Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wozu braucht man Geld für die Geldpolitik?

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Es herrscht eine tiefe Kluft zwischen der traditionellen deutschen Vorstellung, nach der die Geldmenge wichtig für die Güterpreisinflation ist, und dem international dominierenden Paradigma, in dem die Geldmenge überhaupt keine Rolle für die Geldpolitik spielt. Wir liefern einen Überblick.

Kontroverse Diskussionen über ökonomische Fragen sind wichtig, um Erkenntnisse zu gewinnen. Voraussetzung ist aber, dass die Teilnehmer in einer Sprache sprechen. In der Geldpolitik ist das womöglich nicht der Fall – vielmehr scheint es so zu sein, dass, dem bekannten Wirtschaftshistoriker Harold James folgend, (keineswegs alle) Ökonomen im deutschsprachigen Raum und einige Chinesen gegen den Rest der Welt stehen: Der große Rest der Welt erkennt dem Geld und der Geldmenge keine Bedeutung für die Güterpreisinflation zu, während die Minderheit meint, die Geldmenge sei enorm wichtig. Das führt in der Praxis dazu, dass in deutschsprachigen Medien Begriffe wie „Geldschwemme“, „Gelddrucken“; „Notenbanken fluten die Märkte mit billigem Geld“ und ähnliches häufig verwendet werden, während man derartige Begriffe in angelsächsischen Medien seltener findet. Wie kommt es?

 

Die Neokeynesianer: Geldpolitik braucht kein Geld

Der große Rest der Welt außerhalb des deutschsprachigen Raumes und der von James zitierten Chinesen lebt seit rund zwei Jahrzehnten überwiegend mit einem gesamtwirtschaftlichen Paradigma, das Neokeynesianismus heißt. Es wird auch an deutschen Universitäten gelehrt und es gibt mit Volker Wieland einen namhaften und international anerkannten Neokeynesianer im Sachverständigenrat, aber die meist älteren deutschen „Lordsiegelbewahrer“, um einen Ausdruck Rüdiger Bachmanns zu gebrauchen, bemühen sich zumindest in der Öffentlichkeit tatkräftig, das zu ignorieren.

Die Entstehung und Ausbreitung der neokeynesianischen Auffassung von Geldpolitik haben wir in unserem FAZIT-Beitrag „Boston gegen die Bundesbank“ dokumentiert; hinzugefügt sei, dass ihr herausragender Vertreter in unserer Zeit der amerikanische Ökonom Michael Woodford ist. Was immer man davon hält: Es ist nach wie vor die in den meisten Zentralbanken dieser Welt, in Institutionen wie dem IWF und in den meisten Lehrbüchern dominierende Lehre. Man kann sie kritisieren, aber man darf sie nicht ignorieren.

Um diesen Beitrag nicht zu einer Broschüre ausufern zu lassen, müssen wir jetzt leider etwas Mathematik betreiben. Das neokeynesianische Modell lässt sich in drei Gleichungen zusammenfassen, die ein Grundgerüst bilden und deren Herleitung wir hier aus Platzgründen nicht bringen können. Wir orientieren uns in der Darstellung am Kapitel 4 des Lehrbuches von Peter Spahn und an einem Beitrag von Hans-Helmut Kotz („Geld und Kredit – konventionell und unkonventionell“) in der Francke-Festschrift; lesenswert ist zum Beispiel auch eine Einführung von Marvin Goodfriend.

 

Grundlagen des neokeynesianischen Modells

1. Wir haben als Angebotsfunktion für den Gütermarkt einer Volkswirtschaft eine um Erwartungen erweiterte Phillips-Kurve, die Austauschbeziehungen zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit beschreibt. Die Inflationsrate hängt ab von der erwarteten Inflationsrate und der Differenz zwischen dem aktuellen BIP und dem Vollbeschäftigungs-BIP, wobei ein Zusammenhang zwischen BIP und Arbeitsmarkt unterstellt wird. Dadurch, dass die aktuelle Inflationsrate unter anderem von der erwarteten Inflationsrate beeinflusst wird, beeinflusst hier die Zukunft die Gegenwart. Dieser intertemporale Ansatz ist ein wesentliches Merkmal moderner gegenüber vielen alten makroökonomischen Modellen:

p = pe +  a(y – y*)

