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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Leitzinsen beeinflussen Anleiherenditen, aber bestimmen sie nicht

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Wer glaubt, die Geldpolitik könne mit kurzfristigen Leitzinsen zuverlässig auch die langfristigen Anleiherenditen in die Höhe treiben, lebt in der Vergangenheit. Die Empirie spricht schon lange eine andere Sprache.

Viele Anleger schauen mit Entsetzen auf die Entwicklung der Renditen langfristiger Anleihen. Nicht nur zehnjährige Bundesanleihen weisen eine negative Rendite auf. Nach Schätzungen gibt es derzeit Anleihen im Gesamtwert von rund 12 Billionen Euro, die negativ rentieren. In anderen Ländern sind die Renditen langfristiger Anleihen zwar positiv, aber auf oder nahe historischer Tiefstände  – so ist die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen bis auf 0,52 Prozent gefallen.

Die Epoche sehr niedriger Anleiherenditen, die eine langfristige Kapitalbildung erschwert, ist ein globales Phänomen. Viele Anleger führen es alleine auf die sehr expansive Geldpolitik zurück. Würden die Notenbanken ihre kurzfristigen Leitzinsen erhöhen, gäbe es mit Sicherheit wieder höhere längerfristige Renditen, heißt es. Diese Denkweise ist seit Jahrzehnten an den Finanzmärkten etabliert. Sie ist aber auch aus der Zeit gefallen – und das nicht erst seit heute.

Hier ist ein Gegenbeispiel: Im Dezember 2015 erhöhte die Fed den amerikanischen Leitzins zum ersten Mal seit mehreren Jahren. Nicht nur an den Finanzmärkten war damals die Ansicht weit verbreitet, der Leitzinserhöhung würden weitere folgen. Der Vizepräsident der Fed, Stanley Fischer, deutete noch Wochen danach die Möglichkeit von vier Leitzinserhöhungen im Jahre 2016 an. Zum Zeitpunkt der Leitzinserhöhung lag die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen bei 2,20 Prozent. Nach der traditionellen Ansicht hätte die Rendite dieser Anleihen steigen müssen. Das Gegenteil ist geschehen: Die Rendite fiel über Monate und erreichte im Juli 2016 ein Allzeittief von 1,36 Prozent.

Politische Instrumentalisierung einer unpolitischen Theorie

Die traditionelle Ansicht, nach der die langfristigen Anleiherenditen vom kurzfristigen Leitzins der Notenbank gesteuert werden, stützt sich auf ein ehrwürdiges Monument: die Erwartungstheorie des Zinses, die noch heute als eine der wichtigsten Theorien der Zinsstruktur in den Lehrbüchern behandelt wird. Zu ihren Stammvätern zählen berühmte Ökonomen wie Irving Fisher (1867 bis 1947) und der Nobelpreisträger John Hicks (1904 bis 1989).

Ihr Grundgedanke ist einfach: Man kann einen langen Zeitraum in eine Vielzahl aufeinander folgender kurzer Zeiträume unterteilen – der langfristige Zins für sichere Anlagen lässt sich dann aus einer Abfolge kurzfristiger Zinsen berechnen. Da die Notenbank unbestritten den kurzfristigen Zinssatz steuert, müsste die langfristige Rendite einer Bundesanleihe aus dem aktuellen und dem für die Laufzeit der Anleihe erwarteten kurzfristigen Leitzins berechnet werden können.

So gehen seit Jahrzehnten Ökonomen und Anlagestrategen in Banken und anderen großen Finanzhäusern in ihren Zinsprognosen vor. Auch viele Modelle zur Diagnose der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beinhalten die Erwartungstheorie des Zinses, darunter die heute dominierenden Modelle der neokeynesianischen Makrotheorie. Für öffentliche Diskussionen besitzt diese Theorie überdies zwei Vorzüge: Sie ist (scheinbar) simpel und sie gestattet, im Falle zu niedriger Renditen die ganze Verantwortung den bösen Buben aus der Geldpolitik zuzuweisen. Dieser Verlockung der politischen Instrumentalisierung einer komplett unpolitischen Theorie unterliegen nicht wenige Ökonomen und Finanzmanager.

