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Ökonomen verstehen zu wenig von Politik (und unterschätzen Verteilungsthemen)

11.03.2013, 14:36 Uhr  ·  Ökonomen denken oft nicht langfristig genug. Liberalisierungen können zwar kurzfristig vorteilhaft sein. Doch zwei Ökonomen machen auf eine Folge aufmerksam: Wenn die Einkommensverteilung zu ungleich wird, können die Reichen den Staat unter ihre Kontrolle bekommen. Dann droht nicht nur politischer, sondern auch schwerer ökonomischer Schaden.

Von
© DPAGewerkschaften zu schwächen, kann ungünstige Folgen haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Daron Acemoglu (Massachusetts Institute of Technology) und James Robinson (Harvard) beschäftigen sich seit Jahren mit den Wechselwirkungen politischer und wirtschaftlicher Institutionen und den sich daraus ableitenden Bestimmungsgründen langfristigen Wirtschaftswachstums. Ihre bisherigen Ergebnisse haben sie populärwissenschaftlich in dem Bestseller “Why Nations Fail” zusammengefasst. Acemoglu und Robinson sind führende Vertreter einer “im Entstehen begriffenen modernen Theorie der Wirtschaftsordnung” (Carl Christian von Weizsäcker), die weit über die traditionelle deutsche Ordnungsökonomik hinaus greift.

Der neueste Beitrag von Daron Acemoglu und James Robinson in Thesen:

1. Traditionelle Ökonomen sind darauf trainiert, in der Politikberatung auf Marktineffizienzen wie Externalitäten oder Monopole/Oligopole hinzuweisen und deren Beseitigung anzumahnen, z.B. durch Steueränderungen oder einen anderen Regulierungsrahmen.

2. Das ist alles schön und gut und oft auch richtig, aber was die Ökonomen dabei unterschätzen, sind die eventuellen Rückwirkungen der Politikänderungen auf die Ausrichtung der Politik selbst: “The main message is that sound economic policy should be based on a careful analysis of political economy and should factor in its influence on future political equilibria.”

3. Die Kausalkette geht wie folgt:

- Im ersten Schritt sorgt die Politik für eine marktwirtschaftliche Reform. Diese besitzt aber auch Verteilungswirkungen, die von vielen Ökonomen nicht ausreichend berücksichtigt werden.

- Als Ergebnis der Verteilungswirkungen kommt es zu einer stärkeren Konzentration von Einkommen und Vermögen.

- Die Bevorzugten dieser Verteilungswirkungen erhalten Einfluss auf die Politik und beeinflussen sie in ihrem Sinne. In Amerika spricht man von “crony capitalism”.

- Wenn die Politik vorwiegend die Interessen Weniger vertritt, hat dies nachteilige Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt. Statt dessen müssen möglichst viele Menschen am politischen und wirtschaftlichen Leben teilhaben können. Anders ausgedrückt: Es gibt eine Kausalkette, die von schlechten politischen Institutionen über schlechte wirtschaftliche Institutionen zu geringerer wirtschaftlicher Leistungskraft führt. Das ist die Kernthese von “Why Nations Fail”, des im vergangenen Jahr erschienenen Buches von Acemoglu/Robinson, dessen Thematik wir in FAZIT in mehreren Beiträgen – zum Beispiel hier und hier und hier – behandelt hatten. (Eine deutsche Übersetzung erscheint in rund zwei Wochen im Fischer-Verlag.)

