Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Verdammte Handys

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Im Lockdown hängen wir noch länger am Handy als sonst. Das macht krank.

 
Smartphones und Internet sind ein Segen für die Menschheit. Sie ermöglichen es, mit den alternden Eltern über Hunderte Kilometer hinweg engen Kontakt zu halten. Einkäufe und Besorgungen lassen sich vom Sofa aus erledigen. Und das Wissen der Welt ist immer nur einen Wisch entfernt. Das ist großartig, besonders während einer Pandemie. Doch leider ist das nicht die ganze Geschichte.
 
Denn wer nur die positiven Seiten sieht, ist entweder ein Technik-Enthusiast oder hat die vergangenen zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt. Smartphones haben sich während der Krise – bei allen grandiosen Dingen, die sie ermöglichen – vor allem als eines herausgestellt: als zeitfressende Begleiter, die uns Menschen krank machen können.
Erst einmal die Fakten: In den Vereinigten Staaten brachte eine Untersuchung schon im vergangenen Sommer ans Licht, dass die Zeit, die junge Erwachsene während der ersten Lockdown-Phase am Handy und vor anderen Bildschirmen verbracht haben, hochgeschossen ist – von durchschnittlich 2,5 Stunden auf fünf Stunden am Tag. Und das ist noch schöngerechnet. Denn schaut man nicht nur auf die Freizeit, sondern rechnet auch die Stunden am Laptop im Büro oder Homeoffice mit ein, ergeben sich noch ganz andere Zahlen.
 
Der Branchenverband Bitkom teilte kürzlich mit, dass Erwachsene in Deutschland Anfang dieses Jahres im Schnitt angaben, täglich 10,4 Stunden vor Rechner, Fernseher oder Smartphone zu sitzen. Vor der Pandemie seien es “nur” acht Stunden gewesen. Addiert man die Schlafenszeit hinzu, bleibt in vielen Fällen kaum noch eine Bildschirm-freie Minute übrig.
 
Wer sich jetzt ertappt fühlt, wird nicht gerne lesen, was Forscher verschiedener Disziplinen in den vergangenen Jahren zur Internetnutzung und insbesondere zu den besonders beliebten sogenannten sozialen Netzwerken publiziert haben. Eine ganze Reihe von Studien arbeitet negative Zusammenhänge zwischen der Nutzung dieser Medien auf der einen Seite und dem subjektiven Wohlbefinden sowie der mentalen Gesundheit andererseits heraus. Von Schmerzen im Nacken, unteren Rücken und in den Schultern, Depressionen und Angstzuständen ist die Rede.
 
Manche Forscher heben sogar hervor, dass Selbstmorde genau in der Zeitspanne zugenommen haben, in der die sozialen Netzwerke stark gewachsen sind. Selbst die großen Internetkonzerne wie Facebook und Google geben sich geläutert und beteuern, ihre Produkte nunmehr so gestalten zu wollen, dass die Nutzer eine “gute Zeit” mit ihnen verbringen und nicht von ihnen abhängig werden.
 
Besonders erfolgreich scheinen sie damit nicht zu sein. Das jedenfalls legt eine Studie amerikanischer Ökonomen nahe, die im vergangenen Jahr im renommierten Fachjournal “American Economic Review” veröffentlicht wurde. Vier Forscher versuchen darin herauszufinden, welche Auswirkungen die Facebook-Nutzung auf das Leben der Nutzerinnen und Nutzer hat. Mehr als 2700 Probanden wurden dafür in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine verzichtete in den vier Wochen vor den amerikanischen Zwischenwahlen im Jahr 2018 komplett auf die Facebook-Nutzung. Diese Probanden hatten nun plötzlich eine Stunde am Tag zusätzlich Zeit, die sie unter anderem mit mehr Fernsehkonsum, aber auch mit mehr direktem Austausch mit Freunden und Familie füllten. In den Augen der Wissenschaftler stützt das die These, dass Facebook und Co. Kontakte in der realen Welt verdrängen und so zu Einsamkeit und psychischen Problemen beitragen.
 
Die Forscher fanden, anders als oft angenommen, keine eindeutigen Indizien dafür, dass Facebook die politische Polarisierung verschärft. Das Netzwerk hat sich zudem als wichtige Nachrichtenquelle für die Nutzer entpuppt. Allerdings fielen die Ergebnisse zum Wohlbefinden der Mitglieder eindeutig negativ aus. Schon ein paar Wochen Facebook-Abstinenz genügten für eine messbare Verbesserung in dieser Hinsicht. Um die Sache anschaulich zu machen, schreiben die Autoren, dass die positive Wirkung der Abstinenz etwa 25 bis 40 Prozent des Effekts ausmache, die psychologische Interventionen wie Gruppentrainings und individuelle Therapien üblicherweise auf das Wohlbefinden haben.
 
Mehrere Wochen nach dem Ende des Experiments waren die Abstinenzler zwar zu Facebook zurückgekehrt, die Smartphone-App nutzten sie aber elf Minuten weniger am Tag als die Teilnehmer aus der Vergleichsgruppe. Das lege nahe, dass “Kräfte wie zum Beispiel Sucht und Voreingenommenheit Menschen dazu veranlassen können, Facebook mehr zu nutzen, als sie es sonst tun würden”, schlussfolgern die Autoren.
 
In der Corona-Krise dürften sich die negativen Auswirkungen der Internetnutzung durch gesteigerte Zeit am Bildschirm nun noch einmal vergrößert haben. Für starke empirische Belege mag es noch etwas früh sein, Indizien gibt es aber viele. So beschreibt ein weiteres amerikanisches Forscherteam, das für eine Studie Hunderte junge Amerikaner vor und während der Krise beobachtet hat, dass sich die Gefahr von klinischen Depressionen durch die Pandemie verdoppelt habe. Sie führen das auf die vielen Einschränkungen und erzwungenen Verhaltensänderungen während des Lockdowns zurück – und nennen in diesem Zusammenhang ausdrücklich die stark gestiegene Zeit an Smartphone und Laptop. Auch in Deutschland haben in den vergangenen Monaten vor allem jüngere Menschen vermehrt die Unterstützung von Psychotherapeuten gesucht, wie etwa eine große Studie des Hamburger Uniklinikums Eppendorf zeigt. Das deutet auf einen Zusammenhang mit der Internetnutzung hin.
 
Wer glaubt, das Problem des Dauerdaddelns werde sich nach der Pandemie schon von allein auflösen, könnte sich täuschen. Denn gerade soziale Netzwerke triggern das Belohnungssystem im menschlichen Gehirn, haben Forscher erkannt. Internetkonzerne haben sich dies zunutze gemacht. Ein Team australischer Mediziner schreibt in einem aktuellen Beitrag: Es gebe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die durch den exzessiven Smartphone-Gebrauch entstehenden Schäden andauern werden, “auch wenn der Lockdown zurückgenommen wird”.
 
Bleibt also nur der Ratschlag, den der Fernsehmoderator Peter Lustig in seiner Sendung “Löwenzahn” Generationen von Kindern am Ende jeder seiner Sendungen mit auf den Weg gegeben hat: “Und jetzt: Abschalten bitte!”


Literatur:
Hunt Allcott, Luca Braghieri, Sarah Eichmeyer, Matthew Gentzkow: The welfare effect of social media. American Economic Review, 2020.
Jean Twenge, Thomas Joiner, Megan Rogers, Gabrielle Martin: Increases in Depressive Symptoms, Suicide-Related Outcomes, and Suicide Rates among U.S. Adolescents after 2010 and Links to Increased New Media Screen Time. Clinical Psychological Science, 2018.
 

 


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