitschriften konnten Heterodoxe damals publizieren. Unvergesslich war in den Neunzigern ein sich über Jahre erstreckender Schlagabtausch zwischen Fritz Helmedag und Neoricardianern in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik. Helmedag hatte in seiner Habilitationsschrift die Arbeitswertlehre zu rekonstruieren versucht und dabei auf den Neoricardianismus eingeschlagen, dessen Vertreter zurückschlugen. Wer Links sucht, wird sie auf Helmedags Internetseite an der Uni Chemnitz finden.

    5. Nur: So spannend das gewesen sein mag; es war vielleicht nicht wettbewerbsfähig. Hier kommt ein interessantes und vielsagendes Beispiel aus jener Zeit. Im Jahre 1991 veröffentlichte Eberhard Feess-Dörr im Metropolis-Verlag ein interessant gemachtes Lehrbuch über „Mikroökonomie“. Das Buch behandelte die neoklassische Mikrotheorie, wie sie üblicherweise gelehrt wurde und wird. Vorangestellt war ihr jedoch eine dogmengeschichtliche Einführung und am Ende befand sich ein rund 70 Seiten umfassender Teil, der eine Einführung in die neoricardianische Preis- und Verteilungstheorie bot. (Feess war ein Schüler Bertram Schefolds.) Das müsste ein Buch nach dem Geschmack heutiger heterodoxer Kritiker sein: Neben der unumgänglichen, weil dominierenden Neoklassik gab es eine Prise Dogmengeschichte und eine alternative Lehrmeinung, in der kein „homo oeconomicus“ durch die Modelle taumelte.

    6. Doch ach: Sechs Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien Feess‘ „Mikroökonomie“ in deutlich erweiterter Seitenzahl und stark überarbeitet. Nun hieß es jedoch im Vorwort, der „moderne Stoff“ sei „viel wichtiger als der traditionelle“. Trotz größeren Umfangs waren die dogmengeschichtliche Einleitung und der Teil über den Neoricardianismus weggefallen. Statt dessen wurde der Neoklassik mehr Raum gegeben, die Spieltheorie eingeführt und Anwendungen in Gestalt der Verhandlungs- und Auktionstheorie präsentiert. Kurz: Ein modernes Lehrbuch! Herausgegeben von einem Verlag, der bis zum heutigen Tage heterodoxen Ideen in seinem Programm viel Platz gibt – Verschwörungstheorien taugen hier nichts.

    7. Genug der Erinnerungen. Dennoch bleibt die Frage: Geht es heute in der Kritik von Heterodoxen nicht wieder häufig um eine Ablehnung der Neoklassik? Und während es früher immerhin noch einen Postkeynesianismus und einen Neoricardianismus (was immer man von ihnen hält) gab, an denen Forscher arbeiten: Was haben die Heterodoxen denn heute im Gepäck?

    Gruß
    gb

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      Wie aus dem letzten Absatz deutlich wird, hat Bachmann Angst, dass sich die interessierten Studenten abwenden (das tun sie derzeit, und zwar in Scharen, und nicht nur in Deutschland). Er spricht von Dialog. Eine zentrale Forderung der Studentenbewegungen von http://www.rethinkeconomics.org/ bis http://www.isipe.net/ ist mehr Pluralismus in der Lehre. Bachmann, in dem Panel mit dem Titel „Wie plural sollte die Jahrestagung deutschsprachiger ÖkonomInnen künftig sein?“ sagt dazu „Ich habe natürlich erst einmal angemerkt, dass, wie gesagt, die VfS Jahrestagung schon sehr plural ist, und zwar sowohl thematisch als auch methodisch.“ Er streitet also ab, dass es hier ein Problem gibt. Ein konstruktiver Dialog ueber Ursachen und Loesungsvorschlaege waere wuenschenswert, und da mag es unterschiedliche Meinungen geben. Wenn aber abgestritten wird, dass es ueberhaupt ein Problem gibt, worin soll der Dialog genau bestehen?

