Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die vier Trilemmas der Weltwirtschaft

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Die Globalisierung zählt zu den wichtigsten Ursachen wirtschaftlichen Wohlstands. Aber es wachsen Zweifel, dass schrankenloser internationaler Kapitalverkehr immer vorteilhaft ist. Notwendig sind bessere internationale Regelwerke, denn die Geschichte lehrt: Ansonsten kann es brutal werden.

Der freie Kapitalverkehr gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten und nahezu selbstverständlichen Bestandteilen der wirtschaftlichen Globalisierung. Seit Ausbruch der Finanzkrise werden, unter anderem durch den Internationalen Währungsfonds und eine Reihe namhafter Ökonomen, Zweifel an der These laut, dass freier Kapitalverkehr immer und überall die beste Lösung ist, auch wenn Beschränkungen des Kapitalverkehrs immer noch als eine im Prinzip nicht wünschbare und nur im Notfall akzeptable Option angesehen werden. Immer deutlicher empfunden wird allerdings, dass freier Kapitalverkehr und nationalstaatliche Autonomie in Konflikt geraten können. Der bekannte britische Wirtschaftshistoriker Harold James hat dieser Tage auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte in Frankfurt vier Trilemmas des internationalen Kapitalverkehrs unterschieden.

1. Das gesamtwirtschaftliche Trilemma

Das bekannteste Trilemma entsteht, wenn ein Land freien Kapitalverkehr, einen festen Wechselkurs für seine Währung und geldpolitische Autonomie anstrebt. Denn über freien Kapitalverkehr und feste Wechselkurse pflanzen sich geldpolitische Impulse aus großen Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Währungsräumen wie der Eurozone über den Globus fort. Im Bemühen, Wechselkurse stabil zu halten, verlieren kleinere Länder dann die Möglichkeit, eine an ihren binnen wirtschaftlichen Erfordernissen ausgerichtete Geldpolitik zu betreiben. Gegen eine solche Zwangslage haben marktwirtschaftlich ausgerichtete Ökonomen schon vor Jahrzehnten den Ersatz fester durch flexible Wechselkurse empfohlen. Nach dieser Logik funktionieren die flexiblen Wechselkurse als eine Art internationale Schockabsorber, die eine Kombination aus freiem Kapitalverkehr und geldpolitischer Autonomie gestatten. Die Eignung flexibler Wechselkurse als Schockabsorber wird seit dem Ausbruch der jüngsten Finanzkrise allerdings zunehmend bezweifelt – ein Thema, das wir in FAZIT schon häufiger behandelt haben. In diesem Falle ließe sich nationale geldpolitische Autonomie nur in Verbindung mit Beschränkungen des Kapitalverkehrs verbinden. Dies ließ sich in den vergangenen Jahren mehrfach beobachten, zum Beispiel in Brasilien, wobei die Beschränkungen auch nachteilige Folgen haben können.

2. Das finanzwirtschaftliche Trilemma

Die deutsche Geschichte hat ein schlagendes Beispiel parat, wie freier Kapitalverkehr und feste Wechselkurse die Stabilität des Finanzsystems gefährden können. In den kurzen Boomjahren der Weimarer Republik floss viel ausländisches Geld ins Deutsche Reich. Unter anderem profitierten deutsche Kommunen von den Geldzuflüssen, aber auch Unternehmen, die sich über Niederlassungen im Ausland in Fremdwährung verschuldeten. Nach Ausbruch der Krise wenige Jahre später zogen viele ausländische Gläubiger ihre Gelder ab. Dies war eine Ursache der Bankenkrise des Jahres 1931. Die Verletzbarkeit von Banken als Folge der Abflüsse kurzfristig angelegten Auslandskapitals hat sich schon häufig beobachten lassen und sie spielte auch in der aktuellen Finanzkrise eine Rolle. Eine Ursache der Dramatik der Eurokrise ist darin zu sehen, dass in den guten Jahren viel Geld aus dem Norden über Banken in den Süden geleitet und nach Ausbruch der Krise kurzfristig wieder abgezogen wurde. (Dieses Thema haben wir in FAZIT unter anderem hier und hier behandelt.) Erfahrungen aus Schwellenländern zeigen, dass ein Ersatz fester durch flexible Wechselkurse das Problem der Anfälligkeit von Finanzsystemen durch den schnellen Zu- und Abflüssen von Auslandskapital nicht löst. So belegen Arbeiten des Chefökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Hyun Song Shin, dass einerseits flexible Wechselkurse die Volumina internationaler Kapitalströme anregen und neben Banken auch die internationalen Geschäfte von Großanlegern wie Versicherungen und Fondsgesellschaften Stabilitätsrisiken erzeugen.

