Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

So wird die Vollbeschäftigung – Gedanken aus der Blogparade

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Wie lange dauert es bis zur Vollbeschäftigung? Kommt sie überhaupt? Und wie viel werden die Rentner konsumieren? Einige Gedanken aus unserer Blogparade, die noch bis Freitagabend läuft.

Deutschland läuft auf die Vollbeschäftigung zu: Das halten wir für wahrscheinlich. Darum haben wir den Schwerpunkt „Arbeit für alle“ gesetzt und eine Blogparade ausgerufen – mit großer Resonanz. Vielen Dank für allen Zuspruch, allen Widerspruch und alle weiterführenden Gedanken! Wir werden die Blogparade noch richtig auswerten. Einstweilen läuft sie noch, wir freuen uns über jede Stimme und werden einige davon auch in der F.A.S. und auf der Hauptseite vorstellen.

Zwischendurch wollte ich schon mal einige Gedanken aufnehmen und antworten.

1. Kommt es auf das Angebot an oder auf die Nachfrage?

Eine alte Glaubensfrage. Heiner Flassbeck, ehemaliger UNCTAD-Chefvolkswirt, betont die Nachfrage ebenso wie Jens Berger beim „Spiegelfechter„. Beide leiten daraus – zumindest indirekt – ab, dass keine Vollbeschäftigung kommen wird. Nun bin ich inzwischen davon überzeugt, dass die Nachfrage-Betrachtung tendenziell für kurzfristige Konjunkturfragen wichtig ist, die Angebots-Betrachtung aber für längerfristige Strukturfragen wie diese hier. Das ist aber gar nicht mein wesentlicher Punkt. Was ich nicht verstanden habe, ist: Welche Indizien haben wir dafür, dass sich an der Nachfrage etwas ändert? Man mag ja – wie Berger – die aktuelle Nachfrage mangelhaft finden, aber gehen wir mal von diesem Niveau aus und rechnen noch mal 2,5 Millionen Menschen im Arbeitsalter ab (laut Prognosen kommt das in ca. 8 Jahren), dann sind wir ganz schnell bei einer Arbeitslosenquote unter vier Prozent. Und haben dann die Verhandlungsmacht, die Jens Berger – implizit – noch vermisst.

2. Ist Vollbeschäftigung ein Selbstzweck?

„Vollbeschäftigung ist kein Selbstzweck, sondern kann und darf nur unter der Vorgabe ein arbeitsmarktpolitisches Ziel sein, dass die gezahlten Löhne ausreichen, um davon leben zu können“, schreibt Jens Berger im Spiegelfechter weiter. Das würde ich jetzt gerade andersherum formulieren: Vollbeschäftigung ist kein Selbstzweck, aber die Voraussetzung dafür, dass fast alle Arbeitnehmer die Verhandlungsmacht haben, um höhere Löhne durchzusetzen. (So lange, bis die Löhne sich auf höherem Niveau einpendeln)

3. Und wo sind die Beispiele?

Einen Moment bleibe ich noch bei Jens Berger: Er möchte Beispiele haben. Kein Problem. Gucken wir in die Regionen, in denen die Vollbeschäftigung heute schon nahe ist. Mein Kollege Hendrik Ankenbrand berichtet, dass sich in Böblingen gerade eine ganze Stadt umbaut, auch in der Hoffnung, für die gesuchten Menschen attraktiver zu werden. Hier bekommen die Arbeitnehmer den höheren Lohn nicht individuell aufs Konto, sondern in Form schönerer öffentlicher Räume. Meine Kollegin Bettina Weiguny hat im Dezember berichtet, dass Berufsanfänger hohe Anforderungen an ihre Stellen und an Work-Life-Balance stellen – und dass sie sich das leisten können, eben weil es keine anderen Bewerber gibt. Einen Teil der Verhandlungsmacht nutzen die Leute offenbar auch fürs Geld: Die Einstiegsgehälter von Ingenieuren sind im vergangenen Jahr um mehr als fünf Prozent gestiegen.

4. Müssten die Löhne steigen?

Warum bekommen die gesuchten Altenpfleger keine Gehaltserhöhung? Weil auf diesem Markt die Preise staatlich vorgegeben sind, also langsamer reagieren. Mögen Pfleger auch noch so gesucht sein, Engpass sind die Vergütungen der Pflegeversicherungen – und die werden erst dann steigen, wenn der Pflegermangel noch stärker wird. Interessant ist der Markt für Erzieher und Erzieherinnen: Auch an denen fehlt es, hier machen sich unterschiedliche Kommunen Konkurrenz und können ihre eigenen Kindergartengebühren (und Zuschüsse) setzen. Prompt beginnt ein Wettbewerb: der eine oder andere Träger zahlt übertariflich, einige verteilen stattdessen Jahreskarten fürs Schwimmbad oder für Bus und Bahn.

André Tautenhahn legt den Fokus auf Amazon und fragt:

„In der Tat hat Amazon keine Mitarbeiter in Deutschland gefunden, aber hätte dann nicht nach der Logik Bernaus der Lohn steigen müssen? Die Gewerkschaften fordern von Amazon einen Tariflohn in Höhe von 11 bis 12 Euro zu zahlen, wie er für Lagerarbeit im Einzelhandel üblich ist.“

Dass Gewerkschaften einen Tariflohn oberhalb des Gleichgewichtes durchzusetzen versuchen – keine Frage. Interessant ist aber doch, dass ein nicht tarifgebundenes Unternehmen wie Amazon für die Tätigkeit von Ungelernten in Logistiklagern schon mehr als 9 Euro in der Stunde zahlen muss, ungefähr auf dem Niveau des Logistik-Tarifs, damit überhaupt irgendwoher Leute kommen und arbeiten.

