Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Was hält Staaten zusammen?

| 7 Lesermeinungen

Die Ukraine könnte auseinander brechen. Viele Schotten plädieren für eine Trennung von London. In Katalonien gibt es eine starke Bewegung, die staatliche Unabhängigkeit anstrebt. Was hält manche Staaten zusammen und was lässt andere Staaten kollabieren?

Im Jahre 1659 beendeten Frankreich und Spanien ihren seit 1635 währenden Krieg im sogenannten Pyrenäenfrieden. Er führte zu einer Grenzziehung in den Pyrenäen, als deren Folge Katalonien geteilt wurde. Der größte Teil Kataloniens gehört bis heute zu Spanien, während ein kleinerer Teil, die Gegend um Perpignan, damals an Frankreich abgetreten wurde und bis heute zu Frankreich gehört.

Die Entwicklung der beiden Teile Kataloniens ist sehr unterschiedlich gewesen. Im spanischen Teil ist Katalanisch heute für 37 Prozent der Bevölkerung die bevorzugte Sprache innerhalb ihrer Familien. Im französischen Teil Kataloniens ist Katalanisch nur für 0,5 Prozent der Bevölkerung die bevorzugte Sprache; fast alle Menschen bezeichnen dort Französisch als ihre bevorzugte Sprache. Im spanischen Teil Kataloniens gibt es eine einflussreiche Bewegung für staatliche Unabhängigkeit; in Frankreich gibt es ein solches Streben nach Unabhängigkeit nicht.

Die an der amerikanischen Duke University lehrende Politologin Laia Balcells hat nicht nur diese Befragungen zusammen getragen, sondern in einer interessanten Arbeit eine Erklärung für diese sehr unterschiedliche Entwicklung gesucht. Ihre Erklärung stellt auf eine sehr unterschiedliche Macht des jeweiligen Zentralstaats in einer sehr wesentlichen Phase der historischen Entwicklung ab: des Beginns der Schulbildung für breite Massen.

Diese Erklärung geht so: In Frankreich setzte die Schulbildung für die breite Masse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, und weil der französische Staat damals stark war, konnte Paris über die Schulbildung seine Vorstellung eines starken französischen Staates verankern. *)  Damit, so die Erklärung Balcells, wurde ein katalonischer Nationalismus im französischen Teil früh und dauerhaft zu Grabe getragen.

In Spanien war dies ganz anders. Dort setzte die Schulbildung für die breite Masse zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein – und dies war eine Zeit, wo der spanische Staat schwach war und sich ein katalonisches Nationalbewusstsein ausbreitete. Über die Schulbildung wurde diese Ausbreitung dauerhaft gefördert. **)

Die Arbeit Balcells wurde dieser Tage von den in FAZIT häufiger herangezogenen Spitzenwissenschaftlern Daron Acemoglu und James Robinson in ihrem Blog „Whynationsfail.com“ erwähnt. Acemoglu/Robinson hatten in ihrem auch in FAZIT besprochenen gleichnamigen Buch die These vertreten, dass der ökonomische Erfolg eines Landes langfristig stark von seinen politischen Institutionen abhängt und zu einem solch erfolgreichen Staat auch eine gewisse Macht der Zentralregierung gehört, die Güte von Institutionen im ganzen Land zu sichern.

Acemoglu/Robinson nennen als weiteres Beispiel für eine erhebliche Diskrepanz zwei Länder, in denen die „Arabellion“ stattgefunden hat. Aber während in Tunesien die Zentralregierung niemals die Kontrolle über das Land verloren hat und Tunesien daher als gefestigte Nation erscheint, ist Libyen von einem Zerfall bedroht. Das ist kein Wunder: Auch unter einem Herrscher wie Gaddhafi hatte die Zentralregierung nur eine begrenzte Kontrolle über das Land; vielmehr war Gaddhafi von Bündnissen mit unterschiedlichen Stämmen abhängig, die gegen Ende seiner Macht zusammen brachen. ***)

