Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Trink, Kollegin, trink

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Alkohol hält gesund und verbessert die Leistung bei der Arbeit. Kann das wahr sein?

© dpaHält gesund und macht produktiv: der Besuch bei der Erlanger Bergkirchweih

Kaffee hält gesund, Schokolade macht glücklich, und Alkohol verlängert das Leben: Über solche Studien wird in den Medien gerne berichtet. Das ist kein Wunder, schließlich freut sich jeder über eine Ausrede für den Genuss, der sonst als unvernünftig gelten würde. Richtig ernst nimmt diese Studien trotzdem kaum einer. Schließlich haben Laien schon lange den Eindruck, dass Ernährungsforscher mal dies und mal das erzählen. Der Überblick ist schwer zu behalten. Mit dem Alkohol ist es allerdings anders. Offenbar wird es langsam Zeit, in vollem Ernst darüber nachzudenken, ob Alkohol gut für die Menschen ist.

Allmählich häufen sich die Studien, die dem Alkohol durchaus teils segensreiche Wirkungen bescheinigen. Anfang August zum Beispiel in Großbritannien: Dort wurden die Ergebnisse einer Langzeitstudie mit mehr als 9000 Beamten berichtet. Es stellte sich heraus: Wer Bier und Gin Tonic komplett ablehnte, hatte ein messbar höheres Risiko, im Alter an Demenz zu erkranken, als jemand, der gelegentlich mal einen Rotwein trank.

„Gelegentlich“ ist hier das Schlüsselwort. Jeder weiß: Alkoholmissbrauch schadet, betrunken Auto zu fahren ist lebensgefährlich – auch für andere. Mediziner geben die Obergrenze bei einer Flasche Weizenbier oder einem Glas Rotwein an sechs Abenden in der Woche an.

Diese Grenze ist wichtig. An diesem Freitag ist eine große Überblicksstudie zu den gesundheitlichen Wirkungen des Alkohols veröffentlicht worden. Sie zeigt: Für größere Alkoholmengen stieg das Risiko schnell an. Unterhalb von sieben Standard-Getränken in der Woche, also einem Standard-Getränk am Tag, gleichen sich gesundheitlich positive und negative Wirkungen des Alkohols ungefähr aus. Wer dann nicht betrunken Auto fährt, der darf möglicherweise gesundheitlich auf leicht positive Wirkungen hoffen.

Doch das ist nicht die einzige Wirkung von Alkohol. In einer Studie in Japan ließ sich sogar messen, dass Alkohol trinkende Männer bei der Arbeit mehr leisten. „Für Gesundheit, Glück und Zufriedenheit gibt es nichts Besseres als einen gemeinsamen Abend, der sich um ein Bier schmiegt“, resümiert der bekannte britische Neurowissenschaftler Robin Dunbar.

Gin bringt Menschen zusammen

Was ist da los? Kurbelt das Bier biologische Funktionen im Körper an? Ist man nach einem Glas Rotwein bei der Arbeit kreativer? Das muss nicht unbedingt der Fall sein. Die Studien der vergangenen Jahre legen nahe, dass Alkohol möglicherweise nicht direkt wirkt, sondern indirekt: indem er Menschen hilft, Freundschaften zu schließen. Ein Pils am Rheinufer, ein Gin Tonic mit Bekannten in der Kneipe, ein romantisches Abendessen mit einem Glas Wein – all das hinterlässt uns mit neuen oder gestärkten zwischenmenschlichen Beziehungen.

So viel ist in den vergangenen Jahren deutlich geworden: Wenig ist für ein gutes Leben so wichtig wie Freundschaften. In allen Belangen. Menschen mit vielen Freunden sind glücklicher, verdienen mehr und leben länger. Zum Beispiel hängt bei Herzinfarkt-Patienten die Überlebenschance im Jahr nach ihrem Infarkt extrem davon ab, ob sie ein paar Freunde haben. Einsamkeit ist problematischer als Übergewicht und Rauchen. Auch Armut ist für viele Menschen vor allem deshalb so schädlich, weil sie oft mit Einsamkeit einhergeht. Woher dieser Zusammenhang kommt, dazu sind noch einige Fragen offen.

Sicher ist aber: Auch bei der Arbeit sind Freundschaften offenbar wichtiger, als viele Chefs annehmen. „Haben Sie einen besten Freund bei der Arbeit?“, fragt das amerikanische Meinungsforschungs-Institut Gallup praktisch immer, wenn es die Personallage in einem Unternehmen untersuchen soll. Bei den Managern der betroffenen Firmen kommt das nicht immer gut an. „Ein Unternehmen stoppte die Befragung, es hatte gerade erst per Rundschreiben von Freundschaften am Arbeitsplatz abgeraten“, so beschreibt es Gallups Chefwissenschaftler in seinem Buch. Tatsächlich aber würde in Unternehmen mit mehr Freundschaften weniger gestohlen, produktiver gearbeitet, es gebe weniger Unfälle, und die Kunden seien zufriedener. Von Freunden nähmen die Mitarbeiter eines Unternehmens eher Kritik und konstruktive Hinweise an als von Kollegen ohne soziale Verbindung.