      Anders als Bachmann sieht Braunberger, dass es heute anders zugeht als frueher: „Wichtig ist der Hinweis, dass die Heterodoxen keineswegs nur Schwierigkeiten besaßen, im deutschen Sprachraum ordentlich zu publizieren.“ Und: „Auch in angesehenen deutschen Fachzeitschriften konnten Heterodoxe damals publizieren.“ Nun ja, die Zeiten der Vielfalt sind vorbei. Heute ist Einheitsbrei angesagt.

      Ob alternative Ansaetze nicht „wettbewerbsfaehig“ waren, darueber laesst sich streiten. Ich sehe im akademischen Betrieb jedenfalls keinen funktionierenden Wettbewerb, in dem sich gute Ideen durchsetzen und die schlechten ausgefiltert werden. (Dazu ganz passend dieser Link, ueber den ich eben gestolpert bin: https://www.facebook.com/jfgariepyneuro/posts/466442776860755)

    • Zur Wettbewerbsfähigkeit
      In den Standardveranstaltungen wird eine kritische Reflexion kaum gefördert. In Klausuren werden dann zum größten Teil mathematische Leistungsfähigkeit abgefragt, ergänzt um Multiple-Choice-Fragen. Kritische Auseinandersetzung? Fehlanzeige. Das spüren die Studenten.

      Liegt es daran, dass alternative Ansätze nicht wettbewerbsfähig sind? Ich halte die Frage für irreführend: Was bedeutet wettbewerbsfähig? Ist ein Ansatz nur dann wettbewerbsfähig, wenn er in einem bestimmten historischen Kontext von einer kritischen Masse an Wissenschaftlern in seinen Grundannahmen als richtig angesehen wird?

      Wissenschaft muss Multiperspektivität und Kontroversität bieten, damit überhaupt erst neue Ansätze entstehen können. Bietet sie das nicht, kann es einem wie Katharina Hirschbrunn von der LMU gehen: Trotz bester Abschlussarbeit ihres Jahrgangs (Thema: Analyse von Lösungsansätzen aus buddhistischer Ökonomie und Postwachstumstheorie) fand sie keine Promotionsstelle an ihrer Universität, ihr Thema war einfach zu exotisch. Wer nur die wettbewerbsfähigste Theorie lehrt und fördert, entzieht dem wissenschaftlichen Fortschritt den Nährboden.

    • Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften
      Da ich den Metropolis-Verlag erwähnt habe, hier noch eine Ergänzung. Über die Reihe „Einheit der Gesellschaftswissenschaften“ hat der Verlag Mohr Siebeck über einen langen Zeitraum unter anderem Monografien von James Buchanan, Mancur Olson, Douglass North und Elinor Ostrom in deutscher Sprache gebracht. Das sind jetzt vielleicht nicht typische Heterodoxe, aber auch keine Autoren, die heute zwingend im VWL-Studium an der Uni vorkommen. Will sagen: In Deutschland – und auch in deutscher Sprache – ist vieles publiziert worden und wird vieles publiziert, was zur Bereicherung eines VWL-Studiums verwendet werden könnte.

      Gruß
      gb

    • Ihr Klärungsversuch könnte das Problem sein.
      Was ist die Neoklassik heute? Als Joan Robinson in einem Seminar gefragt wurde, wie sie Neoklassik definiere, antwortete sie: Einen Elefanten brauch man nicht zu definieren, weil jeder einen sehen könne, der die Augen aufmache.

      Heute ist es so, dass jeder Student nur noch den Elefanten kennt und ihn deshalb für „das Tier“ hält. Andere „Tiere“, wie bitte, welche anderen Tiere?

