Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Heuschrecken im Krankenhaus

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Profitstreben hat im Gesundheitssystem nichts zu suchen. Oder etwa doch? Von Johannes Pennekamp

 
Gesundheitsminister Karl Lauterbach und die Ärzte in Deutschland liegen in etlichen Fragen über Kreuz. In einer Sache aber sind sie sich einig: Mit dem Profitstreben darf es nicht übertrieben werden, schließlich geht es in der Medizin um das Wohl der Menschen. Gemeint ist nicht das Profitstreben von Ärzten, sondern das von Finanzinvestoren. Denen ist der schnelle Gewinn angeblich wichtiger als die beste Behandlung der Kranken. Die Ärztekammer hat dazu gerade ein Papier veröffentlicht, in dem sie fordert, dass “fachfremde Finanzinvestoren” es künftig schwerer haben sollen, wenn sie medizinische Versorgungszentren übernehmen wollen. SPD-Minister Lauterbach arbeitet schon an einem entsprechenden Gesetz. Er wittert eine “billige Massenabfertigung” in den Versorgungszentren, die den sogenannten Heuschrecken gehören.
 
Billige Massenabfertigung ist nur ein Vorwurf von vielen. Finanzinvestoren stehen im Verdacht, Krankenhäuser und Praxen mit Schulden zu überziehen, aus Ärzten und Krankenschwestern noch mehr herauszupressen, als das ohnehin der Fall ist und die Krankenhäuser dann schnell wieder zu verkaufen. Rendite statt Rettung von Leben. Aber stimmt das überhaupt?
 
Antworten findet man am besten in den Vereinigten Staaten. Dort spielen Finanzinvestoren im Gesundheitswesen seit vielen Jahren eine größere Rolle als in Deutschland. In den vergangenen zehn Jahren haben sie 200 Milliarden Dollar in den Sektor investiert, schätzen Fachleute. Ein Großteil des Geldes floss in den Kauf von Krankenhäusern. Der Markt ist gigantisch: Die Gesundheitsausgaben entsprachen in Amerika insgesamt zuletzt 20 Prozent der Wirtschaftsleistung der größten Volkswirtschaft der Erde. Das ist mehr als die Industrie und der Energiesektor in Amerika zusammen ausmachen.
Wenn Finanzinvestoren Krankenhäuser kaufen, verändert sich in den Einrichtungen eine Menge – aber oft anders als von den Kritikern unterstellt. Das hat ein Forschertrio der Universitäten Georgetown und Indiana nun herausgefunden. Sie haben Hunderte Krankenhausdeals der vergangenen zwanzig Jahre ausgewertet, bei denen die Käufer Private-Equity-Unternehmen waren. Tatsächlich rationalisierten die neuen Eigentümer Personal weg und steigerten die Profitabilität der Häuser. Allerdings schrumpfte die Zahl der Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger in aller Regel nur unmittelbar nach den Übernahmen. Dann wuchs sie schnell wieder auf die alte Größe. In der Verwaltung wurde dagegen der Rotstift angesetzt. Mehr als jede achte Stelle strichen die Krankenhausmanager in diesem Bereich und sparten entsprechende Personalkosten.
 
Der Vorwurf, die Krankenhäuser würden finanziell ausgepresst, schnell wieder verkauft oder dichtgemacht, erhärtete sich aber nicht. Im Gegenteil stellten die Forscher, die einen Beobachtungszeitraum von acht Jahren im Blick hatten, fest: “Im Vergleich zur Kontrollgruppe und zu Krankenhäusern, die von anderen Käufern übernommen wurden, haben von Private-Equity-Unternehmen gekaufte Krankenhäuser eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit.”
 
Wie wirkt sich diese Rosskur auf die Patienten aus? Um das herauszufinden, untersuchen die Forscher die Sterblichkeitsraten und den Anteil der Patienten mit Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Lungenentzündung, die nach der Entlassung wieder eingewiesen werden mussten. “Wir stellen fest, dass die Sterblichkeitsrate bei Patienten in Krankenhäusern mit Private-Equity-Besitzern nicht signifikant ansteigt, während die Sterblichkeitsrate bei Patienten in Krankenhäusern mit anderen Besitzern geringfügig höher ist”, resümieren die Forscher. Auch bei den Wiedereinweisungen gab es keine auffälligen Ausschläge, sodass die Gesundheitsökonomen zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Versorgung nicht verschlechtert habe. Das deckt sich grob mit einer vergleichbaren Studie, die vor zwei Jahren im “New England Journal of Medicine” erscheinen ist. Die Autoren analysierten knapp 250 Krankenhäuser nach einer Übernahme oder Fusion und kamen zu ähnlichen Ergebnissen, was die Versorgung der Patienten anging.
 
