Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum sind Piraten Demokraten?

Kommt es zu einer Schlacht auf den sieben Weltmeeren? Ökonomen debattieren, wie sich die Piraten früher organisiert haben. Das Thema ist nur scheinbar absurd: Es geht um hochaktuelle Fragestellungen.

„15 Mann auf des toten Manns Kiste,
jo-ho-ho, und die Buddel voll Rum!
Fünfzehn Mann an der krummen, dürren Küste,
jo-ho-ho, und die Buddel voll Rum!
Und sie hör’n den Teufel in den Klippen singen,
jo-ho-ho, in der Buddel voll Rum!
Und sie lecken den Tau von den Messerklingen,
jo-ho-ho, und der Buddel voll Rum!
Denn sie hatten kein Schiff, sie nach Hause zu bringen,
jo-ho-ho, und die Buddel voll Rum!“ *)

 

1. Auftritt der Piraten

Im Jahre 2009 veröffentlichte der junge amerikanische Ökonom Peter T. Leeson (George Mason University) ein Buch mit dem Titel „The Invisible Hook: The Hidden Economics of Pirates“. Wir haben dieses Buch nicht gelesen (und wussten bis vor wenigen Tagen nicht einmal von seiner Existenz), aber Leeson hatte wesentliche Teile seiner Argumentation zuvor in einem leicht zugänglichen Artikel („An-arrgh-chy: The Law and Economics of Pirate Organization“) in einer der angesehensten ökonomischen Fachzeitschriften publiziert. **)

Die Argumentation in diesem Artikel geht stark vereinfacht wie folgt: Die Piraterie hatte ihre Hochblüte im 17. und 18. Jahrhundert im Atlantik und Indischen Ozean. Die meisten Piraten waren der (britischen) Handelsflotte entflohen, auf der ein sehr strenges Regiment durch den Kapitän herrschte. Dies wird institutionenökonomisch als ein Prinzipal-Agent-Problem beschrieben: Die Eigentümer der Handelsschiffe waren überwiegend vermögende Landratten, die einen starken Kapitän brauchten, der an Bord ihre (Gewinn-)Interessen konsequent vertrat. Viele Kapitäne waren aber nicht nur streng, sondern behandelten ihre Mannschaften äußerst schlecht: Sie kürzten ihre Verpflegungsrationen, zahlten sie mit minderwertigem Münzgeld aus und/oder quälten sie körperlich und seelisch. Da die meist wenig gebildeten Seefahrer ohne einen Kapitän kein Schiff führen konnten und Meutereien gefährlich waren, liefen viele davon und wurden Piraten. Bei den Piraten aber entstanden demokratieähnliche Strukturen und an simple Verfassungen gemahnende Regelwerke in einem staatsfreien Raum. ***) Warum?

Leeson nennt wieder institutionenökonomische Gründe: Die Piraten wollten nicht von ihren Kapitänen gequält werden, aber sie brauchten zumindest in Schlachten eine kompetente Schiffsführung – ganz ohne Kapitän ging es nicht. Die Kapitäne wiederum hatten keinen Anreiz, ihre Mannschaften zu quälen, da hinter ihnen keine an Land befindlichen Schiffseigentümer mit Gewinninteressen standen. Die Schiffe der Piraten waren überwiegend gekapert und wurden von ihnen als eigenes Eigentum verstanden. Und so entstanden aus dieser spezifischen Prinzipal-Agent -Situation demokratieähnliches Strukturen:

Die Schiffsführungen wurden von den Piraten nach den Prinipien eines allgemeinen Wahlrechts gewählt – sie konnten aber auch jederzeit wieder abgewählt werden.

Um Machtkonzentrationen zu vermeiden, bestand die Schiffsführung nicht nur aus einem Kapitän, sondern mindestens aus zwei Offizieren, die sich gegenseitig in Schach hielten. Man könnte von einer Art Gewaltenteilung sprechen, jedenfalls in ruhigen Zeiten: In einem Gefecht führte alleine der Kapitän das Schiff.