3. Das internationale Trilemma

Kleinere Länder sind es häufig gewöhnt, ihre Geldpolitik an internationalen Kriterien auszurichten. So haben viele Länder die Wechselkurse ihrer Währungen de facto an den Dollar oder an den Euro gebunden. Ihre Geldpolitik besteht dann darin, den Wechselkurs möglich stabil zu halten. So bemüht sich Dänemark um einen festen Kurs seiner Krone gegenüber dem Euro. Die Schweiz hat, um eine zu starke Aufwertung des Franken zu verhindern,am Devisenmarkt erhebliche Summen Euro und Dollar erworben. Russland hatte den Wechselkurs des Rubel bis vor einem Monat an einen aus dem Euro und dem Dollar bestehenden Währungskorb gebunden. Angesichts der Schwäche der russischen Währung wurde diese Bindung vor rund einem Monat aufgegeben. Die aus einem freien Kapitalverkehr und der Einbindung in die Globalisierung resultierenden Beschränkungen nationalen Handlungsspielraums beschränken sich jedoch nicht auf die Geldpolitik, wie alleine der wesentlich von den Vereinigten Staaten vorangetriebene Kampf gegen Steueroasen zeigt, der auch in europäischen Ländern wie der Schweiz oder Liechtenstein Spuren hinterlassen hat. Auch die Kombination von freiem Kapitalverkehr, festen Wechselkursen und Unabhängigkeit nationaler Politik ist problembehaftet und wiederum würden die Schwierigkeiten nicht alleine durch die Einführung flexibler Wechselkurse gelöst.

4. Das politökonomische Trilemma

Der durch die Teilnahme an freien Kapitalverkehr erzwungene Verzicht auf einen Teil nationalstaatlicher Autonomie muss von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden. Dies ist aber nicht naturgegeben so: Freier Kapitalverkehr, feste Wechselkurse und Demokratisierung passen in der Praxis nicht immer zwingend zusammen. So hat der Ökonom Dani Rodrik vor wenigen Jahren in seinem Bestseller „Das Globalisierungs-Paradox“ die pointierte Ansicht vertreten, Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie seien oft gerade nicht miteinander vereinbar. Dabei wandte sich Rodrik besonders scharf gegen Exzesse einer finanziellen, durch kurzfristige Kapitalflüsse geprägte Globalisierung. James erinnerte in seinem Frankfurter Vortrag daran, dass die vom früheren Goldstandard ausgegangenen Zwänge der Demokratisierung der Nationen nicht nur genutzt, sondern zum Teil in Form politischen Populismus geschadet hätten. Politischer Populismus nimmt auch in unserer Zeit zu und er wendet sich unter anderem gegen die international tätigen Banken. James sieht in einem internationalen Regelwerk und in einer sich an die Gesetze haltenden Welt Grundlagen für die Möglichkeit, internationale und nationale Interessen in einer Demokratie zu vereinen. James warnte aber auch: Die Geschichte lehrt uns, dass es ansonsten brutal werden kann.“

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Dieser Beitrag ist in einer ähnlichen Form am 12. Dezember 2014 im Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 15. Dezember 2014 | Die Börsenblogger

  2. Mit das Beste, was ich in letzter Zeit zu dem Thema gelesen habe.
    Mit das Beste, was ich in letzter Zeit zu dem Thema gelesen habe. Interessant vor allem das Dilemma zwischen freiem Kapitalverkehr und Demokratie, denn gerade das ist ja gegenwärtig das Problem, dem die südeuropäischen Staaten gegenüberstehen. Es wäre in der Tat zu überlegen, ob man nicht zumindest dem kurzfristigen Kapitalverkehr Zügel anlegen sollte. Zum Beispiel hat Malaysia hat (im Gegensatz zu Thailand) nach der Asienkrise mit solchen Beschränkungen gute Erfahrungen gemacht und sich schnell wieder erholt. Merkwürdig, dass das in der Presse kaum Erwähnung findet.

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  5. aufschlussreich
    Der Beitrag hält für einen Moment die Zeit still und gibt einen möglichst klaren Überblick, was die Folgen und die Grenzen der Globalisierung makroökonomisch bedeuten können. So etwas ist manchmal wichtig, um etwas Abstand zu gewinnen.

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