      Der heutige Mainstream mag im Kern noch auf der Neoklassik beruhen, er ist aber bunter geworden. Durch das starke Vordringen empirischer und experimenteller Methoden, werden die verschiedensten Hypothesen aufgestellt und überprüft. Manches ist mit der Neoklassik kompatibel, manches weniger, einiges gar nicht. Das interessiert aber niemand, wenn es erst mal gut publiziert worden ist. Der Mainstream ist hybrid geworden, seine Konturen verschwimmen zunehmend.

      Für mich ist zentrales Element des Mainstreams, dass jedes makroökonomische Modell, jede makroökonomische Hypothese mikrofundiert sein muß und das wiederum heißt, es muß eine Handlungsmaxime (Zielfunktion) erkennbar sein und diese muß unter Berücksichtigung von Nebenbedingungen maximiert werden. Weiterhin muß alles intertemporal formuliert werden, um eben den zeitlichen Aspekt in einer ganz bestimmten Form einbringen zu können und drittens, sollte auch die Erwartungsbildung berücksichtigt werden – ob rational oder adaptiv ist dann ein Nebenkriegsschauplatz.

      Hier fand und findet noch immer eine Homogenisierung von Mikro- und Makroökonomie statt, die in den 1970er und 80er Jahren nicht bestand und damals schon kritisiert wurde. Die Homogenisierung erfolgte, indem man die Mikroökonomie zur methodologischen Richtschnur erklärte und die Makroökonomie sich an dieser auszurichten hatte. Der umgekehrte Weg, die Mikro- and der damaligen Makroökonomie methodisch auszurichten wurde nicht eingeschlagen. Es gab nur wenige Stimmen, die ein Makrofundierung der Mikroökonomie forderten.

      Der methodologische Individualismus, wie Schumpeter Max Webers Methode bezeichnete, hat sich gegen alle anderen Methoden, die in den Sozial- und Geisteswissenschaften geherrscht haben, durchgesetzt.

    • Heterodoxe Berliner Schule?
      Gerald Braunberger schreibt, dass das gemeinsame Band der Pluralen und Heterodoxen letztlich die Kritik gegen den lieben alten Feind, die Neoklassik, ist. Das wird so sein, weil man insbesondere die neoklassische Methodik des Modellbaus ablehnt. Als (wie ich vielleicht sagen darf) Mitbegründer der Berliner Schule des Monetärkeynesianismus möchte ich Braunbergers Einschätzung jedoch relativieren. „Heterodoxie“ war für Hajo Riese gelinde gesagt ein Schimpfwort. Es ging ihm und uns (der ersten Assistentengeneration dieser Schule) darum, eine allgemeine monetäre Theorie des Zinssatzes gegen die bis heute (und wieder) vorherrschenden Ideen von Sparsamkeit und Produktivität zu setzen. Methodisch war dies aber innerhalb der „liberalen Markttheorie“ zu erfüllen; der Ansatz schloss formale Optimierungskalküle keinesfalls aus.
      Der Eindruck der Heterodoxie ergab sich vielleicht daraus, dass die theoretische Analyse einer „Zahlungswirtschaft“ zwar Grundelemente der Keynesschen Theorie der Liquiditätsprämie verwendet, jedoch keineswegs zu keynesianisch-stereotypen Empfehlungen permanenter Vollbeschäftigungspolitik führt; vielmehr zeigt sich durchaus die Ratio einer Politik, die vordergründig den Interessen der Geldvermögensbesitzer dient. Und spätere Veröffentlichungen von Hajo Riese mit ihrer Betonung von Haushaltsausgleich u.a.m. würden heute vermutlich als neoliberal gelten.
      Die Kritik des heutigen Mainstreams in der Makrotheorie sollte nicht dem modischen Ruf nach mehr Vielfalt in der Ökonomie folgen und z.B. nach psychologischen „Erweiterungen“ suchen, sondern die Marktbedingungen untersuchen, unter denen die Kunstfigur des Homo oeconomicus seine Optimierungskalküle verfolgt (ist z.B. der oft unterstellte permanente Zugang zu Kapitalmarkt möglich?). Dabei gilt es aber festzuhalten, dass die Ökonomik keine Verhaltenstheorie des Menschen, sondern im Luhmannschen Sinne nur Systemtheorie sein kann.

