Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Spezialisierung als Problem: Die Theorie hinter dem Euro (Teil 3 von 3)

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Spezialisierung schafft mehr Wohlstand. Wenn jeder sich auf das konzentriert, was er vergleichsweise besser kann als andere, haben am Ende unter dem Strich alle etwas davon. Damit werben Wirtschaftsforscher seit Generationen für möglichst freien Handel, argumentieren gegen Zölle und andere Marktbarrieren. Häufig unterstützt die Produktionstechnologie dies sogar noch, zumal in der Industrie: Viele Unternehmen können Skalenerträge realisieren, das bedeutet, sie produzieren umso günstiger (je Stück), umso mehr sie herstellen – das gilt für jede „Fließbank-Fertigung“ ebenso wie etwa auch für Technologieunternehmen à la Google oder Facebook, die zwar nicht Industrie sind, aber ebenfalls hohe Fixkosten haben für ihre Server und Kosten nahe null für jeden zusätzlichen Käufer/Kunden/Nutzer.

Gemeinsame Währung steigert Spezialisierung

Solche Größenvorteile ergeben sich nicht nur auf der Ebene eines Unternehmens. Das betrifft auch ganze geografische Räume – dies steht dahinter, warum sich Firmen aus einer Branche häufig regional konzentrieren. Mit den Firmen kommen mehr Menschen mit entsprechender Ausbildung, das genau passende Arbeitskräfteangebot steigt, Zulieferer siedeln sich an, die wiederum selbst hoch spezialisiert sind auf das, was ihre nahegelegenen (Groß-)Kunden brauchen. Spezialisierung nimmt, so sie nicht gestört wird, über die Zeit tendenziell zu. In den Vereinigten Staaten gibt es beispielsweise ein Silicon Valley und eine Wall Street, in Deutschland florieren Großräume (die Bezeichnung „Ballungsgebiete“ ist allzu passend!) wie Rhein-Main oder München verglichen mit ländlicheren Regionen.

Es mag zunächst kurios klingen, aber: Die wirtschaftliche eigentlich erwünschte zunehmende Spezialisierung und Wohlstandssteigerung ist eine Sorge, die zumal amerikanische Ökonomen in Bezug auf die Europäische Währungsunion geäußert haben. Denn eine gemeinsame Währung ist letztlich auch ein Vehikel, das Spezialisierung fördert, etwa weil Preise transparenter und vergleichbarer werden, Transport- und Transaktionskosten im weiteren Sinne sinken.

Martin Feldstein, Professor an der Harvard-Universität und wichtiger Berater des früheren Präsidenten Ronald Reagan, vertrat auch aus diesem Grund die Ansicht, dass die Europäer den Euro nicht einführen sollten. Paul Krugman, der dieses Fachgebiet („New Economic Geography“) zu Beginn der neunziger Jahre erneuerte und auch dafür später den Nobelpreis bekam (ein Paper vom ihm darüber gibt es hier  ), schrieb im Jahr 1993 unter dem Titel „Lessons of Massachusetts for EMU“ einen ausführlichen warnenden Beitrag über ebendieses Phänomen.

Er führte darin die Erfahrung der sogenannten „New-England“-Staaten in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an. Die Region war hochspezialisiert auf Mini-Computer, Militärtechnik und fortgeschrittene Medizin und „exportierte“ diese Produkte in andere amerikanische Bundesstaaten; der regionalen Wirtschaft ging es gut, auch Angestellte im Bereich der nicht-exportierenden Branchen wie dem Lebensmitteleinzelhandel merkten das im eigenen Geldbeutel. Gegen Ende des Jahrzehnts änderte sich das ziemlich plötzlich aus mehreren Gründen: Die Computer-Nachfrage (der „Geschmack“) vieler Menschen veränderte sich weg von den Produkten, die aus New England kamen. Zudem gingen die unter Reagan gesteigerten Militärausgaben zurück – der Bauboom in der Region, der mit der florierenden Wirtschaft einhergegangen war, stockte, die Arbeitslosenquote vervierfachte sich in wenigen Jahren von 2,5 auf 10 Prozent. „Wenn New England ein souveräner Staat gewesen wäre, hätte er wohl seine eigene Währung abgewertet oder eine expansive Geldpolitik auf den Weg gebracht“, schreibt Krugman.

