Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Erzeugen hohe Staatsschulden Inflation?

| 36 Lesermeinungen

Diese aktuelle Fragestellung besitzt in der Wirtschaftstheorie und in der Wirtschaftsgeschichte eine lange Tradition. Die Antwort scheint nicht völlig klar: Die Gefahr einer Inflation lässt sich nicht von der Hand weisen. Aber Inflation ist nicht gottgegeben.

Die Bekämpfung der Pandemie hat die Staatsverschuldung in zahlreichen Ländern stark steigen lassen. In manchen Ländern betragen die Staatsschulden deutlich mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Anleihekäufe von Zentralbanken in mehreren Ländern sorgen dafür, dass sich die Frage nach der Finanzierung der Staatsverschuldung derzeit nicht stellt. Aber gehen mit der expansiven Geldpolitik Inflationsgefahren einher? Wie die aktuelle Titelgeschichte im “Economist” zeigt, ist dies nicht alleine eine in Deutschland diskutierte Frage. Eine Arbeit von Michael D. Bordo und Mickey D. Levy begibt sich auf die Suche nach einer Antwort.

 

1. Was sagt die Theorie?

Bordo/Levy schauen sich das Thema zunächst kurz aus einer theoretischen Sicht an, indem sie vier Theorien – zwei ältere und zwei neuere – kurz anführen. (Mit einem weiteren Ansatz hatten wir uns vor wenigen Jahren in FAZIT befasst.)

  • Der erste theoretische “Dinosaurier” sind die alten keynesianischen Modelle aus der frühen Nachkriegszeit, die in der Forschung schon lange außer Mode gekommen sind, aber nicht selten noch heute zumindest im Grundstudium gelehrt werden. Demnach sorgt expansive Finanzpolitik für eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Ob sich diese Nachfrage eher in Wirtschaftswachstum oder in Inflation niederschlägt, hängt von der gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve ab. Eine generelle Aussage lässt sich nicht treffen: Inflation ist möglich, aber nicht zwingend. In diesen Modellen wird zumeist nicht die Finanzierung der Staatsverschuldung durch die Zentralbank angenommen.

  • Der zweite theoretische “Dinosaurier” ist der alte Monetarismus, der zwar in der Forschung längst in der Abstellkammer ruht, in Deutschland aber gerade in der Finanzbranche noch Anhänger besitzt. Demnach müsste die mit den Anleihekäufen verbundene Erhöhung der Geldmenge zu Inflation führen. Allerdings ist dieser Zusammenhang in den vergangenen Jahrzehnten sehr brüchig geworden. Finanzpolitik alleine für sich betrachtet galt im Monetarismus ursprünglich nicht als die Inflation fördernd, da Inflation nach dem berühmten Diktum Milton Friedmans “immer und überall” ein monetäres, also ein durch die Geldmenge determiniertes, Phänomen ist. Eine Ausnahme stellen Modelle der Monetaristen Karl Brunner und Allan Meltzer aus den frühen siebziger Jahren dar, in denen expansive Finanzpolitik auch ohne begleitende Geldpolitik langfristig zur Hochinflation führen kann. Wie wir in FAZIT ausführlich beschrieben haben, war dieses Ergebnis allerdings nicht sehr robust; überdies gilt diese Art, Modelle zu bauen, schon lange als überholt.

  • Im Unterschied zu den alten Theorien spielen in modernen Ansätzen die Erwartungen der Teilnehmer am Wirtschaftsleben eine bedeutende Rolle. Einer der berühmtesten Fachaufsätze in dieser Tradition stammt von Thomas Sargent und Neil Wallace – und er ist jetzt auch schon vier Jahrzehnte alt. In ihm beschäftigen sich die beiden Autoren mit einem Thema, das heute viel diskutiert wird: der “Fiskaldominanz”. Damit ist eine Situation gemeint, in der die Geldpolitik ihren Handlungsspielraum verliert, weil eine mit Blick auf Inflationsgefahren notwendige restriktive Geldpolitik wegen der hohen Staatsverschuldung nicht mehr möglich ist. Um die Zahlungsfähigkeit des Staates zu sichern, muss die Zentralbank über eine expansive Geldpolitik Inflation akzeptieren, wenn die Regierung die Staatsfinanzen nicht selbst konsolidiert. Der Mechanismus läuft wie im alten Monetarismus über das Wachstum der Geldmenge. Um dieses Szenario drehen sich viele heutige Inflationsdebatten; für viele Ökonomen ist dieses Thema schon länger vertraut.

  • “Fiskaldominanz” ist auch ein Kennzeichen der Fiskaltheorie des Preisniveaus, mit der wir uns in FAZIT vor acht Jahren ausführlich befasst haben. Wir fassen uns daher an dieser Stelle kurz: Anders als bei Sargent/Wallace entsteht die Inflation nicht über eine zu expansive Geldpolitik, sondern über eine durch expansive Finanzpolitik steigende gesamtwirtschaftliche Nachfrage, weil der durch die Ausgabe von Staatsanleihen verbundene Zuwachs der privaten Vermögen, gegebenenfalls verstärkt durch die Furcht vor staatlicher Überschuldung, die Konsumenten zu einer starken Zunahme ihrer Konsumausgaben veranlasst. Dann befinden wir uns im keynesianischen Szenario aus dem ersten Beispiel: Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt und wenn das gesamtwirtschaftliche Angebot nicht flexibel reagiert, kann es zu Inflation kommen. Diese Inflation ändert zwar nicht die nominale Last der Staatsverschuldung, wohl aber reduziert sie die reale Schuldenlast. Auf diese Weise werden die Staatsfinanzen wieder tragfähig. Eine moderne Untersuchung gelangt zu dem Schluss, dass die Vereinigten Staaten zur Bekämpfung der Rezession in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer solchen Strategie gegriffen hatten. In der Sprache der Ökonomen ist von einer “nicht-gedeckten fiskalischen Expansion” die Rede, denn der Staat erhöht seine Schulden ohne Ankündigung, sie durch spätere Steuererhöhungen zurückzahlen zu wollen. Das relativiert zeitgenössische Thesen von Ökonomen, der Staat werde durch Wirtschaftswachstum aus seiner Verschuldung wachsen: Das kann schon sein, es ist jedoch auch möglich, dass der Staat nicht durch reales Wachstum, sondern durch Inflation aus seinen Schulden wächst.