  7. "Keynesianism explained" - Mainstream oder nicht Mainstream?
    In seinem aktuellen Blogbeitrag hat Paul Krugman kurz zusammengefasst, was er unter Keynesianismus versteht:

    http://krugman.blogs.nytimes.com/2015/09/15/keynesianism-explained/?smid=tw-nytimeskrugman&smtyp=cur

    Ist das Mainstream oder nicht Mainstream?

  8. Eine Antwort auf Gustav Horn
    „Herr Bachmann begeht – strategisch eingesetzt – leider mehrere Ablenkungsmanöver. Das beginnt mit persönlichen Herabsetzungen seiner Diskussionspartner und reicht über seine extrem flexible Definition des Mainstreams bis hin zu veritablen Denkfehlern. Lassen wir das erste einmal so stehen. Ich bin dies nicht nur, aber auch von Seiten des Mainstreams gewohnt. Es ist immer ein Zeichen argumentativer Schwäche. Wichtiger ist seine flexible Definition des Mainstreams. So…“ (Gustav Horn)

    Es ist natürlich Gustav Horn, der hier mehrere Fehler begeht. Beginnen wir mit dem Vorwurf der persönlichen Herabsetzung. Wie läuft dieses Argument?

    Typischer Mainstreamkritiker: Der Mainstream berücksichtigt XYZ nicht.
    Mainstreamökonom: Papier ABC von Mainstreamökonom RST berücksichtigt XYZ. Es gibt nur zwei logische Möglichkeiten: Typischer Mainstreamkritiker hat ABC nicht gelesen, oder aber er verschweigt dessen Existenz.
    Typischer Mainstreamkritiker: Mainstreamökonom hat gerade ein ad hominem Argument gemacht.

    Es ist klar, dass solch ein Schluss nicht gültig ist. Was ist sonst noch persönlich herabsetzend, außer dem Wort „pegidaähnlich“, aber diese kleine polemische Spitze sei dem Verfasser in einem ja nicht ganz wissenschaftlichen Blog Interview gegönnt?

    Zweitens: ich habe weder den SVR noch Hans-Werner Sinn aus dem Mainstream ausgegrenzt, wie sollte ich das auch können? Es gilt aber im Umkehrschluss nicht, dass dieses Organ und dieser Ökonom für jedenfalls den akademischen Mainstream stehen (schon deshalb, weil es eben diesen monolithischen Mainstream nicht gibt). Bei allem Respekt für die Kollegen, aber die Welt ist deutlich größer als sich in dieser sehr deutschen Nabelschau widerspiegelt. Ich kann wie gesagt auch nicht erkennen, dass heute der SVR oder Hans-Werner Sinn noch großen Einfluss im VfS haben, und nur um den VfS ging es ja eigentlich bei der Podiumsdiskussion. Ich habe außerdem konzediert, dass vielleicht wirklich die Mitglieder des SVR oft bestimmte wirtschaftspolitische Positionen vertreten, aber da gibt es natürlich auch ein gerüttelt Maß von umgekehrter Kausalität und Selektion: sind also die wirtschaftspolitischen Empfehlungen des SVR und damit bestimmte wirtschaftspolitische Positionen in der Regierung so wie sie sind, weil sie einen angeblichen Mainstream repräsentieren, oder weil die Politik den SVR entsprechend zusammenstellt? Was die Preise des VfS an Hans-Werner Sinn angeht: er hat 2007 die Thünen Vorlesung gehalten, sozusagen eine Lebenswerkauszeichnung, die aber doch keine Zustimmung oder Ablehnung zu dessen wirtschaftspolitischen Empfehlungen intendiert oder auch nur impliziert, und 2014 hat er die Gustav Schmoller Medaille für besondere Verdienste um den VfS erhalten. Letztere ist ausdrücklich keine wissenschaftliche Auszeichnung.

