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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Gold gab ich für Eisen

| 6 Lesermeinungen

Am 31. Juli 1914 setzte die Reichsbank die Verpflichtung aus, ihr vorgelegte Banknoten gegen Gold zu tauschen. Dieser widerrechtliche Akt war Teil einer lange vorbereiteten finanziellen Mobilmachung für den Krieg. Er beendete das Zeitalter der Goldwährung in Deutschland. Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein wurde zum „Generalgeldmarschall“.

© dpaDie Zentrale der Reichsbank in Berlin

Ende Juli 1914 war die wachsende Nervosität in der Bevölkerung mit Händen zu greifen. Wenige Tage zuvor hatte eine deutsche Großbank besonders guten Kunden empfohlen, sich angesichts des nahenden Krieges von ihren Wertpapieren zu trennen. Am Aktienmarkt kam es zu panikartigen Verkäufen, die Ende Juli zur Schließung der deutschen Börsen führte. Auch im Ausland stellten Börsen ihren Handel ein. Derweil blickten in der Reichsbank in Berlin die Verantwortlichen voller Sorge auf die sich leerenden Tresore. Denn die Reichsbank war laut Gesetz gezwungen, ihr vorgelegte Banknoten auf Verlangen in Gold einzutauschen, und die von Unruhe geplagten Menschen legten der Reichsbank große Summen an Banknoten vor, obgleich die Reichsbank nur in Berlin Gold abgab, aber nicht in ihren anderen zahlreichen Niederlassungen im Lande.

Appelle zur Ruhe in den Medien verhallten ungehört. So hatte die Bonner Zeitung am 30. Juli den Aufruf eines Bundes für Handel und Gewerbe, Handel und Industrie veröffentlicht, in dem es unter anderem hieß, „es möge jeder in seinem Kreise dahin wirken, dass die Sachlage mit derjenigen Ruhe und Besonnenheit betrachtet werde, welche mit Rücksicht auf die wirtschaftliche und militärische Bereitschaft Deutschlands auch bei Eintreten schwererer Ereignisse am Platze ist. Insbesondere machen wir darauf aufmerksam, dass die unnötige Abhebung von Depositen- und Sparkassengeldern die Lage nur verschärfen würde. Übereilte finanzielle Maßnahmen können weder dem Interesse der Gesamtheit, noch dem des Einzelnen dienen.“

Seit dem Attentat von Sarajewo, dem am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin zum Opfer gefallen waren, hatte Krieg in der Luft gelegen. Mitte Juli schien sich die Lage ein wenig zu entschärfen, aber danach ging es Schlag auf Schlag. Am 23. Juli sandte Österreich-Ungarn ein Ultimatum an Serbien, auf das Serbien am 25. Juli mit öffentlicher Unterstützung Russlands die Teilmobilmachung seiner Truppen ankündigte. Am 28. Juli folgte die offizielle Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und am 29. Juli die Beschießung von Belgrad durch die Österreicher. Die kleine Hoffnung auf eine Lokalisierung des Konflikts schwand, als Russland am 30. Juli die Mobilmachung seiner Truppen ankündigte und das Deutsche Reich am 31. Juli ein Ultimatum an Frankreich sandte. Während dieser Tage der Eskalation schmolzen in der Reichsbank die Reserven dahin. Vom 23. Juli bis zum 31. Juli ermäßigte sich der Wert ihrer Goldbestände um mehr als 100 auf 1357 Millionen Mark.

Für die Reichsbank waren diese Abflüsse unerträglich, denn im Rahmen der seit Jahren diskutierten „finanziellen Mobilmachung“ für den Kriegsfall musste sie ihre Bestände nicht nur zusammenhalten. Ihr war sogar daran gelegen, ihren Goldschatz zu vergrößern, um die kurzfristige Zahlungsfähigkeit des Staates zu sichern und das Vertrauen in die Währung auch in Kriegszeiten zu erhalten. Und so griff die Reichsbank zu einer folgenschweren Entscheidung: Sie suspendierte, eigentlich rechtswidrig, am 31. Juli den Tausch von Banknoten in Gold. Wenige Tage später, der große Krieg war unterdessen ausgebrochen, genehmigte das Parlament im Nachhinein den Akt der Reichsbank. Ihr Präsident Rudolf Havenstein wurde nun in der öffentlichen Wahrnehmung zum „Generalgeldmarschall“ des Deutschen Reiches.