2. Wirtschaftsgeschichte: Kriegszeiten

Der theoretische Befund lässt die Gefahren von Inflation als Folge stark steigender Staatsverschuldung deutlich erkennen, aber Inflation erscheint nicht zwingend. Bordo/Levy schauen daher auch auf die Empirie. Kriege sind häufig Zeiten gewesen, in denen Regierungen sich massiv verschuldeten, und so liegen zahlreiche Episoden vor, in denen Inflation die Folge war. Das gilt für Schweden in der Mitte des 18. Jahrhunderts ebenso (Schweden gilt als erstes Beispiel für eine Monetarisierung von Staatsschulden durch eine Zentralbank) wie für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1781) oder die Französische Revolution und die sich anschließenden Kriege. Über die mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts verbundenen verheerenden Inflationen (nicht nur) in Deutschland müssen nicht viele Worte verloren werden; diese Erfahrungen sollten hinreichend bekannt sein.

Schuldenfinanzierung in Kriegen braucht aber nicht unbedingt zu Inflation zu führen. Das Gegenbeispiel ist das Großbritannien des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, das sich in Kriegen verschuldete und gleichzeitig die Steuern erhöhte, nach der Rückkehr des Friedens die Steuern aber hoch hielt und so die Schuldenlast allmählich wieder zurückführte.  Dafür benötigen Regierungen aber viel Geduld und die Bereitschaft zu unpopulären Maßnahmen.

 

3. Wirtschaftsgeschichte: Friedenszeiten

Auch in Friedenszeiten lassen sich Epochen mit einer überdurchschnittlich hohen Inflationsrate identifizieren. Als Beispiele mögen die Jahre 1965 bis 1980 in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien dienen. In beiden Ländern dominierte damals die Überzeugung, Inflation sei vor allem ein durch Kostendruck beeinflusstes Phänomen, dem man im Zweifel mit Lohnpolitik entgegentreten könne. Die wirtschaftspolitische Priorität waren Wirtschaftswachstum und Beschäftigung und hierfür war man auch zu expansiver Finanz- und Geldpolitik bereit. Wenig erstaunlich erhielten gerade in jenen Jahren Ökonomen Aufmerksamkeit, die sich im Gegensatz zum damals dominierenden Mainstream kritisch mit den Folgen expansiver Geld- und Finanzpolitik für die Inflation befassten. Die teils zweistelligen Inflationsraten, die zu einer Erosion des Vertrauens in die Geldwertstabilität führten, wurden in den beiden Ländern erst nach 1980 mit einer sehr straffen Geldpolitik zurückgeführt. 

Aber wiederum fehlt es nicht an einem Gegenbeispiel: In der Großen Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2008 und in der Eurokrise haben sich viele Staaten hoch verschuldet, aber auch wenn es in jenen Jahren nicht an Warnungen vor einer hohen Inflation fehlte, so wurden ganz im Gegenteil in nicht wenigen Ländern die von den Zentralbanken gesetzten Inflationsziele unterschritten – und das trotz, wie das Beispiel Deutschland zeigt, einer langen Reihe von Jahren mit Wirtschaftswachstum und sinkender Arbeitslosigkeit.

 

4. Was folgt?

Der Wirtschaftshistoriker kann mit der Betrachtung der Gegenwart seine Bücher schließen, aber viele Ökonomen versuchen, auch einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Nach einem alten Bonmot wiederholt sich Geschichte nicht, wohl aber reimt sie sich. Heute scheint die Frage, ob es eher zu einer Wiederholung der Episode von 1965 bis 1980 mit steigenden Inflationsraten, aber keiner Hyperinflation, kommt oder ob sich die Erfahrungen aus der Großen Finanzkrise mit sehr niedriger Inflation fortsetzen.

Für eine Wiederholung der Inflationsjahre 1965 bis 1980 in vielen Ländern spricht unter anderem der Zeitgeist. Wie damals gehört die Priorität dem Wirtschaftswachstum und dem Rückgang der Arbeitslosigkeit und wie damals werden vor allem Vorzüge einer nachhaltig expansiven Geld- und Finanzpolitik betont, während ihre Nebenwirkungen verdrängt werden und Inflation als Thema erledigt erscheint. Wenn Ökonomen anfangen, keine Restriktionen mehr für Politik zu sehen, sollten alle Alarmglocken laut läuten. Parallelen zur damaligen Zeit sind denn auch in einem unkritischen Vertrauen vieler Ökonomen in einen lenkenden Staat, Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft und zunehmenden staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft erkennbar. Aus einem solchen Gebräu kann durchaus Inflation entstehen, zumal die hohen Staatsschulden in vielen Ländern nicht nur ein Szenario der “Fiskaldominanz” begünstigen, in dem die Zentralbanken mit Rücksicht auf die Staatsfinanzen Inflationsgefahren nicht energisch bekämpfen können. Auch die sogenannte “Finanzdominanz” kann zu einem Problem werden: Gemeint ist die Neigung von Zentralbanken, durch den Verzicht auf restriktive Politik Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte ausschließen zu wollen.

Dem steht die Überzeugung entgegen, dass die sehr niedrigen Inflationsraten der vergangenen Jahrzehnte fundamentale Ursachen besitzen, die unter anderem als Ergebnis demografischen Wandels, der Globalisierung und der allmählichen Transformation kapitalintensiver Industriegesellschaften in primär dienstleistungsbasierte Wissensökonomien daherkommen. Ausdruck dieser fundamentalen Änderungen sind unter anderem eine starke Nachfrage nach sicheren Kapitalanlagen und ein Ersparnisüberschuss, der eine Nachfrage nach Staatsanleihen generiert sowie ein Umfeld strukturell niedriger Raten des Wirtschaftswachstums, der Inflation und des Zinses. In einem solchen, durch ein nachhaltiges Defizit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage gekennzeichnetes Umfeld erscheint Staatsverschuldung manchen Ökonomen als Pflicht, um ein Abgleiten in Deflation und Rezession zu verhindern. Inflation gilt schon wegen der seit Jahren sehr niedrigen Inflationserwartungen als wenig wahrscheinlich. Daher werden sich Vertreter dieser Auffassungen von historischen Erfahrungen mit Inflation als Folge von Staatsverschuldung nicht beeindrucken lassen. Ihre Antwort lautet: Wir leben in einer anderen Welt. Oder, um den Titel eines bekannten Wirtschaftsbuches zu zitieren: “This time is different”.

Die Frage bleibt aber, ob nicht auch diese Welt sich ändern kann. Nicht zufällig sorgt gerade ein Buch von Charles Goodhart und Manoj Pradhan für Aufmerksamkeit, in dem die These vertreten wird, der demografische Wandel in Industrie- und Schwellenländern werde auf die Dauer durch einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften erst den Lohndruck und dann den Inflationsdruck steigen lassen. (Diese These hatten wir in FAZIT schon vor drei Jahren vorgestellt.) Das muss vielleicht nicht so kommen, wenn ein rascher Ersatz menschlicher Arbeit durch Roboter und Künstliche Intelligenz stattfindet. Aber auch das Argument, seit Jahren niedrige Inflationserwartungen verhinderten eine Rückkehr der Inflation, erscheint angesichts des Phänomens “schlafender Schocks”, die unversehens die Erwartung deutlich steigender Inflation mit sich bringen, brüchig.

