Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Demografie ist nicht alles, aber…

| 7 Lesermeinungen

Nach einer verbreiteten Ansicht gehen alternde und schrumpfende Gesellschaften in den westlichen Industrienationen mit einem fallenden Realzins einher. Zwei Ökonomen sagen: Das Gegenteil ist der Fall – wegen der Wohlfahrtsstaaten im Westen und Änderungen in China.

Änderungen in der Demografie werden drei jahrzehntelange Trends umkehren: Rückläufiges Wachstum von Löhnen und Inflationsrate, sinkende Zinsen sowie eine größere Ungleichheit zwischen Ländern bei gleichzeitig rückläufiger Ungleichheit in vielen Ländern. Diese These vertreten die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan in einem von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich veröffentlichten Arbeitspapier.

 

Wir interessieren uns in diesem Beitrag nur für das Zinsthema.

Der Rückgang des Realzinses in den vergangenen Jahrzehnten ist ein häufig – und nicht zuletzt auch in FAZIT  (zum Beispiel hier, hier und hier), – diskutiertes Thema. Goodhart und Pradhan stellen die Bedeutung Chinas für das fallende Realzinsniveau in der Welt besonders heraus, weil China zunächst in die internationale Arbeitsteilung eintrat, aber nicht in die internationalen Finanzmärkte und statt dessen seine eigenen Finanzmärkte wenig entwickelte. Das sorgte für eine starke Sparneigung in China, die sogar die sehr starke heimische Investitionsnachfrage übertraf: „Thus, despite an already high Investment ratio, the savings  ratio climbed even higher, creating a savings glut that channelled back into the US Treasury bond market. On both counts, real interest rates outside China fell as ex ante Investment fell relative to ex ante savings.“

Das ist nicht neu, aber ungewöhnlich ist die Argumentation der beiden Autoren, warum sie von dem in Gang kommenden demografischen Wandel in den Industrienationen und in China ein steigendes Realzinsniveau erwarten. Denn häufig wird entgegengesetzt argumentiert: Alternde und schrumpfende Gesellschaften gehen mit einem bestenfalls niedrigen Wirtschaftswachstum einher, was gleichbedeutend mit jedenfalls niedrigen und eventuell noch weiter fallenden Realzinsen geht.

Goodhart/Pradhan sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Der Realzins wird steigen, obgleich alternde und schrumpfende Gesellschaften mit einer fallenden Investitionsnachfrage einhergehen. Ihr Punkt lautet: Die Sparneigung wird noch stärker fallen als die Investitionsnachfrage. Und: die Bedeutung des Wirtschaftswachstums für den Realzins wird überschätzt: „Rather than use growth as the determinant of the equilibrium real interest rate, we use the standard classical theory that in the medium and long run (after the temporary effect of central bank policy on local real short-term rates dissipates), real interest rates move to adjust differences in ex ante savings and ex ante investment, falling when desired savings are greater than desired investment, and vice versa. So the declining trend in real interest rates over recent decades, from 1980–2015, is prima facie evidence that ex ante savings have exceeded ex anteinvestment over this period.“

Ihr nächster Punkt lautet, dass es in einer globalisierten Wirtschaftswelt keinen Sinn hat, auf nationaler Ebene nach Antworten zu suchen: „Rather than looking for explanations of falling real rates in any one country at a time, the focus needs to be on the global factors. Ex post, savings have to equal investment in a closed economy, ie the world.“

Warum nun sollen in einer alternden Gesellschaft die Sparwünsche schneller fallen als die Investitionswünsche? Zwar läuft das Lebenszyklusmodell darauf hinaus, dass Menschen in ihrer aktiven Zeit genügend sparen, um im Alter ausreichende Konsummöglichkeiten zu haben, aber die Menschen könnten sich in einer Zeit, in der die Lebenserwartung schneller zunimmt als das Ruhestandsalter und im Wissen um häufig sehr hohe Gesundheitskosten gerade in der allerletzten Lebensphase, dafür entscheiden, weniger zu konsumieren und angesichts der möglichen Gesundheitskosten zusätzlich zu sparen.

