Home
Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wirtschaftsnobelpreis abschaffen?

| 31 Lesermeinungen

Ein angesehener schwedischer Forscher fordert, den Wirtschaftsnobelpreis abzuschaffen. Sein Argument ist hart: Wirtschafts-Absolventen seien korrupter als andere Leute.

Die Medaille von Wirtschafts-Nobelpreisträger Dale Mortensen© dpaDie Medaille von Wirtschafts-Nobelpreisträger Dale Mortensen

Die Attacke kommt zum richtigen Zeitpunkt: Heute Nachmittag vergibt die Schwedische Wissenschaftsakademie den Wirtschaftsnobelpreis, und am Morgen fordert eines ihrer prominenteren Mitglieder dessen Abschaffung. Mit einem ganz neuen Argument.

Denn die Abschaffung an sich wird ständig gefordert. Die Position der Wirtschaftswissenschaften war immer schwächer als die der anderen Nobelpreis-Disziplinen. Die anderen stammen aus dem Erbe des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel, der in seinem Testament verfügt hat, sie sollten an die Menschen gehen, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht hätten. Dabei definierte er auch die Disziplinen – und die Ökonomik fehlte. Nobel selbst soll die Ökonomen sogar gehasst haben.

Doch 1968 stiftete die schwedische Reichsbank, die Nationalbank Schwedens, zu ihrem 300-jährigen Bestehen einen weiteren Preis: den „Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel“. Seit 1969 wird er nach dem gleichen Muster vergeben wie die Preise für Chemie und Physik, und zwar von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Dass die Wirtschaftswelt so auf den Preis guckt, liegt sicher nicht nur daran, dass es ein Nobelpreis ist – sondern auch daran, dass der Nobelpreis die bedeutendste Auszeichnung für Ökonomen ist.

Selbst das hat dem Preis schon Kritik eingetragen. Einer der ersten Preisträger, Friedrich August von Hayek, glaubte so sehr an das verteilte Wissen, dass er selbst die Abschaffung des Preises forderte – er gebe seinen Trägern zu viel Autorität. Andere kritisierten, dass der Preis (ähnlich wie die Preise für Literatur und Frieden) immer auch eine politische Dimension hat.

Sind Wirtschaftswissenschaftler korrupter?

Rothstein argumentiert jetzt anders. Er selbst hat keine formale Position innerhalb der Akademie über seine Mitgliedschaft hinaus, gehört aber zu den angeseheneren Politikwissenschaftlern des Landes. Dieses Ansehen hat er sich unter anderem mit seiner Arbeit über Korruption erworben. Jetzt argumentiert er in einem Gastbeitrag in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter auf Grundlage mehrerer Studien: Absolventen der Wirtschaftswissenschaften seien korrupter als andere Leute. Dabei geht es ihm nicht um Befangenheitsvorwürfe gegen Forscher, gegen die die Ökonomen schon einige Transparenzinitiativen gestartet haben. Nein, Rothstein geht es um die Absolventen.

Er beruft sich dabei zum Beispiel auf eine Studie des Münsteraner Ökonomen René Ruske, der ausgezählt hat, dass im amerikanischen Kongress in den Jahren 2005 bis 2009 die Abgeordneten korrupter gewesen seien, die Volkswirtschaft studiert hatten – zumindest nach Ansicht der Transparenzorganisation „Crew“.

Moral-Probleme unter Volkswirten und auf Märkten werden schon seit einiger Zeit thematisiert. Armin Falk und Nora Szech sind nach einem – umstrittenen – Experiment mit Mäusen davon überzeugt, dass der Markt Moral zersetzt. Volkswirte selbst gelten schon seit 1993 als egoistischer als andere Menschen.

Und was hat das mit dem Nobelpreis zu tun?