Weiter schreibt er mit Bezug dann zur geplanten Europäischen Währungsunion: „Amerikanische Regionen sind stärker spezialisiert als europäische vergleichbarer Größe. Dieser größere Grad der Spezialisierung wurde gefördert durch die größere Integration des amerikanischen Marktes, eine Integration, die Europa nun nachahmen möchte. Größere Spezialisierung führt in der Folge zu Instabilität regionaler Exporte: Weil amerikanische Regionen hoch spezialisiert sind, führen Veränderungen des Geschmacks und besonders der Technology zu großen und erratischen Veränderungen der Exporte. Europäische Regionen können sich künftig ähnlichen Schocks ausgesetzt sehen.“

Forscher um den britischen Wirtschaftsprofessor Anthony Venables, der mit Krugman ein renommiertes Standardwerk über Regionale Wirtschaftslehre (Spatial Economics) verfasste, haben in einer Analyse für die Europäische Kommission nach der Jahrtausendwende die Produktionsstrukturen in vielen EU-Ländern untersucht. Sie stellten fest, dass sie sich im Verlauf der achtziger und neunziger Jahre meist stärker spezialisierten verglichen jeweils mit dem EU-Durchschnitt; also schon in einer Zeit, in der es den Euro noch gar nicht gegeben hat. Die Währungsunion als zusätzliche Integration neben dem gemeinsamen Binnenmarkt mit seinen vier Grundfreiheiten dürfte wie erwartet die Spezialisierung noch vergrößert haben.

Die „Krönung“ ist nicht das Ende

Wer nun so etwas wie eine Theorie hinter dem Euro sucht, findet in den Erkenntnissen aus der regionalwirtschaftlichen Forschung ein bereicherndes zusätzliches Argument. Zunächst als Erinnerung: Die in dieser Serie beschrieben Arbeiten rund um den „optimalen Währungsraum“ von Robert Mundell, Ronald McKinnon und Peter Kenen befassen sich damit, ob und wie ähnlich die an einer Währungsunion teilnehmenden Länder einander sein müssen. Die ebenfalls beschriebene „endogene“ Währungsraumtheorie beinhaltet die These, dass eine „nicht-optimale“ Währungsunion über die Zeit zu einer „optimalen“ Währungsunion wird, weil etwa Krisen entsprechende Veränderungen der Institutionen und des Verhaltens (Stichworte sind zum Beispiel ESM und QE) begünstigen.

Die in diesem Beitrag illustrierten Folgen von Spezialisierung, zu realisierenden Skalenerträgen und räumlicher Konzentration eröffnen nun den theoretisch umgekehrten Weg: Aus einer „optimalen“ Währungsunion kann eine „nicht-optimale“, asymmetrischere Währungsunion werden quasi durch das schlichte Wirken von Marktkräften.

Dieses Ergebnis ist eine kontrastierende Ergänzung zu einer prominenten Ansicht, die gerade in Deutschland im Vorfeld der Währungsunion vertreten worden ist von der Bundesbank. Deren aktueller Präsident Jens Weidmann sagte im Herbst des vergangenen Jahres während eines Vortrags in Karlsruhe: „Die Bundesbank – zum Beispiel – vertrat die sogenannte Krönungstheorie: Danach sollte die Währungsunion erst am Ende des europäischen Integrationsprozesses stehen: Denn wenn die Volkswirtschaften nur unzureichend integriert und angeglichen seien, passe eine gemeinsame Geldpolitik nicht für alle Staaten und die Währungsunion würde krisenanfällig. Dass diese Befürchtung nicht ganz unrealistisch war, hat die Krise im Euro-Raum dann gezeigt.“ Aus der regionalwirtschaftlichen Theorie und den geschilderten Erfahrungen etwa in den Vereinigten Staaten ergibt sich, dass dieses Narrativ mit der „Krönung“ keineswegs zu Ende ist in dem Sinne, dass Krisen dann nicht mehr möglich wären. Vielmehr bleiben sie eine inhärente mögliche Folge von zunehmender wirtschaftlicher Spezialisierung.

Eine Möglichkeit damit umzugehen, sind (wie immer) Transferzahlungen. Diese dämpfen in den Vereinigten Staaten entsprechende regionale Probleme. In der Europäischen Union gibt es bekanntlich ebenfalls einen gemeinsamen Haushalt und beispielsweise Strukturfonds, die verteilt werden. Wie akzeptabel sie aus Sicht der Bürger sind, zeigen Wahlen und Umfragen, darum soll es hier nicht gehen.