Es gilt nach wie vor: Das gerade in Deutschland beliebte An-die-Wand-Malen von Hyperinflation ist und bleibt ebenso unseriös wie die Behauptung, man könne über einen langen Zeitraum Inflationsraten prognostizieren. Die gegenwärtige Neigung anderer Ökonomen, Inflation als mögliches Resultat steigender Staatsverschuldung auf mittlere und längere Sicht auszublenden, ist ebenfalls alles andere als seriös, auch wenn die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zunächst noch helfen werden, die Inflation niedrig zu halten. Eine von der Finanzpolitik zumindest beeinflusste Geldpolitik ist keineswegs eine abwegige Vorstellung und die Hoffnung, die Flexibilität des globalen Güterangebots werde schon groß genug bleiben, um Kostenschübe zu verhindern, kann sich als zu optimistisch herausstellen. Und letztlich wird die Versuchung für Regierungen groß sein, durch (moderate) Inflation bei niedrigen Zinsen aus ihren Staatsschulden allmählich herauszuwachsen. Kurzum: Mit Blick auf die Inflation besteht heute kein Grund zur Panik, sehr wohl aber besteht Grund zur Wachsamkeit.


36 Lesermeinungen

  1. RPflanz sagt:

    Eine gute Zusammenfassung
    und Kurzdarstellung der Theoriedinosaurier,
    die ja alle in den Zeitgeist ihrer Entstehung atmeten aber nie ausstarben, da sie für ihre Zeit gute Erklärungen lieferten. Aber es lassen sich, wenn man die Ideologie beiseite lässt, schon einige gültige Eckpunkte bestimmen. Ich erinnere mich dabei gerne an mein Geldtheorie – / Politik Vorlesungen in Freiburg insbesondere beim damals „letzten Keynesianer“ Prof. Oberhauser der den Monetarismus lächelnd mit einer Heimsuchung von Teufeln verglich. Aber übergreifend über die verschiedenen Schulen lässt sich feststellen, dass die Inflation normalerweise auf eine Expansion der Geldmenge als notwendige aber nicht hinreichende Bedingung zurückzuführen ist. Empirisch liegt genau diese Situation für die wenig steigenden Konsumgüterpreise vor. Ein Teil der Geldmengenexpansion wurde aber von den Preisen für Vermögenswerte wie Immobilien, Aktien, Gold, Oldtimer und Kunstgegenstände absorbiert. Die These ist, dass in Erwartung von Inflation die Vermögenden ihr Geld nachhaltig anlegen und sich teilweise vom Geldwert abkoppeln. Die weniger Betuchten reagieren sensibel auf Preisschwankungen im wettbewerbsintensiven Konsumgütersektor, dem hierdurch Grenzen bezüglich Preiserhöhungen gesetzt sind. Dank an Lidl, Aldi, netto, Rewe, Edeka usw. Die Geldmengen welche die Zentralbanken zum Teil ohne Rückwärtsgang in den Markt drücken, bewirken erstmal wenig, weil mit theoretischer Anleihe bei Keynes, das Geld in der sogenannten Liquiditätsfalle verschwindet. Technisch gesehen verlangsamt sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, die neben der Geldmenge ein Hauptverantwortlicher für die Inflation ist. Aber durch die expansiv geschaffene Geldmenge ist das Potential für eine spürbare Inflation geschaffen, die von der EZB nicht mehr einfach eingefangen werden kann (eigenes Thema). Nun noch eine Anleihe bei Dinosaurier Keynes: Wirtschaft ist 50% Psychologie und man kann o.W. hinzufügen der Geldwert hängt vom Vertrauen in seine Stabilität ab. Der Anstieg der Vermögenspreise ist ein Indiz dafür, dass dieses Vertrauen angeknackst ist und wenn die riesigen ruhenden Geldmengen in Bewegung kommen, also die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt kann man ganz schnell in heftigen Inflationsszenarien aufwachen. Wann dies der Fall sein wird steht allerdings in den Sternen aber exogene Schocks wie Corona haben Auslöserpotential.

    • Latour61 sagt:

      Bravo @RPflanz, da hat jemand in seiner Unizeit aufgepasst !
      Wenn Sie jetzt noch Zahlen zur Geldmenge genannt hätten, möglicherweise im Vergleich zu den Entwicklungen in 2008, 1940 oder 1930 wären Unterschiede bzw. mögliche Gemeinsamkeiten aus den empirisch gemachten Erfahrungen der Vergangenheit im Hinblick auf das heutige bzw. künftige Potential/Risiko für Inflation noch klarer geworden. Auf der Ebene der Notenbanken ist jedenfalls dafür alles bereitet ;-)

    • RPflanz sagt:

      @Latour
      Dann lassen Sie uns schauen wie Sie es mit Ihrer Unizeit hielten und steuern Sie die Zahlen bei, wir checken dann die Qualität auf nicht weniger als premiere grand cru class
      :-)

  2. Canabbaia sagt:

    Inflation is caused by too much money chasing after too few goods
    Die Feststellung von Milton Friedman, dass eine Inflation dadurch verursacht wird, dass zu viel Geld zu wenigen Gütern (ich ergänze: zu aktuellen Preisen) “nachjagt”, bleibt richtig.

    Das Geldmengenwachstum übersteigt schon lange das Wachstum der Realwirtschaft. Von daher ist die spannende Frage eigentlich eher, warum es nicht schon längst zu einer galoppierenden Inflation gekommen ist.

    Nach meinem Eindruck wird eine Erklärung häufig deshalb verfehlt, weil die Friedman-Aussage nicht vollumfänglich rezipiert wird, bzw. die Zusammenhänge von Geld- und Realwirtschaft nicht wirklich verstanden werden.
    Was im Bewusstsein hängenbleibt, sind die beiden Komponenten “zu viel Geld” und “zu wenige Güter” [bei einem gegebenen Preisniveau].
    Was dabei untergeht oder stark in den Hintergrund rückt, ist das “chasing”, also die NACHFRAGE.

    Wenn die Geldmenge die Gütermenge bei einem gegebenen Preisniveau übersteigt, kann eine Preissteigerung (also eine Inflation) eigentlich nur dann NICHT eintreten, wenn die Geldmenge nicht voll NACHFRAGEWIRKSAM wird. (In der Breite; eine sektorale Inflation bleibt natürlich möglich.)