Die Illusion der Veteranen

Dabei liegen seit mindestens einem Vierteljahrhundert empirische Untersuchungen vor, die zeigen, dass sich in der Praxis Anleiherenditen so nicht bilden. Eine frühe Arbeit stammt von John Campbell und Robert Shiller; zahlreiche weitere Arbeiten sind erschienen. Am Anleihemarkt variieren Zeit- und Risikoprämien; außerdem sind Finanzmärkte entsprechend den Präferenzen und Vorschriften für Großanleger segmentiert. All dies wird in der Erwartungstheorie, der die Annahme perfekter Kapitalmärkte zugrunde liegt, nicht berücksichtigt. Doch in ihrer theoretischen Idealwelt denken viele Veteranen.

Man kann einen klaren Trennstrich ziehen zwischen traditionellen Volkswirten und Vertretern des alten Geistes an den Finanzmärkten auf der einen Seite und Vertretern moderner Finanzökonomik auf der anderen Seite, die beim Gedanken an die praktische Bedeutung der Erwartungstheorie nur den Kopf schütteln. „Langfristige Zinssätze werden nicht einfach von erwarteten kurzfristigen Zinssätzen getrieben“, schreiben Markus Brunnermeier und Yuliy Sannikov. „Die Erwartungstheorie, die den meisten neokeynesianischen  Lehrbuchmodellen zugrunde liegt, versagt dramatisch.“ Das ist keine Einzelmeinung, wie Brunnermeier/Sannikov betonen: „Die Meinungsunterschiede in der Finanzökonomik gehen nicht um die Frage ob, sondern nur, warum sich Risikoprämien stark im Zeitablauf bewegen.“

Tatsächlich wirken auf die Renditen langfristiger Anleihen neben der Geldpolitik auch andere Einflüsse ein. Die Geldpolitik ist nicht unwichtig – die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen hängt natürlich auch davon ab, was Mario Draghi & Co. in ihren Türmen im Frankfurter Ostend tun. Aber die Renditen hängen nicht nur davon ab, was Draghi & Co. tun. Und diese anderen Einflüsse sind nicht nur wichtig. Sie sind auch schon lange wirksam, nur hat man sich lange Zeit nicht für sie interessiert. Dabei sinken die Anleiherenditen in den Industrienationen im Trend seit mindestens 30 Jahren. Für die Vereinigten Staaten lässt sich ein solcher langfristiger Trend, der allerdings immer wieder von vorübergehenden Gegentrends unterbrochen wurde, sogar seit fast 100 Jahren zeigen.

Lange Zeit kassierten Anleihebesitzer unter den Großanlegern still und leise die Kursgewinne ein, die in einer Epoche sinkender Renditen automatisch anfallen. So konnte man auch mit Festverzinslichen guter Bonität ansehnliche Renditen erzielen, ohne ins Risiko gehen zu müssen – ein Traum für jeden Vermögensverwalter. Öffentlich zum Thema gemacht und skandalisiert wurde dieser Trend erst, als sich die Renditen der Nulllinie annäherten und sich Vermögensverwalter und Anleger erschrocken zu fragen begannen, wie sie nun mit risikolosen Anlagen langfristig Kapital bilden sollen. Eine These lautet, die niedrigen Renditen wären Ausdruck einer Welt, die in den Jahren nach der Finanzkrise verrückt geworden sei und in der die Geldpolitiker die Direktion des Irrenhauses übernommen hätten. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Renditefall um ein säkulares Phänomen.

Neues aus der BIZ

Eine neue Arbeit von Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich weist ein weiteres Mal nach, dass die Anleiherenditen in der Welt nicht alleine von der Geldpolitik beeinflusst werden, sondern dass hier weitere mächtige Kräfte am Werk sind. Das ist auch bemerkenswert, weil die BIZ-Ökonomen der sehr expansiven Geldpolitik unserer Zeit eigentlich sehr kritisch gegenüberstehen und aus ihrer Kritik keinen Hehl machen. Aber auch für sie ist die These, die sehr expansive Geldpolitik erkläre alleine oder überwiegend den Fall der langfristigen Anleiherenditen unhaltbar. „Kurzfristige Zinsen beeinflussen langfristige Renditen, aber sie bestimmen sie nicht“, schreiben Peter Hördahl, Jhuvesh Sobrun und Philip Turner. Dafür spreche schon alleine die Tatsache, dass die Anleiherenditen seit sehr langer Zeit zurück gingen: „Es wäre unplausibel, einen Jahrzehnte währenden Trend alleine mit der Geldpolitik erklären zu wollen.“

