Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

60/40 bleibt ein wettbewerbsfähiges Anlagemodell

Über Jahrzehnte war unter amerikanischen Großanlegern das 60/40-Modell verbreitet: 60 Prozent des Anlagevermögens waren im Aktienmarkt investiert, 40 Prozent in Anleihen sehr guter Bonität. Sein Reiz hat etwas nachgelassen, aber das Modell bleibt wettbewerbsfähig - vor allem im Vergleich zur Neigung deutscher Anleger, viel Geld auf niedrig verzinslichen Bankkonten zu parken.

Deutsche Privatanleger legen im Durchschnitt rund zwei Drittel ihres Geldvermögens auf Bankkonten und bei Versicherungen (und damit indirekt stark am Anleihemarkt) an. Internationale Vergleich zeigen, dass es die Deutschen mit dieser Geldanlage nicht weit bringen – der Rückstand gegenüber Sparern in vielen anderen Ländern erklärt sich zu einem nicht geringen Teil mit einer Präferenz deutscher Anleger für Sparformen, die in erster Linie (scheinbare) Sicherheit, aber nicht Rendite verheißen. Eine Renditedifferenz von wenigen Prozentpunkten mag über einen Zeitraum von einem Jahr keinen großen Unterschied machen – über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten sorgt der Zinseszinseffekt für eine erhebliche Differenz.

Bis heute weitgehend ignoriert wird in Deutschland das in Amerika seit rund einem halben Jahrhundert verbreitete 60/40-Modell: 60 Prozent der Anlagemittel werden in heimische Aktien (oder Aktienfonds) investiert, 40 Prozent in heimische Anleihen guter Bonität (oder Anleihenfonds) *).

Das Modell entstand in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als in Amerika – so wie heute in Deutschland – der Realzins negativ war. Die Amerikaner schimpften aber nicht nur, sondern taten etwas: Besonders Großanleger begeisterten sich für das 60/40-Modell, mit dem der Anleger gleichzeitig am heimischen Aktien- wie am Anleihemarkt investiert ist und ein gewisses Maß an Risikostreuung erreicht wird.

Die Grundidee war: Die Anleihen im Depot sorgten zwar für nicht sehr hohe, aber regelmäßige Ausschüttungen und für eine gewisse Sicherheit gegen hohe Wertverluste (jedenfalls, solange die Inflationsrate nicht sehr deutlich steigt). Der Aktienanteil im Depot sollte langfristig für eine attraktive Rendite sorgen, wobei Aktienkurse kurzfristig natürlich auch stärker schwanken können. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich die Bedeutung der einzelnen Komponenten dann umgedreht: In Zeiten fallender Renditen sorgten die Anleihen für stattliche Kursgewinne, während die Aktienmärkte insgesamt bei großen Schwankungen unruhig blieben.

In den vergangenen Jahren ist das 60/40-Modell in den Vereinigten Staaten in die Kritik geraten: Das hängt mit den Ergebnissen seit dem Platzen der Technologie-Spekulationsblase an den Aktienmärkten im Jahre 2000 zusammen. Schaut man sich die amerikanischen Finanzmärkte über die vergangenen 140 Jahre an, erbrachte es im Jahr eine Durchschnittsrendite von 7,6 Prozent. Das ist ein sehr ansehnliches Ergebnis, aber kein Anleger kalkuliert über einen so langen Zeitraum. In den achtziger und neunziger Jahren lieferte das Modell sogar jährliche Durchschnittsrenditen von rund 14 Prozent, aber im vergangenen Jahrzehnt verhagelte der sehr volatile Aktienmarkt die Bilanz.

Auch an den Kapitalmärkten gibt es Moden. Ein Mode besteht darin, auf das 60/40-Modell einzuschlagen und es für tot zu erklären. Ein Grund besteht in der Annahme, dass der Anleihemarkt drehen könnte und die sehr niedrigen Renditen durch höhere Renditen in den kommenden Jahren abgelöst werden. Da Großanleger Anleihen meist nicht bis zur Fälligkeit halten, sondern im Sinne einer Portfoliooptimierung kaufen und verkaufen, stellen sich bei Verkäufen in einem Umfeld steigender Renditen Kursverluste ein. Um auf eine attraktive Gesamtrendite zu kommen, müssten die Aktien langfristig sehr gut laufen. Das ist zwar nicht auszuschließen, aber wer weiß es schon?

Zumal scheint eine schöne Alternative zum 60/40-Modell zu existieren: Das ist die Idee der Anreicherung des Depots mit sogenannten alternativen Anlagen, wie Immobilien, Rohstoffen sowie Beteiligungen an Hedgefonds und Beteiligungskapital. Popularisiert und auf die Spitze getrieben hat dieses Modell der Stiftungsfonds der amerikanischen Yale-Universität. Über die vergangenen 20 Jahre hat der Fonds eine jährliche Durchschnittsrendite von knapp 14 Prozent erzielt.

Heute investieren viele Großanleger nicht in nur in den Vereinigten Staaten in alternative Anlagen, wenn auch nicht unbedingt in so großem Stil wie der Yale-Stiftungsfonds. Ein Beispiel ist der staatliche norwegische Pensionsfonds, mit einem Volumen von rund 800 Milliarden Euro einer der größten Anleger der Welt. Bisher dem 60/40-Modell verschrieben, will er nunmehr 5 Prozent seines Vermögens in Immobilien investieren. Auch zahlreiche deutsche Versicherungen, Stiftungen und Versorgungswerke investieren in „alternative Anlagen“.

Diese Anlagestrategie hat ihren Sinn. Und doch muss das 60/40-Modell nicht tot sein. Eine neue Berechnung des amerikanischen Finanzunternehmens High Vista Strategies zeigt, dass seit Ausbruch der jüngsten Krise das 60/40-Modell gegenüber einem Modell, das auch in alternative Anlagen investiert, sehr wettbewerbsfähig gewesen ist. Ob das auf Dauer so sein wird, weiß nur der Wind. Aber vielversprechender als die deutsche Neigung, Geld auf niedrig verzinslichen Bankkonten zu bunkern, dürfte das 60/40-Modell allemal sein.

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*) Eine für Privatanleger gedachte Variation des Modells besteht darin, das Alter des Anlegers zu berücksichtigen:

Ein 40 Jahre alter Anleger hat 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen.

Ein 50 Jahre alter Anleger hat 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen.

Ein 60 Jahre alter Anleger hat 40 Prozent Aktien und 60 Prozent Anleihen.