4. Ein paar Beispiele aus dem Arsenal von Acemoglu/Robinson:

- In manchen westlichen Ländern besaßen Gewerkschaften früher einen starken Einfluss auf die Lohnfindung, den sie auch zu, gesamtwirtschaftlich betrachtet, zu hohen Lohnabschlüssen missbraucht haben. Die Reaktion von Ökonomen war, die Zerschlagung des dominierenden Gewerkschaftseinflusses auf die Lohnfindung  zu fordern – was im Sinne der durch falsche Lohnpolitik angerichteten Schäden auch gut begründbar war. Allerdings ist mit der damit verbundenen generellen Schwächung von Gewerkschaften auch eine Machtverschiebung innerhalb von Gesellschaft und Politik einher gegangen, die sich unter anderem in einer stärkeren Konzentration von Einkommen und Vermögen zeigt. (Dieser Prozess vor allem in den angelsächsischen Ländern sehr ausgeprägt, weniger in Kontinentaleuropa, wie die Forschungen von Piketty/Saez belegen, über die wir hier in FAZIT berichtet hatten - mit Grafiken für die Vereinigten Staaten und Deutschland.)

- Als Folge der Weltwirtschaftskrise wurde in den Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren ein streng reguliertes Trennbankensystem etabliert, das auch noch in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand hatte. Zumindest manche Regulierungen waren aus ökonomischer Sicht absurd und schädlich. So ist es gut verständlich, dass aus marktwirtschaftlicher Sicht Deregulierungen gefordert wurden. Aber wohin führte dieser Prozess? Er führte zu einer sehr starken Ausweitung des Finanzsystems und einer erheblichen Zunahme des politischen Einflusses der Wall Street auf Washington: “While in 1990 the financial sector donated $61 million dollars to political campaigns, by 2006 this was $260 million (the industry which was the next largest donor, health care, gave only $100 million in 2006). Of course, rising wealth and campaign contributions were not the only source of rising political power for the financial industry. There was a revolving door between Wall Street and executive appointments in Washington as well.” Das Ergebnis ist nicht eine einfache und bessere Regulierung der Finanzbranche zum Beispiel durch deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen (siehe unsere Rezension des neuen Buches von Admati/Hellwig), sondern ein Flickenteppich insgesamt möglicherweise sogar eher schädlicher als nützlicher Kleinregulierungen, die jede für sich mühsam den Banken und ihren Lobbyisten abgetrotzt werden müssen.

- Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden in Russland zahlreiche Unternehmen privatisiert. Das war grundsätzlich natürlich eine richtige Politik. Aber es wurde möglichst schnell privatisiert ohne Rücksicht auf die Folgen. Durch die Art und Weise, wie privatisiert wurde, hat man dem Oligarchen-System in Russland Vorschub geleistet, dessen Einfluss auf die russische Politik bis heute erheblich und insgesamt wohl kaum förderlich ist.

 

Was Acemoglu/Robinson hier beschreiben, wird von ihnen als Forschungsfeld verstanden, auf dem viel mehr gearbeitet werde sollte:

“In this essay, we argue not only that economic advice will ignore politics at its peril but also that there are systematic forces that sometimes turn good economics into bad politics, with the latter unfortunately often trumping the economic good. Of course, we are not claiming that economic advice should shy away from identifying market failures and creative solutions to them, nor are we suggesting a blanket bias away from good economic policy. Rather, our argument is that economic analysis needs to identify, theoretically and empirically, conditions under which politics and economics run into conflict, and then evaluate policy proposals taking this conflict and the potential backlashes it creates into account.”

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (37)
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0 Gerald Braunberger 28.05.2013, 21:40 Uhr

Das Paper in der New York Times

Hier:
http://www.nytimes.com/2013/05/24/us/24iht-letter24.html?_r=1&

0 Heike Schneider 02.04.2013, 14:39 Uhr

Bei uns...