    Man muss also m. E. postulieren, dass es “Senken” gibt, wo Teile der Geldmenge “liegen” – oder auch “zirkulieren”. Das müsste dann aber ein Geldkreislauf sein, der sich relativ abgeschottet von der Realwirtschaft vollzieht, also so etwas wie eine “reine Finanzwirtschaft”.

    Diese Hypothese scheint mir die GRUNDLEGENDE Erklärung der (Nicht-)Entstehung von Inflation zu sein.
    Natürlich kommen dann noch psychologische Faktoren hinzu, wie Geldillusion (retardierend) und Herdenverhalten (akzelerierend), die im Detail schwer oder gar nicht bestimmbar sein dürften.

    Ich denke aber schon, dass es letztlich (immer oder in aller Regel) eine Diskrepanz von NACHFRAGEWIRKSAMER Geldmenge einerseits und angebotener Gütermenge andererseits ist, die eine Inflation auslöst. Und diese durch die Wiederherstellung der Balance beendet wird (DM-Einführung 1948!).

    • Gerald Braunberger sagt:

      Ihre Position beschreibt nun allerdings genau die alte keynesianische Kritik an Friedman.

      1. Friedman war der Ansicht, die Konsumausgaben orientierten sich nicht am aktuellen Einkommen, das schwankungsanfällig ist, sondern an einem wenig schwankungsanfälligen permanenten Einkommen. Deshalb kann es bei Friedman keine Liquiditätsfalle geben, bei Keynes aber schon.
      2. Die Berücksichtigung von Finanzmärkten in der Analyse führt häufig zu merkwürdigen Ideen. Eine Satz wie “Das Geld fließt in die Finanzmärkte” erweckt bei manchen Lesern die Idee, es gäbe so eine Art Eimer in den Finanzmärkten, in die Geld fließt, oder aber das Geld zirkuliere dann nur noch “in Finanzmärkten”. Tatsache ist aber, dass unabhängig davon, ob man ein Stück Brot oder eine Aktie kauft, das Geld nicht “in einen Markt” fließt, sondern zu den Verkäufern. Und der Verkäufer der Aktie kann sein Geld genau so für Konsumausgaben wie der Verkäufer des Brots verwenden – so wie beide das Geld auch für den Kauf von Vermögensgütern verwenden können.

      Gruß
      gb

    • michaelstoecker sagt:

      Statt Friedman oder Keynes: Matthäus!
      Was Herr Brinkmann hier thematisiert, ist letztlich eine Folge der Einkommens- und Vermögensdisparitäten; also der altbekannte Matthäus-Effekt.

      „Tatsache ist aber, dass unabhängig davon, ob man ein Stück Brot oder eine Aktie kauft, das Geld nicht “in einen Markt” fließt, sondern zu den Verkäufern. Und der Verkäufer der Aktie kann sein Geld genau so für Konsumausgaben wie der Verkäufer des Brots verwenden – so wie beide das Geld auch für den Kauf von Vermögensgütern verwenden können.“

      Richtig, Herr Braunberger. Die Betonung liegt allerdings auf KANN und KÖNNEN und nicht auf TUN.

      Aber um es nicht beim Brot zu belassen, in einer Gesellschaft, die nun wirklich kein kalorisches Defizitproblem hat: Was kommt noch an großem Konsum nach dem dritten Learjet? Da bleibt doch nur noch der Finanzmarkt. Sehr anschaulich wurde die ganze Problematik im letzten Jahr von Samirah Kenawi vorgetragen: https://youtu.be/VdHl3xNf0qA.

      LG Michael Stöcker

    • rum sagt:

      "Sehr anschaulich wurde die ganze Problematik im letzten Jahr von Samirah Kenawi vorgetragen"
      Ich habe mir die Mühe gegeben, das Video zu sehen. Meiner Meinung gehört noch zu Kategorie Gebräu, was seit der Finanzkrise nie aufhört zu wuchern. Immerhin hat etwas Positives: (1) erkennt das Geldschöpfung zum Umsatz gehört, (2) erkennt das Geldschöpfung für Investitionen ohne Inflation auf Kosten des Umsatzes geht. Da diese Grundsätze heute völlig vergessen zu sein scheint, scheint es schon ein Verdienst zu sein, darauf zu bestehen. Nur, das gerade Sie, Herr Stocker, dieses Video verlinken, der sich hier ständig gegen die alte Geldordnung geäußert haben, wundert mich. Aber das Gebräu hat ja keine Logik und verwickelt sich in Widersprüchen.

    • Canabbaia sagt:

      Titel eingeben
      @ Gerald Braunberger
      “unabhängig davon, ob man ein Stück Brot oder eine Aktie kauft, das Geld nicht ‘in einen Markt’ fließt, sondern zu den Verkäufern”.
      Das ist insofern kein logischer Widerspruch, als diese Verkäufer eben hauptsächlich in einem bestimmten Markt operieren: Hier also entweder in der Realwirtschaft oder in der Finanzwirtschaft.
      Die natürlich nicht total voneinander abgeschottet sind (wie auch der Kommentar von Michael Stoecker richtig betont: “kann …..”), wo aber mit einer gewissen (makro-, nicht zwangsläufig mikro-ökonomischen) Wahrscheinlichkeit das Geld bei normaler Wirtschaftslage verbleibt. (Was sich natürlich ändern kann: Wenn etwa eine Ressourcenverknappung die Preise dramatisch ansteigen lässt, wären auch die Akteure in der “reinen” Finanzwirtschaft gezwungen, ihr Geld großteils wieder in realen Konsum zu stecken.)

      Und Friedmans von Ihnen geschilderte Position scheint mir widersprüchlich zu sein, denn Inflation kann ja nur dann durch Geldmengenänderungen herbeigeführt werden, wenn diese Konsumsteigerungen induzieren. (Von Situationen mit Güterverknappung – 1923, 1945 – mal abgesehen.)

      Jedenfalls: Zu erklären ist gegenwärtig doch, warum es trotz gigantisch gestiegener Geldmenge bisher nicht zu einer galoppierenden Inflation (der Verbrauchsgüterpreise) gekommen ist.
      Logisch lässt sich das m. E. nur damit begründen, dass die gestiegene Geldmenge nicht in die Verbrauchsgüternachfrage geflossen ist.
      Wo aber treibt sie sich dann herum?

