Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bücherkiste (9): Die Festung der Makroökonomen

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Die Analyse der Gesamtwirtschaft ist äußerst wichtig. Ökonomen und Öffentlichkeit finden jedoch kaum eine gemeinsame Sprache. Ein Buch will beide Seiten zusammen führen - ein lobenswertes Unterfangen, das nicht perfekt, aber doch recht gut gelungen ist. Nicht nur Wirtschaftsjournalisten können einiges lernen.

„I came to the position that mathematical analysis is not one of the many ways of doing economic theory: it is the only way. Economic theory is mathematical analysis. Everything else is just pictures and talk.“
Robert Lucas (2001)

„First, by and large, journalists and policymakers – and by extension the US public – think about macroeconomics using the basically abandoned frameworks from the 1960s and 1970s. Macroeconomists have failed to communicate their new discoveries and understanding to policymakers or to the world.“
Narayana Kocherlakota (2009)


Kein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften findet ein so großes öffentliches Interesse wie gesamtwirtschaftliche Analysen, denn hier geht es um Konjunktur, Arbeitsplätze und um die Frage, welche Rolle Politik – darunter Geldpolitik, Finanzpolitik und Beschäftigungspolitik – spielen soll. Gute makroökonomische Kenntnisse sind unerlässlich für ein tiefes Verständnis von Wirtschaftskrisen.

Seit den achtziger Jahren hat die Kommunikation zwischen Makroökonomen und einer interessierten Öffentlichkeit wie Medien, Politik, Politikberatung, Finanzmärkten und Unternehmen gelitten. Ursache ist eine stärkere Hinwendung der Theorie zu mathematischen Modellen, die für Außenstehende schwer zugänglich sind, die aber die Fachzeitschriften prägen und für die Nobelpreise verliehen werden. Das Kommunikationsdefizit gegenüber Externen wurde gerade in der jüngsten Krise deutlich.

Viele externe Interessenten besitzen entweder kein Fachwissen oder sind – wie Kocherlakota eingangs beklagt – alten Theorien verhaftet, deren berühmteste Ausprägung das IS/LM-Modell ist, das über Dekaden Millionen Studenten gelernt haben.1) Für die Forschung gilt IS/LM als völlig überholt, tot ist es nicht. Es wird oft im Grundstudium gelehrt und es ziert namhafte Lehrbücher.2) Auch fachintern existiert ein Kommunikationsdefizit, denn offenbar kann die moderne Theorie nicht leicht ins Grundstudium integriert werden. In einer Variation eines Rockklassikers ließe sich augenzwinkernd deklamieren: „Hey hey, my my, IS/LM will never die“. 3)

Das externe wie interne Kommunikationsdefizit will ein dicht geschriebenes Buch reduzieren, das auf 415 Seiten rein verbal die moderne Theorie erklärt. Es soll fortgeschrittene Studenten ebenso ansprechen wie Externe, also Mitarbeiter in Zentralbanken, Instituten, Ministerien und auch Journalisten. Der Verfasser heißt Kartik B. Athreya; er arbeitet als Ökonom bei der Federal Reserve Bank of Richmond. Der Titel „Big Ideas in Macroeconomics. A nontechnical View“ ist etwas missverständlich: Es handelt sich um eine ausführliche Einführung in Methoden und Modelle und es ist nicht lesbar ohne Kenntnisse, wie sie mindestens ein Grundstudium vermittelt. Der Leser begegnet der Theorie und Anwendungen, aber keiner systematischen Behandlung der Wirtschaftspolitik. Ebensowenig enthält das Buch eine vollständige Theoriegeschichte. 4)

Die dominierende Lehre breitet sich seit vier Jahrzehnten aus; ihr wesentlicher Zug ist die „Mikrofundierung“ gesamtwirtschaftlicher Analysen. Vereinfacht geht es um Folgendes: Die alten Makromodelle wie IS/LM funktionierten in der Stagflation der siebziger Jahre nicht gut. Eine sehr mächtige, von dem Nobelpreisträger Robert Lucas formulierte Kritik („Lucas-Kritik“) lautet, in den alten Modellen passten Konsumenten und Unternehmen nach Politikänderungen ihr Verhalten nicht an – ihre Erwartungen sind statisch. Das sei aber unplausibel. Und so interessierten sich Ökonomen für Modelle, die einzelwirtschaftliches Verhalten und gesamtwirtschaftliche Analysen verbinden. Hierzu griff man auf Prinzipien zurück, nach denen der französische Ökonom Léon Walras im späten 19. Jahrhundert die Allgemeine Gleichgewichtstheorie geschaffen hatte, die Hohe Schule der mikroökonomischen Theorie. Mitte des 20. Jahrhunderts erweiterten vor allem Kenneth Arrow und Gérard Debreu das Modell; ihr Konzept wird oft als ADM-Modell bezeichnet und im Grunde ist es eine Formalisierung von Adam Smiths „unsichtbarer Hand“. Mit dem ADM-Modell beginnt Athreya sein Buch.