Die drei Ökonomen untersuchen die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte für Industrienationen und wichtige Schwellenländer. Ihre erste wichtige Schlussfolgerung lautet, dass die Anleiherenditen rund um den Globus im Laufe der Zeit immer stärker von der Entwicklung der Anleiherenditen in den Vereinigten Staaten beeinflusst werden. Das gilt vor allem für Schwellenländer, deren nationaler Einfluss auf ihre Anleiherenditen nur gering ist: „Notenbanken in kleinen Ländern haben nur eine sehr geringe Fähigkeit, die langfristigen Renditen in ihrer eigenen Währung zu beeinflussen. Die direkte Wirkung eigener Leitzinsänderungen im Vergleich zu Leitzinsänderungen der Fed ist klein.“

Aber es gilt auch für andere Industrienationen. Selbst die Rendite-Entwicklung deutscher Bundesanleihen wird von der Rendite amerikanischer Staatsanleihen beeinflusst. Dafür sorgen internationale Großanleger, die deutsche und amerikanische Anleihen als recht gute Substitute betrachten, weil beide in die immer kleiner werdende Kategorie sicherer und gleichzeitig liquider Kapitalanlagen gehören. Damit rücken die Bestimmungsgründe der amerikanischen Anleiherenditen in den Mittelpunkt des Interesse. Hier spielt die Leitzinspolitik der Fed wiederum eine Rolle, aber auch diese ist begrenzt: „Der langfristige Zins ist nicht völlig unter Kontrolle der Geldpolitik.“

Die anderen Einflüsse auf die langfristigen Anleihenrenditen sind zahlreich. Wir haben in FAZIT bereits mehrfach über diese Einflüsse geschrieben, zum Beispiel hier. Manche von ihnen wirken seit Jahrzehnten, andere dürften eher vorübergehender Natur sein. Zu den langfristigen Einflüssen zählen unter anderem die Demografie, ein im Trend niedrigeres reales Wirtschaftswachstum in den Industrienationen und eine im Verhältnis zur Investitionsnachfrage hohe Ersparnisbildung. Die Investitionsnachfrage wird säkular beeinflusst durch einen Trend zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, der weniger Großinvestitionen in Sachkapital erfordert, während eine höhere Lebenserwartung und eine angesichts der Alterung von Gesellschaften zunehmende Belastung der umlagefinanzierten Altersvorsorge die private Ersparnisbildung fördert. Aber auch möglicherweise nur kurz- oder mittelfristige Einflüsse sind am Werk, die renditesenkend wirken. Zu ihnen zählen ein hohes Maß an Unsicherheit, das Sachinvestitionen hemmt und Käufe sicherer Kapitalanlagen treibt, Anleihekäufe von Notenbanken sowie die schwache Kapitalisierung vieler Banken.

Suche nach der „neuen Normalität“

Die Vielzahl der Kräfte, die auf die langfristigen Anleiherenditen wirken, gestattet nach Ansicht von Hördahl, Sobrun und Turner keine Prognose der künftigen Entwicklung. Allerdings gehen sie wie eine wohl wachsende Zahl von Ökonomen davon aus, dass in einer absehbaren Zukunft das Renditeniveau nicht mehr auf Höhen steigen wird, wie man sie vor mehreren Jahrzehnten kannte. Die „neue Normalität“ wird, zumindest für sichere Anlagen, durch niedrige Renditen gekennzeichnet sein. Auch das zeigt, dass die Ansicht vieler Finanzmarktteilnehmer, es werde schon wieder attraktive Renditen geben, sofern nur die Geldpolitik ihren Kurs ändere, auf Wunschdenken beruhen dürfte.