2. Die Nachfrage am Gütermarkt hängt ab vom Vollbeschäftigungs-BIP  und dem Verhältnis von tatsächlichem und Vollbeschäftigungs-Realzins. (Andere Einflüsse auf die Güternachfrage wie die Staatsausgaben lassen wir der Einfachheit halber weg.) Veränderungen des Realzinses beeinflussen das Konsum- und Sparverhalten der privaten Haushalte und darüber die gesamte Wirtschaft:

y = y* – b(r – r*)

3. Nun brauchen wir eine Reaktionsfunktion für die Zentralbank, die in diesem Modell den kurzfristigen Realzins setzt. (Die Zentralbank setzt in der Praxis natürlich einen Nominalzins (i), aber beide Zinssätze sind verbunden (i = r + pe )). Die Reaktionsfunktion sieht so aus:

r = r* + c(p – p*) + d(y – y*)

mit:

y = Bruttoinlandsprodukt
p = Inflationsrate
r  = Realzins
*  = Zielwerte bei Vollbeschäftigung
pe = erwartete Inflationsrate
a,b,c,d = Koeffizienten

Durch eine richtige Zinssetzung sorgt die Zentralbank dafür, dass der Gütermarkt und damit die gesamte Volkswirtschaft in ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht gelangen. Zitieren wir Peter Spahn: „Eine stabilisierende Zinspolitik kann die Form einer Reaktionsfunktion annehmen, die aus zwei Kompenenten besteht. Die Notenbank setzt den kurzfristigen Geldmarktzins zunächst so, dass unter Berücksichtigung der laufenden Inflationsrate ein gleichgewichtiger Realzins erreicht wird. Das ist der Zins, bei dem der Güter- und Arbeitsmarkt langfristig geräumt ist; die Höhe dieses Zinses muss theoretisch oder aus empirischer Erfahrung ermittelt werden. Darüber hinaus muss der Notenbankzins auf Abweichungen der Inflation von ihrem Zielwert reagieren.“

Jetzt schauen wir uns noch einmal die Phillips-Kurve an:
p = pe +  a(y – y*)
Und wir erkennen, dass die Fed-Vorsitzende Janet Yellen in ihrer jüngsten Grundsatzrede über Inflation (in FAZIT hier behandelt) innerhalb dieses Paradigmas argumentiert. Auf mittlere Sicht spielt der Zustand der Konjunktur (sie erwähnte die Kapazitätsauslastung und den Arbeitsmarkt) eine Rolle. Dies wird durch den Term (y – y*) ausgedrückt. Nimmt man hingegen an, dass langfristig die Wirtschaft ihren Gleichgewichtszustand bei Vollbeschäftigung erreicht (y = y*), wird die aktuelle Inflationsrate ausschließlich durch die erwartete Inflationsrate pe  bestimmt! Auch darauf wies Yellen hin. Die Erwartungssteuerung durch die Geldpolitik wird damit ein zentrales Thema und dementsprechend finden Inflationserwartungen an den Finanzmärkten auch große Aufmerksamkeit.

Bleibt eine Frage: Geht das wirklich ohne Geld? Im neokeynesianischen Modell existiert explizit kein Geld und daher spielt auch die Geldmenge keine Rolle. Entscheidend ist der Nominalzins, den die Zentralbank setzt. Aber implizit enthält auch dieses Modell Geld, denn der Nominalzins ist jener Zins, der den explizit nicht genannten, aber implizit enthaltenen Geldmarkt ins Gleichgewicht bringt. Der Geldmarkt mit Geldnachfrage und Geldangebot ist da, aber er ist geldpolitisch und makroökonomisch irrelevant. Spahn schreibt: „Die Geldmenge taucht weder in der Angebots- noch in der Nachfragegleichung auf und hat folglich keinen direkten Einfluss auf die beiden endogenen Makrovariablen p und y. Nach Lösung des Modells könnte man die gleichgewichtige gewünschte Geldmenge aus der Geldnachfragegleichung ablesen. Jedoch ist diese Variable in dem hier betrachteten einfachen Modell ohne Interesse.“

 

Hilft das Geld mit der Güterpreis-Inflation?