Legt man diese Messlatte an, müsste man sich nicht wundern, wenn die Bindungskräfte in der Ukraine nicht eben stark wären…

 

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*) Beschrieben ist dieser Prozess in dem Buch „Peasants into Frenchmen“ von Eugen Weber. Entgegen einer in Deutschland verbreiteten Meinung ist Frankreich keineswegs in seiner Geschichte überwiegend ein Staat mit einer starken Zentrale gewesen. Die staatliche Zentralisierung geht wesentlich erst auf Napoleon Bonaparte zurück und die Herausbildung eines ausgeprägten Nationalbewusstseins fand in starkem Maße erst danach im 19. Jahrhundert statt.

**) Eine ähnliche, wenn auch vielleicht nicht ganz so extrem unterschiedliche Entwicklung ließe sich auch für das Baskenland konstatieren. Ein staatliches Unabhängigkeitsstreben ist im spanischen Baskenland immer stärker als im französischen Baskenland ausgeprägt gewesen. Acemoglu/Robinson haben einen aktuellen Beitrag zu der Frage, warum es im Baskenland mehr Gewalt gibt als in Katalonien.

***) In einem früheren Beitrag haben sich Acemoglu/Robinson in ihrem Blog auch mit Schottland und England befasst.


7 Lesermeinungen

  1. Die "Schenkung" der Krim an den damaligen Regierungsbezirk Ukraine war kein Rechtstitel
    Dieter Spethmann
    Anmerkungen zur Ukraine
    Der „Kalte Krieg“ hat bekanntlich nicht zu einem Schiesskrieg geführt. Einer der Gründe war die Erkenntnis: „Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter.“ Dieses versuchen die Amerikaner zu ändern, indem sie Kurzstreckenraketen mit kurzer Flugzeit möglichst nah an die russischen Langstreckenbasen heranbringen, um Russlands Fähigkeit zum Gegenschlag zu eliminieren. Solche Handlungen sollen politische Positionen aufbauen: Wer weiß, dass er im Ernstfall verliert, hat schon vorher verloren. Deshalb der Wortbruch der Amerikaner, die NATO nicht über die deutsche Ostgrenze hinaus auszudehnen. Deshalb NATO-Raketen in Polen. Deshalb der Versuch, NATO-Raketen noch weiter östlich an der Ostgrenze der Ukraine aufzustellen – die offizielle Einladung der NATO an die Ukraine stammt aus dem Jahr 2008. Dagegen muss sich jeder russische Staatsmann wehren, ob er nun Putin heisst oder anders. Vor dieser Situation stehen wir Deutschen. Hätten wir sie verhindern können? Wir hätten 2008 der Einladung an die Ukraine nicht zustimmen müssen. Insofern sind wir mitursächlich.
    Henry Kissinger schreibt mir: “Ukraine should not join NATO, a position I took seven years ago, when it last came up.” So auch meine Meinung. Würden alle Beteiligten (die USA sind wegen ihres Wortbruchs von damals desavouiert und können inwoseit nicht mehr allein handeln) sich darauf verständigen, dieses rechtsverbindlich, sozusagen zum Protokoll der UNO, und ohne Wenn und Aber zu erklären, ware alles andere verhandlungsfähig. So meine Überzeugung. Aber kein Russe kann sich mit weniger zufriedengeben.
    Zu einigen Details.
    Was können die Amerikaner von ihrer Angriffspolitik erhoffen? Zum Beispiel neue Stützen für ihre Währung; Obwohl Nixon 1971 die Goldpreisbindung des Dollars aufhob, kauft dieser weiter reale Ware, zum Beispiel Öl in Arabien und anderswo. Die Gläubigerpositionen, die hierdurch in sogenannten Offshore-Dollars entstanden sind, werden niemals eingelöst. Dafür ist die Volkswirtschaft der USA viel zu schwach. Gegen das Ausbuchen der vielen Nullen wehren sich die Amerikaner aber auch. Gleichwohl: Diese Gegenwehr ist endlich. Die BIZ gab dieser Tage bekannt, dass der Welt-Finanzmárkt mit rd 100 Billionen Dollar Anleihen überflutet ist – das Welt-BIP beträgt aber nur 73 Billionen Dollar. Immerhin: Könnten Papierdollars demnächst auch russische Rohstoffe kaufen, würde das den Amerikanern eine Atempause verschaffen.
    Moskau und Peking verfügen über mehr als 4 Billionen US-Staatsschuldverschreibungen. Wenn die auf den Markt geworfen würden …