      Die Annahme eines relativ abgeschotteten “reinen” Finanzmarktes, wo diese “Überschuss”-Geldmenge zirkuliert, ist eine Erklärungshypothese.
      Welche (was ich nicht leisten kann) mit empirischen Daten auf ihre Richtigkeit überprüft werden müsste.
      Sollte sie falsifiziert werden, müsste eine andere Hypothese her.
      Aber welche?
      Vielleicht hilft insoweit ein Papier von Christopher Mensching weiter: “Geldhortung als Nachfrageausfall in der Stromgrößensphäre”?

      Grundsätzlich müssten aber die Ökonomen zunächst einmal begreifen lernen, dass Geld sehr wohl eine Schuld ist. Nur eben auf andere Weise, als in Ihrem Blogpost “Was ist Geld und warum hat es einen Wert?” vom 13.09.17 erörtert.
      Klar: Bankengeld ist eine theoretische Schuld der Geschäftsbanken auf Lieferung von Bargeld (Zentralbankgeld). Dieses Faktum kann zwar auch im Alltagsgeschäft der Banken nicht gänzlich unberücksichtigt bleiben; wirklich problematisch wird es jedoch nur in Krisensituationen.
      (Ebenso klar ist, dass Basisgeld real KEINE Schuld der Zentralbanken ist. Wobei es – scheinparadox – dennoch wichtig ist, es buchungstechnisch als eine solche zu behandeln.)

      Ganz allgemein ist das Geld bei seiner Entstehung eine von der Bank (GB oder ZB ist insoweit egal) verbürgte GÜTERschuld des “Erstgeldempfängers” gegen über der REALWIRTSCHAFT.
      Die Details habe ich in meinem Canabbaia-Blogpost “Wessen “Schuldschein” ist das Geld?” vom 1.2.2016 erörtert: Der “Erstgeldempfänger” entnimmt dem Markt VORSCHUSSWEISE ein Gut. Um den Kredit (später) zu tilgen, muss er (im Prinzip) seinerseits am Markt ein Gut verkaufen; mit der Tilgung wird das dafür erlöste Geld vernichtet (ist also nicht neuerlich nachfragewirksam). Die “Geld-Güter-Balance” ist damit wiederhergestellt.

      Das ist natürlich nur ein BASISmodell.
      Störungen sind z. B. durch revolvierende Kreditvergabe vorstellbar (“Kassenkredite” der Reichsbank an die Regierung 1914 – 1923) oder durch massive Reduktionen des Güterangebotes (Ruhrstreik 1923, Kriege, Lockdowns, Ressourcenverknappungen).

      Aber Modelle, welche diesen fundamentalen “Schuld-“Zusammenhang zwischen der kreditären Geldschöpfung und der Realwirtschaft gar nicht (aner)kennen, können unser Geldwesen nicht befriedigend erklären.

  3. schroe12 sagt:

    Entscheidend ist doch das Vertrauen in die Wertaufbewahrungseigenschaft der Währung..
    Wie auch immer man das wissenschaftlich abbildet.
    Bis jetzt hat die EZB eben nicht die Geldmenge willkürlich erhöht, sondern Anleihen angekauft und damit Risiken übernommen. Die Bilanz ist noch ausgeglichen. Risiken können zu Verlusten werden.
    Im Fall Griechenland konnte die EZB sich noch schnell über einen halb legalen Anleihentausch den Verlusten entziehen. Wenn sie aber Hauptgläubiger bei Staaten und Unternehmen wird, ist ohne Beteiligung der EZB keine Restrukturierung mehr möglich.
    Was aber macht die EZB dann? Bucht sie die Verluste einfach aus, lebt sie dann mit negativem Eigenkapital, oder wird sie von den überschuldeten Staaten kapitalisiert? Zutrauen würde ich der EZB alle Möglichkeiten.
    Genau dann, wenn die Normalbevölkerung dieses Risiko als real ansieht, gibt es den Kipppunkt, der dann nicht mehr aufzuhalten ist. Das ist doch bei jeder Finanzblase, oder einem anderem Schneeballsystem so. Bevor der Kipppunkt eingetreten ist, ist das System stabil.

    • Arbeiterklasse sagt:

      Die Staatschuldeninflation der Tuerkei zum Beispiel ist eines fuer eine
      importierte Inflation, weil man in Dollar leiht, weil man in Dollar bzw. in der Waehrung des Exportlandes bezahlen muss. VW, Daimler, Bahlsen, Ferrero und die ganzen Marken oder auch nicht Marken Konsumguerterhersteller nehmen keine Lira die nehmen Euro bzw. die Waehrung in der die Firma ihren Sitz hat. Und wenn die doch Lira nehmen, und diese in Euro umtauschen muessen, weil VW seine Mitarbeiter in Euro bezahlt, dann kann es passieren das der Lira Kurs einbricht, weil niemand anderes was mit Lira in der Tuerkei kaufen kann, ausser Urlaub, der aber gerade ausfaellt. Bei allem Gelddrucken ist immer darauf zu achten wer bekommt das Geld, was kauft er dafuer, kann der Markt das frisch Gedruckte Geld aufnehmen und dafuer Liefern was gefordert ohne das die Preise anziehen.
      So gesehen ist die Frage einfach zu beantworten, es haengt davon ab was mit dem Gegenwert der Staatsschulden passiert.

  4. Schlophie sagt:

    Aber Inflation ist nicht gottgegeben.
    Natürlich nicht, da es keine Götter gibt.

  5. Aurego sagt:

    Wenn wir als Inflation die Steigerung der Verbraucherpreise definieren,
    können, vereinfacht gesagt, nur zwei Dinge zu höherer Inflation führen – meist in Kombination:
    1. Höhere zur Verfügung stehende Einkommen,
    2. eine Verknappung von Verbrauchsgütern.
    Zu Punkt 1 sehe ich nach wie vor nur eine sehr zögerliche bzw. moderate Entwicklung und Punkt 2 ist z. Zt. – insbesondere durch auch durch den hohen Globalisierungsgrad – in den hochentwickelten Ländern kaum gegeben.
    Natürlich könnte, sollte in Zukunft mehr Protektionismus mit höheren Importhürden stattfinden, eine künstliche Verknappung von importierten Gütern eintreten. Jedoch ist das Risiko einer dadurch getriebenen hohen Inflation (>2%) im Moment eher gering.
    Staatsschulden spielen jedoch, solange sie nicht zu einer höheren Steuerquote führen, kaum eine Rolle. Die Preise für Investitionsgüter (z. B. Immobilien) sollte man tunlichst ebenso nicht in die Inflation einbeziehen, da sie anders festgelegt werden.

    • rum sagt:

      "Preise für Investitionsgüter sollte man tunlichst ebenso nicht in die Inflation einbeziehen"
      Doch, doch. Aber das ist ein anderes, langes Thema.