Bier sorgt für Endorphine

Wie also schafft der Alkohol die Verbindung zwischen den Menschen genau? Lässt sich das Trinken durch andere Aktivitäten ersetzen? Unterschiedliche Leute geben auf diese Fragen unterschiedliche Antworten. Die amerikanische Neurologin Jennifer Mitchell hat schon vor einigen Jahren nachgemessen, dass Alkohol im Körper für die oft als „Glückshormone“ bezeichneten Endorphine sorgt. Wer einen Wodka trinkt, fühlt sich besser – und wenn das in Anwesenheit anderer Menschen geschieht, profitiert auch die Freundschaft. Wirkte der Alkohol nur in Form von Endorphinen, wäre er eher leichter ersetzbar. Es gibt auch andere Möglichkeiten, Endorphine auszuschütten: Sex gehört sowieso dazu, aber auch Essen und Sport.

Das ist aber nicht die einzige These. Die deutschen Ökonomen Justus Haucap und Annika Herr vertreten eine andere, kurz zusammengefasst: „In vino veritas“, im Wein liegt die Wahrheit. Die beiden Ökonomen verweisen darauf, dass Alkohol die Selbstkontrolle verringert. Wer mit einem anderen zusammen trinkt, lernt den von einer anderen, lockereren Seite her kennen – so etwas fördert das gegenseitige Vertrauen.

Natürlich ist längst nicht ausgeschlossen, dass beide Mechanismen zusammenwirken. Das ganze Thema Freundschaft macht allerdings deutlich: Alkohol zu trinken ist in Gesellschaft viel hilfreicher als allein – ob nun mit den Kollegen, mit Freunden oder mit Bekannten, die vielleicht bald Freunde werden.

All diese Studien lehren nicht nur etwas über die segensreichen Wirkungen des Alkohols. Sie lehren auch etwas über übertriebene Vernunft. Aus der Ökonomie stammt der Versuch, schwache Menschen beim Starksein zu unterstützen: Mit einem sanften Schubs, dem sogenannten „Nudge“, sollen sie immer wieder daran erinnert werden, was sie eigentlich wollen, wenn ihnen nicht der kurzfristige Hedonismus im Weg steht. „Liberaler Paternalismus“ nennt sich diese Bewegung. Tatsächlich stellt sich am Beispiel des Alkohols heraus, dass gerade der kurzfristige Hedonismus gar nicht so unvernünftig ist, sondern auf Dauer sogar ziemlich positive Folgen haben kann. Das macht eine wichtige Schwäche des ganzen Paternalismus deutlich: Die versammelten Forscher haben noch viel zu wenig darüber verstanden, wie kurzfristige gute Laune und langfristige Ziele zusammenwirken, damit ein gutes Leben entsteht. Solange aber diese Abwägung nicht geklärt ist, sollten sich auch Wohlmeinende mit dem Bevormunden vielleicht zurückhalten.

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Der Autor:

Patrick Bernau


8 Lesermeinungen

  1. Ein Grund für Abstinenz ist Krankheit
    Zum Beispiel wegen einer Leberzirrhose infolge Alkoholabhängigkeit. Dass dieser Zusammenhang nicht berücksichtigt wurden, war der Fehler früherer Studien. Ist das bei den zitierten Studien korrigiert worden? Wäre dankbar, wenn ich nicht selbst recherchieren müsste.

  2. Warum gibt es keine empirische Erhebung?
    Man könnte doch mal eine hinreichend große Stichprobe machen: man nehme 1000 Abstinenzler und 1000 mäßige Säufer und beobachte per Langzeitstudie, welches Alter die Gruppen erreichen. Wenn dabei eine signifikante Differenz herauskommt, glaube ich an die Schädlichkeit des – mäßigen! -Alkoholkonsums. Vorher nicht.

  3. Carpe diem und pfeife auf Gesundheitsstudien
    Man muss es mit dem dabei Alkohol ja nicht gleich übertreiben. Aber bei wissenschaftlichen Erkenntnissen von einem Glas am Tag möchte ich schon lieber gleich ins Kloster ziehen. Die Mönche dort haben sich bestimmt mehr gegönnt.