...in Deutschland sind die angelsächsischen Löhne genauso wenig förderlich. Und was das Schlimmste ist, hier wird ja Geschichte wiederholt, Täter sitzen ungestraft in Positionen, erhalten Renten. Interesse an Unrechtsbereinigung gleich Null. Allein das untergräbt Deutschland und Europa. Für mich wäre es sicherlich angemessen, wenn Herr Mehdorn nur die Hälfte im Jahre verdienen würde. Aber ich würdige Leute aus der Wirtschaft doch mehr als einen Fußallspieler! Das ist doch krank was da abläuft. Und am Schlimmsten ist die Familienpolitik in Deutschland. Alleine dadurch wird Deutschland immer wettbewerbsunfähig. Wie kann ein Land existieren, wenn nie in die Rentenkassen Geld zurückfließt, weil alle viel zu Hause sind und alles Geld inklusive Geld vom Staat bekommen. Es sollten Lohnersatzleistungen und Gelder, für Kranke und Behindert fließen, aber nicht Kindergelder. Diese Meinung werde ich nicht ändern, und die Schuldenuhr tickt! Damit allein hat sich Deutschland sein Konsolidierungsprogramm verspielt Hier wird zu Hause bleiben belohnt.

0 Klaus Hardung 31.03.2013, 00:41 Uhr

Ökonomie und Wirtschaft

Nach dem Krieg gab es kaum noch Großunternehmen.
Die Deutsche Wirtschaft wurde überwiegend von kleineren und mittelständischen Unternehmen geprägt. Da gab es überwiegend nur Selbsthaftung der jeweiligen Eigentümer.
Diese Gründer unseres Wohlstandes haben mit 14 Std. Tag hart für ihre Ziele arbeiten müssen.
Dabei ist vor allem der Arbeitnehmer nicht zu Kurz gekommen, er hat gemeinsam die Betriebe aufgebaut nach dem Motto "Leben und Leben lassen".
Zu den damaligen "schlechten Zeiten" konnte ein Arbeiter oder Angestellter von dem monatlichen Verdienst seine Familie ernähren. Heute geht das kaum noch.
Damals brauchte man keine Bank. Der Lohn wurde wöchentlich bar ausbezahlt.
Nach dem der bargeldlose Verkehr Einzug hielt, hat auch schon die Bereicherung angefangen.
Alles was über die Bank erledigt werden musste, kostete bis heute relativ viel Geld.
Es mussten auch gleich unverhältnismäßig große Banken und Sparkassen-Gebäude entstehen,
die von den eigenommenen Geldern Plus anfänglicher Spekulationen bezahlt wurden.
Nach dem die GmbH, AG und andere kaufmännische Geschäftsmodelle entstanden, hörte auch
das "Leben und leben lassen" so langsam auf. Die Gier nach schnellem Reichtum kannte keine Grenzen und wurde, wie noch heute, auf dem Rücken der Arbeitsabhängigen ausgetragen.
Früher konnte man sich unter vier Augen beim Chef beschweren oder Verträge aushandeln, oft mit verbindlichem Handschlag. Heute ist alles anonym. Man findet nur noch Angestellte, die für ihre Geschäftsinhaber oder Eigentümer so viel wie möglich an Leistung und so wenig wie möglich an Kosten verursachen. Der Mensch als Person bleibt in der Regel nur noch eine Nummer in der Buchhaltung.
Trennbanken die die Gelder der Sparer verwalteten und die Spekulationen auslagerten hat es bei uns vor Jahren auch gegeben. Die Geldlobbyisten haben diese vernünftige Regulierung gemeinsam mit unseren, auch heute noch im Bundestag sitzenden, Politikern dereguliert.
Heute ist es, wie es bei dem Eurozerfall auch kommt, keiner gewesen.
Wenn man unseren Bundestag ansieht, kommt doch kein Abgeordneter aus der dritten Reihe, ohne Zustimmung der besonders strengen Hierarchie, zu Wort. Wo bleibt denn da die Demokratie?
Wenn sich die einzelnen Vertreter von Wirtschaft, Gewerkschaft und Politik frühzeitig an einen Verhandlungstisch setzen würden, könnten bei ernsthaften Verhandlungen auch für jeden tragende Ergebnisse herauskommen.
Wer mit offenen Augen die Welt anschaut stellt fest, dass jedes wirtschaftlich relevate Land, aufgrund seiner Überschuldung schon lange pleite ist.
Nur durch die Gelddruckmaschinen(Inflation/Deflation) halten sich die Länder, einschließlich Deutschland) durch Luftbuchungen papiermäßig über Wasser. Wenn ab Morgen weder die EZB noch die amerikanische Bundesbank und andere Betroffene kein Geld mehr bereistellen würden, weil dieses auch heute schon vorhandene Geld weder durch Gold noch durch das BIP gedeckt ist,
hätten wir wieder eine Weltwirtschaftskrise.
Und wer hats erfunden? Alle diejenigen, die seit Jahren über ihre Verhältnisse leben!