    • Kosider sagt:

      Ja, aber welche Risiken könnten die Inflation trotzdem treiben
      Immobilienpreise unterliegen bereits einer hohen Inflation, je nach Ballungsgebiet. Das wird sich dann auch nachfolgend in den Mietpreisen und damit in der Inflationsrate niederschlagen. Auch wenn man die Gewichtung im Warensortiment etwas „frisieren“ kann.

      Verbrauchsgüter werden nicht nur durch Verknappung teurer sondern allein aus der Tatsache, dass deren Preise steigen. Das können a)Wechselkurs-Effekte sein oder b)monopolistische Preisstellung (früher der 70ziger Jahre Ölschock, künftig „seltene Erden“ aus China? oder c)künftige Auflagen für Klimaneutralität.

      Ich bin auch ihrer Meinung, dass die Staatsverschuldung die Inflation direkt in den nächsten 10 Jahren nicht treiben wird (sieht Beispiel Japan), aber obig genannte Einflussfaktoren könnten potentiell zu >5% Inflation >2025 führen. Und das wäre durchaus im Interesse der Staatengemeinschaft in der EU. Und ob die EZB das verhindern wird/will, lass ich mal offen…

    • Aurego sagt:

      Nein, Preise für Investitionsgüter gehören nicht in die Inflation!
      Insbesondere dann nicht, wenn sie, wie z. B. bei Immobilien üblich, zu einem hohen Anteil über Kredite oder Darlehen finanziert werden, da niedrige Darlehenszinsen automatisch zu einem Preisanstieg solcher Güter führen: Das ist jedoch keine echte Inflation, da hier die regelmäßige Belastung (Finanzierbarkeit) eine wesentlich größere Rolle spielt als der Endpreis. Anders bei Wohnkosten: Diese sind im Verbraucherpreisindex enthalten.

    • rum sagt:

      Doch, weil Inflation sich immer zuerst in den Kapitalmärkten sichtbar macht
      Aber das Thema betrifft die Grundlagen der herrschenden Geldpolitik (Indexwährung mit sogenannter kontrollierter Inflation). Hier geht es aber um Staatsschulden und Inflation.

    • Aurego sagt:

      Mit dieser Hypothese können Sie
      die Entwicklung von Inflation und Kapitalmärkten von 1950-1990 jedoch kaum erklären. Die Staatsschulden durch die Eurokrise und Corona sind auch durch zwei singuläre Situationen gekennzeichnet, für die es nach WK2 keine entsprechenden Narrative gibt. Da werden Sie mit klassischen Theorien nur bedingt weiterkommen. Die Politik der Zentralbanken (die EZB ist da nicht alleine) führt zwar zu höheren Assetwerten, die aber mit der “normalen” Inflation von Verbrauchsgütern nichts zu tun hat, sondern nur mit niedrigen Renditeerwartungen für die Assets (wird eine niedrigere Rendite akzeptiert, steigen die Preise).

    • rum sagt:

      "Da werden Sie mit klassischen Theorien nur bedingt weiterkommen."
      Die Aufhebung der Theorie und der Eintritt eines neuen Zeitalters ist ein uraltes Topos in geldpolitischen Diskussionen, der immer wieder arge Überraschungen brachte.

  6. Hartmut-Rencker-Mainz sagt:

    Vieles ist richtig, auch das Gegenteil
    Ein Fachmann bin ich nicht. Aber noch nie hat ein Staat überbordende Schulden dauerhaft abtragen können. An die Staatspleiten von Mexiko und Argentinien sei erinnert. Und es gibt noch mehr Kandidaten. Die bisherige Niedrigzinspolitik mit billiger Refinanzierung der Altschulden führte zu einer großen Entlastung. Aber wie soll dieses Rezept der aktuellen Schuldenexplosion beikommen? Jeder Häuslebauer aus vergangenen Jahrzehnten weiß, wie trefflich sich Schulden durch (moderate) Inflation entwerten. Dieses einfache Rezept ist verlockend, vor allem weil die gesamten Altschulden auf Jahre hinaus keine nennenswerten Zinslasten verursachen.

    • Arbeiterklasse sagt:

      Argentinien sei erinnert
      hat sich in Dollar verschuldet. Ich denke die wollten die Dollar Schulden nicht mehr bedienen weil sie neben dem Schuldendienst sonst nichts anderes aus ihrem Haushalt in eigener Waehrung haetten finanzieren koennen.

    • Revresbo sagt:

      Vorbild als warnendes Beispiel! "Argentinien sei erinnert …
      … hat sich in Dollar verschuldet. Ich denke die wollten die Dollar Schulden nicht mehr bedienen, weil sie neben dem Schuldendienst sonst nichts anderes aus ihrem Haushalt in eigener Waehrung haetten finanzieren koennen.”

      Papiergeld und sagenhafter Inflationierung und immer stärker werdende Bürokratisierung mit einhergehender Einschränkung individueller Freiheiten dürfen wir in Argentinien im Rahmen direkter Finanzierung des Landes durch die ZB bewundern: Innerhalb von 100 Jahren von einem der reichsten Länder der Erde zum Entwicklungsland heute – die neuerliche Umschuldung (= Staatsbankrott) nach vielen vorangehenden verlief wohl erfolgreich.

      Gunnar Heinsohn hat dazu aus der Sicht der Eigentumsökonomik (https://www.metropolis-verlag.de/Eigentumsoekonomik/717/book.do ) – auch im Vergleich zu anderen Ländern – einige Anmerkungen gemacht.

      “Zu solchem Scheineigentum (= Sicherheiten aus dem Nichts als Material für die Geldschöpfung) aus reichseigenen Instituten zählen beispielweise die ‚Darlehnskassenscheine‘ im Ersten Weltkrieg, die ‘Finanzwechsel’ unter der Regierung Brüning und die ‘Mefo-Wechsel’ der Hitlerzeit, gegen die von der Reichsbank Noten emittiert werden mußten. In allen diesen Fällen ist das deutsche Geldsystem nicht anders zerstört worden als damals in dem heutigen Entwicklungsland Argentinien, das bis zur Weltwirtschaftskrise (1929 – 1930) zu den zehn reichsten Ländern der Welt gehört und damals vor Schweden, Frankreich, Japan oder Italien rangiert.” (Seite 189)