  2. Sicher ist es kein Fehler, die Historie miteinzubeziehen, aber derart punktuell?
    These: Die Katalonier im N verzichten größtenteils auf das Katalonische, die im S nicht. Der Grund: der Zeitunterschied in der Institutionalisierung allgemeiner Schulbildung.
    .
    Mindestens so plausibel erscheint mir folgende Sicht: Als N und S noch nicht getrennt waren, teilten sie eine leidvolle Geschichte unter den spanischen Herren: Bevormundung, Steuerdruck, Militärdienst usw. Von Anfang des 17. Jahrhunderts separatistische Bestrebungen mit dem Ziel einer Loslösung von Spanien und einer Angliederung an Frankreich. Ergebnis des Franz.-Span. Krieges: Abtretung des Nordteils an Frankreich, irgendwann um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Während die Nordkatalonier damit quasi aus dem Schneider waren, von der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 möglicherweise sogar profitierten, blieb die Lage auf der anderen Seite der Pyrenäen prekär und desolat; Tiefpunkt: Zerstörung Barcelonas Anfang des 18. Jahrhunderts.
    .
    Identität, Gemeinschaftsgefühl, Widerstand, Gegenmacht … formen sich unter Druck, und diesen Druck gab es nur im S; dafür braucht es keine schulischen Einrichtungen, das ist die Schule des politischen Lebens, die hier möglicherweise systemfremde Früchte trägt. Wenn die Brüder im N sahen, was sich im S etwa unter Franco zutrug, wussten sie, dass sie es besser getroffen hatten, und sie mussten sich auch nicht auf Katalonisch mitteilen, um sich und anderen dies, ihre Parteilichkeit und ihren Protest kundzutun. Das Sprechen des Katalonischen ist doch kein Indiz eines Sozialisations- oder Institutionsdefizit, sondern beredter Ausdruck von Widerspruch.

    Wenn ich mich recht entsinne, jährt sich am katalonischen Nationalfeiertag die o.e. Zerstörung Barcelonas.

    Hätte noch einiges andere auf Lager, will es damit aber erst einmal gut sein lassen.

    G.S.

  3. "Die Bildung ist Germanias stärkster Arm": Der Durchbruch der national-liberalen Lehrer [II]
    „Die Bildung ist Germanias stärkster Arm“, „der deutsche Schulmeister hat gesiegt“: „Der Durchbruch der national-liberalen Lehrer“ [II]