Aber liegt das am Studium? Oder nur daran, dass egoistische Leute eher Wirtschaftswissenschaften studieren? Rothstein schiebt solche Effekte darauf, dass Studenten viel über den „Homo oeconomicus“, den hyperrationalen, egoistischen Menschen, lernen. Yoram Bauman und Elaina Rose haben diese Frage allerdings schon 2009 untersucht – ihr Ergebnis: Wer im Nebenfach VWL studiert, wird tatsächlich während des Studiums egoistischer. Hauptfach-Studenten nicht.

Bleibt die Frage, ob die Abschaffung des Nobelpreises überhaupt die richtige Reaktion wäre. Sehen wir mal auf einige Nobelpreise der vergangenen Jahre, zum Beispiel für Elinor Ostrom, Robert Shiller oder Daniel Kahneman: Der Nobelpreis hat damit auch transparent gemacht, dass es in der Volkswirtschaft schon lange nicht mehr nur um den „Homo Oeconomicus“ geht.

Update: Den Preis in diesem Jahr hat Angus Deaton bekommen. Wir stellen ihn hier vor.

Das Blog:


Der Autor:


3

31 Lesermeinungen

  1. Wissenschaft und Weisheit
    Kriterien oder Merkmale einer Ehrenbezeichnung ,darüber lässt sich streiten ,lässt sich würdevoll streiten.Aber doch nicht mit inquisitorische Mitteln ,oder…!?

    Wertkonflikte oder die Verhältnisse von Gesichtspunkte lassen sich besser verstehen wen ein jeder die sich selber zuständig bewertet die Wirtschaftswissenschaft in Bausch und Bogen verurteilen zu können sich die Mühe gibt einiges in das Liber Proverbiorum und insbesondere die einzigartige Gedanken einer der wichtigsten Denker und Mathematiker , Blaise Pascal überdenken wollen [La Place de L’Homme Dans La Nature:Les Deux Infinis].

  2. Wirtschaftswissenschaft? Ein Widerspruch in sich!
    Es ist vielleicht möglich, mit wissenschaftlichen Methoden, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erforschen, Rückwirkend wie z.B in den Geschichtewissenschaften usw.Prozesse zu analysieren, interpreteiren, Zusammenhänge zu suchen… aber dann hört es auf!
    .
    So wenig wie alle anderen Gesellschaftwissenschaften, kann die ÖKONOMIE Rezepte, Handlungsemofehlungen usw. finden gar als „richtig&faslch“ postulieren.
    .
    Sobald sich dieser Fachbereich aus dem „Vergagenen“ löst, wir er Theologie(r)!
    .
    Prognosen, gar Handlungsempfehlungen, Theorien…. kann dieser Teilbereich der Gesellschaftwissenschaften genau so wenig liefern wie die anderen Teilbereiche auch!
    .
    In der Medizin gibt es einen bösen Spruch: Erst der Pathologe ist sicher.
    .
    Selbst das haben die WiWi bis heute nicht geleistet wenn man sich die Aufarbeitung der „Probleme“ der letzten 50 Jahre so anschaut.
    .
    Preis abschaffen JA und auch die Wichtigkeit dieser „Wissenschaft“ auf das zurückführen was sie wirklich ist und kann: Dienstleister, Hilfsmittel für den wirtschaftlichen Alltag!
    .
    Meint
    Sikasuu

  3. Wissenschaft?
    Davon kann nicht die Rede sein, warum? Seit der Analyse von Karl Marx kam keine Theorie zum Zug, die einen gemäßgten menschenfreundlichen Kapitalismus mit festen Regeln hätte schaffen können. Zuviele Widerstände der Mächtigen. Daher wurde nur herumgedoktert an einem untauglichen System, das den freiheitlichen Verfassungen widerspricht. Die sogenannten Wirtschaftswissenschaftler sind nicht nur korrupt, sie sind Lakaien der mächtigen Raubkapitalisten.

    • Herr Rupp
      Sagen Ihnen Kaynes oder Friedmann etwas?
      Und gemäßigte Marktwirtschaft klingt fast wie gemäßigte/gelenkte Demokratie.