0 Hans Winter 18.03.2013, 18:14 Uhr

Ein weiteres konkretes Beispiel: Die geplante Privatisierung der Wasserversorgung

Ökonomen denken oft nicht langfristig genug? Soll wohl heißen, für (selbst kurzfristige) Vorteile Weniger nehmen sie langfristig wirkende Nachteile für die Allgmeinheit in Kauf. Es schreckt sie auch nicht, wenn das Volk sie dafür am liebsten am nächsten Laternenmast....... Doch das betrifft nicht nur Ökonomen und den Finanzsektor. Auch Manager und Großaktionäre betreiben Selbiges. Aktuellstes Beispiel dafür sind die Vorgänge rund um die von zwei Konzernen betriebene Privatisierung der Wasserversorgung. Die Konzerne haben das seit langen Jahren vorbereitet, durch Lobbyarbeit jene Politiker aussortiert und in die entsprechenden Positionen gehievt, die Ihnen im Gegenzug für Karriere – und wer weiß welche Versprechnungen, muß man wohl hinzufügen – diese Privatisierung per Umweg über das Europaparlament in Deutschland durchdrücken wollen. Frau Merkel und die S/G-Koalition wissen das sehr wohl, allein, sie verfolgen – wer weiß, was sie sich davon erhoffen – die Politik, sich in vorauseilendem Gehorsam hinter den „Vorgaben aus Straßburg und Brüssel“ zu verstecken (gegen die sie nicht das Geringste zur Verhinderung tun - im Gegenteil). Gegen diese fiese Geschäftemacherei einiger weniger zur Beschlagnahme des Volksguts „Wasser“ haben aufmerksame Bürger eine Protestaktion gestartet, die inzwischen 1,3 Mio. (!) unterschrieben – und täglich kommen Tausende dazu. Doch die Regierung in Berlin verschließt Augen und Ohren und ignoriert bislang komplett sämtliche Petitionen, boykottiert sogar. Das heißt, mit dubiosen, nichts bewirkenden Textänderungen und Falschinformationen wird versucht diese Privatisierung zu bagatellisieren. So soll nur zum Schein verhindert werden, was in Wirklichkeit so durchgeführt werden soll, wie von den Konzernen gewünscht und geplant. Taktik: der dumme Bürger wird die textlichen Fallstricke schon nicht merken, bis er sich darin unrettbar verheddert findet. Klar, ein waschechter Diktator würde sich diese Mühe der Umtextung von Gesetzesvorlagen und legalistischer Winkelzüge nicht machen, dennoch ist die Vorgangsweise der sich wo immer möglich demokratisch nennenden Regierung in ihrem Ergebnis de facto diktatorisch, weil sie den Willen des Volkes mehr als der Toleranz guttut vorsätzlich und im vollen Wissen um dessen massive Ablehnung der Wasserprivatisierung mißachtet. Wenn das ein Merkmal der „repräsentativen Demokratie“ sein soll, daß offensichtlich konzernhörige Politiker ihre Macht mißbrauchen um gegen das Volk zu arbeiten, dann muß man sich fragen, ob sie nicht schon zu einer „repressiven“ Demokratie vekommen ist.