Mithilfe einer Geldpolitik, die sich in der Praxis mehr oder weniger an diesem Modell ausrichtet, ist es gelungen, in den vergangenen Jahrzehnten die Güterpreisinflation nach unten zu schleusen. Tatsächlich sind die Inflationsraten in den Industrienationen seit Jahren so niedrig wie zuletzt vor vielen Jahrzehnten. Gleichwohl kann überlegen, ob eine zusätzliche Betrachtung von Geldmengen, wie es die EZB in ihrer von dem früheren deutschen Chefökonom Otmar Issing entwickelten Zwei-Säulen-Strategie unternimmt, wertvolle zusätzliche Informationen liefert. Damit hat sich Michael Woodford aus neokeynesianischer Sicht im Jahre 2006 auf einer Konferenz der EZB ausführlich auseinandergesetzt. Das zugehörige Paper kann man hier lesen und in Kurzform lautet die Antwort: Nein, die Betrachtung von Geldmengen liefert keine wichtigen zusätzlichen Informationen. (Dieses Resultat stellte Woodford ausgerechnet auf der EZB-Abschiedskonferenz für Issing vor, der immer seine Wertschätzung der Geldmenge als Indikator betont hat.) Im Jahre 2013 zeigten Teles/Uhlig empirisch, dass bei sehr niedrigen Inflationsraten ein Zusammenhang, der von der Geldmenge zum Güterpreisniveau führt, „bestenfalls dünn“ ist.

 

Hilft das Geld mit der Finanzstabilität?

Ist damit alles klar? Offenbar nicht. Seit der EZB-Konferenz im Jahre 2006 hat sich eine schwere Finanzkrise ereignet, als deren Folge das neokeynesianische Modell unter Beschuss geraten ist. Denn ihm fehlten Analysen von Finanzmärkten. Kotz, der die Krise im Vorstand der Deutschen Bundesbank erlebte, wo er unter anderem für Kapitalmärkte zuständig war, erinnert sich in dem oben erwähnten Aufsatz: „Fragwürdig war das Modell aber nicht nur, weil es die heranziehende Finanzkrise nicht diagnostizieren konnte, mithin auch keine gegenwirkenden Maßnahmen entwickeln konnte. Mindestens ebenso kritisch war, dass seine Anwender, da sie keine Probleme zu sehen vermochten, das zügige Gegenhalten, wie es von den Marktoperateuren in den Notenbanken immer nachhaltiger gefordert wurde, eher verlangsamten.“

Seitdem versuchen viele Ökonomen, makroökonomische und finanzökonomische Analysen zu verbinden – über dieses „Macrofinance“ getaufte Gebiet schreiben wir in FAZIT recht häufig. (Zum Beispiel hier und hier und hier.) In manchen dieser Analysen taucht auch die Geldmenge wieder auf; aber weniger im Zusammenhang mit der Analyse von Güterpreisinflation, sondern häufiger im Zusammenhang mit Vermögenspreisinflationen und Gefahren für die Finanzstabilität. In diesem Zusammenhang wird auch wieder der Jahrzehnte verschüttete Unterschied zwischen Zentralbankgeld („outside money“) und Geschäftsbankengeld („inside money“) herausgearbeitet.

Mittlerweile existieren zahlreiche neokeynesianische Modelle, an die Elemente eines Finanzsektors quasi angeflanscht wurden. So stammt von Benjamin Friedman die Idee, die drei Grundgleichungen des Modells um eine vierte zu ergänzen, in der zwischen dem Zentralbankzins und den Marktzinsen unterschieden wird, weil auf die Marktzinsen unter anderem Ausfall- und Laufzeitprämien einwirken. Ob diese Strategie Erfolg verspricht oder ob das neokeynesianische Modell grundlegender in Frage gestellt werden muss, bleibt vorerst umstritten. Jedenfalls stellte Friedman 2013 mit Blick auf das traditionelle neokeynesianische Modell fest: „The gap between the models and the world of monetary policymaking is now wider than at any time since the 1930s.“ Mit dem Erreichen der Nullzinsgrenze in der Praxis haben sich auch Neokeynesianer mit der Frage befasst, ob der Einsatz der Zentralbankbilanz, also von „outside money“, etwa durch Ankäufe von Wertpapieren spürbare Effekte haben kann, aber zumindest Woodford ist sehr skeptisch geblieben. Die Tatsache, dass es Zentralbanken wie der EZB und der Bank of Japan offenbar nur schwer gelingt, trotz umfangreicher Wertpapierankäufe die Inflation zu heben, ist mit der neokeynesianischen Lehre eher vereinbar als mit der Geldmengenlehre.

In der ursprünglichen Frage, ob man Geld zur Erklärung der Güterpreisinflation benötigt, haben zumindest in unserer Welt sehr niedriger Inflationsraten die Neokeynesianer den Sieg über die Geldmengenanhänger davon getragen. Sobald jedoch Fragen der Finanzmärkte und der Finanzstabilität ins Blickfeld geraten, wirken auch die Neokeynesianer angreifbar – daher wollen sie Fragen der Finanzstabilität nicht als geldpolitische Aufgabe verstehen, sondern als Aufgabe einer Regulierungspolitik. In dieser Hinsicht existiert bis heute kein Konsens unter Ökonomen.