Zum Schluss wollen wir ein kleines Fazit dieser kleinen Serie ziehen: Auf der Suche nach so etwas wie einer „Theorie hinter dem Euro“ haben wir drei wichtige Forschungsfelder der Volkswirtschaftslehre angesehen. Zunächst den „optimalen Währungsraum“ mit den entsprechenden wichtigsten wissenschaftlichen Beiträgen. Wie beschrieben lassen sich im Grunde alle aktuellen politischen Debatten schlussendlich zurückbinden auf theoretische Argumente der entsprechenden Forscher. Danach ging es um das Währungskrisen-Modell von Paul Krugman, dessen Ergebnisse dem Geiste nach etwa in den Defizit-Kriterien im Vertrag von Maastricht wiederzufinden sind und die auch erklären, welche Funktion das sogar zu öffentlicher Berühmtheit gelangte TARGET2-System erfüllt. Schließlich haben wir wichtige Arbeiten in Bezug auf die Folgen von wirtschaftlicher Spezialisierung vorgestellt – im besonderen Hinblick darauf, welche Probleme sich daraus für eine Währungsunion ergeben können. Anfügen ließe sich hierzu noch, dass diese Probleme schon durch zunehmenden Handel entstehen (können) und nicht erst durch eine zusätzlich vereinheitlichte Währung; allerdings steht betroffenen Ländern durch eine eigene Währung möglicherweise ein zusätzliches Politikinstrument zur Verfügung in diesem Fall (unter welchen Bedingungen eine Währung stabilisierungspolitisch hilft, dazu sei etwa auf den Aufsatz von McKinnon verwiesen, den wir im ersten Teil vorstellten). Die beschriebenen Theorien sind (hoffentlich) auch Beispiele dafür, wie viel Ökonomen für ganz praktische Entscheidungen beitragen können.

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  1. Pingback: LabourNet Germany Exportbilanz von Deutschland: Gut vierzig Jahre "Denk-Knechtschaft" im neoliberalen Korsett sind genug » LabourNet Germany

  2. Der gemeinsame Haushalt der EU
    Ist nicht zu vergleichen mit dem von den USA, denn er ist ca. 20 mal niedriger. Eine ökonomische oder politische Äquivalenz zu suggerieren wäre irreführend und falsch. Vielmehr liegt (m.E.) eine der mögliche Lösungen der € Krise einfach darin, dass der EU Haushalt auf dem Niveau des US Bundeshaushaltes gebracht wird, mit ähnlichen Einnahmequellen und ahnliche demokratischen Entscheidungswegen (1 Man 1 Vote anstatt von 1 Country 1 Vote bzw 1 € 1 Vote).

  3. Das Problem drohte schon immer,
    ob Tulpen in Holland, Baumwolle etwa in den Südstaaten der USA, Autos in Detroit (oder Dtland), immer, wenn sich eine Region in besonderer Weise einem Produkt verschreibt, dessen Markt gesättigt wird, oder das durchgreifender Veränderung unterliegt, droht der regionale Absturz. Das dürfte damit zusammenhängen, dass bei dem Verlust der „Marktmacht“ die Einnahmen versiegen, als hätte der Mensch kein Wasser mehr. Das ist nichts Ungewöhnliches. Schwierig sind zwei andere Folgen: a)Man wandert nicht mehr ab. b) Die Bereitschaft (und Fähigkeiten?), die Verhältnisse anzupassen oder grundlegend zu verändern, schwinden. Hier liegt das eigentliche Problem – und planwirtschaftliche Transferzahlungen verschärfen es. Durch Transferzahlungen kommt das Geld in die Planwirtschaft. Wir älteren Deutschen kennen das noch in Form von Milliardenkrediten an die DDR. Das war nichts anderes. Ergebnis? Pleite der DDR. Das droht auch wieder! Der Mechanismus dahinter ist recht einfach: Während sich im Falle der DDR Menschen nicht um sich selbst kümmern durften (keinen eigenen Gewinn erzielen durften), droht jetzt, dass immer mehr Menschen in Europa meinen, keinen eigenen erzielen zu müssen. Sie können ja vom Transfer leben – und das wird ins Aus führen; die Frage wird nur sein, wann. Dass die neuzeitliche technische Revolution der Computer hier für Europa eine entscheidende Rolle spielt ist klar. Europa steht insoweit still und entwickelt sich nicht. Das ist Zukunftsverweigerung- durch Transferzahlungen??

