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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bücherkiste (11): Alles Egoisten

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Egoismus steckt in jedem von uns.© Picture AllianceEgoismus steckt in jedem von uns.

Altruistische Politik? Unsinn! In politischen Fragen sind Menschen viel egoistischer als ihre Rhetorik – und das Erstaunlichste ist: Sie wissen das selbst überhaupt nicht. Was in manchen Ohren erst mal gewöhnungsbedürftig klingt, argumentieren die amerikanischen Psychologen Jason Weeden und Robert Kurzban von der University of Pennsylvania konsequent und überzeugend durch: in einem neuen Buch namens „The Hidden Agenda of the Political Mind“.

Ihre Ansichten fallen nicht komplett vom Himmel. Weeden und Kurzban entwickeln die Ansichten des Neurowissenschaftlers Michael Gazzaniga weiter. Gazzaniga hat ein Berufsleben lang Experimente mit der Hirnleistung von Menschen gemacht, unter anderem mit Menschen, deren Gehirnhälften im Kampf gegen Epilepsie voneinander getrennt wurden. In einem Buch mit dem deutschen Titel „Die Ich-Illusion“ hat er seine Experimente auch für Nicht-Neurologen verständlich gemacht – und nach der Lektüre bleibt ein Eindruck davon, wie verzweifelt das Gehirn versucht, sich auf seine eigenen Entscheidungen einen Reim zu machen.

Patienten mit getrennten Hirnhälften deckte er in einem Experiment das Auge ab, das mit dem Sprachzentrum verbunden war. Dem anderen Auge zeigte er auf einer Karte die Aufforderung: Bitte lachen. Dann fragte er die Patienten, warum sie lachten. Daraufhin produzierte deren Sprachzentrum ohne Schwierigkeiten und ohne Zögern sinnvolle Erklärungen dessen, was da so lustig war. Von der Aufforderung auf der Karte dagegen kein Wort.

Weeden und Kurzban entwickeln aus Gazzanigas Perspektive ein eingängiges Bild. Sie vergleichen das Gehirn mit einer Organisation, zum Beispiel einer Behörde oder einem Unternehmen, wo die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Der Vorstand trifft eine Entscheidung, über die wahren Gründe aber schweigt er sich aus. Die PR-Abteilung überlegt sich dann eine Erklärung für das Handeln, die möglichst gut und freundlich klingt. Und posaunt die nach draußen.

Niemand weiß, welcher Egoismus ihn selbst treibt

Entsprechend weiß auch niemand, welche egoistischen Motive seine eigenen Entscheidungen umtreiben. Doch Weeden und Kurzban sezieren politische Umfragen in den Vereinigten Staaten so weit, dass am Ende der Egoismus deutlich wird. Und der ist oft deutlich subtiler, als man denken würde.

Zum Beispiel in Sachen „Affirmative Action“, dem Überbegriff für amerikanische Programme zur Bevorzugung von Minderheiten, die sonst benachteiligt werden – in den Vereinigten Staaten zum Beispiel von Schwarzen. Der plumpe Egoismus würde verlangen: Die Weißen sind dagegen, die Schwarzen dafür. Tatsächlich findet man auch viele Weiße, die sich für „Affirmative Action“ aussprechen, und viele Schwarze, die dagegen sind. Das klingt erst mal nicht nach Egoismus. Doch Weeden und Kurzban argumentieren: Nicht jeden betrifft „Affirmative Action“ gleichmäßig.

Wenn Weiße davon ausgehen, dass sie selbst oder ein Angehöriger eine Stelle an einen Schwarzen verlieren kann, sind sie „Affirmative Action“ deutlich abgeneigter als sonst. Umgekehrt unter Schwarzen: Die Zustimmung zu „Affirmative Action“ erreicht keine 50 Prozent, solange die Befragten es für unwahrscheinlich halten, dass sie oder ein Angehöriger eine Stelle an einen Weißen verliert. Im Trend bedeutet das: Gut ausgebildete Weiße, die sich ihrer Arbeitsmarktchancen sicher sind, finden „Affirmative Action“ tendenziell nicht besonders problematisch. Umgekehrt sind schlecht ausgebildete Schwarze, die sich wenig Arbeitsmarktchancen versprechen, nicht die größten Freunde von „Affirmative Action“. Die Autoren liefern dafür auch die Umfragewerte mit.

Egoismus versteckt sich dort, wo man ihn erst nicht vermutet

Weeden und Kurzban gehen noch weiter: Jeder, der in irgendeiner Form in der Minderheit oder in einer anderen schwierigen Lage ist, hat ein Interesse daran, dass niemand ausgegrenzt wird. Das gelte in den Vereinigten Staaten auch für Atheisten, Frauen Homosexuelle – auch sie haben einen indirekten Anreiz, die Schwarzen zu unterstützen, um ein möglichst offenes und meritokratisches Meinungsklima zu schaffen. Aber jede Gruppe unterstützt am enthusiastischsten die Maßnahmen, von denen sie selbst am meisten profitiert. Und: Je besser ausgebildet die Leute sind, umso eher unterstützen sie meritokratische Ansätze. In Deutschland gibt es eine vergleichbare Diskussion über „Affirmative Action“ nicht, aber eine Umfrage zeigt: Die Zustimmung zur Frauenquote lässt sich nach genau diesem Muster erklären.