1 otto sundt 14.03.2013, 11:48 Uhr

@ Peter Stich

Demokratie zeichnet sich nicht durch langsame Entscheidungsprozesse aus, sondern durch das Parlament und Folgeregierungen revidierbare Entscheidungen. Das ist aber kaum der Fall wenn das Parlament und Wähler mit angeblicher "Alternativlosigkeit" und Sprüche von "Ethikkommissionen" zu Konsens gezwungen, bzw. diszipliniert werden. Nun hat gerade der Bundestag als Gesetzesmaschine weltweit eine Spitzenstellung, die noch durch EU-Verordnungen ergänzt wird. Zu erwähnen ist noch, dass in der EU herkömmliche Verbände aber auch NGO's massiv vertreten sind, nicht nur als Lobby. Bundestagsabgeordnete wissen zumeist nicht einmal den Text der Gesetze die sie verabschieden, was bei diesem Mix aus massenweisen Gesetzen und Verordnungen genauso wenig auskennen wie der Wähler. Wenn schon Abgeordnete sich wegen Unkenntnis nicht Beteiligen, wie soll es der Wähler/Bürger bewerkstelligen. So kommt es zu Entscheidungen gegen große Teile der Wählerschaft, die durch niemand repräsentiert werden.
Sie können aber sicher sein, dass die Initiatoren dieser Gesetze und Verursacher jeglicher Überregulation ihren Vorteil aus der Überregulation ziehen und sei es als Trittbrettfahrer in fernen Ländern. Getreu nach dem Motto aller Interessengruppen: Egal wer verliert, der Bauer gewinnt immer. ( Die inkrementellen "Änderungen" vollziehen sich meist nach dem Motto: Wenn die Medizin nicht hilft, muss der Patient mehr davon nehmen.)
Es mag Ökonomen geben die sich als Experten sehen. Da aber in den Medien täglich Experten präsentiert werden die außer einer Mitgliedschaft in obskuren Vereinen keine Expertise vorweisen können, gibt es so etwas wie eine Expertenentwertung, aus der sich seriöse Wissenschaftler besser heraus halten.

2 Reinhold Wüst 14.03.2013, 06:51 Uhr

Frage des Forschungsansatzes

Der amerkanischen Forschungstradition würde die Übertragung des Marktmodells auf gesellschaftliche Entscheidungen, also politischen, durch A. Downs entsprechen. Dass dieser "Seitenarm" nicht viel Beachtung bei der "Mainstream-VWL" findet, dürfte klar sein: Alles, was irgendwie mit Marx in Verbindung steht, kann nur Murls sein. Und: A priori regelt alles die unsichtbare Hand. Daher sind Ansätze wie die Neue politische Ökonomie kein Thema. Wenn man die "Eroberung des Staates" durch soziale Gruppen untersucht, sollte man sich auf konkrete, empirische Forschung (überwiegend politologische) konzentrieren, die sich mit der erfolgreichen - ungeplanten (!!) - Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess befasst. Das ist aber kein Thema der Ökonomen.

4 Peter Stich 12.03.2013, 21:13 Uhr

Experten und Politik

Wie auch in den Lesermeinungen zu sehen wird oft beklagt, dass Experten nicht mehr politischen Einfluss haben. Da ist das Paper von Acemoglu/Robinson eine willkommene Erinnerung, dass Experten (aller Disziplinen, nicht nur der Ökonomie) einen Hang zur Selbstüberschätzung in Bezug auf die Genauigkeit ihrer Ergebnisse haben. Dieser ist auch nicht durch Drehen irgendwelcher Stellschrauben zu beheben ("jetzt müssen wir nur noch die Auswirkungen möglicher Rückkoppelungseffekte berücksichtigen"), denn es ist eine zutiefst menschliche Schwäche, die eigenen Kenntnisse zu überschätzen und auf jede Frage eine Antwort parat zu haben.
Aus diesem Grund sollte sich jeder gut überlegen, ob eine Experten-Herrschaft wirklich so angenehm wäre. Aller Erfahrung nach würden diese über kurz oder lang mit Kritikern (die ja einfach nicht verstehen, was gut für die Allgemeinheit ist) kurzen Prozess machen. Letztendlich war ja auch der Kommunismus mit seinem Planungswahn der Meinung, dass Experten am besten wissen, was gut für die Bevölkerung ist.
Es gilt immer noch Churchills "democracy is the worst form of government except all the others". Durch die langsamen Entscheidungsprozesse wird immerhin ein buy-in durch breite Bevölkerungsschichten ermöglicht. Und die oft eher inkrementellen Änderungen verkleinern das Risiko, sich vollends auf die Nase zu legen.