5. Wie viel werden Rentner und Pensionäre konsumieren?

Wir sind zurück bei der Nachfrage. „Wirtschaftswurm“ Arne Kuster überlegt, woher die Nachfrage kommen soll, wenn viele Deutsche in der Rente sind. Und wie deren Rente, die die Nachfrage erst bringt, finanziert wird. Hier wird es interessant. Deutlicher wird die Überlegung, wenn wir mal nicht über Geldströme nachdenken und nicht überlegen, ob Lohnsteigerungen durch Inflation aufgefressen werden. Sondern wenn wir über das reden, was hinter dem Geld steht: Waren und Dienstleistungen.

Wir gehen davon aus, dass Rentner auch als Rentner konsumieren wollen. In einer schrumpfenden Bevölkerung bleiben die Rentner in den nächsten Jahrzehnten relativ zahlreich. Es bleiben also weniger Leute, um mehr Waren herzustellen. Entweder bekommen die Rentner mehr Waren (höhere Renten), oder die arbeitenden Leute bekommen mehr (niedrigere Beiträge). Sicher ist: Diese wenigen arbeitenden Leute haben viel zu tun.

Jetzt nehmen wir das Geld zurück in die Überlegung: Wie sich die Nachfrage am Ende auf Rentner und arbeitende Leute verteilt, hängt von der Rentenformel und den Rentenbeiträgen ab. Arbeitsmarkt-freundlich ist es, wenn der Abgabenkeil zwischen Brutto- und Nettolohn möglichst klein ist. Aber wird es in der Vollbeschäftigung überhaupt noch interessant sein, was arbeitsmarkt-freundlich ist? Ob dieses Argument noch zieht, ist unklar.

6. Welche Stellen werden frei, welche werden besetzt?

André Tautenhahn betont, dass manche wegfallenden Stellen nicht nachbesetzt werden. Andere weisen darauf hin, dass die jungen Leute nicht gleich die Stellen der erfahrenen Rentner ausfüllen können. Beides ist wahr, aber niemand hat behauptet, dass die jungen Leute jeweils die selbe Stelle bekommen, die vorher ein Rentner innehatte. Dass es Rochaden innerhalb von Unternehmen geben wird (die gut gemanagt sein müssen), ist klar. Manche Unternehmen werden aufgeben, andere neu entstehen.

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6 Lesermeinungen

  1. Vollbeschäftigung
    Der Standort muss vor allem sehr attraktiv für den ARBEITGEBER sein – das heisst z.B. sehr niedrigen Steuersätze. Ich bin Stadt Zugerin (CH) und habe ich mit dem Thema Vollbeschäftigung in Kanton Zug intensiv beschäftigt.

  2. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit
    Beispiel – Kanton Zug.

    https://www.rav-zg.ch/

  3. Was ich hier vermisse ist zunächst
    eine Definition des Konzepts „Vollbeschäftigung“.

    • Wo ist die Definition?
      Tja, die Wissenschaftler definieren „Vollbeschäftigung“ alle unterschiedlich. Von Olivier Blanchard gibt’s mal eine Zahl von 5% Arbeitslosigkeit, viele andere sehen sie in der Nähe von vier Prozent. Ich finde am Ende aber die konkrete Zahl nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass sich das Gefühl durchsetzt: Arbeit findet man schon.

    • Gibt es eine Quelle ?
      Hallo Herr Bernau!

      Können Sie viellecht verraten, woher Sie diese Zahl 5% im Zusammenhang mit Olivier Blanchard nehmen? Ich habe im Internet recherchiert, und habe tatsächlich einen solche Behauptung bei der Bundeszentrale für politische Bildung (https://www.bpb.de/apuz/125995/vollbeschaeftigung-ein-zeit-und-gesellschaftskontingenter-begriff) gefunden. In dem Artikel von Blanchard, auf welches die Authoren verweisen (What We Know and Do Not Know About the Natural Rate of Unemployment) geht es um NAIRU (inflationsstabile Arbeitslosenquote) und die Zahl 5% taucht gar nicht auf.
      Die NAIRU ist aber ein rein ökonomisches Konzept und hat gar nichts damit zu tun, was eine Gesellschaft als „Vollbeschäftigung“ empfindet – in Deutschland lag sie in den Jahren 2003/2004 in der Nähe von 10% (Quele – Sachverständigenrat).

  4. Falsche Vorherrschaft um des eigenen Vorteils willen
    Den Begriff der Vollbeschäftigung nicht dessen erwiesenermaßen unveräußerlicher Natur gemäß stets multidimensional zu fassen und unablässig lediglich volkswirtschaftliche Aspekte in den Blick zu nehmen, könnte nicht unterkomplexer sein und geht daher sich brachial in Nichtigkeiten verlierend an der Sache vorbei. Ohne besagte Voraussetzung anlässlich der öffentlich darum geführten Debatte bereits kategorial zu erfüllen, vereiteln die dadurch unzählig erzeugten Praktiken insofern deren realen Eintritt von vornherein und lassen Arbeitslosigkeit um des eigenen Vorteils willen fälschlich vorherrschen.

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