Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Das Geheimnis des Fortschritts

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Erkenntnis und Innovation sind die Grundlagen für Wachstum. Aber ist das schon alles? Und was ist überhaupt Fortschritt? Von Jürgen Kaube
 

Es gibt Fortschritte, aber gibt es auch den Fortschritt? Die Ökonomie ist eine Disziplin, die im achtzehnten Jahrhundert aufkam, als in Europa viele meinten, die Lage aller verbessere sich. Und zwar durch eine größere Güterproduktion, durch technische Errungenschaften und durch wissenschaftliche Erkenntnisse. Tatsächlich wird selbst Thomas Piketty, der findet, die heutige Vermögensverteilung ähnele wieder der im Frankreich Balzacs und insofern gebe es auch Rückschritt, zugeben, dass er sich lieber im Paris Macrons als im Paris Balzacs einer Operation unterziehen würde.
 
Die Unterschiede heißen Chloroform, Chirurgie und Krankenkasse.
Haben also Ökonomen recht, die den Fortschritt an der Wachstumsrate technologischer Innovationen ablesen? Bevor man sich mit dieser Frage beschäftigt, ist es sinnvoll, noch eine andere zu stellen: Wie misst man dieses Wachstum überhaupt? Die Ökonomen Tyler Cowen und Ben Southwood haben vor kurzem eine Übersicht möglicher Antworten gegeben.
 
Eine einfache ist es, die jährliche Wachstumsrate der Zahl aller Wissenschaftler weltweit – mehr als vier Prozent, also eine Verdoppelung alle siebzehn Jahre – mit derjenigen der Weltbevölkerung – etwa 1,1 Prozent – zu vergleichen. Die Anzahl der Publikationen verdoppelt sich alle neun Jahre. Aber steht in allen auch wirklich etwas Verschiedenes oder sogar Sinnvolles drin? Beide Werte messen wohl eher die Investition in Wissenschaft als ihren Ertrag. Schaut man sich wiederum nicht nur die Zahl der Patente an, sondern auch ihre Qualität, so sind die Jahre zwischen 1850 und 1860 nie mehr überboten worden.
 
Es gibt also Erkenntnis und Innovation, die nicht zu Wachstum führen, aber umgekehrt auch Wachstum, das nicht auf Erkenntnis zurückgeht. Denn beispielsweise gibt es Wachstum ohne technologische Sprünge: etwa wenn Ölquellen entdeckt werden. Norwegen erzielt ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das zwanzig Prozent höher liegt als das von Schweden oder Dänemark, obwohl in den norwegischen Köpfen vermutlich nicht viel mehr Erkenntnis steckt als in denen der Mitskandinavier. Also liegt es nahe, das Öl aus dem norwegischen Wachstum herauszurechnen, wenn man wissen möchte, wie innovativ die Norweger sind.
 
Die Überlegung ist also, die ökonomische Produktivität von Erfindungen oder Erkenntnisgewinnen separat zu untersuchen. Dabei ist klar, dass nicht jede Erkenntnis auch nutzbringend angewandt wird. Außerdem sind nicht bei jeder Erkenntnis die Umstände gleich schon reif für ihren Einsatz. Mithin ist entscheidend, ob eine Innovation überhaupt zur Hervorbringung nachgefragter Güter und Dienstleistungen führt. Man kann versuchen, die Warenproduktion pro Kopf, je Arbeitskraft und je Arbeitsstunde zu messen und ermitteln, ob sie weltweit oder innerhalb einer Volkswirtschaft steigt. Isoliert man Einflüsse beispielsweise von Arbeitszeitregelungen, Bevölkerungswachstum oder Kapitalabschreibungen, nähert man sich dem Umfang des Wachstums, das auf wissenschaftlichen Fortschritt zurückgehen könnte.
 
Aber lässt sich der Fortschritt tatsächlich an Steigerungen der Mengen und Preise ablesen? Würde der Marktpreis aller Dosen Penicillin, die je verkauft wurden, wirklich der Wertschätzung all der Leben entsprechen, die damit gerettet wurden?
 
Für solche Berechnungen werden nur die Endprodukte herangezogen, also nur die Erlöse für Computer, nicht für Festplatten, und auch nur bepreiste Dienstleistungen, also nur das Essen im Restaurant, nicht die häusliche Zubereitung. So erhält man das Bruttosozialprodukt. Man kommt dann zu Aussagen wie der, dass die Wachstumsrate pro Kopf in Deutschland zwischen 1950 und 1975 etwa 5 Prozent betrug, zwischen 1976 und 1992 aber nur gut 2,3 Prozent und danach noch geringer war. Da die Leute immer mehr auswärts essen gehen, ist das Wachstum der vergangenen zwei Dekaden vermutlich sogar überschätzt. Im langen historischen Zeitablauf hingegen nimmt die Kurve für das Wachstum der Produktivität seit etwa 1800 die Form eines Hockeyschlägers an.
 
