Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Das Ende des Elefanten

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Die Globalisierung überholt die reichen Staaten. Die Einkommen der Ärmsten wachsen jetzt schneller als die der Reichen.

Es war eine der wichtigsten Grafiken der modernen Ökonomie: das Elefanten-Chart. Es zeigte, wie sich die Einkommen der Menschen weltweit entwickelt hatten, und zwar in den 90er- und 00er-Jahren. Erst kam der große Buckel: Er zeigte, dass die ärmeren zwei Drittel der Menschen ihre Einkommen enorm gesteigert hatten. Dann kam das tiefe Tal, die Unter- und Mittelschicht der reichen Staaten, deren Einkommen praktisch stangierten. Vorne stieg die Kurve wieder an, sie erinnerte an einen Rüssel: Die Reichsten der Welt gewannen ungefähr genauso viel wie die Ärmeren.

Der Ökonom Branko Milanovic hatte all das errechnet. Und wer die Grafik sah, hatte plötzlich ziemlich viele Phänomene der Welt erklärt oder doch zumindest abgebildet: die Unzufriedenheit in den reichen Staaten, die zur Wahl von Donald Trump und zur Brexit-Abstimmung führte. Der unglaubliche Aufstieg Chinas und anderer asiatischer Länder, der Millionen Menschen aus der Armut führte. Die Angst vieler Menschen im Westen, ihren Arbeitsplatz nach Asien zu verlieren. Und die wachsende Ungleichheit in vielen westlichen entwickelten Staaten.

Jetzt hat Milanovic eine neue Version seiner Grafik ausgerechnet. Und sie sieht nicht mehr aus wie ein Elefant.

Nun beschreibt die Grafik fast eine gerade Linie von links oben nach rechts unten. Sie zeigt die Lage zwischen 2008 und 2018, also ungefähr das Jahrzehnt vor der Pandemie. Die Allerärmsten haben am meisten profitiert, ihre Einkommen stiegen am deutlichsten. Mit zunehmendem Einkommen wurde die Steigerung immer kleiner, die Reichsten der Welt litten in dieser Zeit unter der Finanzkrise und einigen anderen Problemen. Ihre Einkommen stiegen kaum.

China hat inzwischen mehr Reiche als Deutschland

Wie in den vergangenen Jahren, so stiegen auch dieses Mal wieder die Einkommen der Ärmsten nicht zuletzt in China. Die Folge: Die Reichen der Welt stammen inzwischen fast zur Hälfte aus den USA und aus China. Milanovic betrachtet dazu die reichsten fünf Prozent der Menschen weltweit, und in dieser Gruppe gibt es inzwischen mehr Chinesen als Deutsche. Natürlich hat China deutlich mehr Einwohner, trotzdem ist diese Entwicklung neu.

Die Mittel- und Unterschicht in den reichen Staaten dagegen hat zwar nicht absolut an Einkommen verloren, aber relativ an Position. Viele aufstrebende Menschen in den Schwellenländern sind jetzt reicher als die Unter- und Mittelschicht der reichen Staaten. Das ist nicht unbedingt leicht zu verkraften. Schon länger ist bekannt, dass viele Menschen lieber mittelmäßig reich in einer armen Umgebung wären als sehr reich in einer Umgebung, in der die anderen noch reicher sind – so zeigen es Umfragen und ökonomische Experimente. (Das heißt nicht, dass jeder dieser Menschen deshalb gleich Deutschland verlassen will, um in ein ärmeres Land zu ziehen. Aber in der Praxis arbeiten viele aktiv darauf hin, ihre relative Einkommensposition in einem Land zu verbessern – auch um den Preis, dass die Entwicklung des ganzen Landes möglicherweise leidet.)

Und wer das sieht, kann vielleicht verstehen, dass sich eine gewisse strategische Rivalität zwischen den USA und China bildet, die über reine Fragen von Werten und Menschenrechten hinausgeht.


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