Weniger Kosten für Patienten und das Gesundheitssystem – und die Patienten bekommen dennoch eine konstant gute Versorgung? Ganz so einfach ist das leider nicht. Eine Arbeit, die der Ökonom Tong Liu (MIT Sloan School of Management) gerade auf der Jahreskonferenz der American Economic Association präsentiert hat, bringt einen negativen Effekt ans Licht: Die Behandlungen wurden nämlich teurer, nachdem ein Private-Equity-Unternehmen ein Krankenhaus gekauft hatte.
 
Das lag daran, dass die amerikanischen Krankenhäuser direkt mit den Versicherungen darüber verhandeln, wie viel Geld für eine Behandlung fällig wird. Und offenbar sind die Finanzinvestoren besonders geübt darin. Forscher Liu vermutet, dass die Manager bessere Verhandlungsstrategien mitbringen und zudem glaubhafter damit drohen, das Krankenhaus wieder zu verkaufen oder in die Insolvenz gehen zu lassen, falls sie nicht die gewünschten Preise bekommen. Unter dem Strich kassierten die von Investoren übernommenen Krankenhäuser um 11 Prozent höhere Preise als vorher, hat Liu errechnet. Und auch Krankenhäuser, die mit denselben Versicherungen zusammenarbeiteten, aber keine Investoren hatten, bekamen in der Folge mehr Geld, ermittelte der Forscher. Unter dem Strich bedeutet dieser Preisanstieg, dass die Patienten tiefer in die Tasche greifen mussten, denn die Versicherungen werden nicht auf ihren höheren Kosten sitzen bleiben wollen.
 
Für ein reines Loblied auf die Finanzinvestoren gibt es also keinen Grund. Noch viel weniger Grund gibt es aber für eine Verteufelung der profitorientierten Geldgeber. Das gilt auch für Deutschland: Wer sich hierzulande in der Pflegebranche umhört, der erfährt, dass viele Heime überhaupt nur deshalb gebaut oder saniert werden können, weil finanzkräftige Investoren ins Risiko gehen und die Sache in die Hand nehmen. Und auch mancher Arzt sieht in fachfremden Investoren die letzte Chance, die eigene Praxis überhaupt noch zu Geld machen zu können. Der Gesundheitsminister – der nach eigenem Bekunden nächtelang wissenschaftliche Studien liest – braucht also bessere Argumente, wenn er Investoren an die kurze Leine nehmen will. Hier noch ein paar Lesetipps für den Minister:
 
 
Janet Gao, Merih Sevilir, Yong Seok Kim: Private Equity in the Hospital Industry, European Corporate Governance Institute – Finance Working Paper No. 787. 2021
 
Nancy D. Beaulieu et al: Changes in Quality of Care after Hospital Mergers and Acquisitions, New England Journal of Medicine, 2020
 
Tong Liu, Bargaining with Private Equity: Implications for Hospital Prices and Patient Welfare, 2022

1 Lesermeinung

  1. UserPL_1669538648341 sagt:

    Monopol im Raum & Dualität
    Habe gehört, die equity funds haben wohl Monopole im Raum geschaffen und können nun Monopol/Oligopolrenten abgreifen und daher evtl. auch die höhere Verhandlungsmacht. Dies lässt sich aber regulatorisch wohlfahrtsoptimaler in Griff bekommen als durch pauschale Verbote.

    Anderer Punkt ist allerdings kritischer. Ergebniss beider Studien, ungefähr selbe Leustung zu höheren Preisen. Würde das in einem Pauschalssystem wie in D nicht laut Dualitätstheorie in gleicher Preis weniger Leistung enden?

    Nichts desto trotz, wenn es für private Raum gibt, versagt der Staat irgendwo (was natürlich ist). Deswegen ist ein Verbot für Investoren sicher suboptimal!

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