Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Neue Ideen für die Wirtschaftswissenschaften

| 13 Lesermeinungen

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diskutieren auch Ökonomen über Ökonomik. Wir waren dabei und hatten unseren Bleistift gespitzt.

Im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos findet üblicherweise ein Abendessen mit Ökonomen unter sogenannten „Chatham House Rules“ statt – das heißt, man kann über das Event schreiben, aber ohne Namen zu nennen. In diesem Jahr wurden Ideen präsentiert, die ihren Platz in den Wirtschaftswissenschaften finden könnten. Es geht hier nicht um Diskussionen konkreter Forschungsprogramme oder um Doktorandenseminare, sondern um allgemeinverständliche Themen. Fünf Ökonomen unterschiedlichen Geschlechts und unterschiedlichen Alters waren anwesend, darunter ein Nobelpreisträger. Alle haben Professuren an – man darf sagen: hoch angesehenen – Universitäten inne. Jeder Ökonom durfte eine Idee präsentieren. Hier sind die fünf Ideen – die Zusammenfassungen und die leicht reißerischen Überschriften stammen von mir.

1. Modernisiert die Theorie des Unternehmens!

Von Milton Friedman stammt die berühmte These, dass ein Unternehmen als Ziel nur die Gewinnmaximierung verfolgen sollte. Dem lag die Idee zugrunde, dass alleine der Aktionär einen variablen Anspruch an das Unternehmen hat. Läuft es gut, profitiert der Aktionär. Läuft es schlecht, sinkt der Aktienkurs. Sowohl Anleihegläubiger als auch Beschäftigte hatten in Friedmans Diktion feste Ansprüche an das Unternehmen wie Zinsen (Anleihegläubiger) oder Lohn (Beschäftigte). Unser Ökonom in Davos bezeichnete Friedmans Konzept als ökonomisch im Prinzip überzeugend und damit als Referenz geeignet, aber auch als zu eng. Er gab zu bedenken, dass es neben den Aktionären auch noch andere Gruppen gibt, die langfristig in ein Unternehmen investieren, zum Beispiel treue Lieferanten oder Arbeitnehmer, die nicht wechseln. Er regte an zu überprüfen, ob die Theorie des Unternehmens nicht in diesem Sinne breiter mit Blick auf alle Parteien, die langfristig in ein Unternehmen investieren, ausgearbeitet werden sollte.

2. Erforscht die Ökonomik des Rentiers!

Viele Menschen zeigen sich über den politischen Erfolg von Populisten erstaunt. Wer sich intensiver mit dem Prekariat in Industrie- und Schwellenländern befasst, wird nicht erstaunt sein. Ein Problem sind die erheblichen Teile des BIP, die als Vergütungen als Menschen gehen, die man als Rentiers bezeichnen könnte. Darunter gibt es viele Menschen, die Bezüge aus der Verwertung geistigen Eigentums beziehen. Allein im Jahre 2016 wurden mehr als 3 Millionen Patente in der Welt angemeldet. Geld, das über Jahre an die Eigentümer dieser Patente gezahlt wird, steht nicht als Arbeitseinkommen für die Menschen zur Verfügung, die im Arbeitsleben stehen. Das trägt zur Einkommensungleichheit, zur Bildung eines Prekariats und damit zum politischen Populismus bei. Wer diese Kritik einer Rentiersökonomik als sozialistische Denkweise versteht, hat nicht verstanden, dass es dem Ökonomen in Davos darum geht, die Marktwirtschaft zu revitalisieren. (Man könnte ergänzen, dass der Schutz geistigen Eigentums auch unter liberalen Ökonomen umstritten ist.)

