Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ignorante Republikaner

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Die Ungleichheit zwischen schwarzen und weißen Amerikanern ist groß. Warum ändert sich das nicht?
 

 

 
 
Gut eineinhalb Jahre ist es her, dass der weiße Polizist Derek Chauvin dem Afroamerikaner George Floyd neun Minuten lang sein Knie in den Hals drückte. Floyd starb, Chauvin wurde angeklagt und schuldig gesprochen. Er legte Berufung ein, vor wenigen Tagen hat er sich erstmals schuldig bekannt. Der Fall hat rund um die Welt Massenproteste unter der Überschrift “Black Lives Matter” ausgelöst. Und eine alte Debatte neu angeheizt: Werden Schwarze in den USA systematisch diskriminiert?
 
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Was außer Frage steht: Ökonomisch gesehen, ist die Kluft zwischen weißen und schwarzen Amerikanern groß. Schwarze Bürgerinnen und Bürger verdienen weniger als Weiße, leben kürzer, und die Corona-Pandemie trifft sie besonders hart. Sechs Jahrzehnte nach der Bürgerrechtsbewegung beträgt ihr mittleres Haushaltseinkommen immer noch nur 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens der Weißen. Der Anteil der schwarzen Amerikaner, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ist mehr als doppelt so hoch wie unter weißen. Schwarze Männer sterben im Durchschnitt viereinhalb Jahre früher als weiße Männer. Im Vergleich zwischen schwarzen und weißen Frauen ist die durchschnittliche Lebenserwartung der schwarzen um drei Jahre geringer. Viele sind sich einig, dass das kein akzeptabler Zustand ist. Über die Ursachen dieser Probleme oder darüber, was zu deren Lösung beitragen könnte, scheiden sich allerdings die Geister.
 
Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsfeldern haben versucht, die Gründe für die andauernde Ungleichheit zu ergründen. Ältere Studien deuten darauf hin, dass es in weiten Teilen der US-Bevölkerung einen Widerstand gegen Maßnahmen gibt, die das Leben der schwarzen Bevölkerung zu verbessern versuchen – und dass diese Ablehnung in einer Mischung aus starkem Eigeninteresse und rassistischen Vorurteilen wurzelt. Außerdem hänge die Unterstützung für solche Maßnahmen damit zusammen, ob man überhaupt eine Diskriminierung wahrnehme. Denn darin sind sich nicht alle einig. Andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Amerikaner insgesamt die wirtschaftliche Situation und die Aufstiegsmöglichkeiten der Schwarzen tendenziell überschätzen.
 
In einem aktuellen Projekt ist eine Forschergruppe um die Harvard-Ökonomin Stefanie Stantcheva dem Thema systematisch auf den Grund gegangen. Die Fragen, die sie stellte: Was wissen schwarze und weiße Amerikaner über die wirtschaftliche Kluft zwischen den Gruppen? Was halten sie für deren Ursachen? Und was sollte ihrer Meinung nach getan werden, um sie zu verringern? Der Werkzeugkasten der Wissenschaftler: eine Reihe ausführlicher Umfragen und Experimente, die sie in der weißen und der schwarzen Bevölkerung, unter Erwachsenen und Jugendlichen zwischen 13 und 17 sowie in weiten Teilen des Landes durchführten. “Wir sind daran interessiert, die Wahrnehmungen über rassische Ungleichheiten entlang vieler Dimensionen zu dokumentieren”, schreiben die Forscher. Dafür befragten sie die Probanden einerseits, wie sie die Umstände und Chancen ihrer eigenen ethnischen Gruppe beurteilten, und andererseits, wie sie die Situation der anderen Gruppe sahen.
 
Was also fanden Stantcheva und ihre Kollegen heraus? Auf den ersten Blick schien es, als hingen die Einstellungen der Befragten zu den Lebensverhältnissen und Möglichkeiten der Afroamerikaner stark von ihrer eigenen Ethnie ab. Schwarze Amerikaner schätzten den Chancenunterschied zwischen den beiden Gruppen als größer ein als weiße, und sie nahmen sich eher als benachteiligt wahr.
 