Nein, sagen Goodhart/Pradhan: Der von ihnen angenommene Beibehaltung der Wohlfahrtsstaaten wird das verhindern: „Our key political economy assumption is that the safety net will remain in place, keeping savings from rising proportionally with longevity. While there is bound to be some scaling back on commitments, the pension and health care safety net will more or less remain in place. This will be incorporated into the savings habits of individuals, keeping them from saving more in anticipation of retirement.“

Das ist die Prognose für die Industrienationen. Ein zweiter Grund, warum die Sparwünsche in der Welt schnell fallen dürfen, liegt in China begründet: „Demographics will ensure that China’s extraordinary savings will fall. Prior to modern times, the (relatively few) old in China were cared for in the extended Family. But the one-child policy, extended for too long, has meant that support has gotten more and more scarce for the aged. With an insufficient social safety net, personal savings rose to plan for retirement. Add to this the incentive on the managers of state-owned enterprises to retain, rather than pay out, profits, and the explanation of these extraordinary savings ratios becomes clearer.“

 

Nach einem alten Bonmot  sind Prognosen bekanntlich besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Das Thema „Demografischer Wandel und Realzins“ ist vielschichtig und interessant – vielleicht gerade, weil die Antworten nicht offensichtlich sind.

 


Dem Arbeitspapier liegt ein Vortrag auf einer BIZ-Konferenz im Sommer 2016 zugrunde. Damals gab es Co-Referate von Masaaki Shirakawa und Alan Auerbach.

 

12

7 Lesermeinungen

  1. Die Allianz hats schon 2004 vorausgesehen
    Gerne verweise ich an dieser Stelle auf die Studie „Demographie, Ersparnis und Zinsen: Langfristige Perspektiven“ der Allianz SE. Dort wurde bereits im Jahre 2004 (!) ein Zinsszenario bis 2030 skizziert, das – zumindest bis jetzt – auch so eintraf: „…Da ein relativ größeres Kapitalangebot auf den Markt fließt, bedeutet dies, dass bis 2020 mit einem tendenziell sinkenden Zins zu rechnen ist. Danach werden Entsparprozess und erhöhte Inflationsrisiken wieder für etwas höhere Zinsniveaus sorgen…“ Bemerkenswert, dass hier eine Zinsentwicklung ohne Kenntnis von Finanz- oder Eurokrise doch sehr treffgenau beschrieben wurde. https://www.allianz.com/de/economic_research/publikationen/spezialthemen_fmo/news8.html/

    Letztlich ist es kein Widerspruch, sondern eine logische Entwicklung: die Zinsen fallen zunächst wegen der demographischen Entwicklung: wegen relativer Verringerrung des Arbeitskräftezuwachses, dann steigen sie wieder wegen des demographischen Wandels: relative Zunahme der Rentner und der deshalb notwendigen Entsparung.

  2. Unternehmenssektor mit einbeziehen
    Vor kurzem widmete sich auch Prof. Bofinger dem Mysterium der ständig fallenden Realzinsen.

    http://voxeu.org/article/excess-saving-and-low-interest-rates-theory-and-evidence

    Meiner Meinung nach begeht er wie auch andere, die sich mit dem Thema beschäftigen, einen entscheidenden Fehler. Bezüglich der Erspanisse wird immer nur auf die privaten Haushalte abgestellt.

    Wenn man als Ersparnis das Residium aus Einkommen abzüglich seiner konsumtiven bzw. investiven Verwendung sieht, leuchtet sofort ein, dass auch Unternehmen „sparen“, da der Gewinn des Unternehmens – stark vereinfacht – nichts anderes ist als der Rest des Einkommens ( Umsatzerlöse ) das nicht für Faktoreinkommen anderer aufgewendet wurde. ( Streng genommen ist die relevante Größe der Cash-Flow, der auch die Nettoinvestitionen des Unternehmens berücksichtigt ).

    Wenn man sich die Entwicklung der Unternehmensgewinne bzw. Cash-Flows über die letzten Dekaden anschaut, dürfte niemand mehr an dem oft verwendeten Grund für die allgemeine Tendenz zu fallenden Zinsen Namens „savings glut“ zweifeln.