4 Frank Eckhardt 12.03.2013, 20:40 Uhr

Deutungshoheit

Ich frage mich immer, ob es Sonderinteressen gibt, die versuchen durch gezielte Kommentare und Anrufe einen aus der Reihe tanzenden Journalisten zu disziplinieren. Jeder Mensch, der mit wachen Verstand den Artikel gelesen hat, müsste sich fragen, ob der Inhalt nicht ziemlich naheliegend offensichtlich ist, um dann Herrn Braunberger zuzustimmen.

Stattdessen darf ich Kommentare lesen, die inhaltliche Strohmänner aufbauen, Relativierungen streuen und sich nicht mit dem Artikel selbst beschäftigen.

Ich hoffe die geneigten Lesen sind noch ihres eigenen Verstandes mächtig und nutzen ihn, um die derzeit ablaufenden Absurditäten und Exzesse in einigen Teilen unserer Wirtschaftsordnung (vornehmlich des Banken- und Kreditsektors) zu beleuchten.

0 otto sundt 12.03.2013, 17:04 Uhr

@ Gerald Braunberger

Die Kritik an Olson bezieht sich auf sein 1965 erschienen Buch "Die Logik des kollektiven Handelns" in dem er die These vertreten haben soll, dass diffuse Interessen nur schwer oder gar nicht zu organisieren seien. Als Beispiel wird die Machtlosigkeit der Konsumenten gegenüber den Interessen der Großindustrie angeführt, wie sie sich aus Sicht der Wirtschaftsregulierer, im Einklang mit Olson, darstellen würde. In "Aufstieg und Fall der Nationen", erschienen 1982 gibt Olson eine ganz andere Darstellung von der geballten Macht amerikanischer Verbraucheranwälte und Anwälten die aus Kündigungsschutzklagen horrende Summen herausschlagen. Abgesehen davon halte ich die Gegenüberstellung von Interessen der Großindustrie und der von Konsumenten für fragwürdig, sind doch selbst Industrien auch Konsumenten. In der Rezension des American Magizine wird auch auf Olsons "Rise and Decline of Nations" und seine weitergehenden Thesen hingewiesen und zudem bemerkt, dass Olson 1965 die Erosion gewerkschaftlicher Macht, sowie das Internet plus Facebook nicht ahnen konnte. Olson schreibt: "Mitglieder von "kleinen" Gruppen haben vergleichsweise große Organisationsmacht; dieses Mißverhältnis verringert sich mit der Zeit in stabilen Gesellschaften, aber verschwindet nicht. Jeder "Shitstorm" auf Facebook und im Internet, ob in Ägypten im arabischen Frühling, ob zu Gunsten des Juchtenkäfers und gegen Stuttgart 21, ob gegen Brüderle und Sexismus will organisiert sein, wobei es im Interesse der Organisationen liegt, Mobilisierung und Organisierung zu diffundieren. Jede noch so unbedeutende Organisation oder partei- und gewerkschaftsinterne Strömung schafft es dank medialer Multiplikation sich als Mehrheit, oder zumindest als bedeutend und wahlentscheidend darzustellen. In Ermangelung von gewerkschaftlich organisierten Jugendlichen haben Verdi und IGM "attac" adoptiert. Verdi, die Konkursmasse der ÖTV, ist ein diffuses Sammelsurium von Sonderinteressengruppen, deren einzig gemeinsames Interesse die Verringerung der jeweiligen Organisationskosten ist. Die IGM bei der VW-AG nimmt dank des staatlichen VW-Gesetzes die Position einer Sonderinteressengruppe gegenüber anderen IGM- Bezirken ein.
Noch einige Fragen zu ihrem Blog-Beitrag: http://blogs.faz.net/fazit/2012/05/05/vive-la-france-vive-l-allemagne-390/ In welcher Weise war Napoleons Kontinentalsperre positiv für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands oder selbst Frankreichs? Wenn sich französischer Etatismus in Deutschland. mehr durchgesetzt hat als englischer Liberalismus, kann das nicht an der unmittelbaren Nachbarschaft und den bis in die fünfziger Jahre des letzten Jhd. offenen Grenzfragen zwischen Deutschland und Frankreich liegen? Frankreich war schon vor Napoleon ein Zentralstaat und blieb es bis heute. Außer dem Zwischenspielen des 3. Reiches und der DDR war Deutschland immer ein föderaler Staat der zeitweise von Preussen dominiert wurde. Napoleon hat zwar politische Institutionen in Deutschland oktroyiert aber nicht den kleinstaatlichen und kleinbürgerlichen Geist besiegt. (Damit keine falschen Gedanken aufkommen: Großdeutsche Allüren sind mir zuwider). Meines Erachtens sind es gerade die Unterschiede der politischen und rechtlichen Institutionen in Deutschland und Frankreich die eine europäische Integration im Sinne von Olson bisher unmöglich gemacht gemacht haben und weiterhin machen werden.