Ein genauerer Blick zeigte aber, dass es nicht so sehr die Ethnie als vielmehr die parteipolitische Neigung war, die die unterschiedlichen Einstellungen erklärte. Weiße Demokraten teilten in vielen Fragen dieselben Ansichten wie schwarze Demokraten. Sie glaubten eher, dass die andauernden Unterschiede auf systemische Ursachen wie das Erbe der Sklaverei, langjährige Diskriminierung und Rassismus zurückzuführen seien. Und schwarze wie weiße Demokraten hielten diesen Zustand für untragbar, wünschten sich deshalb eine stärkere Umverteilung sowie gezielte politische Bemühungen, die Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung zu lindern.
 
Anders die weißen Republikaner. Sie hielten die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen in erster Linie für das Ergebnis individueller Handlungen und Entscheidungen. Politische Eingriffe lehnten sie deshalb ab. Selbst als die Forscher den Befragten Informationen über das Einkommensgefälle zwischen Schwarzen und Weißen oder die Unterschiede in den Aufstiegsmöglichkeiten von schwarzen und weißen Kindern gaben, neigten die befragten Republikaner weiter dazu, bei ihren unterschätzenden Wahrnehmungen und ihrer Ablehnung einer interventionistischen Politik zu bleiben. Mehr noch: Die Informationen ließen die Ablehnung noch wachsen. Vermutlich, schreiben die Forscher, hielten sie schon die bereitgestellten Informationen für – parteipolitisch voreingenommen – zu links.
 
Besonders viel Ablehnung der gezielten Förderung von Schwarzen fanden die Forscher in dem Teil ihrer Studie, in dem sie die Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren befragten. Deren Ansichten stimmten weitgehend mit den politischen Überzeugungen ihrer Eltern überein, aber nicht ganz. Die Kinder weißer Republikaner nahmen noch extremere Sichtweisen an als ihre Eltern. Sie schätzten die Lebensverhältnisse der schwarzen Bürger noch besser ein als die Älteren und sprachen sich noch entschiedener gegen Umverteilung und Anti-Diskriminierungsmaßnahmen aus. Unter weißen Demokraten waren die Jugendlichen tendenziell zwar offen für solche Maßnahmen. Nicht aber, wenn es um die Hochschulförderung ging. Weiße Teenager lehnten bevorzugte Zulassungen schwarzer Bewerber an den Universitäten stärker ab als weiße Erwachsene. Vielleicht weil sie glaubten, dass solche Maßnahmen ihnen selbst zum Nachteil werden?
 
Und wie sieht es mit dem Mord an George Floyd und den daraus resultierenden Protesten aus? Haben diese Geschehnisse etwas in den Befragten bewegt? Auch das konnten die Forscher messen, weil sie ihre erste Befragungswelle 2019 und zwei weitere Wellen nach dem Mord im Mai 2020 durchführten. Das Resultat: Unter den schwarzen Befragten konnten die Forscher keine Veränderung in den Ansichten feststellen. Bei den weißen Befragten änderte sich kurzfristig sowohl etwas an ihrer Einschätzung, ob die unterschiedlichen Lebensverhältnisse auf Rassismus und Diskriminierung in der Vergangenheit zurückzuführen seien, als auch an ihrer Einstellung zu politischen Korrekturen. Allerdings waren diese Änderungen bis Ende Juni verblasst, bei Republikanern wie Demokraten. “Es gibt diesen vorübergehenden Effekt dieses sehr traurigen und sehr empörenden Ereignisses”, sagte Stantcheva. Entscheidender seien aber lange bestehende Erzählungen: “Am Ende kehren die meisten Menschen zu ihrer ursprünglichen Grundeinstellung zurück.”
 

Literatur:

A. Alesina, M. F. Ferroni, S. Stantcheva (2021): Perceptions of Racial Gaps, their Causes, and Ways to Reduce Them. NBER Working Paper 29245.
 

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