  4. Abschaffung einzige Antwort
    Kann der Abschaffung nur zu stimmen wenn man sich die
    Arbeiten der Preisträger ansieht lässt das doch in den
    meisten Fällen nur den Schluss zu das sie politisch
    gewollt sind um das System theoretisch zu stützen vieles was diese
    Herren von sich geben ist absoluter Nonsens und hat nichts mit
    wirklich wissenschaftlicher Arbeit zu tun wie Chemie Medizin etc
    im Gegenteil viele dieser Herren sind an den Krisen der letzten
    Jahrzehnte beteiligt darum kommen ja auch die meisten Preisträger
    aus den USA ( bin selbst Betriebswirt)

  5. Pingback: „Gier“, oder die fehlende Einsicht des nichtwissenschaftlich denkenden Subjekts

  6. Nicht abschaffen, aber aussetzen
    Korruption ist ein Aspekt. Bedeutsamer sind aber die Defizite im Geldsystemverständnis. Solange keine in sich konsistente Geldtheorie seitens der Ökonomenzunft vorgelegt wird, sollte der Nobelpreis für dieses Segment ausgesetzt werden, damit er nicht in der völligen geistigen (Geld)Leere sein hilfloses Dasein fristen muss und seine Bedeutung im Nirwana der Beliebigkeit verliert. Zur Problematik gab es hier im Fazit zuletzt mehrere kritische Beiträge und Kommentare; auch von mir: http://blogs.faz.net/fazit/2015/09/02/illusionen-ueber-geldpolitik-6429/#comment-5041

    Apropos Shiller und Hayek: Shiller hatte 2013 den Nobelpreis zusammen mit Fama erhalten. Eine solche Schizophrenie hatte es schon einmal gegeben, nämlich als 1974 Gunnar Myrdal und Friedrich August von Hayek den Preis zusammen überreicht bekamen. Die keynesianische Krisenkakophonie von damals ist die neoliberale von heute.

    LG Michael Stöcker

    • Müsste man nicht auch den Medizinnobellpreis abschaffen
      solange kein Medikament gegen Krebs gefunden wurde?

    • Klares Nein!
      Dies müsste/sollte nur dann gemacht werden, wenn die Krebsforschung nicht ganz oben auf die Agenda gesetzt würde. Beim Thema Geld besteht aber offensichtlich kein Interesse oder aber auch kein Mut: http://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/wir-sind-zum-helokoptergeld-verdammt/

      LG Michael Stöcker

    • Herr Stöcker
      Wurde die Krebsforschung ganz oben auf die Agenda gesetzt und wenn ja, von wem?
      Andererseits, wenn Ihnen das Thema so wichtig ist, forschen Sie selbst nach einer besseren Geldtheorie?

    • nutzlose Geldtheorie
      Nunja, man kann argumentieren, dass eine Geldtheorie für sich genommen auch wenig erkenntnisreich ist bzw. sein kann.
      Selbst wenn man verstanden hat, wie Giralgeldschöpfung funktioniert, oder eben nicht funktioniert, hilft einem das auch nicht viel, wenn man nicht weiß, warum Geld existiert oder gar dem Gedanken anhängt, Giralgeldschöpfung wäre in irgendeiner Weise erforderlich für Güterschöpfung / Wachstum.

    • @ nutzlose Geldtheorie
      „Nunja, man kann argumentieren, dass eine Geldtheorie für sich genommen auch wenig erkenntnisreich ist bzw. sein kann.“

      In der Tat, das kann man und sollte man.

      „…oder gar dem Gedanken anhängt, Giralgeldschöpfung wäre in irgendeiner Weise erforderlich für Güterschöpfung / Wachstum.“

      Oh ja, diesem Gedanken hänge ich nicht nur an, sondern ich bin der festen Überzeugung, dass dem auch so ist! Denn dies macht ja gerade den erfolgreichen Kapitalismus aus: http://think-beyondtheobvious.com/stelter-in-den-medien/die-wahren-gruende-der-wirtschaftskrise/#comment-14876. Ein Rückfall in sowjetische Barter-Geschäfte ist wohl auch kaum in Ihrem Sinne.

