Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Verborgene Schätze der Wirtschaftsgeschichte

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Die Debatte über Thomas Piketty zeigt: Der Umgang mit Daten aus der Wirtschaftsgeschichte ist wichtig und schwierig zugleich. In vielen Ländern entstehen derzeit große Datenbanken. Doch in Deutschland kommt die digitale Aufbereitung wirtschaftshistorischer Daten leider nicht  voran. Das hat auch Folgen für den politischen Diskurs. Ein Gastbeitrag von Jan-Otmar Hesse*)

 

In der Geschichte schlummert ein riesenhafter Datenschatz. Seit rund 200 Jahren beschäftigen Staaten hauptberufliche Statistiker, die den Wohlstand des Landes zählten und vermaßen. Für das „vorstatistische Zeitalter“ vor 1800 sind immerhin noch diverse unsystematische Zählungen und weitere Wirtschaftsdaten vorhanden, insbesondere Informationen über Preise. Wirtschaftshistorikerinnen und Wirtschaftshistoriker beschäftigen sich unter anderem damit, solche Datenschätze aufzuspüren, zu sichern und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu nutzen. Gerade in den letzten Jahren ist das Fach hiermit äußerst erfolgreich. Thomas Pikettys Interpretation langfristiger Einkommens- und Vermögensungleichheit schöpft beispielsweise aus einem solchen wirtschaftshistorischen Datenschatz.

Die neue Wirtschaftsgeschichte kann sich dabei ein weiterentwickeltes methodisches Arsenal der Ökonometrie zunutze machen sowie stark gestiegene Rechnerleistungen, die das Fach in die Lage versetzen, sehr große Datensätze auszuwerten. Allerdings birgt der wirtschaftshistorische Goldrausch auch Gefahren. Historische Daten sind in der Regel lückenhaft und heterogen, so dass eindeutige Aussagen nur durch Homogenisierungen erlangt werden können. Die Debatte über die Daten von Thomas Piketty, die durch die jüngste Publikation von Richard Sutch neu entfacht wurde, hat gezeigt, das Datenhomogenisierungen häufig zu gravierenden Verfälschungen führen. Zudem werden Daten allzu gerne aus dem historischen Kontext gerissen und dann fehlinterpretiert. Wie lässt sich der wirtschaftshistorische Datenschatz also zur Lösung gegenwärtiger Probleme nutzen, ohne dass sich Forscher in den Fallstricken der autodidaktischen Fehlinterpretation verfangen?

Die von fachlicher Seite vorgeschlagene Lösung dieser Frage ist eigentlich ganz einfach, die Umsetzung scheitert aber derzeit an den Tücken der bundesdeutschen Förderungslandschaft. Wirtschaftshistorikerinnen und Wirtschaftshistoriker fordern seit langem die öffentliche Förderung eines bundesweiten Projektes zur historischen Statistik. Mit einem solchen Projekt sollten über eine webbasierte Plattform historische Daten zur deutschen Wirtschaftsgeschichte zur Verfügung gestellt werden, die von dritten dann weltweit zur Forschung genutzt werden können. Der Veröffentlichung über die Plattform wäre ein Redaktionsteam an wirtschaftshistorischen Spezialisten vorgeschaltet, die darauf achten würden, dass in den jeweiligen Datenreihen keine unplausiblen Schätzungen und Näherungen eingebracht werden und dass die Daten authentisch sind.

Wegen der notwendigen wissenschaftlichen Prüfung und Autorisierung der Daten fällt ein solches Projekt nicht in die Zuständigkeit des Statistischen Bundesamtes, das für die Leistungsfähigkeit der aktuellen Wirtschaftsstatistik zu sorgen hat, nicht aber für die Vollständigkeit der historischen. Die historischen Wirtschaftsdaten könnten auf diese Weise in einer standardisierten Qualität ausländischen Wirtschaftshistorikern und inländischen Volkswirten zur Verfügung gestellt werden, die sich mit dem jeweiligen historischen Kontext nicht beschäftigen wollen. Gleichzeitig werden damit deutsche Themen in die internationale Öffentlichkeit gebracht, wo nicht zuletzt aus Gründen der Zugänglichkeit der Datengrundlage üblicherweise anglo-amerikanische Themen dominieren.

