Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ein Nobelpreis für den Helfer der Armen

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Angus Deaton© dpaAngus Deaton

Er hilft den Ärmsten der Welt aus der Armut und versteht, wie die reichen Länder ihr Geld ausgeben: Wirtschafts-Nobelpreisträger Angus Deaton. Doch eigentlich bekommt er den Preis für seine Denkhaltung.

Wenn aus aller Welt die Flüchtlinge nach Europa strömen, dann sagen viele Leute: Wenn nur die Situation in den Herkunftsländern besser wäre, dann kämen weniger Flüchtlinge – da müssen wir doch irgendetwas tun! Schon beginnt das Problem. So sieht es zumindest Angus Deaton, der für seine Forschung den Wirtschaftsnobelpreis erhält.

„Wir müssen irgendetwas tun“ ist einer der irreführenden Sätze, gegen die Deaton kämpft. Zum Beispiel in der Entwicklungshilfe. In seinem jüngsten Buch (hier die Vorstellung in „Fazit“) rechnet Deaton vor: Damit die Ärmsten über die Schwelle von einem Dollar Kaufkraft am Tag kommen, müssten Briten, Franzosen, Japaner und Deutsche gemeinsam 15 Cent je Kopf und Tag zahlen. Das Geld ist nicht so schwer aufzubringen – tatsächlich mangelt es daran, dass das Geld richtig eingesetzt wird. Viel zu oft richte gerade die Entwicklungshilfe mehr Schaden an, als sie nutzt. Krankheitsbekämpfung sei sinnvoll. Ansonsten gelte: Wenn die armen Staaten nicht durch Zölle vom Welthandel ausgeschlossen würden, könnten sie sich selbst helfen.

Es sind solche Sätze, mit denen Deaton immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. Nicht nur in der Entwicklungshilfe, sondern vorher auch in der klassischen Makroökonomik. Überall hat er seine Spuren hinterlassen, für die er jetzt ausgezeichnet worden ist – und alle Spuren haben eines gemeinsam: Deaton lässt sich nicht von den Ideologien leiten, sondern er schaut sich einfach mal an, was in der Welt los ist. So kommt er oft auf die Ideen, auf die weder die anderen Ökonomen noch ihre schärfsten Kritiker gekommen waren. Immer wieder entwickelt er aus daraus politisch machbare Vorschläge – ein Punkt, den die Preisjury besonders lobt.

Er kritisiert erst, dann macht er’s besser

So zum Beispiel in den neunziger Jahren: Der große Monetarist Milton Friedman hatte die Theorie aufgestellt, die vereinfacht sagt: Wie die Menschen ihr Geld heute ausgeben, hängt nur zum kleinen Teil vom heutigen Einkommen ab. Stattdessen berücksichtigen sie ganz rational, wie viel Geld sie früher verdient haben und welches Einkommen sie in Zukunft erwarten. Es ist die „Hypothese vom permanenten Einkommen“. Deaton fand das nicht überzeugend. Aber er qualifizierte die These nicht pauschal als Unsinn ab, um sich anschließend abzuwenden. Sondern er untersuchte, wie die Menschen ihr Geld tatsächlich ausgeben. Er stellte fest, dass man weniger den Durchschnitt betrachten muss als die einzelnen Menschen. Und er beließ es nicht bei der Kritik, sondern stellte eine verfeinerte Theorie auf, die besser funktioniert.

Diese Geisteshaltung zieht sich durch Deatons Arbeit auf den unterschiedlichsten wirtschaftlichen Feldern.

Von vielen anderen Volkswirten seiner Generation unterscheidet er sich dadurch, dass er genauer hinguckt und auf die Daten hört. Von vielen Pauschalkritikern der Volkswirtschaftslehre unterscheidet er sich dadurch, dass er Wert auf die Daten legt und sich davon leiten lässt. „Man muss verstehen, wie die Leute ticken“, sagt er selbst.

Zum Beispiel in der Glücksforschung: Mehr Geld macht immer glücklich, sagt die alte Makroökonomik. Die Kritiker sagen: Reichtum macht nicht glücklich. Angus Deaton guckt genauer hin. Gemeinsam mit dem früheren Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat er festgestellt: Ab einem gewissen Reichtumsniveau bringt Geld kein kurzfristiges Glück mehr, die Oberschicht ist auch nicht besser gelaunt als die Mittelschicht. Aber wenn es darum geht, dass die Menschen einen Schritt zurücktreten und ihr eigenes Leben bewerten, dann kann es ihnen nie genug Geld sein.

Hier sind weitere Lesetipps zu Angus Deaton:

Und ein Kommentar von Twitter anlässlich der Debatte über die Abschaffung des Wirtschafts-Nobelpreises:

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