    […] Als nationale Aufgabe sollte die Schule zunächst die horizontale Integration historisch gewachsener Gesellschaften leisten. Doch nun trat die vertikale Integration von Klassen noch akut hinzu. Die soziale Frage, für die nationalliberalen Lehrer bisher zweitrangig, wurde jetzt durch die Erfolge der Sozialdemokratie als dringendes Problem bewusst. Der Gegensatz zwischen Privilegierten und Unterprivilegierten sollte durch eine kompensatorische Sozialisation gelöst werden. Denn „die wahre Ursache des sozialen Nothstandes… ist die Bildungsdifferenz zwischen Minorität und Majorität“. In doppelter Frontstellung gegen die Sozialdemokratie, deren Materialismus die geistige Würde der Menschen missachte und deren Klassenkampfhaltung die Nation zerreiße, wie gegen Konservative, Manchester-Liberale und Kirchen, die mit Polizeizwang und religiöser Disziplinierung die Freiheit verletzten, sah man die ökonomischen und sozialen Verwerfungen des Kaiserreichs als mentale Defizite. Man kam so zu einer unangemessenen Therapie: Bildung, durch eine leistungsstarke Volksschule vermittelt, garantiere, indem sie das kognitive Gefälle und die emotionalen Profile der Gruppen einebne und Aufstiegschancen breit verteile, allgemeine Wohlfahrt, gerechten Ausgleich der Güter und Rechte und damit sozialen Frieden in der Nation. Mit dieser Zuversicht überschätzten die Lehrer ihren Einfluss außerordentlich; sie zeigten, wie sie, gefangen im pädagogischen Zirkel des Aufklärungsoptimismus, die ökonomischen Bedingungen gesellschaftlicher Konflikte übersahen. Die für das deutsche Bildungsbürgertum durchgehend typische – und immer wieder erfolglose – Bemühung, soziale Probleme durch Bildungsvoluntarismus zu lösen, wurde von den Lehrern, die sich angestrengt in dieses Bildungsbürgertum hinauf schoben und qua Beruf durch Bildung sozial wirkten, besonders lebhaft geübt. Die seit dem späten Vormärz eingeleitete Teilübereinstimmung zwischen liberaler Lehrerbewegung und vormarxistischer Arbeiterbewegung in den Emanzipationszielen erwies sich damit als Missverständnis Die einen schrieben einer kompensierenden öffentlichen Volksbildung ein soziales Therapiemonopol zu, die anderen lediglich eine Hilfsrolle in einem Bündel sozialer Reformen. Zudem zog der Staat durch den Übergang zu einer nationalen Politik und durch Teilkonzessionen an die Lehrer diese politisch zu sich, während die Arbeiterbewegung seit 1869 in schroffe Distanz zum Staat ging. Schon vor der Rezeption des Marxismus in der deutschen Sozialdemokratie in den 1880er Jahren standen sich der populäre Idealismus der Lehrerbewegung und der populäre Materialismus der Arbeiterbewegung als konträre Heilsmodelle gegenüber.
    Die beschriebene Einstellung wurde durch Pressetexte, Versammlungsreden und Massengesänge verankert. Gerade der gemeinsame Affektrausch des Massengesangs, dieses hervorstechenden Rituals jener Zeit der Vereine und des geselligen Liedes‚ prägte und spiegelte den ‚Geist‘ der Lehrervereine in besonderem Maß‚ Für ihre Emanzipation durch Selbstorganisierung war die ständige emotionale Solidarisierung wichtig; und ihr Gefühlskult, ihre Pflege deutscher ‚Innerlichkeit‘ machte die Lehrer für den Stimmungseffekt höchst empfänglich.
    In Inhalt und Form zielten Vereinsleben und Fachpresse entschieden auf eine Typisierung der Lehrer, der die durch Ausbildung und Berufssituation relativ homogene und vorwiegend rezeptive Mentalität beste Voraussetzungen bot. Individuelle Abweichungen von dem Leitbild, wie es sich zwischen staatlich verordneter Norm und nationalem und liberalem Lehrer-Selbstbild festigte, waren wohl nicht allzu häufig. Die Geschlossenheit dieses Leitbild: und seiner Sozialisationskraft beruhte auch auf der weitreichenden Koinzidenz der Volksbildungskonzepte von Staat und Lehrerbewegung, die von Loyalitätskonflikten zwischen Dienstautorität und ‚ldeal‘ befreite. Da das Erziehungsziel, „deutschen Sinn und Geist zu wecken und zu nähren“ die Beamten ebenso wie die Lehrer vertraten, schonten diese, wenn ihre Versammlungen und ihre Presse weiterhin Fachaufsicht und Befreiung vom niederen Kirchendienst forderten, die Regierung. Sie konzentrierten nun ihre Angriffe ganz auf die Kirchen und deren politische Helfer, die mit dem Gespenst des Atheismus die nationale und liberale Pädagogik diffamieren würden, um die breite Bevölkerung in Unmündigkeit zu halten. Die wenigen Geistlichen, die sich auf die Seite du Lehrer stellten, fanden folglich größte Beachtung. Kulturkampfverordnungen und gouvermental-liberale Kompetenzbeschränkungen der Kirchen im Bildungsbereich wie z.B. die teilweise Einführung der Fachaufsicht 1871/72 und von Simultan-Schulen 1873 verstärkten deshalb mittelbar das Engagement der Lehrermehrheit für die staatlich verordnete Bildung, also deren soziale Wirkung“:

    5.2.2. Der Durchbruch der national-liberalen Lehrer
    Staat und Kirche In Der Gesellschaft, Institutionelle Autorität und mentaler Wandel in Bayern während des 19. Jahrhunderts, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 1982 (2011), von Werner K. Blessing, S. 169, Vandenhoeck & Ruprecht

  4. "Die Bildung ist Germanias stärkster Arm": : Der Durchbruch der national-liberalen Lehrer [I]
    „Die Bildung ist Germanias stärkster Arm“, „der deutsche Schulmeister hat gesiegt“: Der Durchbruch der national-liberalen Lehrer

    „Durch Bayerns Beitritt zum Reich und die liberale Kulturpolitik der Lutz-Regierung, die im Aufwind des nationalen Liberalismus die klerikalen und altbayerisch-patriotischen Kräfte zurückdrängte, konvergierten das staatliche Volksbildungskonzept und das pädagogische und politische Programm der liberalen Lehrer und kamen partiell zur Deckung.
    Die nationale Orientierung vor allem der neubayerischen Lehrer äußerte sich im Krieg gegen Frankreich, als ihre Meinungsführer aus einem Selbstverständnis als Multiplikatoren der Nationalkultur „in der Noth des Vaterlandes“: Nationalismus und Kriegsengagement besonders anstachelten. Zu Opfern wie etwa die durch staatliche Kriegsfinanzierung und Naturallieferungen der Landgemeinden zu erwartende Stagnation, ja Verschlechterung ihrer Einkommen seien die Lehrer freudig bereit. Nun zeigte sich, wie stark eine gesamtdeutsche Einstellung auch in Altbayern die Lehrer ergriffen hatte und ihren Patriotismus überwölbte, wenn sie im Wirtshaus enthusiastisch die deutschen Siege aus der Zeitung vorlasen und nach der Königshymne die Wacht am Rhein anstimmten. Ein spezielles Erfolgsbewusstsein ließ die Lehrer sich zusätzlich mit dem Krieg identifizieren: die Überzeugung, dass ein Sieg „in diesem furchtbaren Entscheidungskampf zwischen den Hauptrepräsentanten des Romanen- und Germanen-Thums“ auch ihr Verdienst sei. Mit dem stolzen Satz „Der deutsche Schulmeister hat gesiegt“ konnte sich auch der letzte Dorflehrer seiner nationalen Bedeutung bewusst werden.
    Als die liberale Pädagogik aus der Opposition über die Aufwertung während der späten 1860er Jahre nun im Nationalstaat auf die Seite der siegreichen Zeittendenzen gelangte, wuchsen Eigenbewertung und Fremdbewertung der Volksschullehrer. Das und vor allem die Entspannung gegenüber der Regierung, von der man beruflich und privat höchst abhängig war, gewannen auch viele bisher Abwartende für jene liberale Pädagogik und eine selbstbewusste Standespolitik. Organisation, Presse und persönliche Kommunikation (Versammlungen) nahmen enorm zu, allerdings nach wie vor regional parallel dem mentalen Gefälle vom Nordwesten zum Südosten Bayerns deutlich abgestuft.