Die ersten drei Kapitel dienen als Einführung und in ihnen wird die eiserne Logik und Konsequenz dieses Ansatzes deutlich, der vielen Makroökonomen das Gefühl verleiht, sie bewohnten eine uneinnehmbare Festung, während Kritiker meinen, das Gebäude sei konsequent auf Sand gebaut. Athreya erörtert wesentliche Eigenschaften anhand des bekannten „Aktienprämienrätsels“: Dieses Rätsel fußt auf einer schwer erklärbaren hohen Überbewertung von Aktien gegenüber Anleihen an amerikanischen Finanzmärkten. Hierin versteckt sich ein Test für den Leser: Wer diese Anwendung gedanklich durchdringt, kann den Rest des Buches zuversichtlich in Angriff nehmen. Wem diese Anwendung zu kompliziert/abstrakt/nichtssagend vorkommt, wird an zeitgenössischer Theorie scheitern.

Der Kern der ersten drei Kapitel besteht in der Herleitung der beiden Hauptsätze der Wohlfahrtsökonomik, die eine idealisierte Marktwirtschaft beschreiben. Athreya macht deutlich, dass dies nicht die Welt ist, in der wir leben – dass eine solche Kunstwelt aber eine geeignete Grundlage für eine Modellierung liefern kann, mit der sich realitätsnähere Fragen erörtern lassen. Worin bestehen die Abweichungen in der realen Welt vom theoretischen Ideal? Nicht so sehr in einer dauerhaften Ineffizienz vorhandener Märkte, sondern in der Tatsache, dass nicht alle Märkte (zum Beispiel zur langfristigen Absicherung von Risiken) existieren, die man für das theoretische Ideal bräuchte. „ADM Minus Some Markets“ überschreibt Athreya einen Abschnitt über die reale Welt. Im dritten Kapitel diskutiert der Verfasser Verteilungsthemen.

Danach wird es kontrovers: Das vierte Kapitel widmet Athreya bekannten Kritiken der modernen Theorie. Es handelt sich um die – für jede gesamtwirtschaftliche Analyse unausweichliche – Aggregation (durch viele Modelle läuft ein repräsentatives Individuum), die Annahme rationalen Verhaltens, das Denken in Gleichgewichten und die intensive Verwendung der Mathematik. Athreya ist ein Verfechter moderner Theorie, aber er nimmt Kritikpunkte auf. So verschweigt er nicht ein unübersehbares Problem: Der Versuch, die Modelle realitätsnäher auszubauen, macht sie schnell sehr komplex. Allerdings kann man manche Argumente wohl auch anders sehen; verwiesen sei an dieser Stelle auf einen Blogbeitrag von David Glasner.

Das fünfte Kapitel ist der Höhepunkt des Buches. Hier behandelt Athreya auf mehr als 100 Seiten die wichtigsten Modelltypen, auf deren Basis moderne Ökonomen wirtschaftspolitische Empfehlungen ableiten. Ausführlich stellt er das neoklassische Wachstumsmodell, Suchmodelle und Modelle mit überlappenden Generationen vor. Das klingt alles (und ist alles) sehr theoretisch, aber Athreya nennt zahlreiche Anwendungen. Beispielhaft sei geschildert, wie er den wichtigsten Modelltypus bearbeitet, das neoklassische Wachstumsmodell. Athreya unternimmt eine Zeitreise und beginnt mit Malthus‘ rund 200 Jahre alter Vorstellung einer Wirtschaft, in der die (meisten) Menschen langfristig nicht über das Existenzminimum hinauskommen. Es ist eine Wirtschaft mit den Produktionsfaktoren Arbeit und Land, aber ohne Kapital. In einem zweiten Schritt betrachtet er das berühmte Wachstumsmodell Solows aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, in dem im Unterschied zu Malthus Kapital als akkumulierbarer Produtionsfaktor hinzutritt und deshalb ein wachsender Pro-Kopf-Wohlstand möglich ist. In seiner Diskussion des Solow-Modells behandelt Athreya Fragen, die noch heute essentiell sind – etwa die Bedeutung technischen Fortschritts und der Ersparnisbildung für das Wirtschaftswachstum. Doch die Theorie endet nicht mit Solow: Danach wurden Modelle gebaut, in denen die Konsumenten/Sparer eine größere Rolle spielen, aber auch damit ist man nicht in der Gegenwart. Denn noch fehlt eine wichtige Erkenntnis: Entscheidungen werden unter Unsicherheit getroffen. Und die um Unsicherheit angereicherten, sogenannten stochastischen Modelle („DSGE-Modelle“) prägen die heutige makroökonomische Theorie. 5)

Da haben die Makroökonomen schöne Modelle gebaut, aber taugen sie auch etwas? Die moderne Lehre ist in der Finanzkrise unter Beschuss gekommen. Athreya erwähnt im Schlusskapitel Arbeiten, mit denen Ökonomen auf diese Kritik reagieren und unter anderem stärker Finanzmärkte modellieren. (Ein aktuelles Beispiel ist hier; und hier ist eine Weiterentwickung für ein außenwirtschaftliches Thema.) Athreya tippt diese Themen eigentlich nur an; in einer eventuellen zweiten Auflage ließe sich fraglos nacharbeiten.6) Aber die Botschaft ist klar: Die moderne Theorie befindet sich im Fluss – eine Tatsache, die Anhänger wie Kritiker zur Bescheidenheit mahnen sollte.