4 Günter Schönbauer 12.03.2013, 14:30 Uhr

Anm. z. 1. Beispiel aus dem Arsenal von Acemoglu/Robinson

Die zwei groessten Krisenbranchen in England zu Thatchers Zeiten waren Kohle und Stahl, wobei die mit Abstand groessten Unternehmen verstaatlicht waren: British Coal u. British Steel. Kohle und Stahl hatten auch in anderen westl. Ländern die Wettbewerbsfähigkeit eingebuesst, und die Gewerkschaftspol. war daran mehr oder weniger schuldlos; auch die englische Krankheit haben m.E. andere verursacht. Die englischen Gewerkschaften waren damals dezentral, auf Betriebs- und Berufsbasis, organisiert (20, 30 unions in einem Großunternehmen); es herrschte das closed shop-Prinzip (Gewerkschaftsaustritt ging mit Verlust des Arbeitsplatzes einher); und es bestanden enge Beziehungen zur Labour Party (Finanzen, Stimmrechte). All dies begründete eher die Schwäche der engl. Gewerkschaftsbewegung (gerade im Vergleich zum "zentralistischen" deutschen Äquivalent), und geschwächt wurde sie zusätzlich durch die extrem hohe Arbeitslosigkeit: mit Arbeitszentzug (Streik) ist nicht überzeugend zu drohen, wenn ohnedies Arbeitsabbau und Fabrikschließungen auf der Tagesordnung stehen. Die gewerkschaftlichen Tarifforderungen zielten auf Besitzstandswahrung, und da sich die Inflationsraten in zweistelligen Höhen bewegten, wurden auch Lohnforderungen in zweistelliger Höhe erhoben (Missbrauch?). In den Krisenbranchen Kohle und Stahl stand den gewerkschaftlichen Verhandlungsführern Thatchers Industrieminister gegenüber, der die Forderungen weisungsgemäß abblockte, und das noch vor dem Umbau des Gewerkschaftssystems, so dass man sich fragen muss, ob dieser Umbau nötig war, um die gewerkschaftliche Lohnpolitik zu disziplinieren, oder nicht eher die hohe Arbeitslosigkeit eine gute Gelegenheit, um die ohnehin schwachen Gewerkschaften weiter zu schwächen. Letztlich kam dieser Struktureingriff ja vor allem der Labour Party zugute, die nach T. Blairs Machtantritt denn auch den Teufel tat, dieses System wieder zu ändern.

G. Schönbauer

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.