Trotzdem überzeugt nicht jedes Beispiel von Weeden und Kurzban. Manche sind ein bisschen übertrieben. Wenn man die Argumentationsketten lang genug macht, kann man mit Egoismus für jedes Umfrageergebnis argumentieren. Gelegentlich wirkt das Buch, als hätten sich die Autoren ihre Argumente so ausgedacht, dass sie gerade auf die Umfrageergebnisse passen. Aber dann ist auch etwas anderes wieder wahr: Eigennutz ist vielseitig. Jeder hat seine eigenen Interessen, und manchmal versteckt sich der Egoismus dort, wo man ihn spontan nicht vermutet – und ihn erst lange suchen muss. So wie Jason Weeden und Robert Kurzban.

Lesen Sie auch zum Thema Egoismus: Der Eigennutz hat einen schlechten Ruf. Die Altruisten gelten als die besseren Menschen. Das ist ungerecht: Ohne Egoisten wäre die Welt viel ärmer.

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Die bisherigen Beiträge der Reihe “Bücherkiste”:

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut

Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister (Smith, Marx, Hayek)

Bücherkiste (7): Die Rückkehr der Erben

Bücherkiste (8): Dollar-Dominanz

Bücherkiste (9): Die Festung der Makroökonomen

Bücherkiste (10): Weg mit den Schulden!

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6 Lesermeinungen

  1. Ein weiterer Beleg dafür, dass alle Menschen egoistisch sind
    Allerdings wusste ich das schon vorher. Und der Egoismus ist ja nicht negativ, wie ihn leider viele Menschen immer sehen. Es kommt nur darauf an, den Egoismus in die Bahnen zu lenken, dass er niemanden schadet, denn dann hilft er in den allermeisten Fällen vielen, wenn auch nicht allen. Das hat schon Joseph Alois Schumpeter und die auf ihm aufbauenden Wirtschaftswissenschaftler der evolutorischen Ökonomie erkannt, wie eben auch die Vertreter der Österreichischen Schule. Wenn sich unsere Politiker mal daran orientieren würden, könnten sie den Lebensstandard von vielen Menschen bedeutend erhöhen.

  2. Das ist doch typisch amerikanisch, oder?
    Die deutschen Egoisten sind am meisten egoistisch gegen sich selbst.
    Die sparen emsig wie die Ameisen, keine Verunglimpfung von Tieren. Sie gönnen sich nichts mehr, weil sie alles für das schwere Alter aufheben wollen. Da sind doch die Amerikaner ganz andere Wirtschaftssubjekte. Die sparen überhaupt nichts mehr und konsumieren auf pump, als gäbe es kein Morgen. Gibt es also auch bei den Egoisten Bessere und weniger Gute, Schlauere und nicht so Schlaue, Rationalere und nicht so Rationale? Überall sind die Deutschen die Verlierer? So ein Buch muss empfohlen werden!

  3. Das Sein bestimmt das Bewusstsein,
    wussten wir doch eigentlich schon.

  4. Die ...
    Oder kurz gesagt „die Toleranz nimmt mit dem Abstand zum Problem zu“.
    Deswegen finden Intellektuelle gerne Pediga rassistisch und dumm – tun aber alles – bis zum Umzug – damit ihre Kinder sowenige wie möglich Türkische oder Arabische Mitschüler haben. Das heißt, das Gefühl der Eitelkeit durch das Heucheln kann nicht den Wunsch um das Wohlergehen des eigenen Kindes aufwiegen. Daher interessiert einen in der Realität dann auch nicht, was man vielleicht noch vor ein paar Tagen für Überzeugungen geäußert hat. Dieses Verhalten ist ohne Ausnahme anzutreffen.

    • Besonders aktiv beim Umzug sind die Dresdner, die haben nämlich so viele Islamisten.
      Meinen Sie das?

  5. Verzichtbar
    Um zu verstehen, was Egoismus ist, braucht es weder Neurowissenschaftler und Psychologen. Da reicht es, das eigene Verhalten urteilsfrei zu beobachten. Bedauerlicherweise hat daran kaum jemand Interesse, und das ist der Grund dafür, weshalb private und gesellschaftliche das Zusammenleben so ist wie es ist. Politische Fragen sind in diesem Zusammenhang übrigens nichts weiter als intellektueller Zeitvertreib. Die wahren Einsichten lauern im alltäglichen Verhalten von Dir und mir.

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