Fazit – das Wirtschaftsblog

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Bücherkiste (16): Ökologische Krisen

| 13 Lesermeinungen

Thomas Unnerstall hat ein Buch für Menschen mit Interesse an Fakten geschrieben. Er sagt: Ja, die Energiewende ist unausweichlich. Aber viele andere vermeintliche ökologische Krisen sind aufgebauscht. Eine Rezension.

 
In Thomas Unnerstalls neuem Buch werden weder Katastrophenprediger noch Verharmloser eine Bestätigung für ihre oft kruden Thesen zum Klimawandel und anderen ökologischen Themen finden. Wer sich für Fakten statt für Fiktionen interessiert, entdeckt in Thomas Unnerstalls neuem, mit mehr als 70 Grafiken und ergänzenden Literaturhinweisen angereicherten Buch einen empfehlenswerten Einstieg in eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Der Autor ist vom Fach: Der promovierte Physiker hat nach einem beruflichen Einstieg im Umweltministerium in Stuttgart 15 Jahre als Manager in regionalen Energieversorgungsunternehmen gearbeitet. Seit einigen Jahren ist er als Buchautor sowie international als Berater tätig.
 
In einer nüchternen, faktengesättigten Sprache begründet Unnerstall seine Kernthese: Ja, der Klimawandel erfordert nach seiner Ansicht ein energisches Gegensteuern durch den Verzicht auf die Nutzung fossiler Energieträger in den kommenden 30 Jahren. Unnerstall hält dies nicht nur für dringend notwendig, sondern auch für realistisch, ohne hierfür grundlegende Änderungen der Wirtschafts- und Lebensweisen in den westlichen Ländern einzufordern. “Wenn der Westen seinen Strom aus Sonne und Wind gewinnt, auf E-Mobilität umsteigt und Heizungen, Flugzeuge, Industrieprozesse mit CO2-neutralen Energieträgern betreibt, dann ist sein hoher Energieverbrauch ganz unproblematisch”, schreibt der Verfasser: “Insbesondere ist ein solches Energiesystem nachhaltig, denn die verfügbaren Ressourcen an erneuerbaren Energien werden nur zu einem kleinen Bruchteil genutzt.” Um ökologisch nachhaltig zu werden, müsse der Westen nicht sein Wirtschaftssystem oder sein Konsumverhalten grundlegend ändern, sondern nur sein Energiesystem.
 
Aber was ist mit den ökologischen Belastungen wie dem Artensterben, den Brandrodungen, der Überfischung und dem Plastik in den Weltmeeren? Unnerstalls für viele Leser vielleicht verblüffende Antwort lautet: “Auch wenn die Ökosysteme der Erde deutliche Spuren menschlicher Aktivität zeigen, erwachsen daraus keine substantiellen Beeinträchtigungen der Lebensbedingungen künftiger Generationen.” Denn die “natürlichen Ressourcen des Planeten reichen bei Weitem aus, um die biologischen Lebensgrundlagen für die nachfolgenden Generationen – Nahrungsmittel und Trinkwasser – ohne Einschränkungen zu gewährleisten”.
 
Der Ressourcenverbrauch der Menschheit mit Blick auf Ackerland, Weideflächen, Fischgründen und Wald sei völlig in Ordnung, denn er liege bei knapp 70 Prozent der vorhandenen Ressourcen des Planeten, schreibt Unnerstall. Auch wenn im Jahre 2050 fast 10 Milliarden Menschen leben sollten, würden sie nur 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen. Und das Artensterben? Ja, das gibt es, aber selbst bei Fortführung aktueller Trends wird nach Unnerstalls Überzeugung “der ungeheure Reichtum von Tier- und Pflanzenarten auf unserem Planeten im 21. Jahrhundert nur wenig geschmälert”.
 
Dem menschlichen Wirtschaften sieht der Verfasser bis mindestens zum Jahr 2100 mit Blick auf die Energievorräte und die mineralischen Rohstoffe keine relevanten Grenzen gesetzt. “Trotz anhaltendem Wirtschaftswachstum, trotz weiter steigendem Lebensstandard und Konsum sinkt in den westlichen Ländern der Ressourcenverbrauch”, betont der Autor. Die heutige Generation im Westen lebe (in ökologischer Hinsicht) nicht auf Kosten nachfolgender Generationen und auch nicht auf Kosten anderer Weltregionen.
 