      LG Michael Stöcker

    • Titel eingeben
      Ich weiß, dass Sie dieser Ansicht sind, ich lese ja Ihren Blog.
      Und sie ist meiner Ansicht nach im buchstäblichen Sinne verdreht bzw. drehen Sie und andere (Postkeynesianer?) die logische Wirkungskette der Güter- und Geldentstehung einfach um. Ein Fehler den man sehr schnell machen kann, wenn man sich den gegenwärtig praktizierten Geldschöpfungsprozess anschaut, der genau das wider aller Vernunft macht – Geldschöpfung der Güterschöpfung (auch in Form von Kapitalien) vorlagern.
      Verstärkt wird dieser Effekt noch von Bilanzen, die notwendig von Zeit abstrahieren und darüberhinaus nur Identitäten abbilden, die ebenfalls von Wirkungsketten abstrahieren.
      Genau das meine ich, wenn ich sage, dass eine Geldtheorie ohne direkten Bezug zu einer nennen wir es mal „Gütertheorie“ wenig erkenntnisreich ist – zu schnell verwechselt man Ursache und Wirkung.
      Bspw. sind vereinfacht gesagt Güter notwendige Bedingung für Geldververwendung; umgekehrt gillt das aber nicht, ob der Möglichkeit von reinen Tauschwirtschaften, die kein Geld-/Tauschmittel erfordern.

      Und mit Bezug auf Ihren verlinkten Kommentar: Kapitalismus ist nicht schuldengetrieben. Wie der Name eigentlich verrät ist Kapitalismus von Kapital getrieben. Und das meint nicht beliebig vermehrbare Geldeinheiten („Geldvermögen“ oder Fremdkapital), sondern produzierbare Faktoren (Güter), die produktiv eingesetzt werden können, um konsequent irgendwelche Konsumbedürfnisse zu befriedigen, die man mit beliebig vermehrbaren Geldeinheiten erwerben KANN (nicht muss, man kann einfache Kapitalien auch selbst erzeugen).
      Diese kann man dann gerne auch mal nach ihrer abstrakten Eigentümerschaft in „Eigenkapital“ und „Fremdkapital“ kategorisieren, aber notwendig ist diese Unterscheidung nicht, geschweige denn, dass sich daraus irgendetwas Notwendiges für Güterschöpfung ergibt.

    • Herr Hirtenbach,
      die Krebsforschung wurde von vielen Seiten ganz oben auf die Agenda gesetzt. Hier nur zwei prominente deutsche Beispiele: http://www.dkfz.de/timeline/#1 und http://www.krebsgesellschaft.de/deutsche-krebsgesellschaft/ueber-uns/geschichte.html . Weitere Beispiele findet jeder selber.

      Zudem hat selbstverständlich auch die Pharmaindustrie an diesem Massenmarkt ein sehr großes Interesse. Beim Geld ist es genau umgekehrt. Je unverständlicher für die Allgemeinheit, desto größer das Missbrauchspotenzial. Würden wir es besser verstehen, dann würde auch der Missbrauch stärker eingeschränkt werden.

      Zu Thema bessere Geldtheorie: Da gibt es einige, die mir hier weit voraus sind (insbesondere Perry Mehrling, der einen kompletten Online-Kurs anbietet: http://www.perrymehrling.com/1-the-four-prices-of-money/ ); zudem bin ich beruflich leider zu sehr anderweitig eingespannt. Aber ich versuche zumindest für ein wenig Aufklärung zu sorgen. Denn eine Änderung wird es nur mit einer breit aufgeklärten Öffentlichkeit geben. Hier bin ich ganz auf der Linie von Martin Hellwig: http://www.wirtschaftsdienst.eu/veranstaltungen/veranstaltung.php?id=56 .