Der Goldstandard endet

Damit war in Deutschland das Ende der Goldwährung gekommen – ein Epochenbruch, der seinerzeit als kurzfristige Notwendigkeit verstanden wurde, aber lange nachwirkte. Das Deutsche Reich stand nicht alleine; auch in anderen Staaten wurde der schrankenlose Goldverkehr kriegsbedingt unterbunden. Und damit endete im Sommer des Jahres 1914 eine einzigartige Währungsordnung: der internationale Goldstandard.

Seine Entstehung war nicht ohne Zufälle: Ohne die riesigen Goldfunde in Australien und Nordamerika in der Mitte des 19. Jahrhunderts hätte es eine internationale, auf Gold basierende Währungsordnung vermutlich niemals gegeben. Denn Gold war zuvor knapp gewesen. In Europa kannten damals nur Großbritannien und Portugal die Goldwährung. In den Vereinigten Staaten sowie in der Lateinischen Münzunion, der Frankreich, Italien, Belgien, die Schweiz und Griechenland angehörten, herrschte der sogenannte Bimetallismus, in dem Gold und Silber gleichberechtigt als gesetzliche Zahlungsmittel kursierten. Deutschland glich vor der Reichseinigung 1871 nicht nur politisch, sondern auch auf dem Gebiet der Währungen einem Flickenteppich. Das dominierende Währungsmetall war Silber; nach Schätzungen des Bankiers und Politikers Karl Helfferich entfielen im Jahre 1871 in Deutschland 82 Prozent des Metallgeldvorrats auf Silber. Von den in Deutschland damals kursierenden Goldmünzen stammten die meisten aus dem Ausland.

Neben den Goldfunden zur Jahrhundertmitte verdankte der internationale Goldstandard seine Entstehung wesentlich der damals sehr kontrovers diskutierten Entscheidung Deutschlands, nach der Reichsgründung im Jahre 1871 von der Silberwährung zur Goldwährung überzugehen. Möglich wurde dieser Wechsel durch den Sieg im Krieg von 1870/71 gegen Frankreich, nach dessen Ende Paris eine Entschädigung von rund 5 Milliarden Franc entrichtete. Die Franzosen zahlten zwar nur einen kleinen Teil dieses für die damalige Zeit gewaltigen Betrages in Gold; der größte Teil wurde in Wechseln, einem damals verbreiteten Kredit- und Zahlungsmittel, geleistet. Vor allem die auf ausländische Finanzplätze wie London ausgestellte Wechsel konnten vom Deutschen Reich dort in Gold umgetauscht werden. Ein Teil dieses Goldes, Münzen im Wert von 120 Millionen Mark, wurde in den Juliusturm eingebracht, ein zur Zitadelle Spandau gehörendes Gebäude, und als Reichskriegsschatz bezeichnet.

Tausche Silber gegen Gold

Zur Goldwährung gehörte damals nicht nur ein Schatz im Besitz des Staates, sondern auch Münzen, die wegen ihres hohen Wertes vorwiegend im Geschäftsleben kursierten. Um an Gold zu kommen, verkaufte Deutschland in den Jahren nach der Reichsgründung über London, aber auch über asiatische Finanzplätze, erhebliche Mengen Silber. Die Verkäufe Deutschlands sowie die Entdeckung erheblicher Silberlager in den Vereinigten Staaten sorgten für einen Preiseinbruch, der weitere Länder bewog, Silber als Währungsmetall durch Gold zu ersetzen. Bis zum Jahre 1900 gingen neben anderen die Vereinigten Staaten, Frankreich, Russland, die Schweiz und die skandinavischen Staaten zur Goldwährung über.