3. Modernisiert die monetäre Außenwirtschaftsökonomik!

Es gibt ein Land auf diesem Planeten, dessen Pro-Kopf-Einkommen rund ein Viertel des Pro-Kopf-Einkommens reicher Nationen beträgt, das aber gleichzeitig in technologischer Hinsicht zu den erfolgreichsten Ländern der Welt zählt. Dieses Land ist einerseits, gemessen am BIP, die größte oder zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber es handelt sich nicht um eine Industrienation, sondern um ein in der Entwicklung befindliches Land. Das Land hat eine leistungsfähige Industrie, aber ein unterentwickeltes Finanzsystem. Ist das nicht paradox? Das Land ist offenbar China. Nun die Frage: Hat es Sinn, die Lehrbuchempfehlungen, wonach ein Land seinen Kapitalverkehr und seinen Wechselkurs liberalisieren sollte, auf China anzuwenden? Und die Frage ist nicht nur, ob China dafür reif, sondern auch, ob der Rest der Welt dafür reif ist? Wir würde denn der Rest der Welt reagieren, wenn sich mit einer raschen Liberalisierung des Kapitalverkehrs und des Wechselkurses von China eine starke Volatilität auf den internationalen Finanzmärkten ausbreiten würde? Müssen wir mit Blick auf China nicht traditionelle Lehrsätze der monetären Außenwirtschaftsökonomik überprüfen?

4. Macht mehr Makrofinanz!

Das ist nun wirklich keine neue Forderung und regelmäßige Leser von FAZIT haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Beiträge über Makrofinanz, also die Zusammenführung von Gedanken der Makroökonomik und der Finanzökonomik, lesen können. Aber unser Experte in Davos plädiert dafür, noch viel engagierter in dieser Richtung zu denken, die zwei unterschiedliche Sichtweisen der Wirtschaft verbindet. Einerseits die Makroökonomik, die sich für die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge interessiert und dann die Finanzökonomik, die von einzelnen Unternehmen und Märkten ausgeht. Als Folge von Makrofinanz haben die Makroökonomen gelernt, dass Bilanzen einzelner Finanzunternehmen (Lehman Brothers) gesamtwirtschaftlich eine erhebliche Rolle spielen können. Wer die Gesamtwirtschaft verstehen will, muss vom Wald auf die Bäume blicken lernen.

5. Gebt der narrativen Ökonomik eine Chance!

Für viele Menschen ist offensichtlich, dass sich mit dem technischen Fortschritt ein Verlust von Arbeitsplätzen verbindet. Aber stimmt das überhaupt? In jedem Fall handelt es sich um ein einflussreiches Narrativ. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass die Globalisierung ein schädliches wirtschaftliches Phänomen ist. Stimmt das denn? In jedem Fall handelt es sich wiederum um ein einflussreiches Narrativ. Solche Narrative können nicht nur das politische Verhalten der Menschen beeinflussen, sondern auch ihr wirtschaftliches. Wäre es nicht schlecht, dies analysieren zu können? Das erscheint mit der zunehmenden Digitalisierung von Büchern, Zeitungen, Tagebüchern und anderen Periodika möglich zu sein. Überhaupt hat der Zugang zu Daten die Wirtschaftswissenschaften schon häufig befruchtet. Ist es ein Zufall, dass die These regelmäßiger Konjunkturzyklen kurz nach der Entdeckung des Halley’schen Kometen entstand? Muss es uns erstaunen, dass die Makroökonomik einen erheblichen Aufschwung erlebte, nachdem es aufgrund von Daten erst möglich wurde, Größen wie das Bruttoinlandsprodukt oder die Arbeitslosenquote zuverlässig zu berechnen? Und dürfen wir einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Verhaltensökonomik und der vorangegangenen Nutzung von Experimenten in der Psychologie annehmen?


13 Lesermeinungen

  1. Betr,; Ihren Artikel "Deutscher Targetsaldo fällt um fast 100 Mrd. Euro" vom 08.02.18
    Sehr geehrter Herr Braunberger,

    gerade eben hat die Banca d´Italia ihren T2- Saldo für Jan.2019 veröffentlicht:

    481,969 Mrd. € (nach Dec. 481,998 Mrd. €)

    Italien hat offensichtlich mit dem Rückgang der deutschen T2-Salden nichts zu tun.
    Noch bleibt es rätselhaft.

    Beste Grüße

    Carl Murman

  2. Gibt es überhaupt ökonomische Gesetze? Die Crux unserer Wissenschaft.
    Während die Naturwissenschaften seit dem Urknall auf ein stabiles Gesetzeswerk blicken kann ist es bei allen Wissenschaften, welche den Menschen zum Gegenstand haben wesentlich schwieriger. Das Objekt ist flexibel, launisch und lernt aus der Geschichte. Zudem kann er sich zukünftigen, erwarteten Änderungen anpassen. Insofern kann auch die Österreicher Schule und von Mises nicht helfen. Siehe auch meinen Beitrag zu Hayek.