    Drittens, zu Olivier Blanchard. Wenn Herr Horn mit Blanchards Kehrtwende dessen 2013 erschienenes Arbeitspapier Growth Forecast Errors and Fiscal Multipliers meint (http://www.sindacalmente.org/sites/www.sindacalmente.org/files/wp1301_studio_fmi.pdf ), dann ist auch hier die Ideengeschichte falsch wiedergegeben, wie aus diesem FAZIT Interview (http://blogs.faz.net/fazit/2014/11/23/xxx-3-4938/#Drucken ) mit Gerald Braunberger hervorgeht. Auerbachs und Gorodnichenkos Arbeitspapier zum Thema zirkulierte schon mindestens seit 2010, und wurde dann 2012 publiziert, ebenso wie mein Papier mit Sims. Auf der theoretischen Seite kam das Papier When is the Government Spending Multiplier Large? von Christiano, Eichenbaum und Rebelo 2011 im Journal of Political Economy, einem der wichtigsten Journale unseres Faches, heraus (http://www.jstor.org/stable/pdfplus/10.1086/659312?acceptTC=true ). Die wissenschaftliche Diskussion ist natürlich noch älter (Krugmans damals noch sehr Mainstreamarbeiten zur Liquiditätsfalle; übrigens auch wieder ein Beispiel, wie sehr akademische Glasperlenspiele – denn mit Ausnahme Japans gab es damals wenig Konkretes – wichtig sein können) und ist auch seither nicht abgeebbt, wie die Leser dieses Blogs dank Herrn Braunbergers unermüdlicher Aufklärungsarbeit wissen.
    Ob man nun Mainstream über Personen oder Papiere definieren sollte, ist eine müßige Diskussion, finde ich. Ich finde ja den Begriff sowieso nur sinnvoll aus strategischen Gründen, wenn man einen Gegner definieren muss für die eigenen Angriffe. Ich glaube, Mainstream ist wenn überhaupt über eine Haltung definiert: man hat ex ante keine bestimmte Meinung zur Größe des Fiskalmultiplikators, sondern will empirisch und theoretisch herausfinden unter welchen Bedingungen der Fiskalmultiplikator wie groß und mit welchen Unsicherheiten das behaftet ist.

    • Eine Antwort von Gustav Horn
      Horn hat auf seiner Facebook-Seite auf Bachmanns Antwort geantwortet:

      https://www.facebook.com/gustav.horn.1?fref=ts

      Hier ein Auszug:

      „Selbstverständlich ist der Begriff Mainstream schillernd und variierend. So kann man in den USA durchaus etwas anderes darunter verstehen als in Deutschland. Ich verstehe im Kontext der Tagung des Vereins für Socialpolitik darunter, und dies habe ich in der Diskussion mehrfach erläutert und ausgeführt, die Makroökonomie wie sie in Deutschland an den meisten Universitäten gelehrt wird und in den meisten wirtschaftspolitischen Analysen zum Tragen kommt….“

  9. Eine Replik von Gustav Horn
    Gustav Horn hat auf seiner Facebook-Seite auf unser Interview mit Rüdiger Bachmann reagiert:

    https://www.facebook.com/gustav.horn.1?fref=ts

  10. Was für eine Art von Dialog sucht denn Bachmann?
    „Insgesamt war die Diskussion mit den Pluralen seltsam unbefriedigend. Sie glich für mich etwas dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“

    „Wird da einfach nicht gelesen oder wird so etwas bewusst ausgeblendet, um die Message an die eigene Klientel nicht zu verwässern?“

    „Überhaupt nehme ich manchmal ein etwas pegidaähnliches „Man wird doch mal sagen dürfen“-Syndrom bei manchen Vertretern der Heterodoxie wahr.“

    Das strotzt ja vor Respekt und Offenheit für einen konstruktiven Austausch. Nicht.

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