Der internationale Goldstandard war entstanden, ganz ohne grenzüberschreitende Verträge und Institutionen. Der Goldstandard beruhte in der Theorie auf dem freien Austausch des Edelmetalls über die Grenzen hinweg und auf der Bereitschaft, die in einem Lande umlaufende Geldmenge – die nicht nur aus Goldmünzen bestand, sondern unter anderem auch aus Banknoten – an der Menge des vorhandenen Goldes auszurichten. In der Praxis wurde das zweite Prinzip oft flexibel ausgelegt.

Deutschland brauchte einige Zeit, um seine neue Währung zu etablieren. Für ihre Einführung wurde in Münzgesetzen des Jahres 1871 und 1873 Sorge getragen und in der Folge verdrängte das Gold viele Silbermünzen. Seit Juli 1875 zahlte die Preußische Bank, aus der kurz danach die Reichsbank entstand, auf Verlangen gegen ihre Banknoten Gold aus, während sie bis dahin auch in Silber zahlen konnte. Gleichwohl kursierte neben Goldmünzen in den darauffolgenden Jahrzehnten auch noch Silbergeld als gesetzliches Zahlungsmittel – eine Währungsordnung, die von Ökonomen als „hinkende Goldwährung“ bezeichnet worden ist. Erst im Münzgesetz von 1909 hieß es verbindlich: „Im Deutschen Reiche gilt die Goldwährung. Ihre Rechnungseinheit bildet die Mark, welche in hundert Pfennige eingeteilt wird.“

Gold- und Silbermünzen blieben bis zum Ersten Weltkrieg ein geschätztes Zahlungsmittel. Besonders beliebt war das Zwanzigmarkstück, das aus gut 7 Gramm Gold bestand und von dem etwa 220 Millionen Exemplare geprägt wurden. 20 Mark entsprachen damals dem Wochenlohn eines Arbeiters. Nur in wenigen Jahren wurde zwischen 1871 und 1914 der Nennwert der umlaufenden Münzen vom Nennwert der umlaufenden Banknoten übertroffen. Auch entwickelte sich im Deutschen Reich der bargeldlose Zahlungsverkehr langsamer als in anderen Ländern. Unternehmen nutzten untereinander oft Wechsel als Zahlungsmittel.

Die Goldwährung braucht den Aufschwung

In Deutschland stieß die Goldwährung gleichwohl nicht überall auf Zustimmung, denn auf den Boom der Gründerjahre nach 1871 folgte eine schwere Krise und danach eine längere Phase, in der die Wirtschaft nach der Wahrnehmung vieler Menschen nicht sehr dynamisch wuchs; in einigen Jahren sank das Preisniveau. Der Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt hat diese Krise der ausgehenden siebziger Jahre „eine Art Zäsur in der deutschen wirtschaftlichen Entwicklung“ 1) genannt. Besonders in der Landwirtschaft, deren Schulden als Folge fallender Absatzpreise real stiegen, und auf der politischen Rechten nahm die Kritik an der Goldwährung und an der liberalen Wirtschaftspolitik zu, worauf die Regierung unter Kanzler Otto von Bismarck unter anderem mit Schutzzöllen reagierte. Die Goldwährung aber blieb, obgleich die schwache Wirtschaftsentwicklung von Fachleuten damals unter anderem auf einen Mangel an Gold im internationalen Währungssystem zurückgeführt wurde.

Ab etwa 1894 fingen die Wirtschaft und das Preisniveau wieder stärker an zu wachsen und es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass dieser Expansion größere Goldfunde in Südafrika und Alaska vorangegangen waren. Borchardt urteilt im Rückblick: „Möglicherweise gehört der weltweite Aufschwung von Produktion und Handel zu den Existenzbedingungen einer politisch unangefochtenen Goldwährung.“ Der Ökonom Paul McGouldrick hat in einer Studie nachgewiesen, dass im Vergleich zu anderen Ländern die Konjunktur- und Preisschwankungen im Deutschen Reich eher gering waren. 2) Dies gilt vor allem gegenüber den Vereinigten Staaten – was aber unter anderem daran lag, dass Deutschland eine dominierende Notenbank hatte, die Vereinigten Staaten bis zum Jahre 1913 aber keine. So schrieb der Hamburger Bankier und Ökonom Friedrich Bendixen im Jahren 1909: „Wir Deutschen sind so glücklich, für das Problem der Reichsbankverfassung eine ideale Lösung gefunden zu haben, eine Lösung, um die uns einsichtige Köpfe des Auslands beneiden.“