      “Es ist nicht der Mißbrauch des Finanzministers, der zur Entwertung des Australs geführt hat, sondern die Unfähigkeit der Notenbank ihre Geschäfte wie eine Bank zu führen. Dies wiederum resultiert daraus, daß die argentinischen Banken nicht fähig sind, der Notenbank erstklassige Sicherheiten anzubieten. Der IWF räumt das lediglich indirekt dadurch ein, daß er 1991 unter er Regierung Menem einen ‘currency board’ unterstützt, in dem die neue Währung, die wieder Peso heißt, im Verhältnis 1:1 an den Dollar gebunden wird. Damit läßt sich zwar Gelddrucken und Inflation stoppen, nicht jedoch die notwendige Schaffung eines tiefen Kapitalmarktes herbeiführen, der eine interne Verschuldungsfähigkeit ermöglicht hätte. Dazu ist die Verankerung einer zuverlässigen Eigentumsstruktur notwendig, die in Argentinien ungeachtet der Privatisierungen unter Menem in den 1990er Jahren gerade nicht gelingt.” (Seite 143)

      Der Peronismus (‘Argentiniens Populismus für alle’), der Argentinien nur Leid und Elend und zeitweise Militärdiktaturen als Reaktion auf die regelmäßig wiederkehrenden ökonomischen Still- und Missstände gebracht hat, sollte als Vorbild für unsere Entwicklung ein warnendes Beispiel sein.

      Das Problem sind die Besicherung und Haftung. Knapp hat mit seiner Erkenntnis: “Das Geld ist ein Geschöpf des Staates.” schon früh die richtige Fährte gelegt. Man darf aber die Tatsache nicht übersehen, dass der Staat kein Geld herausgibt – bisher wenigstens nicht.

      Die ZB beurkundet gemäß ihren geldpolitischen Operationen Schuldverhältnisse der Privaten (per Rückkaufvereinbarung, die den gleichzeitigen Verkauf und späteren Rückkauf eines Wertpapieres) kombiniert, oder Ankauf von zentralbankfähigen Titeln) und räumt den GBen dabei ein ZB-Guthaben ein. Dieses ZB-Guthaben wird mit den entsprechenden Geldeinheiten auf Geldträgern dokumentiert, bzw. die zugrundeliegenden privaten Schuldverhältnisse dokumentiert.

      Bei jeder herausgegebenen Geldeinheit wird durch die dahinterliegenden Schuldverhältnisse eine persönliche oder eine institutionelle Haftung garantiert. Die Quelle des Zitates, wenn “die Zweistufigkeit im Kern des Zentralbanksystems wegfällt, wenn die durch die Kreditinstitute zu besorgenden Geldeinheiten ohne ausreichende / vorhandene Sicherheiten sowie positiver Kapitaldienstfähigkeiten buchbar bzw. beurkundbar werden, d.h. das Wertbegründende des Kreditwesens (Vertrauen = Verpflichtung) schwindet, öffnen sich die Schleusen.” ist in faz fazit bekannt.

      Wenn die Notenbank direkt dem Staat Kredit gibt, stellt sich die Frage nach den Sicherheiten, die der Staat natürlich nicht unmittelbar hat. Wenn der Staat noch auf künftige Einzahlungen in diese ohne Sicherheiten und Haftung ziehen kann, sind die Schleusen geöffnet, wie Alexander Fraser Tytler, Lord Woodhouselee (1747 – 1813), schon vor 200 Jahren (wohl mit Alexis de Tocqueville’s und B. Disraeli’s späteren Ergänzungen) auf der Grundlage der damaligen Gegebenheiten wusste:

      “A democracy cannot exist as a permanent form of government. It can only exist until the voters discover that they can vote themselves money from the public treasure. From that moment on the majority always votes for the candidates promising the most money from the public treasury, with the result that a democracy always collapses over loose fiscal policy followed by a dictatorship.”

  7. pspahn sagt:

    Inflation, Geldvertrauen und EZB-Bilanz
    Hyperinflationen nach fiskalischen oder kriegsbedingten Katastrophen hatten historisch immer mit dem Verlust des Vertrauens in den Geldwert zu tun. Vor diesem Hintergrund ist ein Blick auf die Bilanz des ESZB sinnvoll, dessen Aufgabe ja im Kern darin besteht, Vertrauen in die Währungsstabilität zu sichern. Daten finden sich hier: https://www.ecb.europa.eu/press/pr/wfs/2020/html/ecb.fst201124.de.html. Ganz grob betrachtet machen die angekauften Wertpapiere 55% der Bilanzsumme aus, Einlagen der Banken 42%, während das Eigenkapital (samt Neubewertungsausgleichsposten) 9% beträgt. Klassischerweise funktioniert Inflationsbekämpfung über eine zinspolitische Verteuerung der Refinanzierungskredite an die Banken. Wenn diese jedoch über hohe Notenbankreserven verfügen, muss man diese Einlagen höher verzinsen, um die Banken von einer eigenen Kreditausweitung abzuhalten. Das Problem ist dabei, dass diese Zinskosten den Gewinn der Notenbank zunehmend belasten. Nimmt man zinsbedingte Abschreibungen auf den Wertpapierbestand mit ins Bild (oder gedrückte Verkaufserlöse bei einer Liquiditätsabschöpfung), wäre das Eigenkapital rechnerisch rasch aufgezehrt.
    Im Prinzip ist dies unproblematisch, da eine Notenbank ihre Geldpolitik auch mit negativem Eigenkapital durchführen kann; zudem bestehen fiskalpolitische Nachschusspflichten seitens der Euroländer (deren Eintreibung allerdings heikel werden kann). Entscheidend ist aber die Außendarstellung einer solchen Entwicklung in Finanzwelt und -presse. Was passiert, wenn wir Überschriften wie “Die EZB ist bankrott” zu lesen bekommen. Sind wir sicher, dass Eurobanker und Finanzminister dieses Kommunikationsproblem bewältigen?

    • A.Heinemeyer-Precht sagt:

      Lagarde - EZB kann nicht pleitegehen
      “Frankfurt (Reuters) – Die Europäische Zentralbank (EZB) kann laut ihrer Präsidentin Christine Lagarde weder in die Pleite rutschen noch kann ihr das Geld ausgehen.

      Dies gelte selbst dann, wenn sie mit ihren billionenschweren Anleihenkäufen Verluste mache, sagte sie am Donnerstag in einer Anhörung des Wirtschafts- und Währungsausschusses des EU-Parlaments. “Als der einzige Herausgeber von Zentralbankgeld in Euro, wird das Eurosystem immer in der Lage sein, wenn erforderlich, zusätzliche Liquidität zu schaffen”, sagte sie auf eine Frage eines EU-Abgeordneten

      “Darüber hinaus würden jedwede finanziellen Verluste, sollten sie eintreten, nicht unsere Fähigkeit beeinträchtigen, Preisstabilität anzustreben und zu sichern,” sagte Lagarde. Die EZB hat mittlerweile seit Frühjahr 2015 öffentliche Anleihen der Euro-Länder im Volumen von rund drei Billionen Euro erworben.” Meldung vom 19.11.2020
      “Die EZB ist bankrott”. Nach der obigen Meldung werden Sie diese Schlagzeile nie zu lesen bekommen.

