Fazit – das Wirtschaftsblog

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Zum Tode von Martin Feldstein

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Martin Feldstein hat die Schwierigkeiten, die die gemeinsame europäische Währung heraufbeschwören würde, so klar gesehen wie kaum ein anderer amerikanischer Ökonom. Von Winand von Petersdorff

Martin Feldstein (Foto: dpa)

Martin Feldstein hat die Schwierigkeiten, die die gemeinsame europäische Währung heraufbeschwören würde, so klar gesehen wie kaum ein anderer amerikanischer Ökonom. Die Vorstellung, der Euro im Portemonnaie würde ein Identitätsgefühl stiften, hielt er für sträflich naiv. Die gerne verwendete Erzählung, der Euro sei ein Friedensprojekt, glaubte er nie.

Wirtschaftlich und kulturell disparate Länder unter ein Währungsregime zu zwingen, würde nicht nur wirtschaftlich großen Schaden anrichten, es würde internationale Konflikte provozieren, sagte er vor mehr als 20 Jahren voraus. Er erntete für diese Prophezeiung ungläubiges Gelächter, erinnert sich der französische Ökonom Jean Pisani-Ferry. „Wir hätten zweimal nachdenken sollen.“

Feldstein warnte vor Verschuldung

Diese Feststellung bekommt ein besonderes Gewicht, weil Feldstein noch wenige Wochen vor seinem Tod vor einer anderen großen Krisenursache gewarnt hat – der öffentlichen Verschuldung. In seinem letzten Meinungsbeitrag für das „Wall Street Journal“ schrieb er Ende März, das wachsende amerikanische Haushaltsdefizit sei das größte innenpolitische Problem der Bundesregierung. Der Ökonom fürchtete eine Abwärtsspirale. Die Defizite wüchsen schneller als von der Regierung und selbst von den unabhängigen Rechnungsprüfern des Kongresses projektiert. Die Investoren in amerikanische Staatsanleihen würden deshalb höher Zinsen durchsetzen. Höhere Zinsen wiederum würden das Staatsdefizit weiter nach oben schnellen lassen und noch höhere Zinsen heraufbeschwören. Gleichzeitig würden hohe Zinsen private Investitionen verdrängen und damit die Konjunktur dämpfen. Damit fielen die Steuereinnahmen. Das Budget-Defizit wüchse weiter. Die Politik müsse handeln. Es gebe keine Alternative zu Kürzungen in den Sozialversicherungen.

In dem Beitrag nannte Feldstein keine Namen. Aber natürlich bezog er sich auf eine Debatte, die die bekannten keynesianisch geprägten Volkswirte Olivier Blanchard, Larry Summers und Jason Furman im Frühjahr ausgelöst hatten: Sie argumentierten, Sorgen über die öffentliche Verschuldung seien maßlos übertrieben, solange die wirtschaftlichen Wachstumsraten die Zinsen überstiegen. Und das sei bisher in den meisten Phasen der Fall gewesen.

Feldstein förderte Summers, Krugman und Chetty

Feldstein war einer der einflussreichsten Ökonomen seiner Generation und ein Förderer großer Namen der Zunft wie Jason Furman, Larry Summers, Paul Krugman und zuletzt Raj Chetty. Die Auswahl seiner Schüler belegt, dass der Angebotstheoretiker zwischen wirtschaftspolitischen Grundvorstellungen und akademischer Expertise unterscheiden konnte und wollte. Feldstein pflegte nichtsdestotrotz akademische Händel mit seinen Keynesianern: Sie hätten ein falsches Verständnis für die Ursachen von Arbeitslosigkeit, sie pflegten eine irrationale Angst vor dem Sparen, und sie vertrauten unberechtigter Weise darauf, dass die Regierung es schon richtigmachen werde.

Feldstein wies regelmäßig darauf hin, dass die von Keynes-Anhängern unterstellte stimulierende Wirkung von Staatsausgaben in der Realität deutlich niedriger sei, als in den Modellen dargelegt. Er stellte noch in den achtziger Jahren Keynesianismus als ein niedrig dosiertes Gift dar, das Politiker für die wahren Kosten von Budgetdefiziten desensibilisiere. Er hatte allerdings selbst seinen keynesianischen Moment, als er nach der Finanzkrise keine Alternative zu einem staatlichen Nachfrageprogramm zur Reanimierung der Wirtschaft sah.

Feldstein war 1967 als Professor nach Harvard gekommen und hatte dort bis zum Ende geforscht. Seine akademische Karriere wurde nur unterbrochen durch Beratungsaufgaben in der Politik. Seine Haltung als Haushaltsfalke brachte ihn in Konflikt mit der Regierung des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan in den achtziger Jahren. Er diente dem Präsidenten als Chefökonom und stellte sich gegen die hohen Militärausgaben der Regierung. Er unterstütze später George W. Bush und Barack Obama als Berater. Offenbar hatte er gute Aussichten, Alan Greenspan an der Spitze der Federal Reserve zu beerben. Man entschied sich dann aber für Ben Bernanke. Martin Feldstein ist am Dienstag im Alter von 79 Jahren gestorben.


2 Lesermeinungen

  1. Große Ökonomen, große Irrtümer
    Denn was Feldstein (und andere) nicht ahnten, war, dass politisch abhängige Zentralbanken einen strukturell deflationären Kontext und dubiose Inflationsminimums-Theorien nutzen würden, um der Politik zur Erfüllung beliebiger Ausgabewünsche die Taschen vollzustopfen.

    Man sieht, Prognosen sind zeit- und kontextgebunden. Ich vermute, dass die Vertreter der sog. „Modern Money Theory“, die im Grunde nur die ungehemmte Geldschöpfung und Schuldenerzeugung der letzten Jahrzehnte theoretisch absichern und ausbauen möchten, das auch noch erfahren werden.

  2. Einer der ganz Großen
    Als mittlerweile 75-jähriger Volkswirt habe ich die Entwicklung seit rund 30 Jahren nur noch mit Fassungslosigkeit erleben müssen. Und kann leider nicht mehr M. Feldstein zu seinen Einsichten gratulieren, die ich voll und ganz unterschreibe.

    Als unbedeutender Privatmann, dessen Kommentare in dieser Richtung meist in den Printmedien ignoriert oder gelöscht wurden, erfüllt es mich mit einiger Genugtuung, hier die Bestätigung zu lesen: Der Euro ist ein wesentlicher Sargnagel zum Ende der Europäischen Vereinigung; und die Talfahrt ist nicht mehr aufzuhalten – leider.

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