Die im Jahre 1876 gegründete Reichsbank war eine Art Zwitter – ihr Kapital gehörte privaten Eigentümern, aber ihre Kontrolle unterlag dem Staat.3) Die Reichsbank war gehalten, ein Drittel der von ihr ausgegebenen Noten sicher zu unterlegen, darunter wesentlich mit Gold. Die übrigen Noten waren meist durch Handelswechsel gedeckt, die von der Reichsbank von anderen Banken wie auch direkt von Unternehmen angekauft wurden.4) Gegründet wurde die Reichsbank, um unkontrollierte Goldabflüsse aus Deutschland zu verhindern, die man in den Jahren vor ihrer Gründung beobachtet hatte. In diesem Sinne wurde die Reichsbank zur „Hüterin der Währung“.

Über Inflation und Deflation entschied wesentlich die Goldwährung

Die Hauptaufgabe der Reichsbank war weniger die Sicherung stabilen Geldes – für Inflation oder Deflation sorgte im wesentlich das Gold als Grundlage der Währungsordnung. Die Reichsbank wurde nicht zuletzt zum Garanten eines stabilen Finanzsystems, das aus vielen wenig regulierten Banken bestand. In Deutschland waren die Wertpapiermärkte damals weitaus weniger entwickelt als etwa in Großbritannien oder in Frankreich, und so finanzierten sich die Unternehmen überwiegend über Bankkredite. Gerieten Banken als Ergebnis einer zu lockeren Kreditvergabe in Schwierigkeiten, wandten sie sich hilfesuchend an die Reichsbank, die Wechsel aus dem Bestand der Geschäftsbanken ankaufte und diesen dafür Geld gut schrieb. Auf diese Weise wurde die Reichsbank zu einem Kreditgeber der letzten Instanz. Die Reichsbank war als Retterin von Banken und Stabilisator des Finanzsystems so erfolgreich, dass sie, wie der Wirtschaftshistoriker Harold James konstatiert hat, von den Banken ausgenutzt wurde. Moderne Ökonomen würden von moralischer Versuchung („moral hazard“) sprechen. 5)

Etwa seit der Jahrhundertwende kursierten Überlegungen zur Rolle der Reichsbank für die Finanzierung eines Krieges. Solche Überlegungen, die später als finanzielle Mobilmachung bezeichnet wurden, wurden damals auch in anderen Ländern angestellt, denn die Zahl schwerer außenpolitischer Krisen nahm zu. In Deutschland veröffentlichte im Jahre 1899 der Bankdirektor Moritz Ströll einen Aufsatz mit dem Titel „Über das deutsche Geldwesen im Kriegsfall“. Für viel Aufmerksamkeit sorgte ein Vortrag des Hamburger Bankiers Max Warburg auf dem Bankentag im Jahre 1907 zum Thema „finanzielle Kriegsbereitschaft“. 6)Warburg zählte zum Beraterkreis des Kaisers.

Die Planspiele jener Jahre gingen in Erinnerung an den Krieg von 1870/71 von einem höchstens mehrere Monate dauernden Feldzug, aus, dessen Kosten der besiegte Feind erstatten würde. 7) Deutlich sah man eine Doppelbelastung der Reichsbank voraus. Sie musste einerseits mit Goldabflüssen durch verschreckte Bürger rechnen, aber andererseits auch dem Staat zumindest kurzfristig für die Kriegsfinanzierung zur Verfügung stehen. Denn an eine Steuerfinanzierung war in Deutschland anders als in Großbritannien nicht gedacht, und eine Finanzierung durch Anleihen brauchte Zeit und war unsicher. 8) „Die Stellung der Reichsbank wird unmittelbar nach Ausbruch des Krieges außerordentlich schwierig sein, da sie sofort für den Staat als Reichskriegsbank zu dienen hat, während ihre Funktionen als Reichswechselbank für den Geschäftsverkehr in enorm gesteigerten Maße in Anspruch genommen werden“, hatte Warburg prognostiziert.

