Fazit – das Wirtschaftsblog

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Die Linkspartei wirbt für eine Heterodoxen-Professur

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Tut sie der Bewegung der „Pluralen“ damit einen Gefallen? Andere Ökonomen bezweifeln das.

Die Linkspartei in Thüringen hat sich für den beginnenden Landtagswahlkampf etwas Besonderes ausgedacht. Am Wochenende beschloss der Parteitag in Gera nicht nur die Forderung nach höheren Löhnen, einem kostenfreien Kita-Platz und zudem, einen Modellversuch für ein bedingungsloses staatliches Grundeinkommen zu lancieren. Damit mag sie auf breitere Bevölkerungsschichten zielen. Im Herbst stehen Landtagswahlen in Thüringen an. Für die bisher regierende rot-rot-grüne Koalition dürfte es laut Umfragen eng werden.

Die Linkspartei hat neben den eher klassischen linken Forderungen noch für eine akademische Klientel ein Schmankerl beschlossen: Eine Professur für „plurale“ beziehungsweise „heterodoxe“ Wirtschaftswissenschaften und ein ebenso ausgerichtetes Institut an einer Hochschule des Landes sollen eingerichtet werden, verspricht sie, wie das Oxi-Blog als erstes berichtet hat. Die Antragsteller auf dem Parteitag begründeten dies mit dem Ziel, „der neoklassischen Lehre und dem neoliberalen Mainstream in den Wirtschaftswissenschaften Denken, Forschung und Lehre vielfältigeren Zuschnitts zur Seite zu stellen. Dazu gehören ausdrücklich auch (post-)keynesianische, marxistische, ökologische oder auch feministische Wirtschaftstheorien.“

Die Reaktionen auf den Vorstoß der Linkspartei in Kreisen der etablierten Ökonomik sind eher skeptisch und ablehnend. Achim Wambach, der Vorsitzende der Monopolkommission, hatte in seiner Zeit als Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik (VfS) einige Diskussionen und Podien mit Vertretern der „Pluralen“ organisiert. „Ich habe an der pluralen Bewegung immer gut gefunden, dass sich Studierende dabei engagieren und für eine Lehre einsetzen, die zur Reflexion anregt.“ Er habe viele anregende Diskussionen mit Studierenden gehabt und auch seine Lehrveranstaltungen angepasst, sagte Wambach der F.A.Z. Die Positionierung der Pluralen Ökonomik als Alternative zur vermeintlich „klassischen Ökonomie“ sei aber schon immer mehr einer wirtschaftspolitischen Ausrichtung geschuldet als wissenschaftlich begründet, ergänzt er. Die Forderung der Thüringer Linkspartei sei da folgerichtig – aber dennoch falsch. „Es ist zu bedauern, dass dadurch das berechtigte Anliegen der Studierenden so politisiert wird“, findet Wambach. Im Klartext: Hier gehe es gar nicht um Wissenschaft, sondern um Politik.

Vor einiger Zeit hat Achim Truger, das vor kurzem auf Vorschlag des DGB neu berufene Mitglied des Sachverständigenrats („Wirtschaftsweise“), auf einem SPD-Kongress die Forderung der „Pluralen“ wiederholt, dass mindestens 20 Prozent der Lehrstühle in Wirtschaftswissenschaften mit „heterodoxen“ Ökonomen besetzt werden sollten. Truger bestritt zwar nachher, dass dies der Ruf nach einer Quote sei, doch im Kern ist es dies: Mindestens jeder fünfte Lehrstuhl sollte an einen Vertreter dieser Richtung gehen, die sich bislang sehr schwer tut, an den universitären VWL-Fakultäten Fuß zu fassen. Truger selbst ist zum 1. April von seiner Berliner Fachhochschule an die Universität Duisburg-Essen gewechselt; allerdings lehrte er dort im Fachbereich Soziologie.

Die Forderung nach einer Heterodoxen-Quote kam bei den meisten Ökonomen nicht gut an. „Ich halte eine Quote für Lehrstühle mit einer bestimmten dogmatischen Ausrichtung nicht für sinnvoll“, sagt aktuell Oliver Holtemöller, der Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Es gebe ja aus gutem Grund auch keine Lehrstühle für neoklassische oder neukeynesianische Wirtschaftstheorie. Andere Instrumente wären besser geeignet, die Methodenpluralität in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre zu erhöhen. Ein Problem sei, dass die deutschen Wiwi-Fakultäten häufig zu klein seien, um beispielsweise zwei oder drei Lehrstühle für makroökonomische Theorie mit verschiedener Ausrichtung zu ermöglichen, erklärt Holtemöller. Auf den Mainstream könne man nicht komplett verzichten, falls man die Absolventen nicht um ihre Arbeitsmarktchancen bringen möchte. Sein Plädoyer lautet also: Nur an größeren Fakultäten gäbe es auch genügend Platz mehr Pluralität.

Der Makroökonom Rüdiger Bachmann nahm den Beschluss der Linkspartei „mit einem Schmunzeln“ zur Kenntnis, wie er der F.A.Z. sagte. Denn der Vorstoß entlarve die Behauptung der Pluralen Bewegung, es gehe angeblich nur „um reine Wissenschaft und nicht um linke Gesellschaftskritik“, als falsch. Im Übrigen sei ein einziger Lehrstuhl und ein darum aufgebautes Institut recht wenig und „typisch deutsche, naive Hochschulpolitik“, so Bachmann, der an der University of Notre Dame im amerikanischen Bundesstaat Indiana lehrt. Einige Jahre lang hat er als VfS-Nachwuchsbeauftragter an Diskussionsforen mit den „Pluralen“ teilgenommen. Wenn man etwas verändern wolle, dann müsse man „mit einem Cluster mit mindestens fünf Professuren klotzen“. Zuletzt kann sich Bachmann einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: Er sei doch froh, in den Vereinigten Staaten zu lehren, „auf die Deutschland gerne herabschaut, die mir aber doch für wissenschaftliches Sektierertum weniger anfällig erscheinen“.


2 Lesermeinungen

  1. Ist doch ganz einfach
    Wenn es auf dem fachwissenschaftlich-universitären Markt keine Nachfrage gibt, dann braucht man sowas nicht. Ernsthafter: präskriptive Ansätze haben in einer im Kern deskriptiven Wissenschaft Ausnahmecharakter. Menschliches Verhalten unter Knappheitsbedingungen ändert sich ja nicht durch eine interessengeleitete Veränderung der Perspektive, und für „Erziehungsfragen“ sind bitteschön andere zuständig.

  2. "Hier gehe es gar nicht um Wissenschaft, sondern um Politik"
    In den VWL kommen Vertreter unterschiedlicher Strömungen zu antagonistischen Befunden. Dass richtig und falsch an der Mehrheitsmeinung abzulesen sind, erscheint mir hier zweifelhaft; die Mehrheit lag am Vorabend der Weltwirtschaftskrise wie der Finanzkrise falsch.
    Wahrscheinlicher erscheint mir, dass es immer schon überwiegend um Politik ging.

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