“Wir brauchen keine ,große Transformation’ von Wirtschaft und Gesellschaft, keine langwierigen und spaltenden Verzichtsdiskussionen, wir müssen nicht über Sinn und Unsinn des Autoverkehrs streiten”, betont der Autor. “Wir müssen nur die fossilen Energieträger bis 2040 weitestgehend durch regenerative Energieträger ersetzen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dafür haben wir die nötigen Technologien und wir können es uns leisten.” Eine Verantwortung des Westens gegenüber den ärmeren Ländern sieht Unnerstall durchaus, nur fordert er vom Westen keinen Verzicht, sondern technische und finanzielle Hilfen, die den ärmeren Ländern den Abschied von fossilen Energieträgern erleichtern.
 
Das klingt gut, doch: Eine rasche Energiewende könnte sich als politisch schwieriger, gesellschaftlich umstrittener, technisch anspruchsvoller und als ökonomisch weitaus herausfordernder erweisen, als Unnerstall postuliert. Diese Zweifel entwerten aber nicht seine Kernaussage, dass in der öffentlichen Diskussion eine Neigung existiert, die ökologischen Herausforderungen jenseits der Treibhausgasemissionen häufig zu dramatisieren.
 
Der klare Aufbau des Buches erleichtert den Zugang zu der nicht immer sehr einfachen Materie. Nachdem Unnerstall zu den Themen Weltbevölkerung, Landnutzung, Nahrungsmittel und Trinkwasser die Grundlagen geschaffen hat, wendet er sich im nächsten Teil der Energie und den Rohstoffen zu. Anschließend behandelt er ökologische Brennpunkte wie den ökologischen Fußabdruck, das Artensterben und die Biodiversität, den Waldverlust, den Plastikmüll und die toten Zonen in den Meeren sowie die Schadstoffe in der Umwelt.
 
Sehr zu loben sind die Bewertungen und Zusammenfassungen am Ende jedes Abschnitts. Falsch wäre der Eindruck, Unnerstall zeichne ein übertrieben schönes Bild der Verhältnisse. Aber viele unbestreitbar vorhandenen Probleme sind lokaler oder regionaler, jedoch nicht globaler Natur. Das ist schlimm, rechtfertigt aber nicht den gerade im Westen kursierenden Katastrophismus.


Dieser Artikel ist am 31. Mai 2021 im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.
 

 


13 Lesermeinungen

  1. Heismann sagt:

    Kein Beitrag zur Energiewende
    Sie haben offenbar das Argument nicht verstanden. Wenn schon der Bau einer Demonstrationsanlage zwanzig Milliarden Euro verschlingt, dann wird ein kommerzieller Fusionsreaktor gewiss nicht billiger. Daran werden auch alle Erfahrungs- und Lernkurveneffekte nichts ändern.

    Viele Experten schätzen: Die erforderlichen Investitionen könnten bei der Fusionsenergie pro Megawatt installierter Leistung ganz erheblich höher sein als bei jeder anderen heute genutzten fossilen oder regenerativen Primärenergie.

    Im Übrigen dürfte eine großtechnische Nutzung der Fusionsenergie nach Ansicht der meisten Fachleute frühestens Mitte des 21. Jahrhunderts möglich sein. Sie kann also keineswegs einen Beitrag zur Energiewende liefern, die bereits jetzt vorangetrieben werden muss, damit dieser Planet noch bewohnbar ist, wenn irgendwann vielleicht einmal der erste Fusionsreaktor startet.

    Bereits vor siebzig Jahren haben Wissenschaftler in den USA und Russland damit begonnen, die zivile Nutzung der Kernenergie zu erforschen. Bis heute ist jedoch nicht klar, ob das jemals funktionieren wird.

    Es sind noch ganz grundlegende Probleme zu lösen, bis an eine kommerzielle Nutzung überhaupt nur zu denken ist. Das ist langwierige Grundlagenforschung, mit der Start-ups eindeutig überfordert sind.

    Vielleicht schauen Sie sich einmal die Anlagen des Cern in Genf, des Desy in Hamburg oder des GSI in Darmstadt an. Dann bekommen sie eine Vorstellung davon, wie gigantisch der Forschungsaufwand in der Hochenergiephysik ist.

  2. Antesde sagt:

    Energie ist das Hauptthema und die Krux
    Industrielle Revolutionen konnten nur deswegen erfolgreich sein, weil sie die Produktivität erhöht haben. Was anders gesagt, fallende Preise bedeutet. Bisher gilt das v.a. für den Güterbereich, aber der Dienstleistungssektor wird per Robotik früher oder später nachziehen.