Banknoten sollten das Gold in die Tresore des Staates bringen

Deutschland erschien in finanzieller Sicht besonders gefährdet, weil viel kurzfristig angelegtes Auslandskapital vorhanden war, das im Falle ernster politischer Spannungen vermutlich schnell abgezogen werden würde. Damit gab es mehrere Gründe, die Reichsbank mit mehr Goldreserven auszustatten: Neben der Gefahr großer Beanspruchungen durch nationale Finanzkrisen wegen der weiter wachsenden Geschäftsbanken, die sich Regulierungen widersetzten, traten nun Vorbereitungen für den Kriegsfall. Noch etwas kam hinzu: Die amerikanische Finanzkrise des Jahres 1907 weckte in Europa Sorgen vor schweren internationalen finanziellen Verwerfungen, gegen die es sich zu schützen galt.

Um das Gold aus dem privaten Verkehr in die Tresore des Staates zu lenken, wurde die Reichsbank im Jahre 1906 ermächtigt, Banknoten im Nennwert von 20 und 50 Mark auszugeben. Zuvor hatte der Mindestnennwert 100 Mark betragen. Im Jahre 1909 wurden die Noten der Reichsbank zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt. Im Jahre 1913 nahm der Staat für 120 Millionen Mark Gold aus dem Umlauf, indem er Reichskassenscheine, eine Art staatliches Papiergeld, bei Unternehmen und Privatpersonen plazierte. Des weiteren wurde verfügt, den im Juliusturm gelagerten Reichskriegsschatz in die Tresore der Reichsbank zu verlegen. Auch die Förderung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, zum Beispiel durch die Einführung des Postscheckverkehrs im Jahre 1908, diente dem Zweck, den Gebrauch von Goldmünzen in der privaten Wirtschaft zu reduzieren.

© Foto: ImagoDer Juliusturm der Zitadelle Spandau

Harold James hat in einem Beitrag kürzlich auf die Folgen der amerikanischen Finanzkrise des Jahres 1907 für die weitere geopolitische Entwicklung verwiesen. Die Krise habe in Großbritannien, der damals führenden, aber durch die Vereinigten Staaten und Deutschland herausgeforderten Weltmacht den Wunsch erweckt, die beiden Rivalen finanziell zu schwächen. Gleichzeitig hätten die Amerikaner Lektionen aus ihrer Krise gelernt und sich zur Gründung eines Notenbanksystem, den Federal Reserve Banken, entschlossen, schreibt James. Eine wichtige Rolle spielte in den Vereinigten Staaten der Bankier Paul Warburg, ein Bruder Max Warburgs. Eine deutsch-amerikanische Annäherung, für die beide Brüder eintraten, gelang jedoch nicht.

Nachdem der Krieg Anfang August 1914 ausgebrochen war, fand die Panik der Menschen schnell ein Ende und an die Stelle der Verunsicherung trat vielerorts Kriegsbegeisterung. Der Reichstag in Berlin beschloss am 3. August eine Reihe von Maßnahmen, die das Ende einer durch Gold gedeckten Währung zur Folge hatten und in der Praxis jede Beschränkung der Geldschöpfung aufhoben. Die Goldbestände der Reichsbank nahmen in den ersten Kriegsjahren allerdings zu. „Gold gab ich für Eisen“ war ein Slogan, der erstmals in den Napoleonischen Befreiungskriegen und nun auch im Ersten Weltkrieg die Menschen dazu aufforderte, Gold- und Silberschmuck für die Kriegsfinanzierung abzugeben. Ersetzt wurde er durch Eisenschmuck. An der Zerrüttung der deutschen Währung im Krieg und in den Jahren danach konnten solche patriotischen Gesten nichts ändern.