      LG Michael Stöcker

    • Herr Schmidt,
      der Kapitalismus ist/war vor allem deshalb so erfolgreich, weil er große und kleine Projekte in der Zeit vorfinanzieren konnte. Und er war umso erfolgreicher, je besser das Bankensystem organisiert war. Das hat nicht nur die Österreichische Schule bis heute nicht verstanden, die immer noch die Tauschmittelfunktion des Geldes hervorhebt und die Zentralbanken abschaffen möchte, obwohl wir schon lange nicht mehr am Flussufer Äpfel gegen Bananen tauschen.

      Geld ist aber kein Tauschmittel, sondern der Standard, mit dem Forderungen und Verbindlichkeiten ausgeglichen werden. Solche Forderungen und Verbindlichkeiten wurden durch den Wechsel (=abstraktes Zahlungsversprechen, das auf die nahe Zukunft gerichtet ist) übertragbar und wurden durch den Bankkredit auf einer höheren Geldhierarchiestufe weiter ökonomisiert und vereinfacht somit den Zahlungsverkehr (= Ausgleich von Forderungen und Verbindlichkeiten) ungemein: https://soffisticated.wordpress.com/2014/09/24/nachgedacht-monetare-markttheorie/. Diese monetäre Ignoranz der Mainstream-Ökonomie (und auch der „randständigen“ Österreichischen Schule) ist für das aktuelle Desaster mitverantwortlich: http://www.fuw.ch/article/nmtm-die-grosse-illusion-2/

      Ich bin auch keiner bestimmten Schule zuzuordnen. Große Übereinstimmungen finde ich allerdings mit dem Monetärkeynesianismus, dessen bedeutendster Vertreter in Deutschland z. Z. Peter Spahn ist: http://blogs.faz.net/fazit/2015/09/14/bachmanns-konferenzgefluester-5-was-heisst-hier-mainstream-6514/comment-page-1/#comment-5086.

      Da ich Sie (noch?) nicht zu überzeugen vermag, hilft ja vielleicht dieser Aufsatz von Daniel Stelter: http://think-beyondtheobvious.com/schulden-sind-gut/

      Übrigens: Die Eigentümerschaft ist selbstverständlich elementar. Denn das Fremdkapital macht ja gerade den Kapitalismus aus! Und Hauptaufgabe der Banken ist es, für eine passende Fristentransformation zu sorgen. Denn wie gesagt: Die Zeit ist auch beim Geld die wichtigste Dimension. Michael Ende hatte dies sehr weise erkannt. Verstanden hatte ich die monetären Implikationen seines Buches „Momo“ erst nach über 40 Jahren: http://www.sozialoekonomie.info/Weiterfuhrende_Informationen/Momo_UnendlicheGeschichte/momo_unendlichegeschichte.HTM

      LG Michael Stöcker

    • Realer und monetärer Kapitalismus
      Insbesondere Ihr erster Link illustriert meinen Punkt einer nutzlosen Geldtheorie, die zwar die faktischen systemtheoretischen Zusammenhänge richtig erkennt aber logisch durcheinander bringt und sie sogar vollkommen umkehrt.
      Investition und daraus folgend wirtschaftliche Aktivität als Selbstzweck einer „monetären Markttheorie“. Das produziert genau das was ich als problematisch erachte. Mit der logischen Umkehrung, Geldschöpfung als Voraussetzung für Güterschöpfung zu betrachten, werden beständig Schulden erzeugt, die beständig und vollständig nacherwirtschaftet werden müssen, um sich nicht aufzusummieren und keinen schuldenbedingten Systemkollaps auszulösen. Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass sich Investitionen nicht notwendig in der Zukunft perfekt ammortisieren und zusätzlich Zinsen erwirtschaften. Dieser Umstand wird gemeinhin als unternehmerisches Risiko bezeichnet und folgt aus dem simplen Umstand, dass die Zukunft unsicher ist. Systemkollaps sowie eine lange Phase des „Deleveraging“ wie es in einem Ihrer anderen Links bezeichnet wird, sind notwendige Konsequenz, dieses Systems.