Große historische Datenbanken entstehen derzeit überall auf der Welt und in dieser Hinsicht setzt die von Thomas Piketty mitbegründete „World Income and Wealth Database“ (http://wid.world/) zweifellos Maßstäbe. In Deutschland ist in den letzten Jahren von Moritz Schularick in Bonn (http://www.macrohistory.net/data/) und in der Arbeitsgruppe des CesIfo-Instituts in München (Davide Cantoni u. Erik Hornung) https://www.cesifo-group.de/de/ifoHome/facts/iPEHD-Ifo-Prussian-Economic-History-Database.html sowie von einer Abteilung des gesis-Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln (Thomas Rahlfs https://histat.gesis.org/histat/de/data ) Pionierarbeit geleistet worden. Die Datenbanken unterscheiden sich allerdings sowohl was die Art der Datenpräsentation anbelangt als auch hinsichtlich der Datenauswahl. Sie sind weder kompatibel, noch auch nur für winzige Perioden vollständig.

Für viele Fragen zur deutschen Wirtschaftsgeschichte müssen Wirtschaftshistorikerinnen und Wirtschaftshistoriker daher noch immer auf unzureichende und veraltete Datensammlungen zurückgreifen. Walther G. Hoffmanns „Das Wachstum der Deutschen Wirtschaft“ aus dem Jahr 1965 ziert nach wie vor die Universitätsbibliotheken und ging wider besseren Wissens auch in die Nationalproduktschätzungen des britisch-niederländischen Volkswirts Angus Maddison ein, die dieser im Auftrag der OECD in den 1990er Jahren zusammenstellte. Kurios wurde das vor allem, als das Team um Maddison die deutsche Wiedervereinigung datentechnisch dadurch vornahm, dass das ostdeutsche und das westdeutsche Bruttoinlandsprodukt auf der Basis der Kaufkraftparitäten des Dollar von 1990 für den gesamten Zeitraum der Existenz der DDR schlicht addiert wurde. Trotzdem werden die Maddison-Daten selbst in angesehenen Journals heute noch immer genutzt, wenn langfristiges GDP-Wachstum vergleichend dargestellt werden soll.

Wenn die Bundesrepublik die zeitgemäße digitale Aufbereitung der wirtschaftshistorischen Datenschätze nicht selbst in die Hand nimmt, dann werden entweder nicht primär historisch interessierte Laien einen vor allem normativ-politisch inspirierten Gebrauch von schriftlich vorliegenden Daten machen, den das sehr kleine Fach der Wirtschaftsgeschichte kaum in der Masse wird korrigieren können. Oder der speziell aus der deutschen Geschichte herrührende Datenschatz, der aufgrund des ungewöhnlichen Verlaufs der deutschen Geschichte eben auch einzigartige Erkenntnisse verspricht (beispielsweise über die ökonomischen Effekte langfristiger föderaler Wirtschafts- und Bildungspolitik), wird von der Forschung schlicht nicht benutzt werden – auch nicht von der inländischen, die mit ausländischen Daten schon jetzt wesentlich unkomplizierter arbeiten kann. Über die beschriebenen Fehlleistungen der seriösen internationalen Daten-Großprojekte wird sich dann niemand mehr beschweren dürfen, und über die postfaktischen Behauptungen nicht seriöser Populisten erst recht nicht. Die meisten werden aber ohnehin unbemerkt bleiben.


 

*) Professor Dr. Jan-Otmar Hesse ist Inhaber der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth.

 

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3 Lesermeinungen

  1. Man versteht die Intention des Artikels und wünscht der
    Bundesrepublik Deutschland mit dem Thema viel Erfolg – die Aufgabe scheint in der Tat viel zu lange brach gelegen zu haben, wenn man so sagen darf.

    Unsere Sorge dazu wäre nebenbei höchstens, dass wir als Republik vor lauter Konzentration auf die Bundesrepublik nicht auch gleich die Randbedingung mit sehen würden die da heißt die wirtschaftliche Verwobenheit der Bundesrepublik Deutschland vor allem im Euroraum bzw im Europa der Nachkriegsgeschichte überhaupt gleich mit sehen zu wollen und aufzubereiteten und die ‚aufbereiteten Zahlen‘ auch gleich zumindestens am Rande mit komplett zu machen. Die Landesgrenzen der Bundesrepublik Deutschland, ‚die überwiegend in der EU liegen‘, als positive Schnittstelle mit aufgefasst.

  2. Oh nein...
    Auch bei diesem nüchternen und eigentlich strikt rationalen Thema hält die unsägliche gegenderte Sprache Einzug…. Andererseits: Politische Korrektheit ist im Uni-Betrieb immer schon wichtiger gewesen als intellektuelle Originalität.

  3. Verständlichkeit und Interpretation [Max Weber]:Darstellung und Mythe
    Ein herbes Beispiel, wie sich Geschichte darstellen lässt :“Wo waren eigentlich die Faktenchecker?“,von Michael Hanfeld,F.A.Z., Freitag ,23.Juni 2017.
    Nun das könnte nach Belieben extrapoliert werden. Geschehnisse brauchen verifizierende „Bühne „ die Wirklichkeit ihrer Sinn zurückzuführen.

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