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Anmerkungen:

1) in: Deutsche Bundesbank (1976)

2) in: Bordo/Schwartz (1984)

3) In einzelnen Quellen ist zu lesen, die private Eigentümerschaft der Reichsbank sei damals schon mit Blick auf einen künftigen Krieg beibehalten worden. Im Krieg von 1870/71 hatte der preußische Kronprinz die Beschlagnahmung von Aktiva einer französischen Bank in Reims durch preußische Truppen mit der Begründung rückgängig gemacht, man vergreife sich im Krieg nicht an privatem Eigentum. Indem die Reichsbank private Eigentümer behielt, hoffte man, in einem künftigen Krieg fremde Truppen von der Beschlagnahmung der Aktiva der Reichsbank abzuhalten.

4) Die Reichsbank war Anhängerin der damals „Banking-Theorie“ oder „Real-Bills-Doktrin“ genannten Lehre, wonach letztlich nicht die Zentralbank über die Geldversorgung bestimmt, sondern die Wirtschaft. Insofern galt Geldschöpfung durch den Ankauf von Handelswechseln als eine sinnvolle Sache. Die Frage, ob die Geldversorgung einer Wirtschaft extern durch eine Zentralbank gesteuert wird oder vielmehr wesentlich durch den – von einer Zentralbank akkommodierten – Geldbedarf der Wirtschaft, ist eines der großen ökonomischen Streitthemen der vergangenen 200 Jahren. Derzeit wird wieder eine Sichtweise präferiert, bei der die Zentralbank nicht alleine für die Geldversorgung verantwortlich ist. Dazu gibt es neuere Schriften aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sowie von der Bank of England. Die Reichsbank setzte zwar mit dem Diskontsatz eine Art Leitzins, aber die Reichsbank sah ihre Gestaltungsmöglichkeiten als begrenzt an und betrachtete den Zinssatz fundamental nicht als von der Geldpolitik bestimmt. Inwieweit die Geldpolitik Einfluss auf den Realzins hat, ist in der aktuellen Debatte umstritten.

5) Die Rolle des Kreditgebers der letzten Instanz („Lender of the last Resort“) wurde Mitte des 19. Jahrhunderts besonders einprägsam von dem englischen Wirtschaftsjournalisten und Buchautor Walter Bagehot in seinem Klassiker „Lombard Street“ beschrieben. Lesenswert ist ein aktuelles Paper von Grossman/Rockoff. Das Moral-Hazard-Problem, das vor allem einige deutsche Ökonomen im Zusammenhang mit der aktuellen Politik der EZB sehen, ist aus der Geschichte der Geldpolitik wohl bekannt.

6) Eine Kopie des Vortragsmanuskripts wurde freundlicherweise vom Bundesverband deutscher Banken zur Verfügung gestellt.

7) Aus den Quellen der damaligen Zeit geht klar hervor, dass die Führung eines mehrjährigen Krieges gegen mehrere große Mächte aus finanzieller Sicht als kaum möglich galt.

8) Auf Reichsebene bestand damals keine Möglichkeit, direkte Steuern zu erheben. Die Anleihefinanzierung galt in Erinnerung an 1870/71 als nicht unproblematisch. Damals war die patriotische Begeisterung offenbar nicht sehr groß, so dass es schwer fiel, genügend Geld für die Anleihefinanzierung zu mobilisieren.

Literatur:

Bordo, Michael / Anna J. Schwartz (Herausgeber): A Retrospective on the Classical Gold Standard 1821-1931. Chicago 1984

Deutsche Bundesbank (Herausgeber): Währung und Wirtschaft in Deutschland 1876-1975. Frankfurt 1976

Deutsche Bundesbank (Herausgeber): Fünfzig Jahre Deutsche Mark. München 1998

Gall, Lothar u.a.: Die Deutsche Bank 1870-1995. München 1995

Holtfrerich, Carl-Ludwig: Die deutsche Inflation 1914-1923. Berlin 1980

James, Harold: Lessons from the financial preparations in the lead-up to the first world war. Voxeu vom 9. Juli 2014

Pohl, Hans (Herausgeber): Deutsche Börsengeschichte. Frankfurt 1992

Rittmann, Herbert: Deutsche Geldgeschichte seit 1914. München 1990

Warburg, Max: Finanzielle Kriegsvorbereitung und Börsengesetz. Vortrag auf dem Deutschen Bankierstag 1907.