    (Was nebenbei gesagt, das Insistieren der Mehrheit der VWL auf der wohltuenden Wirkung steigender Preise vollkommen unergründlich macht.)

    Wind- und Solarenergie entsprechen in keinem denkbaren Gesichtspunkt einer industriellen Revolution. Sie sind ein technisch rückständiger Retrofit, haben hohe Kosten, niedrige Effizienz und sind im Grunde eine Verschwendung von Ressourcen.

    Was fehlt, ist die technisch Revolution auf dem Energiesektor. Mittlerweile deuten die schnellen Fortschritte bei diversen Fusionsreaktormodellen aber darauf hin, dass das nur noch eine Frage der Zeit ist. Lohnt es sich wirklich, bis dahin gigantische Beträge in ungeeignete Technik zu stecken, die später ohnehin eingestampft werden muss? Möglicherweise hat die zur Institution gewordene Methode unendlicher Krediterzeugung durch den Staat für solche Fragen blind gemacht. Wenn beliebig viel Geld existiert, muss auch nicht mehr über den Nutzen von Investitionen nachgedacht werden.

    • Heismann sagt:

      Langsamer als eine Schnecke
      Sie schreiben: „Was fehlt, ist die technische Revolution auf dem Energiesektor. Mittlerweile deuten die schnellen Fortschritte bei diversen Fusionsreaktormodellen aber darauf hin, dass das nur noch eine Frage der Zeit ist.“

      Schnelle Fortschritte bei Fusionsreaktoren?

      Das weltweit größte Projekt der kontrollierten Fusion ist die Versuchsanlage ITER in Süd-Frankreich, die von rund drei Dutzend Ländern unterstützt wird. Das Projekt hat seit dem Baubeginn 2007 nicht nur alle Budgetgrenzen gerissen, sondern auch sämtliche Zeitpläne atomisiert. Ursprünglich sollte der Bau 2016 abgeschlossen sein, jetzt ist von 2025 oder 2028 die Rede.

      Und wir reden hier nur von einem Testreaktor! Selbst bei ITER räumen die Verantwortlichen ein, dass noch zahllose technologische Probleme zu lösen sind, bis irgendwann einmal die kommerzielle Stromerzeugung aus der Kernfusion anlaufen kann. Wird dies 2040 sein? 2060?? 2080???

      Auch alternative Technologiepfade zum Tokamak-Konzept, wie etwa der Stellarator (Wendelstein), kommen nur zögerlich voran. Überdies ist zu bedenken, dass ITER ebenso wie die Kernspaltung Radioaktivität erzeugt, wenn auch nicht in gleichem Umfang.

    • FrankieB sagt:

      Feuer unterm Kessel
      Mit Sonnen- und Windenergie wird diejenige Energieerzeugung abgelöst, bei der man leicht entflammbare Substanzen aus dem Boden ausgräbt, anzündet und unter gigantischen Wärmeverlusten einen Kessel Wasser zum Kochen bringt, der eine Dampfturbine antreibt. So etwas nicht als Fortschritt, sondern als “technisch rückständigen Retrofit” zu bezeichnen, dazu bedarf es schon eines hohen Maßes an Ignoranz.

    • Antesde sagt:

      Dei Entnwicklung geht rasend schnell voran
      bei der Fusionstechnik.
      https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html

      Selbst bei den staatlichen Projekten werden die Laufzeiten signifikant länger. Das kann alles noch viel schneller gehen als erwartet. Natürlich werden uns Ludditen und Technikfeinde einreden, es ginge nur mit Vermögensvernichtung und mittelalterlichen Applikationen wie Windmühlen und anderen von Wetterlaunen abhängigen Defekt-Techniken. Diese Truppe wird auch ihr bestes tun, um neue Entwicklungen zu verhindern. Aber wie ihre historischen Vorbilder stehen sie auf verlorenem Posten.

    • Heismann sagt:

      Nichts Neues unter der Sonne
      @ Antesde

      TAE Technologies erzielt „rasend schnelle” Fortschritte bei der Kernfusion?

      In der zitierten Pressemitteilung berühmt sich die Firma, für ein paar Sekunden ein stabiles Plasma erzeugt zu haben. Mit Verlaub: Das haben viele Forschungsinstitute bereits vor Jahren geschafft. Und was können die sonst so?