Das Denken über eine „neue Normalität“ wird durch Studien von Ökonomen gefördert, nach denen der sogenannte neutrale Zins – das ist der Zins, der mit optimalem Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und niedriger Inflation vereinbar ist – in den Vereinigten Staaten auch heute, im siebten Jahr eines Konjunkturaufschwungs, immer noch nahe Null liegen dürfte. Diese Schätzungen sind notwendigerweise mit hohen Unsicherheit versehen, da der neutrale Zins nicht direkt beobachtet werden kann. Der amerikanische Ökonom John Taylor und sein Frankfurter Kollege Volker Wieland argumentieren, dass diese Schätzungen auf einer sehr fragilen Basis beruhen und vermutlich zu falschen Ergebnissen führen und warnen vor einer vorschnellen Nutzung der Schätzungen durch die Geldpolitik. Der deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, dem Wieland angehört, hat sich in seinem jüngsten Jahresgutachten kritisch mit diesen Arbeiten befasst.

Ein weiterer Einwand gegen die „neue Normalität“ lautet, dass die sehr niedrigen Anleiherenditen für Staaten als Indikator nichts taugen, da sie durch die Geldpolitik verzerrt sind. Statt dessen solle man auf die Renditen von Unternehmensanleihen schauen. Dieses Argument – so es denn überhaupt jemals etwas getaugt haben sollte – trägt allerdings immer weniger, da die Renditeabstände zwischen Staats- und Unternehmensanleihen geringer werden – und zwar auch in den Vereinigten Staaten, wo die Fed ihre Anleihebestände nicht aufstockt. Die Kritik an Schätzungen eines neutralen Zinses  mag ihre Berechtigung haben, aber es wird schwer sein, die sehr niedrigen Marktrenditen rund um den Globus als irrelevant abzutun: Versuche, die „neue Normalität“ weg zu definieren, werden nicht funktionieren.

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28 Lesermeinungen

  1. Jackson Hole 2
    Da FAZIT-Leser per Mail anfragten:

    Das diesjährige Programm von Jackson Hole wird in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag Mitteleuropäischer Zeit erhältlich sein. Die dort vorgestellten Papiere werden erst mit der jeweiligen Präsentation am Freitag und Samstag ins Internet gestellt. Bleiben Sie auf Sendung… :-)

    Hier sind ein paar Informationen über das Symposium:
    https://www.kansascityfed.org/publications/research/escp
    Die EZB versucht seit wenigen Jahren, etwas Ähnliches in Sintra (Portugal) zu etablieren:
    https://www.ecbforum.eu
    Und wer sich dafür interessiert, hier ist das Programm der EZB-Forschungskonferenz im September in Frankfurt:
    http://www.ecb.europa.eu/pub/conferences/html/20160928_1st_ecb_annual_research_conference.en.html

    Gruß
    gb.

  2. Frage über Ursache / Wirkung
    Sind die aufgeblasenen Bilanzen der Zentralbank eine Folge der niedrigen Zinsen?

    Haben die aufgeblasenen Bilanzen der Zentralbank keine Folge auf Kreditvolumen in der ganzen Wirtschaft?

    Ist hohes Kreditvolumen der Wirtschaft eine Folge von niedrigen Zinsen oder umgekehrt?

    • Zu diesen und verwandten Themen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Beiträge in FAZIT erschienen. Dieses Blog besitzt die Möglichkeit für Nutzer, Suchbegriffe einzugeben.

      Gruß
      gb

  3. Kurz vor Jackson Hole
    In der zweiten Wochenhälfte findet wieder die bedeutendste jährliche geldpolitische Tagung, das Symposium der Federal Reserve Bank of Kansas, in Jackson Hole statt. Da dürfte es auch um die Entwicklung der Leitzinsen gehen. Hier ist eine Einstimmung aus der FT:

    http://www.ft.com/cms/s/2/c0f89cc4-6655-11e6-8310-ecf0bddad227.html#axzz4I4Ovdlua

    Und hier ist ein Beitrag von Jon Hilsenrath aus dem WSJ (Nach einem Branchenspott ist Hilsenrath der eigentliche Präsident der Fed):

    http://www.wsj.com/articles/fed-officials-brace-for-familiar-new-normal-1471798834

    Wir wollen wieder über das eine oder andere der auf der Konferenz in Jackson Hole vorgestellten Papiere berichten.