Eine ähnliche Version dieses Beitrags ist am 1. August 2014 im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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6 Lesermeinungen

  1. Pingback: Die Woche im Rückspiegel betrachtet | Lars Schall

  2. Netter Aufsatz
    Nettes Literaturverzeichnis mit vielen deutschen Autoren. Interessant wäre aber, die Quellen dieser Autoren zu sehen. Wenn ich den Namen Harold James höre, denke ich an Karl May und schmunzle. Die ausländischen Autoren, vor allem die U.S. Amerikaner, stellen die Reichsbank als primitiv dar. Sie war alles andere als das. Man muss die alte deutsche Literatur suchen. Selbst Rudolf Stucken, Anhänger der Currency Schule, Kritiker der Reichsbank, der die Geldpolitik der U.S.A. als Vorbild sah, ist sachlicher. Die Reichsbank verschwand nicht nach dem Krieg, abgewickelt wurde sie erst in den 70er Jahren, aber sie lebte weiter in der Bundesbank bis sie von der EZB abgelöst wurde.

  3. Sehr informativer Artikel !
    Ähnlich dem Niveau der Zeit vor 20 Jahren.

  4. hmmmm...
    „ist eines der großen ökonomischen Streitthemen der vergangenen 200 Jahrhunderte“

    ?

    „Derzeit wird wieder eine Sichtweise präferiert, bei der die Zentralbank nicht alleine für die Geldversorgung verantwortlich ist.“

    Nö, das war eigentlich schon immer so. Selbst Issing hat in der ersten Auflage seiner „Einführung in die Geldtheorie“ (1974) ganz klar die Geldschöpfung den Geschäftsbanken zugewiesen. Die Quelle der BoE spricht übrigens deutlich von „Money Creation“, nicht von Geldversorgung. Hier wäre genaueres Arbeiten, auf wissenschaftlicher wie sprachlicher Ebene, angebracht gewesen.
    Zuguterletzt sollte auch Frankenberger gemerkt haben, was noch aus dem Bericht der BoE folgt: Dass die Ausreichung von Krediten völlig unabhängig ist von verfügbaren Ersparnissen.

    • Es geht nicht um Zentralbank oder nicht
      Der Gebrauch eines Tauschmittels kann man nicht verbieten. Kredit auch nicht. Ausgleich von Schulden auch nicht. Der Gebrauch von Verbrieften Schulden (wie Schecks und Wechseln) als Tauschmittel auch nicht. All das kann man zum Beispiel mit dem BGB rechtfertigen und das ist schon Geldschöpfung. Das Problem des heutigen Systems ist eher das erschweren des Privatkredits und der Vorteil, den Banken haben, sich dazwischen zu schalten. Die aus Sicht der Bankingschule illegitime Kreditschöpfung der Banken hilft ihnen, sich vom Steuereinkommen zu bemächtigen.

  5. Gold gab ich für Eisen...
    Eßt nicht vom Baum der Erkenntnis…bevor der Geist reif genug ist, die Konsequenzen
    des daraus folgenden Erkenntnis-Handelns „EI“nzu“SE“he“N“.

    …das Gold…die „Gabe“…Einsicht…
    …das Silber…die „Gabe“…Erkenntnis…
    …nur das „GUT-E“insicht im Menschen…führt zur Vernunft-GÜTE.
    Der Vernunft-GÜTE- Mensch, Geistreife, bestimmt das Geld zum Frieden…und nicht umgekehrt…
    das Geld bestimmt den „Vernunftgüte-Mangel-Mensch“, unreifen Geist, zum Krieg.

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