Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der große Gas-Streit

| 4 Lesermeinungen

Eine Studie zu Gasembargos sorgt für Ärger. Dabei geht es nicht nur um Sachfragen.

Herrscht Druck? (Foto: Reuters)
So umstritten war eine ökonomische Studie selten. “Unverantwortlich” sei es, “irgendwelche mathematischen Modelle zusammenzurechnen, die dann nicht funktionieren”, schimpfte Bundeskanzler Olaf Scholz vergangenes Wochenende in einem Fernsehinterview. Auch innerhalb der Ökonomenzunft war der Ton rau. Über die “Ökonomen-Feldherren” schimpfte Gustav Horn, der früher selbst ein Institut leitete, nämlich das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Was ist das für eine Studie, die so viel Ärger auslösen kann? Und wer hat recht?
 
Es geht um den Ukrainekrieg, um das Szenario eines Gasembargos. Gleich neun angesehene Ökonomen aus Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten berechneten ein Modell der internationalen Wirtschaft und kamen zu einem klaren Schluss: Wenn Deutschland kein russisches Gas mehr bekäme, schrumpfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt nur um höchstens drei Prozent – weniger als während der Corona-Pandemie. Kann man das glauben? Darf man so ein Modell zur Leitlinie nehmen? Der Streit tobt an diesem Wochenende immer noch – und er hat mindestens drei Dimensionen: erstens die Frage, ob das Modell richtig ist. Zweitens steckt im Kern des Streits eine Wertfrage. Und drittens geht es um den Umgang mit wissenschaftlichem Rat in der Politik.
 

Ist das Gas-Modell richtig?

Die Fachfrage ist davon vielleicht noch die einfachste. Ist das Modell richtig? Schließlich ist jedes wissenschaftliche Modell nur eine Annäherung an die Realität. Solche Modelle verhalten sich zum echten Leben wie die Landkarte zur echten Welt: Sie sind vereinfacht, zeigen aber idealerweise trotzdem den Weg. Schlecht wird es, wenn man die falsche Landkarte hat. Wenn man zum Beispiel einen Stadtspaziergang machen möchte, aber nur den U-Bahn-Plan dabei hat, in dem keine Straßen und keine Fußwege eingezeichnet sind. In diesem Sinn hat das Modell der Ökonomengruppe durchaus Stärken und Schwächen. Das verwendete Modell ist zum Beispiel durchaus eines der pessimistischeren, und es berücksichtigt die Lieferketten zwischen unterschiedlichen Branchen und unterschiedlichen Ländern. Andererseits war es einst entwickelt worden, um langfristige Veränderungen des internationalen Handels zu untersuchen – und aktuell diskutiert Deutschland ja eher darum, welche Folgen ein kurzfristiger Gaslieferstopp hätte.
 
In der Zwischenzeit sind auch andere Studien erschienen, sie beziffern den Schaden für die deutsche Wirtschaft eher auf fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das wäre etwas mehr als der Corona-Schock.
 
Und dann ist da die Frage, ob es für so ein unerforschtes Gebiet wie den plötzlichen Ausfall eines so großen Gaslieferanten überhaupt schon geeignete Landkarten gibt. Erfahrungen gibt es mit dieser Frage kaum, können dann die Modelle zuverlässig sein? Funktioniert das alles in der Praxis so gut wie in der Theorie? Die Studienautoren selbst verweisen darauf, dass Deutschland einige Monate Zeit hat, um sich einzuruckeln, bis der Gasbedarf im nächsten Winter wieder steigt. Auch über diese Frage wird gestritten. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass die Debatte so hitzig geworden ist.
 

Es geht auch um Werte

Leidenschaftlich werden die Debatten über wissenschaftliche Ergebnisse oft dann, wenn dahinter ein Konflikt über Weltanschauung und Grundwerte steht. In diesem Fall zeigte das die Diskussion vergangene Woche bei Markus Lanz. Dort traf Rüdiger Bachmann, einer der Studien-Autoren, auf den SPD-Politiker Michael Roth. Es ging auch um die Frage, ob Lieferketten unterbrochen werden, weil ohne Gas wichtige Vorprodukte für andere Branchen fehlen, zum Beispiel Glasverpackungen für Medikamente.
 
Ökonom Bachmann betonte, die Unternehmen seien sehr gut darin, fehlende Vorprodukte schnell aus anderen Ländern zu beschaffen, wenn ihre bisherigen Lieferanten ausfielen, manchmal sogar schon innerhalb weniger Wochen. Das heißt: Auch die deutschen Glasverpackungen könnten vielleicht bald durch Glas aus anderen, besser mit Gas ausgestatteten Ländern ersetzt werden. Roth schüttelte den Kopf. Aber nicht, weil er an Bachmanns Aussage zweifelte. Sondern weil er eine grundsätzliche Angst hatte, dass dann die betroffenen deutschen Betriebe in die Insolvenz gehen, wenn sie ihre Kunden nicht mehr konkurrenzfähig beliefern könnten.
 
Niemand bestritt, dass es sich nur um einen kleinen Teil der deutschen Wirtschaft handeln würde. Aber da war die Wertfrage in den Streit hineingekrochen: Soll man den Bestand eines messbaren Teils der deutschen Unternehmen riskieren, um Putin etwas näher ans Aufgeben zu bringen? Das ist keine Frage, die Ökonomen beantworten können. Aber in dem verwendeten Modell steckt schon die Entscheidung drin, dass Importe aus anderen Ländern in Ordnung sind, wenn man sie bekommt.
 