Es entstanden Regeln wie die unten auszugsweise angeführte – und einstimmig zu beschließende (!) – alte Schiffsordnung, die dazu beitrugen, dass die Piraten wenig Anreize besaßen, sich gegenseitig zu schaden, sondern in einem gemeinsamen Interesse zulasten Fremder zu handeln. Die Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts raubten sich beispielsweise nicht gegenseitig aus. Zur Aufrechterhaltung ihrer inneren Ordnung verhängten sie schwere Strafen gegen eigene Mitglieder, die gegen die Regeln verstießen: „Pirates exercised greater cruelty in maintaining discipline against themselves than in their treatment of prisoners.“

Diese demokratieähnlichen Strukturen bewährten sich über längere Zeit, was für eine gewisse Effizienz spricht. Dass viele dieser Menschen ungebildet waren, stand dem Erfolg des Arrangements nicht entgegen, wie schon im frühen 17. Jahrhundert ein Kapitän erkannte: „Nature, we see, teaches the most Illiterate the necessary Prudence for their Preservation.“

2. Effizienz oder Macht?

Leser dieses Blogs, die Begriffe wie „Institutionenökonomik“ und „Kontroverse“ in einem Text vereint finden, dürften erahnen, wer nun die Bühne betritt. Richtig: Daron Acemoglu (MIT) und James Robinson (Harvard), die Verfasser des in FAZIT mehrfach behandelten Bestsellers „Why Nations Fail“ ****), haben sich Leesons Piraten angenommen. Acemoglu/Robinson (hiernach A/R) hatten in ihrem – ebenfalls sehr lesenswerten – Blog kürzlich von demokratieähnlichen Strukturen bei Berbern in der Sahara berichtet und waren von der Wüste zu den Piraten auf See gelangt. Sie haben kein Problem mit den Fakten, wie sie Leeson schildert, sondern mit dessen institutionenökonomischer Analyse. Hier stoßen zwei Konzeptionen aufeinander.

A/R sehen Leeson als einen Vertreter des sogenannten „efficient institutions view“, einer wie folgt definierten Sichtweise: Hier entsteht die Demokratie als Ergebnis einer an Effizienzgesichtspunkten ausgerichteten Lösung eines Prinzipal-Agent-Problems. Demokratie entsteht als eine gemeinsame Anstrengung zur Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz.

Und jetzt müssen wir ein wenig ältere wie neuere Institutionenökonomik betreiben. (Die nachfolgenden Ausführungen sind eine sehr knappe Zusammenfassung von Kapitel 5 der oben zitierten Arbeit von Acemoglu/Johnson/Robinson). Die Vorstellung, dass sich Institutionen aus Effizienzgründen bilden, kann man anhand des berühmten Coase-Theorems nachvollziehen: „The underlying reasoning of this view comes from the Coase Theorem. Coase (1960) argued that when different economic parties could negotiate costlessly, they will be able to bargain to internalize potential externalities.“

Aber selbst wenn man das Coase-Theorem von der Institutionenbildung aus Effizienzgründen für die Wirtschaft akzeptiert, muss es nicht für die Politik gelten. Acemoglu hatte vor zehn Jahren in einem kraftvollen Aufsatz erhebliche Zweifel an einem solchen Politischen Coase-Theorem geäußert: „The notion that a Coasian logic applies in political life as well as in economics is referred to by Acemoglu (2003a) as the Political Coase Theorem. Although the intuition that individuals and groups will strive towards efficient economic outcomes is appealing, there are both theoretical and empirical limits to the Political Coase Theorem.“

A/R lehnen entschieden die These ab, Demokratie sei das Ergebnis von Effizienzüberlegungen der Menschen.  Dann müsse man die Existenz der beiden koreanischen Staaten mit der These erklären, im Norden manifestierten sich andere Vorstellungen der dort lebenden Menschen von wirtschaftlicher Effizienz als im Süden. Vielmehr seien Machtverhältnisse sehr wichtig für die Entstehung der Demokratie: „Our approach is based not (certainly not) on the idea that democracy arose to solve some inefficiency. Rather, in our theory, it is all a matter of power. Democracy arises when nondemocratic elites are forced to cede power to the previously disenfranchised. This could improve economic efficiency, but it need not. Promoting efficiency is just not the motivation for democrats or their opponents.“

Sie argumentieren weiter: „We don’t have any evidence either on why pirates chose the institutions they had but ‚Why Nations Fail‘ is littered with examples of institutions from all over the world that cannot possibly be efficient. This at least suggests that assuming that pirate democracy promoted efficiency is dubious. More likely, it arose because the distribution of de facto power was fairly equal among pirates. Maybe it was one-man-one-cutlass that drove one-man-one-vote and quite possibly was also the reason why income distribution was so compressed in pirate society.“

3. Hieb. Stich. Parade

An die Antwort von A/R hat sich ein Austauch von Meinungen angeschlossen (hier und hier und hier), der möglicherweise noch nicht abgeschlossen ist.