Jede zu vielen Zwecken nützliche technologische Erfindung – die Druckerpresse, die Dampfmaschine, fossil betriebene Motoren, Elektrizität – stieß dabei starkes Wachstum an, bis die Anwendungen trivial wurden und das Wachstum abflachte. Anders formuliert: Der Sprung vom Pferd zum Auto ist größer als der vom Benzin- zum Hybridantrieb. Zwischen den Erfindungen und ihrer Anwendung vergeht dabei überdies immer weniger Zeit. Die Eisenbahn kommt 1825 in Gang, aber im Durchschnitt dauerte es weltweit siebzig Jahre bis zu ihrem flächendeckenden Einsatz. Den Telegraphen gab es seit 1835, aber die “durchschnittliche Anwendungsverzögerung” betrug 46 Jahre. Bei den Mobiltelefonen waren es nur noch 14 Jahre. Während es nach der Erfindung des Küchenherds fünfzig Jahre dauerte, bis 90 Prozent aller Amerikaner einen hatten, verstrichen beim Smartphone nur sechs Jahre.
 
Aber worauf gehen solche Innovationen zurück? Zunächst auf “Zero to One” -Erfindungen (Peter Thiel), also die Erfindung von etwas bis dahin völlig Unbekanntem. Dann aber auf den “One to Many”-Vertrieb des schon Bekannten an alle. Dass auch der weltweite Verkauf einer Sache Innovationen verlangt, wird dabei nur insofern berücksichtigt, als auch sie in die Kosten der Produkte eingehen. In der Frage, wie viel Wachstum auf Wissenschaft zurückgeht, spielen aber solche “Erfindungen” des Verkaufens oder des Managements zumeist keine Rolle.
 
Vor allem jedoch ist es nahezu unmöglich, die Arbeitsproduktivität von dem Einfluss zu unterscheiden, den Innovationen haben. Cowen und Southwood geben ein schlichtes Beispiel: Wird eine Medizin erfunden, die es erlaubt, weniger aus Krankheitsgründen zu Hause zu bleiben, kann die Produktion zunehmen. Aber dieser Fortschritt schlägt statistisch beim Arbeitsangebot zu Buche, nicht bei technologischen Innovationen. Die Messprobleme sind so gut wie unlösbar.
 
Ganz gleichgültig jedoch, wie man misst, haben die Wachstumsraten, die auf technischen Fortschritt zurückgeführt werden könnten, seit den 70er Jahren deutlich abgenommen. Das mag schlicht daran liegen, dass bahnbrechende Erfindungen heute schwerer zu machen sind als früher. Die Zahl der Forscher, die nötig sind, um die Dichte eines Chips zu verdoppeln, ist heute 18 Mal größer als in den frühen 70er Jahren. Trotzdem sinken die Löhne der Forscher nicht. Die Ökonomen vermuten, dass Forscher eben zunehmend nicht nur forschen, sondern mit Forschungsverwaltung und Lehre beschäftigt sind. Es könne auch sein, dass Forschung immer mehr “angewandte Forschung” sei, was die Gehälter der Forscher hoch halte, aber die Kreativität beschränke.
 
 
Literatur: Tyler Cowen und Ben Southwood: “Is the rate of scientific progress slowing down?” Im Internet unter https://marginalrevolution.com/margina lrevolution/2019/11/is-the-rate-of-scientific-progress-slowing-down.html

1 Lesermeinung

  1. FrankieB sagt:

    Ökonomische Produktivität
    Die “ökonomische” Produktivität ist nun schon eine sehr schillernde Sache, der Begriff verheisst Objektivität, aber man kann sich schon fragen ob die Suche danach überhaupt eine Erkenntnis von Wert liefert. Bei Audi arbeiten schon mal 15 Ingenieure 3 Jahre an der Beifahrer-Armlehne: optimaler Neigungswinkel, Oberflächenbeschaffenheit, solche Sachen. Ist sowas nun “Produktivität” oder nur Verschwendung? Die Antwort ist einfach: wenn es bezahlt wird, dann ist es Produktivität, wenn nicht, dann war es Verschwendung. Natürlich gibt es sowas wie Produktivität und Produktivitätssteigerungen in der Entwicklung der Gesellschaft. Aber ob der Begriff sonderlich hilfreich ist bei der Beschreibung ökonomischer Sachverhalte, kann man auch mal hinterfragen. Man rekurriert in der ökonomischen Sphäre gerne auf Begriffe wie “Leistung”, “Produktivität”, auch “Wettbewerb”, aber eigentlich geht es vornehmlich um Zahlung/Nichtzahlung – das sind die Akte, entlang derer das ökonomische System, zumindest das kapitalistische, atmet.

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