Vielleicht sind solche Wertfragen der Grund dafür, dass sich die besonders leidenschaftlichen Gegner der Studie klar verorten lassen. Am lautesten schimpften SPD-Politiker sowie Ökonomen, die eine besondere Nähe zur SPD, zu Gewerkschaften oder zur Industrie haben. Sie sind jedenfalls mindestens ebenso wichtig wie die Frage, ob das BIP um drei oder fünf Prozent schrumpft.
 

Wertentscheidungen in der Wissenschaft

Solche Wertentscheidungen stecken bei genauerem Hinsehen in vielen wissenschaftlichen Modellen der vergangenen Jahre. Bei näherem Hinsehen findet man sie in dem einen oder anderen Corona-Modell oder in den Abschätzungen von Klimawandel-Folgen. Selbst in der Debatte um den Stickoxid-Ausstoß von Dieselautos fanden sich in den relevanten Studien immer wieder Wertentscheidungen, die nicht explizit gemacht wurden, die aber nicht unbedingt den Werten der Mehrheit der Deutschen entsprechen.
 
Wie geht man mit solchen Wertfragen um? Es wäre illusorisch zu glauben, dass sich solche Fragen aus der Wissenschaft komplett heraushalten ließen. Wissenschaftliche Modelle sind längst nicht perfekt und praktisch immer diskussionswürdig, aber oft das Beste, was die Menschheit an Wissen über eine Frage hat. Nötig ist, dass Wissenschaftler ihre Wertentscheidungen nach Möglichkeit offenlegen – wenn sie ihnen selbst überhaupt auffallen.
 
Zur redlichen Debatte gehört aber auch die andere Seite: Wer eine Wertfrage entdeckt, muss darüber diskutieren. Wer es macht wie der Bundeskanzler und undifferenziert auf mathematische Modelle schimpft, der muss sich nicht wundern, wenn in der nächsten Corona-Debatte auch die Modelle der Epidemiologen keinen Glauben mehr finden. Umso übler sind solche Schimpftiraden von Leuten, die sich selbst als Wissenschaftler betrachten.
 

Im Blog stand kurz der Halbsatz, das Modell würde nicht zwischen Gas- und anderen Energieimporten unterscheiden. Das trifft nur auf eines der im Paper verwendeten Modelle zu.

 

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4 Lesermeinungen

  1. ruberger sagt:

    Die wichtigste Frage ist eine andere,
    nämlich die, ob die Schäden und Einbußen durch ein Energieembargo gegen Russland tatsächlich Putin näher ans Aufgeben bringen oder, alternativ, Personen aus seinem Umfeld zu einem Königsmord motivieren. Um dafür einen Anreiz zu bieten, müsste man natürlich in Aussicht stellen, das Embargo bei Wohlverhalten wieder aufzuheben. Das geschieht aber gerade nicht. Vielmehr scheint man sich auf einen dauerhaften Abschied von russischen fossilen Importen einzustellen, selbst dann, wenn es bald zu einem Waffenstillstand, Rückzug russischer Truppen und Friedensabkommen käme.
    Der eigentliche Punkt scheint mir also zu sein, dass dem nicht vernachlässigbaren Schaden durch ein Embargo keine realistische Chance auf eine positive Wirkung der Maßnahme entgegensteht.

  2. DrAschauer sagt:

    Modell mussen valdiert werden
    Tja, das haben mathematisch modelle so an sich : es sind modelle und die mussen um anwendbar zu sein valdiert werden. Dies ist bislang nicht geschenen, wer sich sich auserhalb seines parameterraums soweit zu extrapolieren traut, begebt einen moglicherweisen fatalen fehler, der auch die glaubwurdigkeit der wissenschaft unterminiert. Ganz zu schweige von den realen folgen. Methodisch sehr unsauber was herr bachmann da gemacht hat, hab direkt auch einige fakten fehler gefunden (falsche randbedingungen). Man darf zudem die gesetze der physik nicht auser acht lassen.

  3. ThoWahl sagt:

    Ein Modell ist eben keine Landkarte
    Der Vergleich eines dynamischen, ökonomischen Modells mit einer Landkarte führt in die Irre. Landkarten sind einfache und etwas einseitige Abbilder. Mit ihnen kann man keine Entwicklungsszenarien durchrechnen. Inwiefern Modelle “richtig” sind, d.h. realitätsnahe Szenarien liefern, sieht man auch erst hinterher. Und die Extrapolation von monetär gemessenem Wachstum über ein ganzes Jahr besagt eben nichts über das qualitative materielle Wachstum in den physischen Produktionsnetzen, also im wirklichen industriellen Prozessen. Das können ökonomische Modelle auch nicht leisten. Und schon gar nicht in chaotischen Situationen, wie einem sofortigen Importstop, wo die Substitutionsmöglichkeit erst mal gegen Null geht.

  4. vcaspari sagt:

    Gratulation Herr Bernau
    Sie haben die zwei wesentlichen Punkte genannt. Substitutionswahrscheinlichkeiten und Wertentscheidungen. (Gilt übrigens auch für die Geldpolitik in der gegenwärtigen Situation).

    In der längeren Frist, kann man von (begrenzten) Substitutionsmöglichkeiten ausgehen. Kurzfristig ist das vergleichsweise schwer.
    Und Freihandel im Ricardoschen Sinne, also beschränkt auf die Güter ist halt etwas anders als Freihandel, bei dem auch die beweglichen Produktionsfaktoren, insbesondere das Kapital (d.h. die Unternehmen), durch die Welt wandert. Der Boden kann nicht, die Arbeit kann oder will nicht und das Kapital ist gelegentlich scheu, wenn es nicht an Technik gebunden ist.

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