Leeson hat in einer ersten Antwort betont, dass er in der Tat ein Anhänger der Effizienzhypothese ist und er auch empirische Evidenz bei den Piraten sieht. Allerdings argumentiert er nicht mit dem Coase-Theorem, in dessen Anwendung auf die Politik er wohl auch nicht allzuviel Vertrauen besitzt, sondern mit Verweis auf den verstorbenen Nobelpreisträger George Stigler: „Indeed, I follow George Stigler in regarding all long-lasting institutions as efficient. I’ve tried to defend this perspective in my work, which shows that a wide variety of institutions that seem obviously inefficient—and, indeed, sometimes downright absurd—are in fact, on closer inspection, efficient and not so absurd after all. (See, for example, my research on ordeals, trial by battle, human sacrifice, and vermin trials).“ Das grundsätzliche Argument ist einfach: In einer Welt, in der die Menschen (meistens) rational sind, dürften ineffiziente Institutionen nicht lange überleben.

A/R überzeugt diese Argumentation nicht: „What are exactly the forces that will ensure that institutions are efficient? And efficient for whom?“

Leesons Replik wiederum zielt darauf, dass die Bildung von Institutionen nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern kontextabhängig ist: „In every society the “institutional opportunity set”—i.e., range of feasible institutions—is constrained. At least in the short run, a society’s “history” and “cultural” features, for example, limit the institutional choices its people can make. Since history and culture vary significantly across societies, institutional constraints do too. As I’ve argued elsewhere, these constraints suggest that we should think about institutional efficiency in terms of constrained, not unconstrained, optima.“ *****)

Womit eine interessante Debatte über die Grundlagen der Bildung von Institutionen und der Entstehung der Demokratie entstanden ist. (Womit keinesfalls behauptet werden soll, dass es solche Debatten vor A/R und Leeson noch nicht gegeben hätte.). Wir berichten weiter, falls sich hier Interessantes tut und empfehlen ansonsten, die in diesem Beitrag verlinkten Texte zu lesen.

———————————————————————————

*) Fiktives Seemanslied, gesungen in der deutschsprachigen Version der Verfilmung von Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ (1966)

**) Der Beitrag ist wirklich außerordentlich interessant und lesenswert.

***) Leeson zitiert eine damals weit verbreitete und akzeptierte Schiffsordnung, die unter anderem folgende Regeln beinhaltete:
– Alle Matrosen haben gleiches Wahlrecht und gleichen Anspruch auf Schnaps.
– Karten- und Würfelspiele sind verboten.
– Nach 8 Uhr abends darf unter Deck kein Licht mehr brennen.
– Die Waffen sind stets sauber und einsatzbereit zu halten.
– Schlägereien unter Piraten sind nur an Land, aber nicht an Bord erlaubt.
– Keine Frauen an Bord!

****) Links zu früheren Beiträgen:
Eine ausführliche Rezension von „Why Nations Fail“
– Ein Interview mit Daron Acemoglu
– Die Welt unserer Enkel
Fördert Demokratie den Wohlstand? Oder ist es umgekehrt?
– Wie entsteht Wohlstand? Acemoglu/Robinson gegen Jeffrey Sachs

*****) Ein Kommentator bei Leeson weist darauf hin, dass die Leeson-These für das 17. und 18. Jahrhundert wohl stimmen mag, als viele Piraten irgendwo im Britischen Empire aufgewachsen worden waren. Bei modernen Piraten (es gibt sie zum Beispiel in Ostafrika oder im Chinesischen Meer) sei die Herkunft  und Sozialisierung eine andere und Demokratie dort entsprechend weniger ausgebreitet. Für diese Piraten könnte man die vorhandenen Hierarchien vermutlicher eher mit dem Machtargument von A/R erklären.