Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Karriereknick durch #MeToo

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Amerikas Frauen wehren sich gegen sexuelle Übergriffe. Dafür zahlen sie einen Preis.

Tarana Burke, Initiatorin der #MeToo-Bewegung. (Foto: dpa)

Alles begann mit dem Filmproduzenten Harvey Weinstein. Im Oktober 2017 warfen ihm Dutzende von Frauen vor, er habe sie sexuell missbraucht und vergewaltigt. Seine Frau ließ sich scheiden, seine Produktionsfirma entließ ihn und ging später in die Insolvenz. Weinstein wurde zu 23 Jahren Haft verurteilt. Doch das waren nur die persönlichen Folgen der Enthüllungen.

Die anderen reichten noch viel weiter: In den sozialen Medien kam der Hashtag #MeToo auf, unter dem Tausende von Frauen über ihre Erlebnisse berichteten – von der Schauspielerin Uma Thurman bis zur Sängerin Lady Gaga. Dank Hashtag lässt sich sehr gut verfolgen, wie breit die Debatte lief. In kurzer Zeit wurden Millionen von Beiträgen zum Thema geschrieben – nach nur einem Tag hatte die Hälfte der amerikanischen Facebook-Nutzer von der Debatte zumindest gelesen.

Konsequenzen für übergriffige Männer ließen nicht lange auf sich warten. Ein Jahr später konnte die “New York Times” auszählen: 201 prominente Männer hatten ihren Arbeitsplatz verloren, die meisten bekamen gar keinen Nachfolger – aber immerhin auf 54 Stellen rückte eine Frau.

Die Folgen von MeToo behindern die Karrieren von Frauen

War MeToo also nicht nur ein Sieg für den korrekten Umgang miteinander, sondern auch für die Karrieren von Frauen? Das ist nicht so eindeutig. Die australische Ökonomin Marina Gertsberg macht jedenfalls auf die Gefahr aufmerksam, dass die Folgen von MeToo die Karrieren von Frauen behindern. Sie analysiert auch ein Berufsfeld, in dem das schon geschehen ist: ihr eigenes, die Universitäten.

Dort sind die Arbeit und ihre Ergebnisse recht transparent. Studien werden veröffentlicht, viele Wissenschaftler beschreiben sogar auf ihren Homepages, woran sie gerade arbeiten. Die Publikationen zeigen dann auch, wer mit wem zusammengearbeitet hat – eine hervorragende Ausgangslage, um den Arbeitsfortschritt zu analysieren.

Gertsberg untersuchte nun die Forschungsleistung von Frauen in der Zeit um die MeToo-Welle herum. An wie vielen Forschungsprojekten arbeiten Ökonominnen an den 100 wichtigsten Universitäten der Vereinigten Staaten? Das zählte sie aus. Auch die Ökonomik hat, vor allem in den Vereinigten Staaten, in den vergangenen Jahren ausführlich darüber diskutiert, was junge Frauen in der Forscherwelt alles erleben mussten. Das Unbehagen begann damit, dass Vorstellungsgespräche meist zentral beim Jahrestreffen der Ökonomen stattfinden, damit die Beteiligten nicht so viel reisen müssen. Diese Jahrestreffen finden fast immer in Hotels statt. Die Tagungsräume sind mit dem Kongress belegt, also mieteten Universitäten für ihre Vorstellungsgespräche oft herkömmliche Hotelzimmer – in denen dann die Bewerberinnen und die alten Ökonomen auf dem Bett sitzen mussten.

Junge Frauen begannen weniger neue Projekte

In dieser Welt stellte Gertsberg fest: Nach dem MeToo-Skandal begannen junge Frauen plötzlich viel weniger neue Forschungsprojekte als vorher. Statt durchschnittlich 1,7 neuen Forschungsprojekten im Jahr waren es plötzlich nur noch 0,9.

Was war geschehen? Gertsberg kann zeigen, dass die jungen Frauen plötzlich seltener mit anderen Forschern zusammenarbeiten, und zwar viel seltener. Dabei fehlt ihnen nur eine Gruppe von Kollegen: die alten Männer. Die Zusammenarbeit zwischen erfahrenen Männern und jungen Frauen wird so selten, dass es sich in der Forschungsleistung der jungen Frauen deutlich bemerkbar macht. Männer ersetzen die Zusammenarbeit mit Frauen durch die Zusammenarbeit mit anderen Männern, Frauen allerdings gelingt es nicht, die ausgefallenen Projekte dann mit anderen Frauen zu starten.

Wer stoppt da die Zusammenarbeit? Wer geht auf Distanz? Sind es die jungen Frauen, die angesichts der MeToo-Debatte plötzlich Angst davor bekommen, was die alten Männer ihnen antun könnten? Oder sind es die alten Männer, die plötzlich Sorge davor haben, was die Frauen ihnen vorwerfen könnten?

Die Männer bekommen Angst vor den Frauen

Gertsberg glaubt, es sind die Männer, die jetzt Angst vor den Frauen bekommen. Dazu zitiert sie nicht nur eine Reihe von Umfragen. Sie analysiert auch, an welchen Universitäten der Rückgang besonders kräftig ausfällt. Das sind natürlich Universitäten, in denen viele Fälle diskutiert werden – doch es macht auch einen messbaren Unterschied, ob die Universitäten in konservativen oder progressiveren Bundesstaaten liegen.

Gertsberg argumentiert: Wenn sich vor allem ängstliche Frauen zurückzögen, dann müsste das vor allem in den konservativeren Bundesstaaten geschehen, in denen Frauen eine schwächere Position haben. Tatsächlich geht die Zusammenarbeit aber vor allem in den progressiven Bundesstaaten zurück, in denen die Frauen eine stärkere Position haben. Gertsberg meint: Dort hätten eher die Männer Grund zur Sorge.

Detaillierte Regeln helfen

Es gibt noch ein zweites Indiz – und das kann man nach Gertsbergs Analyse auch nutzen, um den Schaden in Grenzen zu halten. Sie hat mit viel Mühe die Verhaltensregeln der Universitäten analysiert und festgestellt: Je unklarer die Regeln formuliert waren, desto schlechter war das für die Zusammenarbeit nach MeToo. Vor MeToo hätte man annehmen können, dass unklare Regeln eher zugunsten der Männer ausgelegt werden, so argumentiert Gertsberg. Danach aber würden unklare Regeln eher zugunsten der Frauen ausgelegt. Wenn der Effekt also bei unklaren Regeln stärker sei, dann deute das darauf hin, dass die Männer unsicher geworden seien.

Wie detailliert müssen also die Regeln zum Umgang zwischen den Geschlechtern sein, damit die Zusammenarbeit nicht so sehr leidet? Als Beispiel für eine detailliertere Variante zeigt Gertsberg eine Aufzählung, wie sie an einer Universität verwendet wurde: “Sexuelles Flirten, Annäherungen oder Bitten um ein Date, Fragen nach den sexuellen Aktivitäten, Phantasien oder Vorlieben einer anderen Person (. . .), das Eindringen in den persönlichen Freiraum einer Person, zum Beispiel näher stehen, als angemessen wäre (. . .) eine Person auf sexuell suggestive oder einschüchternde Weise ansehen.”

Ob so ein Katalog auch in Deutschland mehrheitsfähig wäre und ob er es sein sollte, kann Gegenstand weiterer Debatten sein. Sicher scheint jedenfalls: Wenn es solche Kataloge nicht gibt und wenn Männer sich unsicher fühlen, dann schaden Debatten über sexuelles Fehlverhalten der Zusammenarbeit am Arbeitsplatz – und am Ende oft der Karriere junger Frauen.


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