      TAE ist eine sehr kleine Firma; sie hat gerade einmal 150 Mitabeiter; das engeworbene Kapital beläuft siuf weniger als eine Millairde Dollar.

      Dennoch wollen die bis 2030 den ersten kommerziellen Fusionsreaktor bauen. Welche unabhängige seriöse Quelle bestätigt, bitte sehr, dass dies realistisch ist?

      Es handelt sich offenbar um eine großmäulige Verlautbarung, um die Geldgeber bei Laune zu halten. Nur leichtgläubige Internetmedien veröffentlichen so etwas, nicht hingegen seriöse Zeitungen.

    • Antesde sagt:

      Titel eingeben
      @Heismann
      Diverse Leugner-Ecken sind schon recht überfüllt. Da muss man sich nicht hinstellen.

      Ff. nur die Überschriften, um die Freischaltung zu vereinfachen. Sie können die Artikel per Internetsuche finden.
      Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass bei dieser entscheidenden Zukunftstechnologie nicht das schwerfällige europäische Staatsprojekt das Rennen machen wird.

      NYTimes
      Compact Nuclear Fusion Reactor Is ‘Very Likely to Work,’ Studies Suggest

      Washington Post
      Opinion: The fusion energy dream is inching toward planet-saving reality

      Spiegel
      Das kontrollierte Verschmelzen von Atomkernen birgt eine unerschöpfliche und saubere Energiequelle. Doch bislang scheiterten alle Versuche, sie zu nutzen. Nun wollen Start-ups den Menschheitstraum wahr machen.

      Focus
      Neuartiger Fusionsreaktor vorgestelltAlle Energieprobleme auf einen Schlag gelöst? Großer Durchbruch bei der Kernfusion in den USA

      Aber auch staatlich kontrollierte Projekte machen deutliche Fortschritte

      Spiegel
      Fusionsreaktor in Südkorea stellt Rekord auf

    • Heismann sagt:

      Gibt es unabhängige Bestätigungen?
      Die zitierten Meldungen beruhen offenbar weitestgehend auf Mitteilungen und Prognosen der betreffenden Unternehmen bzw. Forschungslabore. Warum aber sollte ich Vorhersagen, für die es klare ökonomische Motive gibt, vorbehaltlos Glauben schenken?

      Da ist doch eher Skepsis angebracht, zumal es bereits in der Vergangenheit zahlreiche solche Ankündigungen gab. Doch nie trat der prophezeite Durchbruch jemals ein. Dieses Mal aber ist alles anders?

      Angesichts der enormen Kostenexplosion beim ITER-Projekt wird ohnehin immer zweifelhafter, ob die Fusionsenergie jemals wirtschaftlich wettbewerbsfähig sein wird – die erforderlichen Investitionen für die gigantischen, hochkomplexen Anlagen sind voraussichtlich schlicht viel zu hoch.

      Allein die Testprojekte in Frankreich verschlingen voraussichtlich mindestens 20 Milliarden Euro. Für dieses Geld lassen sich sechzig Windparks mit jeweils 100 Windrädern errichten!

    • Antesde sagt:

      Bitte nicht diese hypertrophierte Mittelalter-Technik
      wie groteske Monster-Windmühlen, die das Artensterben beschleunigen. Wenn es inzwischen 30 Startups im Fusionsreaktor-Sektor gibt, werden mit Sicherheit mehr als 20 Milliarden verbraucht. Aber das sind Peanuts. Die ersten 10 Reaktoren würden schon den break even bringen. Kleingeld! Hoffen wir also, das Sie sich irren.

  3. FrankieB sagt:

    Endlich mal einer der sagt weiter gehts
    Lange musste man suchen unter den ganzen schlechte-Laune-Machern, endlich mal einer der sagt wir können so weitermachen wie bisher. Uff! Denn es kann nicht sein dass diese ganze wunderbare Welt von Fast-Food, Wegwerf-Tand und schnell zu erfüllender Kurzweil-Sucht nicht mehr sein soll. Sind ja erst 70% des Planeten untertan gemacht, 100 Milliarden Tonnen Materie werden jedes Jahr vom Menschen umgewälzt, was ist das schon, schliesslich wiegt die Erde 2 Trilliarden t! Artensterben wird nicht stattfinden , davon ist Unnerstall “überzeugt” (zum Teufel auch mit lästiger Wissenschaftlichkeit, wenn es “Überzeugtheit” auch tut), und die biologischen Ressourcen reichen allemal aus, um Durst und Hunger zu stillen. Wer mehr will, erlebbare Natur etwa, kann sich dann ja alle möglichen Apps runterladen, das muss reichen.