In der theoretischen Ökonomik gilt ein klares Prinzip: „It takes a model to beat a model.“ Solange kein neues mächtiges Paradigma vorliegt, bleibt das neokeynesianische Paradigma dominierend. Und wer es herausfordern will, braucht mehr als berechtigte Kritik, sondern eine für Ökonomen und Geldpolitiker überzeugende Alternative.

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12 Lesermeinungen

  1. Alternative
    „In der theoretischen Ökonomik gilt ein klares Prinzip: „It takes a model to beat a model.“ Solange kein neues mächtiges Paradigma vorliegt, bleibt das neokeynesianische Paradigma dominierend. Und wer es herausfordern will, braucht mehr als berechtigte Kritik, sondern eine für Ökonomen und Geldpolitiker überzeugende Alternative.“
    Ein neues Paradigma würde notwendig die Forschung von Jahrzehnten überflüssig machen und damit auch deren Vertreter. Werden diese Interesse an der Entwicklung einer möglichen Alternative besitzen?
    Nachdem die nutzemaximierenden Wesen, die man noch nich empirisch beobachten konnte, im Denken und Handeln verinnerlicht sind, werden sie auch analog zu diesen nicht existenten Wesen versuchen zu handeln und wenig Interesse zeigen.
    Was passiert eigentlich wenn ein neues Paradigma sozusagen das Rad neu erfinden müsste, aber etablierte Ökonomen, ob ihres im Laufe ihrer Karriere angeeignetem Wissen (das was sie dafür halten) nicht mehr in der Lage sind vollständig umzudenken?

    Und selbstverständlich braucht man eine explizite Vorstellung von Geld für Geldpolitik. Allein die Geldfunktion als Zahlungsmittel impliziert, dass bei praktisch jeder Transaktion in einer arbeitsteiligen organisierten und dadurch hochspezialisierten Wirtschaft eine Form von Geld eingesetzt wird. Im übertragenen Sinne handelt es sich bei Geld wenigstens um die andere Seite der Medaille (der Transaktion). Die Abstraktion von Geld und Modellierung von Transaktionen in Gütern, Erwartungen, etc. mögen bequem sein, nur zielführend im Sinne von ökonomischen Verständnis und Wissen sind sie nicht. Wieder in Analogie zur Medaille wird dadurch ledigich auf die zweidimensionale Oberfläche einer Seite der Medaille geschaut und die Existenz der Medaille als dreidimensionale Figur gar nicht erst in Erwägung gezogen oder in Abrede gestellt.

    Ein monetäres gesamtwirtschaftliches Phänomen, was man mit entsprechendem Verständnis sofort realisiert und vom neokeynesiansichen Paradigma vollständig in Abrede gestellt wird, ist bspw. dass Konsum keine Investition ist.
    Was einen ohne entsprechendes Verständnis aber wenigstens nachdenklich machen sollte ist, dass zwar das erforderliche monetäre Zahlungsmittel von Transaktionen prinzipiell grenzenlos erzeugt werden kann aber man nicht gleichzeitig, die erforderlichen Güter (- nämlich unendlich viele Güter), die mithilfe des monetären Zahlungsmittels ausgetauscht werden sollen, zur Verfügung stehen können.

    • Alternativen sind möglich
      Vor dem Neokeynesianismus hatten unterschiedliche theoretische Schulen wie der Altkeynesianismus und der Monetarismus Geldpolitik als Veränderung der Basisgeldmenge, also als Mengenpolitik, wahrgenommen. Die Zentralbank betrieb unmittelbar keine Zinspolitik, sondern der Geldzins entstand aus Änderungen der Geldmenge.

      Der Neokeynesianismus stellt mit der alten Auffassung einen deutlichen Bruch dar, weil die Geldpolitik nun Zinspolitik betreibt und sich die Geldmenge an den Zins anpasst. Dies folgte auf das Scheitern der alten Geldmengenpolitik in der Praxis.

      Wenn ein Modell in der Praxis nur noch schlecht funktioniert, entstehen Anreize für Theoretiker, neue Modelle zu bauen. Erst gestern ist laut Twitter ein Ökonom auf einer Konferenz in Boston regelrecht gefeiert worden, der sich gegen eine geldpolitische Reaktionsfunktion von der Art wandte, wie sie oben in meinem Text beschrieben wurde.