  3. Hayeks Einung zur Poltikberatung.
    Ich hatte 68 das Vergnügen Hayek gleich zum Studienbeginn in Freiburg zu hören. Titel der Vorlesung: Einführung in die Sozialwissenschaften. Es war in den ersten Terminen als er uns warnte: „wir haben kein Labor und kein Reagenzglas in dem wir Versuche machen können. Unsere Ratschläge können nur in und an der gesamten Gesellschaft erprobt werden. Das legt uns eine große Verantwortung auf.“ (Zitat nicht wörtlich) Wir und die Politiker sollten das nie vergessen.

  4. Nichts Neues
    „Als Folge von Makrofinanz haben die Makroökonomen gelernt, dass Bilanzen einzelner Finanzunternehmen (Lehman Brothers) gesamtwirtschaftlich eine erhebliche Rolle spielen können. Wer die Gesamtwirtschaft verstehen will, muss vom Wald auf die Bäume blicken lernen.“

    Makrolevel reicht eigentlich. Bei Verschuldungsgraden / Leveraging höher als zu jeder Zeit davor, Tendenz steigend, mitsamt Derivategebirge, s. 2008 die CDO, wird wegen des Dominoeffekts à la Lehman am Ende jede Provinzklitsche systemrelevant.

    „Für viele Menschen ist offensichtlich, dass sich mit dem technischen Fortschritt ein Verlust von Arbeitsplätzen verbindet. Aber stimmt das überhaupt?“

    Anekdotisch: In den 60er Jahren behauptete IBM, dass max. 5000 Spezialisten weltweit in der Lage seien, so komplexe Geräte zu bedienen. Später grassierte Angst vor dem Computer, weil keiner wusste, dass IT später einmal zu den größten Branchen und Arbeitgebern gehören würde. Denkbar, dass jetzt bei der Robotertechnik der gleiche Irrtum existiert. Roboter können sich nicht selbst entwickeln, bauen, warten, konfigurieren und beaufsichtigen.

    Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Schlagartige Abwicklungen ganzer Berufsgruppen wirken einschneidend. Ein solches Ereignis https://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand hat in Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“ sogar den Weg in die Literatur gefunden

    „Viele Menschen sind davon überzeugt, dass die Globalisierung ein schädliches wirtschaftliches Phänomen ist. Stimmt das denn?“

    Hecker und Ohlin haben nachgewiesen, dass das für bestimmte Bevölkerungsgruppen sehr wohl zutreffen kann. Diese lernen vor allem die Nachteile der Globalisierung kennen. Man muss nicht überrascht sein, wenn sie skeptisch sind
    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ttip-und-freihandel/handelstheorie-das-problem-mit-der-globalisierung-15050988.html

  5. 6. Schenkt der Österreichischen Schule mehr Beachtung
    Da die Vertreter der Österreichischen Schule („Austrian Economics“) als praktische einzige die Finanzkrise von 2008 ff. korrekt und lange vorausgesagt haben – Ludwig von Mises „Boom & Bust Cycles“, wenn auch nicht den exakten Zeitpunkt, ist es immer wieder erstaunlich, daß diese Geld- und Wirtschaftstheorien auf der Weltbühne – trotz Nobelpreises für F.A. Hayek – weiterhin ein Schattendasein fristen.
    Würde man diesen Geld- und Konjunkturtheorien mehr Aufmerksamkeit widmen, enttarnte man die gegenwärtige Geld- und Finanzpolitik als das, was sie letztenendes ist: die Grundlage für die nächste, noch größere Katastrophe.

    „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.“
    Ludwig von Mises (1881-1973)

    • Unpräzise
      Mises hat den 2008er Crash nicht vorausgesagt. Er war kein Nostradamus. Aber man versteht sicherlich sehr leicht, was wirklich passiert ist, wenn man die Konjunkturtheorie der Austrians kennt.
      Nur ist sie ungeeignet dafür, vorauszusagen, WANN ein kreditinduzierter Kollaps kommt. Wie es aussieht, wird momentan weltweit Japan imitiert: In Japan kam es schon Ende der 80er zum Finanzkollaps. U.a. per ewigem QE läuft seitdem die Gelddruckmaschine erst recht Amok, amüsanterweise bisher ohne direkt nachweisbare Folgen.