    Gruß
    gb

  4. Pingback: Finanzblogroll - Schulterblick - Finanzartikel KW 33 / 2016

  5. Die Theorie interessiert nicht
    Da die aktuelle Situation die Sparreserven von Hunderten von Millionen Bürgern entwertet, die Politik der Zentralbanken diese Menschen also langsam enteignet, ist politisches Eingreifen leider notwendig.
    Wir brauchen deshalb einen verordneten Mindestzinssatz für Sparguthaben, der an die Inflation gekoppelt werden kann (I-Rate plus 2). Das hilft gleichzeitig auch allen Lebensversicherern und Rentenkassen, ebenso werden die Auswirkungen auf die Pensionsfonds der Wirtschaft wieder normalisiert.
    Politisches Handeln ist also gefragt. Am besten auf EU Niveau.

    • "ist politisches Eingreifen leider notwendig"
      Wenn bei Zentralbanken die wirtschaftliche Vernunft fehlt, beginnt man die Schreie nach der Politik zu hören, die ebenso etwas wie Alchemie betreiben soll.

    • Die gesetzliche Aufgabe der Geldpolitik ist die Stabilität des Preisniveaus, nicht die Sicherung eines Realzinses auf Spareinlagen. Zu Zeiten der Bundesbank war dieser Realzins viele Jahre negativ, ohne dass sich die Leute beschwert haben.

      Gruß
      gb.

    • Stabilität des Preisniveaus oder ...
      … Stabilität des Wertes der eigenen Noten und Einlagen?

      Wenn Stabilität des Preisniveaus die Aufgabe ist, warum sollte Inflation die Ersparnisse zerfressen?

      Oder negative Zinsen sie zerfressen? Wegen des „Savings Glut“?

      Dann kommen wir wieder zum Thema unten zurück.

    • Schauen Sie doch einfach mal in die einschlägigen Gesetze.

      Gruß
      gb

    • Wo ist ein Inflationsauftrag im Gesetz?
      Erfüllt die Zentralbank ihren Stabilitätsauftrag, wenn Inflation Ersparnisse zerfressen?

      Wir haben aber eine allgemeine Kreditinflation, eine Inflation von Schuldtiteln, deswegen die niedrigen und negativen Zinsen, alles gefördert und verursacht durch die Geldpolitik. Ist Stabilität allein der Auftrag? Darf die Geldpolitik ein wirtschaftlicher Störfaktor sein, solange der Preis ihrer Noten und Einlagen stabil bleibt?

    • „Beim vorrangigen Ziel des Eurosystems, Preisstabilität zu gewährleisten, geht es nicht um die Stabilität einzelner Preise. Denn in einer Marktwirtschaft sollen sich einzelne Preise ändern, um auf die Entwicklung von Angebot und Nachfrage am Markt reagieren zu können. Die Preissignale sind für Verbraucher und Produzenten wichtige Informationen, sie koordinieren ihr Verhalten und tragen dazu bei, Angebot und Nachfrage zum Ausgleich zu bringen. Beim Ziel Preisstabilität steht vielmehr das Preisniveau im Mittelpunkt, d. h. der Durchschnitt aller Waren- und Dienstleistungspreise. Deshalb spricht man bisweilen auch von Preisniveaustabilität. Begriffe wie Inflation, Deflation, Inflationsrate, Preissteigerungsrate oder Teuerungsrate werden oft uneinheitlich und unpräzise verwendet. Was genau gemeint ist, ist aus dem Zusammenhang zu erschließen. Ein Anstieg des Preisniveaus wird im allgemeinen Sprachgebrauch als Inflation bezeichnet, den prozentualen Anstieg des Preisniveaus zwischen zwei Zeitpunkten nennt man Preissteigerungsrate, Teuerungsrate oder Inflationsrate.“

      https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Dossier/Service/schule_und_bildung_kapitel_5.html?notFirst=true&docId=137760

    • Beim Zitat aus BuBa ist nichts einzuwenden ...
      … und kann der Anlass einer großen Erörterung sein.

      Aber wir bleiben beim ursprünglichen Thema.