      Gruß
      gb

    • Mögliche Alternative
      Ablehnung der Taylor-Regel und Änderung der Steuerungsvariable weg von der Geldmenge hin zum kurzfristigen nominalen Zins entspricht nicht dem Bruch, den ich vor Augen habe. Eine Alternative zu Ersterem behält vermutlich den grundsätzlichen keynesianischen Modellierungsansatz bei und konkretisiert die Taylor-Regel oder formuliert endogene Entscheidungsregeln der Zentralbanken. Zweiteres behielt diesen Modellierungsansatz ebenfalls bei, erweiterte und kombinierte ihn aber mit anderen und neueren Ideen, was meinem Verständnis nach eher einer Weiterentwicklung entspricht als einem Bruch bzw. einem neuen Paradigma.

      Was ich vor Augen habe, bricht vollkommen mit dem Modellierungsansatz der in den 1930iger Jahren entwickelt und seit dem meiner Ansicht nach lediglich verschiedenartig weiterentwickelt wurde (AS-AD, IS-LM, RBC, DSGE, etc. sind Beispiele für diesen grundsätzlich gleichen Modellierungsansatz).

      Ich spreche hier übrigens von einem Modell, dass ich selbst entwickelt habe, das sich aber noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befindet. Leider ist es in seiner primitivsten / allgemeinsten Form schon nicht mehr verstanden worden, weil es unter Anderem nicht die gewohnten sektoralen Entitäten definiert (HH, Unternehmen, Staat, Banken), den gesamten, makroökonomischen Modellen unterliegenden mikroökonomische Funktionsapparat (und die dazugehörigen Präferenzaxiome) übergeht, nicht vollständig zweidimensional darstellbar ist, da es die Logik von Marshall-Kreuzen („Marktdiagrammen“) nicht anwendet, und zu guter Letzt noch eine um Umsätze erweiterte und inter-temporale Buchhaltungsidentität (VGR) nutzt, die mit dem angwandten Verständnis von Y = C + I differiert.

      Interessanterweise tätigt schon die primitivste Form des Modells einige interessante Aussagen hinsichtlich der Wirksamkeit von Geldpolitik. Da bspw. Geld(menge) und seine Verwendung innerhalb des ökonomischen Prozesses explizit dargestellt sind, besagt es vereinfacht ausgedrückt, dass expansive Geldpolitik (egal ob Geldmengensteuerung oder Zinssteuerung) bestenfalls eine Art „temporäre Nacherwirtschaftung“ von realen Gütern bewirkt, die sich notwendig wieder verflüchtigt, sobald die zusätzlichen Aktivitäten finanzierenden zusätzlichen Geldmittel dem Prozess wieder entzogen werden müssen bzw. keine expansive Geldpolitik mehr betrieben wird.

      Konsequent folgt daraus, das Geldpolitik, Geldpolitiker und entsprechende Institutionen bestenfalls überflüssig sind.
      Keine guten Aussichten für das Modell irgendwann als Alternative zum (neo)keynesianischen Paradigma von Ökonomen und Geldpolitikern angenommen zu werden – denn es erfordert vollständiges Umdenken von Ersteren und besagt das Zweitere bestenfalls redundant sind.

      PS: Falls Sie sich das Modell mal anschauen wollen: „Hayekian Relational Model“ (academia.edu). Auf S. 38-39 findet sich eine kompakte Übersicht des Modellls. Der Rest der Arbeit beschäftigt sich mit einem ersten Erklärungsansatz (unter Berüksichtigung einiger Prüfungsanforderungen an eine Abschlussarbeit, in der ich das Modell mal testweise vorgestellt habe, um Feedback zu erhalten).

    • Ich habe Ihr Paper einmal überflogen, ohne jedes Detail zu studieren. Ob die Alternative im Jahre 2015 in Hayek’schen Dreiecken (mit denen ich mich vor vielen Jahren einmal beschäftigt habe) zu suchen ist, mögen Spezialisten beurteilen. Immerhin wäre es der Österreichischen Schule in ihrem aktuell deplorablen Zustand zu wünschen, dass sie mehr Leute anzieht, die bereit sind, ernsthaft theoretisch und empirisch zu arbeiten und dabei zeitgenössischen formalen Ansprüchen zu genügen. In diesem Sinne: Viel Erfolg!
      Gruß
      gb.