    • Sie schreiben:

      „U.a. per ewigem QE läuft seitdem die Gelddruckmaschine erst recht Amok, amüsanterweise bisher ohne direkt nachweisbare Folgen.“

      Daraus lässt sich aber nun gerade ein Plädoyer für die Beschäftigung mit moderner Makrofinanz ableiten. Wer sich damit ernsthaft beschäftigt, findet schon Gründe, warum die Folgen von QE andere sind als dies beispielsweise die Doomsday-Truppe von der Österreichischen Schule postuliert. Es handelt sich um nüchterne ökonomische Analysen, die es einem ersparen, sachfremde Begriffe wie „Amok“ zu benutzen.

      Gruß
      gb

    • "Österreichische" Zyklustheorie
      Austrians sind nicht Doom-orientiert, sondern stellen die Nützlichkeit monetärer Planwirtschaft in Frage, weil sie den natürlichen Ordnungsprozess ökonomischer Zyklen konterkariert. Japan ist womöglich nur scheinbar ein Gegenbeispiel. Denn dass das japanische QE eine Erfolgsgeschichte sein soll, ist genausowenig nachweisbar. Die wirtschaftliche Dynamik, die in dem Land bis Ende der 80er sehr hoch war, stellte sich nach dem Zusammenbruch Ende der 80er und trotz der folgenden Anwendung monetärer Maßnahmen nie mehr ein. Oder müsste man vielleicht sogar sagen, deswegen?

    • Sie schreiben:

      „Japan ist womöglich nur scheinbar ein Gegenbeispiel. Denn dass das japanische QE eine Erfolgsgeschichte sein soll, ist genausowenig nachweisbar.“

      Ich hatte nicht behauptet, dass QE im Zusammenhang mit Japan eine Erfolgsgeschichte ist. Japan bestätigt aber halt auch nicht die Doomsday-Truppe.

      Die empirischen Studien zu Japan kommen zu etwas unterschiedlichen Ergebnissen, nicht zuletzt, weil dort QE schon sehr lange betrieben wird. Aber hier ist eine, die ein positives Ergebnis sieht:

      https://www.cmegroup.com/education/featured-reports/did-quantitative-easing-help-spur-growth.html

      Wenn man die im Falle Japans besonders ungünstige Demografie berücksichtigt und nicht nur auf die Wachstumsrate des BIP, sondern auf die Wachstumsrate des BIP pro Kopf schaut, sieht Japan im internationalen Vergleich übrigens gar nicht schlecht aus. Wie viel oder wie wenig das mit QE zu tun hat, wäre Thema für eine umfassende Analyse. Vielleicht kennt ein Leser solche Analysen – für Hinweise wäre ich dankbar.

      Gruß
      gb

    • Japan Studie vom CesIfo
      https://mitpress.mit.edu/books/japans-great-stagnation

      Gruß
      VC

    • Japans pro Kopf BIP
      Stimmt schon. „Ungünstige Demographie“ ist eher abwegig, weil Bevölkerungswachstum auf Innovation basierendes Wachstum überlagert und „Soziallasten“ andererseits nur ein politisch gewolltes Artefakt bzw. Regulierungsergebnisse sind. Neben der Ausblendung der Demographie wäre auch die der Wechselkurse sinnvoll, per PPP (kaufkraftbereinigter) Version. Dazu eine einzige Darstellung gefunden und auch nur für die Jahre ab 2008: https://de.tradingeconomics.com/japan/gdp-per-capita-ppp
      Entspricht ungefähr 1,50% p.a. für diese Periode

  6. Sollen ökonomische Theorien versuchen, die Welt so abzubilden wie sie ist oder wie sie sein soll?
    „1. Modernisiert die Theorie des Unternehmens!“

    Die Höhe der Entlohnung einer Investition bestimmt sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

    „Lieferanten oder Arbeitnehmer“ verhandeln über ihre Entlohnung gemäß ihrer aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage resultierenden Verhandlungsmacht und gehen dann eine vertragliche Vereinbarung ein oder auch nicht. Die Freiheit der Vertraggestaltung stellt sicher, dass niemand gezwungen ist, einen Vertrag einzugehen, der für ihn nicht vorteilhaft ist.

    Was ändert sich daran, wenn jetzt die Wirtschaftswissenschaft aus politischen Gründen die „Stakeholder Theorie“ als „gültig“ erklären würde?

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