      Wir haben eine Kreditinflation, Titelninflation. Um alle mit der Produktion zu bedienen, müssen die Zinsen niedrig sein. Andererseits sind da viele Titeln und die Zinsen könnten plötzlich steigen. Eine Sache ist bedienen, eine andere bedienen müssen. Es handelt sich um Titeln/Forderungen, die nicht unbedingt wirkliche Sachverhalte entsprechen, wenigstens nicht die ursprüngliche Geldschöpfung. Deswegen ist die Theorie der „Savings Glut“ zu verwerfen. Es hat damit zu tun, dass diese Geldpolitik auch dann ein wirtschaftlicher Störfaktor ist, wenn sie ihre reduzierte Aufgabe erfüllt.

    • „Wir haben eine Kreditinflation, Titelninflation. Um alle mit der Produktion zu bedienen, müssen die Zinsen niedrig sein.“

      Diese Aussage macht ökonomisch keinen Sinn, weil sie Ursache und Wirkung verdreht. Es ist genau umgekehrt: Die Titelinflation, so es denn eine geben sollte, wäre Folge niedriger Zinsen.

      Und mit einer „saving’s glut“ darf man das auch nicht durcheinander werfen. Finanzielle Forderungen und Verbindlichkeiten sind ein monetärer Begriff, Ersparnis ist ein realwirtschaftlicher Begriff.

      Gruß
      gb

  6. Die Nachfrage nach sicheren Anlagen drückt die Renditen
    Wir hatten das Thema jüngst mehrfach in FAZIT; hier sind neue (und beeindruckende) Zahlen für amerikanische Staatsanleihen:

    http://macromarketmusings.blogspot.de/2016/08/the-unwinding-of-qe-has-begun.html

    Gruß
    gb.

  7. Wichtiger für die Renditen sind wohl das QE
    Anscheinend ist die letzte Ratingagentur (die DBRS), welche Portugal Anleihen noch als Investmentgrade bewertet nicht sicher, ob sie diese noch im Oktober downgraden wird. Dann dürfte die EZB im Rahmen ihres QE auch keine portugiesischen Anleihen mehr kaufen. Ein solche Entscheidung hätte mit Sicherheit eine wesentlich deutlichere Wirkung als etwa eine geringfügige Erhöhung der Leitzinsen. Aber vermutlich ändert man dann wie üblich die Regeln und kauft auch Junkbonds.

    • Es gibt mittlerweile zahlreiche Schätzungen über die Wirkungen von QE auf Anleihrenditen. Egal ob man die Vereinigten Staaten nimmt, Großbritannien oder die Eurozone: Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass QE die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen der betroffenen Länder während der Kaufprogramme im Durchschnitt um knapp einen Prozentpunkt gesenkt haben dürfte. Nach solchen Schätzungen könnte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen ohne QE in der Gegend um 0,70 bis 0,80 Prozent liegen. Solche Schätzungen sind aber natürlich notwendigerweise unscharf.

      Gruß
      gb.

  8. Titel eingeben
    Sorry, aber da muss ich Ihnen widersprechen.
    Keynes beschreibt Sparen als Funktion des Einkommens, und dann die Verteilung dieser Ersparnisse auf Geld und Anleihen als Resultat einer Überlegung, wieviel Liquidität („Geld“) benötige ich (das hängt von Spekulationswünschen, Vorsichtsüberlegungen und Transaktionskostenüberlegungen ab) und wieviel lege ich in Anleihen an.
    Keynes wehrt sich gegen die These (Loanable Funds Theory), dass Ersparnisse die Investionen finanzieren, denn Investionen sind von anderen Faktoren abhängig als Ersparnisse. Keynes macht ja gerade die unterschiedlichen Treiber von Ersparnissen und Investitionen dafür verantwortlich, dass es dort zu einem Ungleichgewicht kommen kann. Fälschlicherweise wird Keynes oft so interpretiert, als wäre das Spekulationsprinzip (Kassenhaltung) für zu hohe Zinsen (Am Anleihemarkt) verantwortlich. So eng hat das Keynes aber nie definiert. Also: Auch Keynes sieht einen Überhang von Investitionen zu Ersparnissen als Grund für zu hohe Zinsen an, und anderst herum. Seine Empfehlung: Geldpolitik! Und nur in Ausnahmefällen (Liquidity Trap) fiskalische Maßnahmen.