      Und ja, wodurch sich Kapitalismus auszeichnet ist Vorfinanzierung. Nur, was ist das vorfinanzierende Mittel? In der Vergangenheit erbrachte Wertschöpfung (dessen Gegenwert de facto schon existiert), dessen Umsatz in Geldmitteln zukünftig dazu genutzt wird, Ressourcen zu finanzieren (eigens erbrachte Leistungen: Eigenkapital, anderer erbrachte Leistungen: Fremdkapital) oder aus dem Nichts erschaffene Geldmittel (Kredit, Giralgeld, „Fremdkapital“), deren Gegenwert in der Zukunft nacherwirtschaftet werden muss?
      De facto, Zweiteres; idealerweise, Ersteres.

      Dass Sie mich überzeugen, ist demnach im Prinzip überflüssig. Ich stimme ja schon weitestgehend mit Ihrer (postkeynesianischen oder eben konkreter monetärkeynesianischen) Zustandsbeschreibung des faktisch umgesetzten Geldsystems überein. Nur lehne ich dieses System in jeder erdenklichen Hinsicht ab.

      Im übrigen hat sich mit der Einführung von Geldmitteln (insbesondere mit ungedeckten) nicht plötzlich die systemtheoretische Logik des ökonomischen Prozesses verändert, in der Geldmittel eben nicht mehr sind als Tauschmittel (auch intertemporale) für Waren und Dienstleistungen. Auch wenn der Prozess bedingt durch seine beständige Ausdehnung ungleich komplexer geworden ist, an der unterliegenden Basislogik, in der schlicht Waren und Dienstleistungen möglichst effizient und effektiv produziert werden, um irgendwelche Bedürfnisse zu befriedigen und diese ggf. getauscht werden (Ihre Äpfel und Bananen Tauschwirtschaft), hat sich nichts geändert.
      Oder eigentlich schon bzw. wird die Basislogik systematisch umgekehrt, und genau darin liegt das Problem. Irrigerweise versuchen Sie mich und wahrscheinlich andere von der Logik dieses Problems zu überzeugen, ohne zu sehen, dass diese vom gegenüber durchaus verstanden worden ist, die Umkehrung der Logik aber eben als Problem betrachtet wird.

    • Der monetäre Kapitalismus ist real!
      Lieber Herr Schmitt,

      Sie schreiben: „Nur lehne ich dieses System in jeder erdenklichen Hinsicht ab.“

      Das können Sie ja gerne tun, hat aber mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun. Die „Basislogik“ ist wie sie ist; sie passt nur nicht zu den gängigen neoklassischen Modellen und insbesondere nicht zum geozentrischen Geldbild der Österreichischen Schule. Nicht umsonst rede ich schon seit längerem von der kopernikanischen Wende im Geldsystemverständnis.

      Selbstverständlich werden ständig Schulden erzeugt. Das ist das Wesen eines Vertrags. Die ökonomische Ignoranz gegenüber dem römischen Recht, das schon immer den Unterschied machte zwischen einem Verpflichtungsgeschäft (Schuld), das in der Gegenwart eingegangen wird, sowie dem darauf folgenden Erfüllungsgeschäft (Schuldtilgung), das auf die Zukunft gerichtet ist, ist eine absolute Katastrophe. Es ist die Zeit, die als wichtigste Dimension gegenseitige Forderungen und Verbindlichkeiten entstehen und wieder untergehen lässt.

      Geld ist abstrakte Schuldenkommunikation auf Basis der doppelten Buchführung. Zu jeder Forderung gehört IMMER eine korrespondierende Verbindlichkeit. Gäbe es keine Forderungen/Verbindlichkeiten, dann wäre die Geldmenge exakt Null.