    • Alternative vs. Weiterentwicklung
      Vielen Dank.
      Nur ist eines der Hauptprobleme, so wie es sich im Moment äußert, dass es keinen Spezialisten dafür gibt, weil sich der technische Ansatz außerhalb der „zeitgenössischen formalen Anforderungen“ bewegt (bedingt durch den radikalen Bruch mit den vorher bespielhaft genannten etablierten Ansätzen wie Marktdiagrammen) und niemand bereit ist, sich damit mal intensiver zu befassen, statt dies irgendwem anderen (einem „Spezialisten“) zu überlassen.

      Daraus lässt sich mit Bezug zum Blog durchaus folgern, dass eine Alternative zum neokeynesianischen Modell nicht zu neu sein darf oder anders formuliert, auch neokeynesianische Ansätze beinhalten muss.
      Daraus folgt, dass eine Alternative systematisch eher einer Weiterwentwicklung zu entsprechen hat, als einem Bruch bzw. einem neuen Paradigma.
      Wie soll man diesem gedanklichen Käfig entkommen?

  2. Antwort zur Antwort von gb am 30-9-15
    Danke für die umgehende Antwort, lieber Herr Braunberger! Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, daß Y ungleich Y* ist, mit Y < Y*? Dann würde bei P^e = 0 daraus folgen, P ist ungleich Null, nämlich negativ. Das hieße dann Deflation.

    Für Vermögenspreise kann man sicher nicht von sinkenden Preisen sprechen. Bei Immobilien mit Ertragsaussichten und Vertrauen in Werterhalt haben wir kräftige Steigerungen, die sogar auf Verbrauchspreise (Mieten) deutlich durchschlagen. P^e dürfte hier sogar über Null liegen. Allerdings fragt man sich, ob Erwartungen wirklich so eine wichtige Rolle spielen; und wäre es tatsächlich so, gerät das Ganze zu einem grauenhaften Glücksspiel mit möglicherweise katastrophalem Ausgang. Nach der Weltkrise ist dann vor der Weltkrise.

    • Inflationserwartungen
      Einige Ökonomen vertreten die Ansicht sind, dass die seit Jahren leicht positiven Inflationserwartungen ein wesentlicher Grund sind, warum wir bis heute keine ernsthafte Deflation erlebt haben.

      Man sieht mittlerweile allerdings Folgendes: Die kurzfristigen Inflationserwartungen sind stark mit dem Ölpreis korreliert. Für die längerfristigen Inflationserwartungen, auf die ich mit der Break-even-Inflationsrate, abgestellt habe, gilt dies nur eingeschränkt.

      Zu beachten ist noch, dass die Inflationsrate, wenn man die stark schwankungsanfälligen und von der Geldpolitik nicht zu kontrollierenden Energie- und Nahrungsmittelpreise herausnimmt, auch heute noch leicht positiv ist. Das ist ja ein wesentlicher Grund, warum die Fed eine Leitzinserhöhung noch im Dezember erwähnt.

      Gruß
      gb

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  4. Titel eingeben
    In der Realität haben wir p=0, y~konstant, pe=0, y* ungleich y.

    Was besagt das nun angesichts jahrelanger Geldmengenvermehrung und andauernder Zinsabsenkung bis auf Null? Ich bin gespannt.

    • Titel eingeben
      Es könnte besagen, dass Geldpolitik an der Nullzinsgrenze nur noch eine beschränkte Wirkung entfaltet.

      pe liegt in den Vereinigten und in der Eurozone zwischen 0 und 2, wenn man aktuelle Break-even-Inflationsraten heranzieht.

      Gruß
      gb

  5. Die Leuchtturm wieder bemannt!
    Es war mir ja schon zumute .Ein Leuchtturm auf ein weit entfernten Insel ,wo der Wärter sich immer beschäftigt,bedroht und umspült mit Wogen die die Nationalökonomie nur verstehen als einer Rechtfertigungsversuch und – Lehre,mit kritische Betrachtungen der reine Wirtschaftstheorie.Und die Wärter ist wieder da ,das heißt wieder ernsthafte und lesenswerte Artikeln der reinen Vernunft.Ein Seltenheit ,nicht nur betreffende Zeitungen.
    Ihr Artikel lesende käme mir Montesquieus Wörter im Sinne ,Buch XXII über das Recht und Geld ,De l’Esprit des Lois,1748.Insbesondere Teil 2 was bedeutet in Essenz Geld.

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