    • hglandes sagt:

      Eine fiskalpolitische Nachschusspflicht...
      für die Verbindlichkeiten von Notenbanken des Eurosystems gibt es m.W. nicht. Sollte ich hier eine Wissenslücke haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar, würden Sie diese mit einer Quelle schließen.

  8. knoechelmann sagt:

    Sozioökonomische Erklärung?
    Vielleicht bedarf es auch einer sowohl die historischen Erfahrungen und die ökonomische Modellbildung umfassenden Synthese als Theorie, die bestimmte sozioökonomische Konfigurationen hinsichtlich dieser Frage untersucht? Hiernach gäbe es dann ein Inflationspotential über den ‘Nettoeffekt’ von Verschuldung/Geldschöpfung vs. den deflatorischen Einflüssen der globalen Wettbewerbsintensität, Demographie etc… und dem gesellschaftlichen Willen, dieses Potential wirksam werden zu lassen? Eine empirische Bestandsaufnahme kann doch zeigen, dass z.B. bei Wegfall von Wettbewerbsintensität und Geldschöpfungshemmung mit folgendem Bonitätsverlust, die Inflation eher zunimmt als zurückgeht? Die französische Regulationstheorie scheint mir diesen Ansatz einmal versucht zu haben…

  9. rum sagt:

    Erzeugen hohe Staatsschulden Inflation?
    Die Frage scheint mir falsch gestellt. Man könnte sie ruhig mit “Nein” beantworten. Es sind ja nicht die bestehenden Schulden, was Infaltion verursacht, aber sicher der Kredit für Verbrauch (Löhne an Staatsdiener), oder was gemacht oder nicht gemacht wird, um Staatsbankrott abzuwenden.

    • Revresbo sagt:

      Sowohl Inflation als auch Deflation
      Genauso

      “…, aber sicher der Kredit für Verbrauch (Löhne an Staatsdiener), oder was gemacht oder nicht gemacht wird, um Staatsbankrott abzuwenden.”

      ist es. In https://blogs.faz.net/fazit/2020/12/14/vermoegensteuer-vermoegensabgabe-vorteile-und-nachteile-11959/#comment-9221 habe ich darauf hingewiesen, dass in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik eine breit besicherte Kreditvergabe an der Basis der entstehenden Kreditpyramide Wohlstand (= ‘Wirtschaftswunder’) für breite Bevölkerungsschichten erzeugte. Inflation entsteht immer durch Verschuldung, die nicht durch – dann ‘deflationär’ wirkende – zusätzliche Leistung ausgeglichen wird. Im Laufe der Zeit entwickeln sich die Kreditpyramiden aufgrund von nicht leistungserzwingenden Versprechungen an die Bevölkerung durch die Politik zu ‘Staatsfinanzierer’, die für die Titelhalter leistungsloses Einkommen generieren. Der nicht zur Leistung erzwingende Staat ist der Urquell aller größeren Inflationen.

      “Auch die Handels- und Kapitalimperien der Oberdeutschen im Frühkapitalismus (16. Jh.) belegen dies aufs Trefflichste: Man startete als Weber (Fugger), also in der Realwirtschaft und endete als Staatsfinanzier, wobei man nur knapp den Folgen der Staatsbankrotte der 1550er Jahre entkam und sich aufs Land zurückzog.”

      Das Geld fließt in die Vermögensmärkte, weil dort ausreichende Beleihungsfähigkeit gegeben ist, was Paul C. Martin in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts in ‘Der Kapitalismus. Ein System, das funktioniert’ als Blow Off beschrieben hat. In den Vermögenmärkten sehen wir seit vielen Jahren die Inflation und an der Basis der Ökonomie dagegen die Deflation, die wegen des gegenwärtigen Geschehens noch verschärft wird. Deflation ist ja das Abarbeiten der in der Inflation gemachten und diese definierenden Schulden. Sie ist politisch nicht durchzuhalten, denn wegen der steigenden Realverschuldung muss immer mehr geleistet werden, um die alten Schulden zu bedienen bzw. abzutragen. Der Ablauf war historisch bisher immer derselbe:

      Inflation → Disinflation → Deflation → Deflationäre Depression → Hyperinflation = Staatsbankrott

      Eine zukünftige Lösung zwecks Gewinnung von Zeit ist in der Konstruktion einer debitistisch neuen globalen Kreditpyramide zu finden. Sie erzwingt die VSE mit eigenständigem Haushalts- und Abgabenrecht unter der Vorherrschaft eines Brüsseler Prinzipats.

      https://blogs.faz.net/fazit/2020/11/16/erhard-und-die-ns-zeit-11903/#comment-9162

    • rum sagt:

      Zu kompliziert, Revresbo
      Ihre Beschreubung

      Inflation -> Disinflation -> Deflation -> Deflationäre Depression -> Hyperinflation = Staatsbankrott

      entspricht einer schizothymen Geldpolitik. Es gibt auch eine zyklothyme Geldpolitik:

      Inflation -> Disinflation -> Deflation -> Insuflation -> back to Inflation

      Es ist alles ja logisch: entweder kommt man irgendwann zum Anfangszustand, und man hat Zyklen, oder kommt man nie zum Anfangszustand, es gibt also eine unendliche Entwicklung bis zu Katastrophe.

  10. mikefromffm sagt:

    Lieber Herr Braunberger,
    vielen Dank für den Überblick über die aktuelle Diskussion. Wie sie korrekt festgestellt haben, gibt es eigentlich nur noch in Deutschland Gläubiger der “Kirche des Monetarismus'”. Das dürfte auch ziemlich sicher die Erklärung dafür sein, warum ausgerechnet in Deutschland “mit Blick auf die Inflation Panik besteht”. Interessant ist die These von Charles Goodhart und Manoj Pradhan. Wobei allerdings deren Hoffnung, dass der Inflationsdruck durch den “Ersatz menschlicher Arbeit durch Roboter und Künstliche Intelligenz” geschwächt wird, nur der erste Schritt sein kann. Ohne Beteiligung der Bevölkerung am Wohlstandsgewinn wird die Nachfrage trotzdem sinken, denn Roboter gehen nicht zum Frisör und nicht ins Restaurant. Beste Grüße, schöne Feiertage und einen guten Rutsch wünscht, MK

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