      Für ein tieferes Verständnis empfehle ich Ihnen die folgenden Beiträge:

      http://tracksofthoughts.blogspot.de/2009/07/was-ist-geld.html
      http://tracksofthoughts.blogspot.de/2009/08/was-ist-geld-2.html
      http://tracksofthoughts.blogspot.de/2009/08/was-ist-geld-3.html
      http://tracksofthoughts.blogspot.de/2011/04/geld-und-zeit.html

      Und dann lesen Sie bitte noch die kritische Analyse zur österreichischen Konjunkturtheorie, die ich in meiner Antwort auf Ihre Anmerkungen hier verlinkt hatte: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/comment-page-1/#comment-266

      LG Michael Stöcker

    • Mehreres
      Diese Haltung ist nicht unwissenschaftlich. Wie ich schrieb bestreitet ich nicht, dass die Systematik des Geldsystems genau so funktioniert, wie Sie das beschreiben bzw. stimme ich Ihnen zu. Nur sehe ich die entegegengesetzte Systematik als die natürliche und die derzeitige als systematisch konstruiert. Ob gewollt oder ungewollt spielt dafür nicht mal eine Rolle. Es ist so wie es ist – konstruiert.

      Was Schuld und Schuldtilgung anbelangt existiert beides, genausowenig wie Geld, um seiner selbst willen, sondern beides ist unmittelbar mit konkreten oder abstrakten Gegenständen verbunden (bspw. dingliche Güter und Rechtsgüter) – genauso wie Geld. Eigentlich.
      Und eigentlich sollten sie sich auch nicht unendlich bzw. bis zum Systemkollaps AUFSUMMIEREN, sondern eben zu gegebener Zeit getilgt oder besser geLEISTET werden – im Falle von Geld mit realen LEISTUNGEN gedeckt.

      Zu jeder Forderung gehört immer auch eine Verbindlichkeit, richtig. Auch richtig: EK ist nicht irgendein buchhalterischer Restposten, sondern repräsentiert ziemlich genau die Verbindlichkeiten gegenüber den Eigentümern, wozu, als einfaches Beispiel, auch von Eigentümern eingebrachtes Eigenkapital in Form von Sachkapitalien (bspw. Grundstücke,) gehören kann. Schon allein dieses banale Beispiel führt dieses vollkommen von realen Gütern losgelöste Verständnis von (Fremd-)Kapital ad absurdum, denn soetwas sollte gar nicht möglich sein, nachdem Fremdkapital in Form von Kredit bzw. Giralgeld als notwendige Bedingung betrachtet wird, um Aktiva / “Vermögen” zu generieren.

      Auf Ihren Kommentar in Ihrem Blog hatte ich schon geantwortet, ist aber wohl mal wieder im System untergegangen.
      Kurzversion: Kenne ich schon, irrelevant für meine Punkte und das HD ansich.
      Ich weiß übrigens nicht, wie sie darauf kommen, ich würde österreichischen Theorien anhängen.
      Es besteht ein Unterschied zwischen der geometrischen Figur HD und den Theorien, die damit von Vertretern illustriert werden sollen, zu denen ich mich nicht zähle.

