Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Jedem sein Häuschen

Fast alle Parteien finden Subventionen für Hausbesitzer gut. Das hat üble Folgen. Von Jürgen Kaube

Das Eigentum an Immobilien nimmt in fast allen Ländern zu. Die Gründe dafür sind vielfältig: niedrige Zinsen, Urbanisierung, wohlfahrtsstaatliche Subvention der privaten Bautätigkeit und des Häuserkaufs. Aus der soziologischen Forschung weiß man, dass sich Personen, die eine Immobilie besitzen, unabhängig von ihrem sonstigen Einkommen oder der Art ihrer Berufstätigkeit, mindestens der Mittelschicht zuordnen. Haus- oder Wohnungsbesitz scheint insofern ein Fundament bürgerlicher Existenz und sozialstaatlich stabilisierter Gesellschaften.

Zugleich sind mit der Finanzkrise von 2008 aber zum ersten Mal der Immobilienmarkt und seine Förderung zu einem Faktor volks-, ja weltwirtschaftlicher Instabilität geworden. Ausgerechnet Häuser, mochte man sagen, entfalteten eine Schuldendynamik, weil sie durch staatliche Hilfe von Leuten gekauft werden konnten, die sie sich nicht zu leisten vermochten. Die Schwierigkeiten der amerikanischen Zentralbank, auch nur zu begreifen, dass der Häusermarkt die Ursache für finanzwirtschaftlichen Tumult gewesen ist, waren offenkundig. Die meisten Ökonomen betrachteten den Häusermarkt lange als einen normalen Gütermarkt, der sich von dem für Automobile oder Haushaltsgeräte nur durch die Stückpreise unterscheidet.

Eine Studie, die am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung angefertigt worden ist, hat jetzt mehr als 1800 politische Parteiprogramme aus 19 OECD-Ländern daraufhin untersucht, woher das Ideal des Eigenheims überhaupt stammt. In agrarisch geprägten Gesellschaften bis zu den amerikanischen Siedlern galt ein breit gestreuter Landbesitz lange als Symbol unabhängiger Selbstversorgung. My home is my castle, das sagte: Auch Familien, die nicht aristokratisch sind, können Burgen haben. Das Versprechen auf eigenes Land zog europäische Migranten an. In Europa reagierten einige Länder mit der sogenannten „inneren Kolonisation“ bevölkerungsarmer Landstriche. Eine dritte Quelle der Landverteilung waren schließlich Kriege, nach deren Ende häufig den Veteranen als wohlfahrtsstaatliche Kompensation Wohnungen überlassen wurden: „Homes for Heroes“.

Enger mit der Modernisierung europäischer Nationen hingen Wohnungsbauprogramme zusammen, die im 19. Jahrhundert Arbeitern zu Eigenheimen verhelfen sollten. Darin steckte der Gedanke, etwa durch kleine Gartenkolonien Slums zu verhindern, die Arbeiter durch Abbezahlung an die Firmen – etwa im Kohlebergbau – zu binden und sie am Profit ihrer Arbeitgeber maßvoll teilhaben zu lassen. Zahllose Reformideen gruppierten sich um diese Vorstellung, durch Immobilienbesitz die soziale Frage zu entschärfen. Es verwundert nicht, dass Kommunisten wie Friedrich Engels gerade das nicht gefiel. Das Aufweichen der Unterscheidung von Kapital und Arbeit durch kommunalen Sozialismus in Gestalt von Wohnungsbaugenossenschaften oder durch Gartenstadtbewegungen lag nicht im revolutionären Interesse.

Allmählich drang das Ideal des Eigenheims in die staatliche Gesetzgebung ein. Der Autor der Kölner Studie, Sebastian Kohl, notiert, dass ähnlich der staatlichen Bildungspolitik auch die staatliche Förderung von privatem Hausbesitz nicht leicht den Konservativen oder den Linken zugeschrieben werden kann. Ursprünglich ein Projekt, um bei den Arbeitern Zustimmung zur Wirtschaftsordnung zu kaufen, spaltete der Gedanke einer Beteiligung an den Erträgen des Kapitalismus durch kleinen Hausbesitz die sozialistische Linke. Je größer beispielsweise die Sozialdemokratie wurde, desto mehr Eigenheimbesitzer hatte sie unter ihren Mitgliedern und Wählern. Heute sollen es in Deutschland 49 Prozent der sozialdemokratischen Wähler sein, in England 64 Prozent der Labour-Anhänger und in Frankreich 76 Prozent der sozialistischen Wähler.

Von den 1800 untersuchten Parteiprogrammen enthielten nur etwa 400 keine wohnungsbaupolitischen Mitteilungen. Am wenigsten nehmen sich die italienischen Partien der Sache an, am meisten die britischen. Drei Viertel aller Parteiprogramme bejahen Eigenheime, gut die Hälfte plädiert für Mietsubventionen, und nur elf Prozent sprechen sich ganz gegen eine staatliche Intervention in den Wohnungsmarkt aus. Die größte Unterstützung erhält der Eigenheimbesitz in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Norwegen, die geringste in den Niederlanden, den deutschsprachigen Ländern und in Portugal. Die deutschsprachigen Länder sind dagegen ganz vorne, wenn es um Forderungen nach einer Mietpreisbremse geht, was im angloamerikanischen Raum auf das geringste Verständnis der Parteien stößt.

Insgesamt ist die Förderung von privatem Immobilienbesitz ein eher konservatives Motiv: 94 Prozent aller konservativen Parteiprogramme und 93 Prozent aller christdemokratischen sprechen sich dafür aus. Vor allem katholisch geprägte Parteien sprechen sich durchgängig für Hausbesitz aus. Auch Bauernparteien und liberale Programme sind mehrheitlich für eine staatliche Begünstigung. Am wenigsten können sozialistische Parteien (38 Prozent) und Grüne (18 Prozent) damit anfangen, die Sozialdemokratie liegt in der Mitte. Zwei Drittel ihrer Absichtserklärungen enthalten Plädoyers fürs Eigenheim. Über die Zeit hinweg und zwischen den Nationen weisen linke Parteien die größten Unterschiede in ihren wohnungsbaupolitischen Positionen auf. Dazu passt es, dass Sozialdemokraten und Grüne die größten Anhänger der Mietsubvention sind, die allerdings auch in knapp der Hälfte aller christdemokratischen Programme verteidigt wird.

Das hat in Europa nicht zuletzt historische Gründe, denn der Wiederaufbau der Länder nach 1945 ging selbstredend mit erheblichen staatlichen Investitionen in den „sozialen“ Wohnungsbau einher. Viele Regierungen jener Periode waren aber christdemokratische. Die Ausnahme sind hier die angelsächsischen Länder, wo in den Arbeiterparteien und bei den Liberalen das Ideal, auch die Armen sollten Eigenheime haben, stark ausgeprägt ist. Das trug nicht zuletzt dazu bei, dass der Fall der Häuserpreise in solchen Ländern – am dramatischsten in Irland – nach dem Platzen der Finanzblase 2008 am stärksten war.

Der „private Keynesianismus“ einer verschuldungsgetriebenen Nachfragesteigerung, den das Ideal des Eigenheims belegt, geht, so gesehen, nicht nur auf konservative Parteien zurück. Seine Wirkung konnte er nur entfalten, weil auch sozialdemokratische und liberale Parteien dieses Ideal unterstützen. Am Ende gibt es, außer den Grünen, kaum noch eine Partei, die am staatlich begünstigten Eigenheim nichts findet.

Literatur: Sebastian Kohl: A Small History of the Homeownership Ideal, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Discussion Paper 18/6.