    Damit stieg das politische Gewicht der Lehrerschaft und erweiterte sich der kirchenunabhängige kulturelle Spielraum im Bildungsfeld. Im politischen Weltbild der Lehrer blieb Bayern, das ihr eigenes Leben und das der großen Mehrheit der von ihnen unterrichteten ‚kleinen Leute‘ nachhaltig bestimmte, auch jetzt emotional hoch besetzter Horizont. Er wurde aber eindeutig der größeren, durch Rasse, Sprache, ‚Wesen‘ und eine zweitausendjährige Geschichte integrierten, nur vorübergehend politisch zerfallenen‚ nun aber besonders stabilen Einheit, der Nation untergeordnet. Da die nationale Erziehung nicht mehr einer gemeinsam mit den Kirchen widerstrebenden Bürokratie abzuringendes Oppositionsprogramm, sondern offiziell geboten war, leitete die nationale Ideologie stärker als je zuvor den typischen Lehrer. Diese Einstellung verhärtete sich, vom Pathos des siegreichen Nationalkrieges genährt, durch Auserwählungsglauben – „Gott verläßt den Deutschen nicht“ – und kulturell-moralisches Sendungsbewusstsein zu einem Bildungskonzept, das die ‚freie Menschenbildung‘ der frühliberalen Pädagogik zu einem Mittel deutscher Größe wandelte: „die Bildung ist Germanias stärkster Arm“. Die Verbreitung der deutschen Literatur als des idealen Spiegels deutschen ‚Wesens‘ ein gegen welsche Überfremdung gereizt agierender Sprachpurismus und ein Sprachkult, der die bizarre Humanistenthese von der gottnahen Ursprache wieder aufgriff, waren wichtige Vehikel dieses pädagogischen Kulturnationalismus. Der Affekt gegen die Römische Kirche und für die ‚germanische Freiheit‘, in dem sich die liberale Anti-Rom-Haltung und die Auflehnung gegen die geistliche Schulaufsicht verbanden, griff in die Presse und auf den Versammlungen der Lehrer besonders um sich und nährte eine lebhafte Kulturkampfstimmung im Namen der säkularen, der Nationalbildung: „Der Lehrerstand ist eingetreten in die Eisenzeit; denn er ist als Kämpfer für Kultur und Fortschritt auf die Arena gerufen… das Schwert des Geistes zu schärfen… zum Kampf für die edelsten Güter der Menschheit: für Bildung, Gesittung und Freiheit“.
    Am entschiedensten vertrat die nationale Sendung der Schule im Rahmen des „civilisatorischen Weltberufs“ Deutschlands die Allgemeine deutsche Lehrerzeitung. Sie griff vor allem auch alle partikularistischen und dynastischen Traditionen schärfer an, als es sich irgendeine bayerische Zeitung leisten konnte. Einen ähnlichen Einfluß übten Broschüren zur Nationalerziehung, die, meist in protestantischen Gebieten verlegt, unter den Lehrern kursierten – in Neubayern auch auf dem Land. Die Schriften hingegen, die für geistliche Schulaufsicht, betont religiöse Erziehung und bayerische Tradition warben, gingen merklich zurück und mussten nun ebenfalls anerkennen: „Die Erziehung muß nicht… nur sittlich-religiös, sondern auch national sein“. Die Führung im Volksbildungsstreit war an die liberalen Lehrervereine übergegangen; die Kirchen und ihre Helfer in der ultramontanen und der konservativ-protestantischen Öffentlichkeit waren in die Defensive gedrängt. Als die Volksschullehrer nun ihre Interessen publizistisch und parlamentarisch, d. H‚ im weniger reglementierten außerschulischen Bereich weitgehend selbst vertraten, hatte zumindest ihre Elite gerade durch die Auftriebskraft der nationalen Ideologie ein Bildungs- und Bewusstseinsniveau erreicht, das die Forderung nach Eigenverantwortung in der Schule rechtfertigte.
    Als nationale Aufgabe sollte die Schule zunächst die horizontale Integration historisch gewachsener Gesellschaften leisten. Doch nun trat die vertikale Integration von Klassen noch akut hinzu. […]