  4. Heismann sagt:

    Energiewende bis 2040?
    Wenn ich es richtig sehe, verortet Unnerstall das ökologische Schlüsselproblem im Übergang zu erneuerbaren Energien. Wenn diese Transformation gelinge, könnten alle anderen ökologischen Probleme ebenfalls gelöst werden, glaubt der Autor.

    In der Rezension wird Unnerstall mit den Sätzen zitiert: „Wir müssen nur die fossilen Energieträger bis 2040 weitestgehend durch regenerative Energieträger ersetzen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dafür haben wir die nötigen Technologien und können uns dies leisten.“

    Tatsächlich? Das wären ja nur noch zwanzig Jahre!

    Ich halte die Energiewende für absolut erforderlich, denke aber nicht, dass sich bereits 2040 eine globale Klimaneutralität erreichen lässt. Die erforderlichen Technologien mögen, wie Unnerstall schreibt, im Prinzip bekannt bzw. vorhanden sein. In den meisten Fällen sind die Verfahren jedoch noch wenig ausgereift, nicht effizient genug, kaum praxistauglich und Meilen vom kommerziellen Einsatz entfernt.

    Plastisch zeigt dies die Brennstoffzelle, deren physikalisch-chemische Funktionsweise bereits im19. Jahrhundert bekannt war. Schon Jules Verne schwärmte von den Vorzügen der Wasserstoff-Technologie. Tatsächlich aber ist auch mehr als 100 Jahre später von Fuel Cells in der Praxis sehr wenig zu sehen. Die Schwierigkeiten, die Brennstoffzelle zur Marktreife zu bringen, wurden von Ingenieuren und Entwicklern augenscheinlich dramatisch unterschätzt.

    So kündigte der Autohersteller Daimler Ende der 1990er Jahre an, er werde Serienfahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieb auf den Markt bringen. 2004 werde eine Fuel-Cells-Variante der A-Klasse herauskommen. Später war von 2017 die Rede. Doch bis heute brausen keine Fuel Cell Cars Made in Stuttgart über unsere Straßen.

    Auch in der Elektromobilität geht es lediglich im Schneckentempo voran. Heute werden in den Autos ganz überwiegend Lithium-Ionen-Akkus verbaut. Diese Technologie hat nicht nur einen recht geringen Wirkungsgrad. Lithium ist überdies nicht gerade das reichlichste auf diesem Planeten verfügbare Mineral.

    Obendrein werden die Vorkommen großenteils unter skandalösen ökologischen und sozialen Bedingungen ausgebeutet. Schließlich ist die Entsorgung der giftigen Lithium-Batterien noch nicht so recht geregelt. Es gibt zwar technologische Alternativen, die effizienter sowie ökologisch und sozial weniger bedenklich sind. Doch die sind offenbar noch weit vom Durchbruch entfernt.

    Bei der Stromerzeugung sind die alternativen Energien klar auf dem Vormarsch. Die Windkraft hat hierzulande die Kohle als wichtigste Primärenergie abgelöst. Die regenerativen Energien unterliegen aber bekanntermaßen starken Schwankungen. Zum Ausgleich der hohen Volatilität werden bis auf weiteres Gaskraftwerke benötigt – ganz ohne fossile Energien funktioniert die grüne Stromwirtschaft heute leider noch nicht.

    Alternativ könnten die Schwankungen beim Grünstrom mit Speichertechnologien aufgefangen werden. Hier aber gibt es bislang keine wirklich überzeugenden Lösungen. Pumpspeicherkraftwerke lassen sich aufgrund des erwartbaren Widerstandes von Naturschützern nicht bauen.

    Theoretisch könnte überschüssiger grüner Strom dazu genutzt werden, per Elektrolyse aus Wasser Wasserstoff zu gewinnen. Dieses chemische Element lässt sich auf vielfältige Weise verwenden: Als Beimischung zum Erdgas, mit dem in Privathaushalten gekocht und geheizt wird. Als Energiequelle in Hochöfen und Chemiewerken. Und schließlich als Brennstoff für Fuel Cell Cars.