  7. "Gier", oder die fehlende Einsicht des nichtwissenschaftlich denkenden Subjekts
    Das ist wieder so ein typisches Beispiel für, wie die berechtigte Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu einer verkürzten Kritik am Subjekt missbraucht wird. Eine solche Kritik ist nicht nur nicht wissenschaftlich, und „Nichtwissenschaftlichkeit“ wäre für mich der Grund für das Absetzen von entsprechenden Preisen, eben nicht nur des Nobelpreises, sondern ein Indiz dafür, dass unwissenschaftliches Denken, korruptes Denken fördert. „Korrupt“ in dem Sinne, dass es nicht an der Wahrheit interessiert ist, sondern lediglich an dem Schein der Wahrheit, am falschen Schein. Schauen wir uns nur die in letzter Zeit enttarnten Plagiatoren an. Das Interesse am falschen Schein scheint so weit zu gehen, dass man nicht einmal mehr davor zurückschreckt, am Lebenslauf zu fälschen. Man sollte vielleicht mal wieder Marx studieren. Marx spricht im Zusammenhang mit der Kritik am Subjekt vom Phantasma desselbigen, des „notwendigen Phantasmas“ gar. Ein notwendiges Phantasma, da die „Einsicht“ in die eigenen Verhältnisse innerhalb einer Fetischkonstitution erfolgt. Insofern ist für das Subjekt die Wahrheit eine Art fremde Dimension. Ein wissenschaftliches Kriterium bleibt die Wahrheit dennoch, nämlich als eine Art „Einsicht in die Notwendigkeit“. Und diese Einsicht erfolgt im Kontext der gesellschaftlichen Praxis des Subjekts. Einer Praxis, die allerdings mitnichten nicht Interessegeleitet ist. Insofern diese Interessen, gemeint sind Klasseninteressen, mit dem gesellschaftlichen Fortschritt nämlich übereinstimmen (bzw. diesen hemmen), ergeben sich dem Subjekt notwendige Einsichten (oder notwendig fehlende Einsichten) zu seiner Freiheit. Nur ein Subjekt, das an dieser Freiheit ein Interesse haben kann, ist so etwas wie wahrheitsempfänglich. Und in der Tat scheinen daher die „praktischen“ Wissenschaften daher die zu sein, die an der Wahrheit ein notwendiges Interesse haben. Denn ein Scheitern in der Praxis ist (auf Dauer) so unüberhörbar wie wenig korrumpierbar. Ich würde daher vorschlagen, alle nicht praktischen Wissenschaften vom Nobelpreis auszuschließen. Dies im Interesse einer Wissenschaft selbst, und natürlich im Interesse einer wissenschaftlichen Kritik und Selbstkritik einer zunehmend auf Wissenschaft angewiesenen Gesellschaft. Und damit im Interesse einer wissenschaftlichen Kritik am Kapitalismus. Die Kritik an der Korruption (und an der „Gier“) erledigt sich dann wohl von selbst.

  8. Aussetzen
    ich kenne die Statuten der Stiftung nicht, aber es wäre doch sehr sinnvoll, wenn die Preise sparsamer vergeben würden und auf eine Vergabe verzichtet wird, wenn es nichts zu ehren gibt, das den Preis wert wäre.
    Insbesondere dem Friednesnobelpreis, dem Literatur- und dem Wirtschaftspreis wäre das zu wünschen.

    • Kein eigentlicher Nobelpreis
      Der Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften wird nicht von der Nobel-Stiftung finanziert, sondern von der Schwedischen Reichsbank. Die Idee zu dem Preis stammt nicht von Alfred Nobel; der Preis wird auch erst seit Ende der sechziger Jahre vergeben.
      Gruß
      gb

    • Paul Krugman zum Herummaekeln am Wirtschaftsnobelpreis
      Lieber Herr Braunberger –

      wenn ich auch normalerweise nicht mit ihm uebereinstimme, dazu hat Paul Krugman alles gesagt:

      Oh, and cue the usual complaints that this isn’t a “real” Nobel. Hey, this is just a prize given by a bunch of Swedes, as opposed to the other prizes, which are given out by, um, bunches of Swedes.

  9. Korrupt?
    Nie und nimmer. Der Preis muss erhalten bleiben. Denn: Transparenz bei permanter Inkompetenz, das muss gewuss werden. Wenige Ausnahmen: u.a. Debreu (1983), Allais (1988. Hatte schon Ende der 1940er vor der theorielosen Mathematisierung der Ökonomie gewarnt) und (mit Bedenken) Stiglitz (2001). Also korrupt? Nein.

Kommentare sind deaktiviert.