  4. Währungsräume aller Orten: Normal seit 200 Jahren.
    In vielen Diskussionen klingt durch, daß der € Währungsraum ein spezieller sei. Ich habe da meine Zweifel. Nimmt man die USA, den größten und historisch am längsten existierenden Währungsraum und vergleicht ihn mit der €-Zone stellt man fest, daß es dort, genau wie hier schwache Regionen und starke Regionen gibt. Der Unterschied besteht letztlich lediglich in der staatlichen Organisation: Dort ein Bundesstaat, hier ein Staatenbund. Die gemeinsame Währung ($) und der größere heimische Markt haben das Wirtschaftswachstum nachhaltig befördert. Wenn Massachussets, Kalifornien … etc. eigene Währungen hätten, würden diese aufwerten und deren Export in alle Welt und die anderen Bundesstaaten zurückgehen. Umgekehrt gilt dies für die schwachen Staaten, die durch Abwertung leichter exportieren könnten. Ingesamt muß es daher interne Ausgleichsmechanismen geben, wie z.B. Mobilität, regionale Strukturhilfen etc. Genau dies wird heute schon durch die EU bereitgestellt. Daß Griechenland diese umzusetzen nicht in der Lage ist, zeigt die Schwäche dieses Staates Auch in den USA gibt es keine Homogenität: Man denke nur an die großen Konflikte und Unterschiede in der Rassenfrage, die zugelich auch immer öknomische waren, in den USA. Martin Luther King hat in Alabama, nicht in New York demonstriert!

    Dies alles gbit mir die Frage auf, sind Währungsräume mit internen Ungleichgewichten nicht sozusagen unvermeidlich und zeigen nicht gerade die USA, daß dies dem Gesamterfolg nicht im Wege steht.

    P.S. ein kleiner hinterhältiger Gedanke, der mir ernst ist, den man aber nicht zu ernst nehmen sollte: Wenn Mr. President Deutschland attackiert, weil der € der Südländer wegen zu niedrig sei, sollten wir mit der Gegenforderung reagieren, er möge die starken Staaten der USA aus dem Währungsverbund des $ ausgliedern. Nur weil dieser Währungsraum seit 200 Jahren existiert hat er kein Recht, daß dessen starke Staaten, andere Länder durch künstlich erzeugte, niedrige Kurse der Gemeinschaftswährung ausbeuten. Zugleich könnte Mr. President in den Staaten des Rust Belts durch Abwertung der dann lokalen Währung auch in seiner hoffentlich kurzen Amtszeit Arbeitsplätze erzeugen.

  5. Die Kultur wurde überhaupt nicht berücksichtigt
    Beim Fazit der Theorie fehlt der Teil, der sich eben nur in der Praxis ausmachen lässt und durch alle Gedankengänge aller Verantwortlichen vernachlässigt, bzw. gar nicht berücksichtigt wurde.

    Es ist die kulturelle Vielfalt oder eben gegebene, unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Regionen, die die Menschen mit ihrer Kindheit prägen und kaum abgelegt werden kann. Darum ist auch falsch etwas harmonisieren zu wollen, das nicht harmonisierbar ist. Und es ist unschwer zu erkennen, dass an irgendeiner Grenze (Recht, Sprache, Religion, Weltanschauung, Klima, usw.) die Unterschiede sichtbar werden.

    Wie aus der Pädagogik längst bewiesen, ist es wenig sinnvoll ein Kind quälend zu schulen was es nicht kann (z.B. als Linkshänder mit der rechten Hand zu schreiben). Vielmehr sollten seine Stärken gefördert werden. Dann kommt für das Kind auch der Spass, diese Stärke zum Beruf machen zu wollen und schlussendlich die Erfüllung darin zu finden. Genau hier trifft Harmonie ein.

    Für den Euro bedeutet dies, die Unterschiede und Vielfalt des Kontinents, was seine Stärken sind, als Erfolg zu verkaufen. Stattdessen wurde versucht ganze Volkswirtschaften zum Pauken eines Fachs zu verdammen, das den Meisten gar nicht liegt – Unmut kommt auf, das Gegenteil von Harmonie.

    Mit Pauken eines Fachs ist das Verhindern kultureller Elemente als Freiheiten gemeint, die sogar klimabedingt sind, wie z.B. Siesta und Gelassenheit gegen Leistung mit Cannabis bis zum Umfallen. Und alle anderen Differenzen der Leistungsfähigkeit der Regionen und Kulturen.

    Schlicht nicht zu Ende gedacht.

  6. Die ökonomische Spezialisierung ist bedeutsam und verbessert
    Die ökonomische Spezialisierung ist bedeutsam und verbessert: Der Bereich der Haushaltsgeräte in Varese (Italien, Lombardei) wurde von Whirlpool EMEA und Electrolux ausgewählt.
    Die Lombardei konzentriert über 60% der ausländischen Direktinvestitionen nach Italien (92 der 100 führenden multinationalen Unternehmen in Italien).

    Internationale Direktinvestitionen in Italien beschäftigen 726.000 Arbeitnehmer und 285 Mrd. Euro Umsatz.
    (Übersetzt von Google)

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