    Bei der Tendenz vieler, gerade der entwickelten Volkswirtschaften, zu immer niedrigeren Wachstumsraten sehe ich auch nicht die Demographie als Ursache, sondern vielmehr den allgemeinen Wohlstand. Wer kennt es nicht : Was schenkt man jemandem, der schon alles hat ? Was soll eine Volkswirtschaft produzieren, die von allen Produkten ( Konsum- und Investition ) mehr als genug hat ? Dass diese Tendenz zu eher niedrigen Wachstumsraten ebenfalls „auf den Zins drückt“ leuchtet eigentlich auch ein.

    Ich denke daher, wir sollten – in der langfristigen Tendenz – weiter mit fallenden Zinsen rechnen und negativen Zinsen aufgeschlossen gegenüberstehen. ( Zum Glück gibt es aber zumindest theoretisch eine Untergrenze : Minus 36.000 % p.a. , weil das sind 100 % am Tag und dann ist jedes Problem „über Nacht“ erledigt. )

  3. Demografie in der Euro-Zone
    Hier ist ein aktuelles Paper zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des demografischen Wandels in der Euro-Zone:

    http://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecb.wp2088.en.pdf?a57bbd3d0a399178f5f9c03a1c4d33d3

    Man sieht: Das Thema Demografie ist „in“ :-)

    Gruß
    gb

  4. BIS Working Papers No .656//Einige Notizen :
    Zukunftsaussichten dieses Papers:
    1.“myopisch „demographisch,
    2. vernachlässigt das reale zur Verfügung stehende Einkommen pro capita,
    geographisch feinmaschig differenziert [Z.B Arbeitsmarkt und Arbeitsbedingungen,Arbeitsunfälle],
    3.millionen beschäftigt ohne Rechtsgrundlage,oder die Arbeitsmigration.
    Wie Pakistaner und Indier in Egypte,oder mexikanische Arbeiter in die
    U.S.A.,und wo nicht…
    4.Anders formuliert die globale Wirtschaft und „low income“ Arbeit,wie verhält sich dass eben zur Arbeitsbedingungen,oder zum Inequality.
    5.Und Industrieländern: Älternde Gesellschaften und sogenannte Armutsgrenze.

    • Public Health und Kosten-Nützen Verhältnis :
      6.ein Konzeption womit ein jeder einverstanden könnte oder sollte sein:
      „Der überschätzte Einfluss der Alterung,Der medizinische Fortschritt
      ist Haubttreiber der Kostensteigerung im Gesundheitswesen „,von
      Christof Forster,NZZ,Internationale Ausgabe,22-04-2016.

      Zugespitzt gesagt Politiker [und offenbar manchmal Wirtschaftswissenschaftler ] nützen die demographische Parameter aus
      im öffentlichen Discours.Daran ist Eigennutz,politisch,und die leicht verdauliche Annahme,wissenschaftlich,sicherlich nicht fremd.

      Ein jeder?
      Jedenfalls mir gefällt bestens dieser Perspektive im Bereich „Public Health“.

  5. Demografie:Plato bis zum BIS working Papers No.656
    Kann mir nur anmaßen einige Bemerkungen Stichwort-artig zu sagen:
    1.Die Gesinnung des Working Papers lässt sich humanistisch so zu sagen,
    erkennen.Insbesondere die Differenzen [inequality] AEs und EMEs
    Wirtschaftsraums.
    2.Plato [Nomoi,Buch v] lässt sich erkennen die sich ganz bewusst war von
    „self interest „,oder anders formuliert ,zahlenmäßige Bevolkerungpolitik,
    oder das protektionistische Idee der eigener Sippe und ihrer Wohlfahrt,
    benötigt Sklaven und / oder Kolonisation.
    ,zudem die eigenen Sippe sollte auch zahlenmäßig begrenzt werden.
    Oder „Family planning“ avant la lettre.
    3.Die „Essays in political arithmetics“ von William Petty lässt sich lesen wie
    die monetäre Wert eines Menschens sich berechnen lässt ,wie
    Handelsware .
    Bis zum heutigen Tag sind diese Ideen und ihre Konsequenzen sicherlich nicht außerirdisch.

    Lit.:Montesquieu,De L’Esprit des Lois „,Livre XXIII.

Kommentare sind deaktiviert.