    • Alles klar. Ich hatte Ihre erste Anmerkung fälschlicherweise als Ausdruck der Loanable-Funds-Theorie verstanden und meine Antwort sollte sich auf die Loanable-Funds-Theorie beziehen. Sorry, mein Fehler.
      Gruß
      gb

  9. Titel eingeben
    Langfristige Zinsen werden grösstenteil durch die Balance von Ersparnissen und nachgefragten Krediten (zum Kauf von Konsum- oder Investitionsgütern) bestimmt. Diese Erkenntnis ist uralt und auch Bestandteil der gegenwärtig in den Zentralbanken herrschenden Lehre („We are all Keynesians now“).
    Niedrige langfristige Zinsen sind das Resultat eines Sparüberhangs („Savings Glut“), dh. es wird deutlich mehr gespart als Kredite nachgefragt werden. Von wem stammen die Ersparnisse? Kleiner Tip: Schauen Sie sich doch einfach mal die historische Entwicklung des folgenden Quotienten an: Anteil des Finanzvermögens der reichsten 1% Individuen dieser Welt geteilt durch Global GDP (U-Form, Hoch 1929, Tief 1970, Hoch 2015), Vergleichen Sie dann mal die Zinsen der US-Treasuries über diesen Zeitraum. Aha!

    • Die These, dass der langfristige Zins größtenteils durch Ersparnisse und Kreditnachfrage bestimmt wird, wurde von John Maynard Keynes nicht vertreten.

      Gruß
      gb.

    • Finanzvermögens der reichsten 1% der Welt / Global GDP
      Das sehr, aber sehr interessante Thema hatten wir schon hier gehabt, vielleicht in einer anderen Form ausgedrückt.

      Ich würde hier nicht über Ersparnisse reden. An Ersparnisse kommt man durch Arbeit und Verzicht. Das ist nicht mehr so, weil Geld nach der modernen Geldpolitik nicht mehr einen wirtschaftlichen Sachverhalt widerspiegelt, sondern nur da ist, um umzulaufen. Ich frage mich ob die Bezeichnung „Monetarismus“ bedeutet, dass Geld, auch Noten und Einlagen, wie Münzen sind oder sein sollen.

      Immerhin, der hohe obige Quotient ist höchstwahrscheinlich die Ursache der langfristigen niedrigen Zinsen. Völlig nachvollziehbar.

    • Kleine Korrektur
      Es geht nicht um Finanzvermögen der reichsten, sondern lediglich um Finanzvermögen, gleichgültig wie es verteilt ist. Mathematisch ist es eine einfache, rein kombinatorische Sache: Wie viel Anspruch aus Titeln gibt es auf die Produktion.

  10. Vielleicht war die Leitzinserhöhung in den USa schon eingeplant?
    Dass die langfristigen Renditen überhaupt so weit über dem Leitzins liegen würde ich daauf schieben, dass man bestimmte Leitzinserhöhungen eingeplant hat. Dieses Jahr sind die Renditen gefallen, weil die Erhöhungen nicht wie erwartet gekommen sind. Der Leitzins bestimmt als sehr wohl die Renditen.
    Wieso sollte jemand auch sein Geld in Staatsanleihen stecken, wenn er bei der Zentralbank mehr Geld bekommt? Der einzige Grund ist die längere Festschreibung der Zinsen, die den Vergleich mit einer Prognose erzwingt.

    • Die Leitzinserhöhung war nicht unerwartet, aber man sieht dennoch im Vorfeld der Fed-Entscheidung keinen deutlichen Anstieg der Anleiherenditen. Nach der Leitzinsentscheidung begannen die Renditen schon zu fallen, als die Erwartungen am Markt auf weitere Leitzinserhöhungen noch intakt waren und von Geldpolitikern auch geschürt wurden. Die Erkenntnis, dass die erwarteten Leitzinserhöhungen ausbleiben würden, kam erst allmählich im Laufe dieses Jahres. Das Verhalten der Renditen in der Zeit nach der Leitzinserhöhung passt nicht zur Erwartungstheorie.

      Der Abstand zwischen den kurz- und den langfristigen Zinsen in den Vereinigten Staaten ist derzeit im historischen Vergleich gering – auch ein Zeichen, dass auf die langfristigen Renditen neben der Geldpolitik andere Kräfte wirken.

      Gruß
      gb.

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