    Leider hat Wasserstoff ein paar unerfreuliche Eigenschaften. Es ist ein aggressives chemisches Element, das die stählernen Wandungen von Gas-Pipelines beschädigen kann. Überdies erzeugt Wasserstoff recht schnell Explosionen, wie der Unfall des Luftschiffs „Hindenburg“ in den 1930er Jahren zeigte.

    Obendrein ist die Energiedichte erheblich geringer als bei Benzin, Diesel oder Heizöl. Für die Lagerung wird ein fünf bis zehn Mal so hohes Volumen benötigt wie bei fossilen Energieträgern. Das gilt für Tanklaster und Tankstellen ebenso wie für die Autos, die mit diesem Brennstoff fahren. Damit ein Flugzeug mit Fuel Cells von Frankfurt nach New York fliegen kann, müsste wohl die gesamte Passagierkabine mit Wasserstoff gefüllt werden.

    Aus den genannten Gründen würde für eine Wasserstoffwirtschaft eine völlig neue Infrastruktur benötigt, bestehend aus riesigen Elektrolyse-Farmen, einem dedizierten, bundesweiten Pipeline-System und schließlich einem hinreichend dichten Tankstellen-Netz für private und gewerbliche Nutzer. Der Investitionsbedarf dürfte sich allein in Deutschland auf dreistellige Milliarden-Summen belaufen.

    Ich befürchte, dass der Autor sich den immensen ökonomischen Aufwand, den die Energiewende erzwingt, nicht einmal näherungsweise vor Augen führt. Allein in der Bundesrepublik dürften sich die Kosten auf mehrere Billionen Euro belaufen. Weltweit ist mit einer zwei-, vielleicht sogar dreistelligen Billionen-Summe zu rechnen.

    Einen Gutteil der Investitionen hätten die privaten Haushalte zu tragen, die heute in den meisten Ländern die größten Verbraucher fossiler Energien sind. Zum Heizen und für Warmwasser werden heute nahezu ausschließlich Erdgas, Heizöl und Kohle verwendet. Wie sich hier die Energieversorgung binnen einiger weniger Jahrzehnte auf regenerative Quellen umstellen lässt – und dies weltweit! – ist mir leider ganz und gar nicht klar.

    Die Energiewende muss und wird kommen – sonst ist dieser Planet irgendwann nicht mehr bewohnbar. Doch bis Haushalte, Industrie und Verkehr beim Energieverbrauch tatsächlich klimaneutral sind, dürfte es erheblich länger dauern als der Autor glaubt. Womöglich ist dies erst Ende des 21. Jahrhunderts der Fall – und nicht schon im Jahr 2040.

  5. DV06661 sagt:

    Wann haben sie zuletzt einen Ortolan gesehen?
    Thomas Unnerstall, der im Ruhestand befindliche, ehemalige Vorstand eines Stadtwerkes, kommt durch ausgiebige (und ausschließliche) Internetrecherche zu vollkommen anderen Schlussfolgerungen als z.B. der Weltbiodiversitätsrat (IPBES).

    Was für ein unglaublich kluger Mensch!

  6. KeimB sagt:

    Es führt kein Weg daran vorbei
    Die Meinungen zum Thema Nachhaltigkeit teilen sich derzeit zwischen Hysterie auf der einen und Ignoranz auf der anderen Seite. Erstere malen bei jeder Gelegenheit den Weltuntergang an die Wand, letztere den Untergang der Wirtschaft, wenn man nachhaltig wirtschaftet.
    Stimmen der Vernunft tun daher Not. Vernunft orientiert sich an Fakten und nicht an Wünschen, kultiviert nicht Ängste, sondern sinnvolle Möglichkeiten. Die Erde ist halt nun einmal ein geschlossenes Ökosystem und wir mitten drin. Wie für alle Systeme gilt auch für die Ökosphäre, dass sie sich in einem Zustand der Homöostase befindet, d.h. es stabilisiert sich selbst, verdaut Störungen, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Sind die Störgrößen zu groß, bricht es zusammen. Die oft zitierten Kipppunkte beziehen sich auf solche Störungen, die eben so gewaltig sind, dass sich das System nicht mehr von selbst reparieren kann. Die Schäden werden irreversibel. Für den CO2 Anstieg gilt dies im Besonderen. Ihn zu limitieren mag eine Menschheitsaufgabe sein, aber eine kostenfreie Alternative gibt es dazu nicht, wenn man die Folgeschäden des Nichtstun miteinbezieht. Diese sind ungleich höher als die erforderlichen Maßnahmen für die Energiewende.

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