  5. "Aber der Staatssozialismus paukt sich durch": Liebe 'Deinen' Berlinstaat...
    Du hast ihn wieder: Seit 24 Jahren… Die Bismarck-Naumannsche Konzeption. Was für ein Rückfall:

    „Es ist möglich, daß unsere Politik einmal zugrundegeht, wenn ich tot bin. Aber der Staatssozialismus paukt sich durch. Jeder, der diesen Gedanken wieder aufnimmt, wird ans Ruder kommen.“ – Otto von Bismarck

    „Der Sozialismus ist die denkbar weiteste Ausdehnung der liberalen Methode auf alle modernen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse.“ – Friedrich Naumann

    „Wir gehören zur Gesamtbewegung des Sozialismus als deren politisch rechtsstehender Flügel.“ – Friedrich Naumann

    „Weil wir den Sozialismus politisch stärken wollen, sind wir für Vaterland, Kaisertum und Flotte.“ – Friedrich Naumann

    „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“ – Otto von Bismarck

    Liebt Preussen! Auch Neopreussen! Den Staat! Den Nordoskonzeptionismus! Dessen heuchelprotestantische Staatsanbetung. Den erneut irrwitzig West- und Südbürger auspressenden Berlinstaat! Der nichts, nichts, aber auch gar nichts kann: Schon gar nicht aus sich selbst heraus…

    Deswegen:

    „Ich lege hier für den Fall meines Todes das Bekenntnis ab, daß ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwenglichen Dummheit verachte, und mich schäme, ihr anzugehören.“ – Arthur Schopenhauer

    Was für ein Reinfall: Schon wieder!

    S. dazu ggf. auch:

    „Die Bildung ist Germanias stärkster Arm“, „der deutsche Schulmeister hat gesiegt“: „Der Durchbruch der national-liberalen Lehrer“ (im folgenden zitiert):

    Staat und Kirche In Der Gesellschaft, Institutionelle Autorität und mentaler Wandel in Bayern während des 19. Jahrhunderts, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 1982 (2011), von Werner K. Blessing, S. 169, Vandenhoeck & Ruprecht

  6. Ich bezweifle dass man Tunesien schon als gefestigten Staat bezeichnen kann...
    Die These dass der Zeitpunkt der breiten Einführung der Schulbildung entscheidend sei scheint mir für die Eidgenossen nicht zuzutreffen.

    Dort würde ich eher vermuten dass Oberschicht schon sehr früh erkannte dass das Alpenland durch Zusammenschluss dreier Sprachgruppen stärker wurde.

  7. Was hält Staaten zusammen?
    Die Angst vor Machtvorlust der Einen, die Angst, ohne Gesellschaft
    nicht überlebensfähig zu sein, der Anderen. Die Gewohnheit des
    „Eingeboren sein“ aller, die ja kein anderes System kennen und sich
    auch keines wünschen oder vorstellen können.
    Das Gefühl der Machtlosigkeit, der Meisten.
    Und so agieren diejenigen die nicht am agieren gehindert werden.
    Die vom Einzelnen kaum zerstörbare „Gesellschaftssturheit“,
    die wie zementiert zu sein scheint, umso mehr, je geringer
    der Bildungsstand bezüglich „eigenständiges, selbständiges“ Denken.
    Ein nebliger „Geist- und Verhaltens-Brei“ dem einfach keine
    Klarheit gelingen will, vielleicht weil das Durchschnittsleben zu kurz
    ist und die Nachkommen zu schnell den vorhandenen Brei aufwühlen
    ohne das Ziel Klarheit zu schaffen; weil keine „Vorbildklarheit“, „Vorbildreife“
    vorhanden ist.
    Status Quo der Evolution eben, aber kein „stehen bleiben“ der Evolution.
    Vielleicht bewegt sich ja doch bald “ Einzel-“ und damit
    auch „Gesellschaftsgeist“ gelenkiger…
    ich könnte noch viel dazu schreiben, dann wärs ein Buch…:=)
    Gruß
    P.S.

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