Zusammenfassend: Das Buch ist ein interessanter Versuch, eine schmerzliche Lücke zu schließen. Man könnte es sich in Teilen etwas flüssiger geschrieben vorstellen, an manchen Stellen etwas geraffter und mit etwas weniger Wiederholungen (die für „schwächere“ Leser gedacht sind). Mancher Ökonom würde den einen oder anderen Punkt etwas anders setzen. Aber insgesamt ist Athreyas Buch ein sehr respektables Unterfangen – wer kein Profi ist und sich ernsthaft auf den Hosenboden setzt, kann hier vieles lernen. Und darauf kommt es schließlich an.

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1) IS/LM ist keineswegs so trivial, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sehr lehrreich sind ein Buch von Caspari/Barens mit wichtigen Aufsätzen sowie die auf einer Konferenz im Jahre 2003 vorgestellten Beiträge.

2) Unter den Topökonomen unserer Zeit äußert sich wohl nur Paul Krugman positiv über IS/LM, freilich ohne die Schwächen zu negieren (aus einer Fülle von Beiträgen zum Beispiel hier und hier).

3)  Fans von Neil Young könnten natürlich auch den Schwestertitel für eine Adaption verwenden: „My my, hey hey, IS/LM is here to stay.“

4) In FAZIT hatten wir eine kurze Abhandlung hier vorgestellt. Wer sich ausführlicher mit der Geschichte makroökonomischer Theorien befassen will, findet mit diesem Buch unseren Favoriten.

5) Die stochastischen Gleichgewichtsmodelle („DSGE-Modelle“) sind in den vergangenen Jahren stark hinterfragt worden. Wir haben vor einiger Zeit das Thema in einem Interview mit Rüdiger Bachmann (seit April 2014 an der Goethe-Universität Frankfurt) behandelt.

6) Ein Beispiel ist die aktualisierte Version eines Modells, das in den Forschungsabteilungen von Zentralbanken eine Rolle spielt. Noah Smith ordnet dies – hier und hier – in die Debatten um die neue Makro ein.

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Eine kürzere Version dieses Beitrags ist am 7. April 2014 im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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Die bisherigen Beiträge der Reihe “Bücherkiste”:

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut

Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister (Smith, Marx, Hayek)

Bücherkiste (7): Die Rückkehr der Erben

Bücherkiste (8): Dollar-Dominanz

 

 

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6 Lesermeinungen

  1. Noah Smiths Rezension in voller Länge
    Sie besteht aus 5 Teilen, hier in einem langen Beitrag zusammengefasst:

    http://noahpinionblog.blogspot.de/2014/06/big-ideas-in-macroeconomics-book-review_8748.html

  2. Eine mehrteilige Rezension
    Noah Smith hat in seinem Blog „Noahpinion“ eine mehrteilige Rezension mit dem ersten Teil begonnen:

    http://noahpinionblog.blogspot.de/2014/06/big-ideas-in-macroeconomics-book-review.html

    Hier ist der zweite Teil:

    http://noahpinionblog.blogspot.de/2014/06/big-ideas-in-macroeconomics-book-review_15.html

  3. Ein Modell erklärt die Rezession in den Vereinigten Staaten
    „We argue that the vast bulk of movements in aggregate real economic activity during the Great Recession were due to financial frictions interacting with the zero lower bound.We reach this conclusion looking through the lens of a New Keynesian model in which
    Örms face moderate degrees of price rigidities and no nominal rigidities in the wage
    setting process.Our model does a good job of accounting for the joint behavior of labor
    and goods markets, as well as ináation, during the Great Recession. According to the
    model the observed fall in total factor productivity and the rise in the cost of working
    capital played critical roles in accounting for the small size of the drop in inflation that
    occurred during the Great Recession.“

    Aus der Werkstatt von Christiano/Eichenbaum/Trabandt:

    http://faculty.wcas.northwestern.edu/~yona/research/ChristianoEichenbaumTrabandt_Recession.pdf

  4. Alter Wein in neuen Schläuchen...
    Außerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Elfenbeintürme benutzt keiner DSGE-Modelle. Die Voraussagekraft diese Modelle liegt bei Null. Hedgefonds, Private Equity etc. nutzen Modelle basierend auf heterogenen Agenten unter dynamischen Ungleichgewichten, und verdienen damit Milliarden…

    Aber es wird wohl noch eine weitere Generation an Professoren und Studenten vergehen bis sich diese im Elfenbeinturm durchsetzen. Solange wird weiter an die Selbstheilungskräfte des Marktes geglaubt, bis mal wieder das gesamte System vom Staat gerettet werden muss. Mit Deflation in Sichtweite, vielleicht schneller als Gedacht.

  5. Danke! Bin immer auf der Suche nach sinnvoller Lektüre für meinen Politik/Geschichte/
    Volkswirtschaft/Philosophie- Bücherschrank.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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