  4. Blogeintrag tendenziös: Lancet-Artikel betont, vollständige Abstinenz gesünder als maßvolles Tri
    Auch wenn der Artikel an sich gut und in Teilen nachvollziehbar geschrieben ist, verstehe ich beim besten Willen nicht, warum auch eine Qualitätszeitung wie die FAZ in diesem Artikel suggeriert, dass maßvolles Trinken besser sei als Abstinenz (abgesehen davon, dass beim Artikel angeführten sozialen Trinken häufig mehr als 1 Standard-Getränk konsumiert wird). Der verlinkte und zitierte Artikel im international renommierten Fachjournal The Lancet schreibt eindeutig, dass Abstinenz summa summarum am gesündesten ist (die negativen Auswirkungen auch von maßvollem Trinken überwiegen also seine positiven Auswirkungen!): „The level of alcohol consumption that minimised harm across health outcomes was zero (95% UI 0·0–0·8) standard drinks per week.“ Direkt im Anschluss heißt es: „Alcohol use is a leading risk factor for global disease burden and causes substantial health loss. We found that the risk of all-cause mortality, and of cancers specifically, rises with increasing levels of consumption, and the level of consumption that minimises health loss is zero.“ Und dies alles wohl gemerkt im Summary, nicht irgendwo gut versteckt.

    • Der Abstract dieses Artikels trifft leider nicht ganz die Aussage der Studie, die sich ergibt, wenn man sie komplett liest. Dann wird deutlich, dass in Summe zwischen 0 und 1 Standard-Getränk die Unterwchiede marginal sind. Das ist ja auch im Artikel beschrieben: wenn man sich dann noch zusätzlich nicht ans Steuer setzt, liegt das Gesundheits-Optimum vielleicht irgendwo oberhalb von 0.
      Das habe übrigens nicht nur ich bemerkt, dieser Artikel wird genau dafür verschiedentlich kritisiert, z.B. auch von diesem renommierten Statistiker der Uni Cambridge.

  5. Schwache Argumente für eine althergebrachte Haltung
    So ziemlich jedes Argument das hier gebracht wird trifft in vielfacher Weise und wesentlich besser auf MDMA zu – den Wirkstoff von „Ecstasy“.

    Auch hier gibt es mittlerweile tatsächlich eine kaum widerlegbare Studienlage, die der Substanz bei gemäßigtem Konsum unmittelbar positive Eigenschaften für die psychische Gesundheit und vor allen Dingen für zwischenmenschliche Beziehungen bescheinigen.
    Mittlerweile laufen sogar gleich in mehreren Ländern Zulassungsstudien für eine „psycholytische Therapie“; das heißt für psychotherapeutische Therapiesitzungen, bei welchen der Patient auf einer Dosis MDMA von einem Gesprächstherapeuten begleitet und betreut wird. (Ähnliche Studien wurden und werden auch mit Psychedelika wie Psilocybin und LSD durchgeführt, doch MDMA bietet ein wesentlich besseres Sicherheitsprofil und bessere Kontrollierbarkeit)

    Der wesentliche Punkt hierbei ist aber – das bedeutet noch lange nicht das man nun MDMA in jedem Supermarkt kaufen können sollte. So gut wie jeder Alkoholkonsument konsumiert in wesentlichem Übermaß, und Artikel wie dieser liefern nichts weiter als eine Argumentationsbasis für diesen – ohne Frage schädlichen – Konsum.
    Die meisten nehmen nichtmal wirklich wahr wieviel sie wirklich trinken – die zwei Gläser Rotwein zum Abendessen werden schnell vergessen, wenn man danach noch mit Freunden ein paar Bier heben geht.
    Und fragen Sie mal einen Süchtigen, von welcher Substanz auch immer: So gut wie niemand bemerkt selbst wie der eigene Konsum immer heftigere Züge annimmt, bis es zu spät ist.

    Nach Jahren in der Pharmazie kann ich nichtmehr übersehen das in unserer Gesellschaft eine Substanz mit wesentlich schädlicheren Eigenschaften als viele illegale Substanzen immer wieder schöngeredet wird. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich möchte mich nicht grundsätzlich gegen Alkohol oder Rauschmittel im allgemeinen aussprechen. Aber unsere Gesetzeslage sorgt in den Köpfen der Bürger automatisch zu dem Denken das ihr Alkoholkonsum unbedenklicher sei als der von illegalen Drogen – mit medizinischem Fachwissen kommt man nicht umhin zu sehen dass es in den meisten Fällen eher umgekehrt ist.

    Ich gebe dem Autoren durchaus auch Recht; Rausch in begrenzten Ausmaßen kann zwischenmenschlichen Beziehungen sehr zuträglich sein und dadurch auch die Lebensgestaltung produktiver und angenehmer machen; fraglich ist nur ob man das in einen von tausenden Alkoholkonsumenten gelesenen Artikel schreiben sollte, wo jeder von diesen doch weiß was er am Alkohol hat.
    Er liefert Rechtfertigungsbasis, wo keine sein sollte.

  6. Bier und Gin Tonic
    vielleicht ist die Komplette Ablehnung von Bier und Gin Tonic bereits ein Zeichen für beginnende Demenz? Aber laut Artikel gibt es für die Bier und Gin Tonic Verweiger ja noch eine Hoffnung: Der Rotwein.

  7. Titel eingeben
    Die ideale Wochenende – Lektüre, besten Dank!

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