Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ronald Coase ist tot

| 2 Lesermeinungen

Die Theorie des Unternehmens und das Coase-Theorem sind die bekanntesten Errungenschaften des Ökonomen, der im gesegneten Alter von 102 Jahren gestorben ist.

(Aktualisierung 4.9.2013: Wir haben nun auch die „Coase-Vermutung“ in die Aufzählung der bedeutenden Leistungen des Verstorbenen aufgenommen.)

Der aus Großbritannien stammende, seit langem in den Vereinigten Staaten ansässige Nobelpreisträger Ronald Coase ist im Alter von 102 Jahren gestorben. (Hier ein Nachruf der University of Chicago – Coase war dort viele Jahre Ökonomieprofessor an der Chicago Law School. Und  hier ein Artikel meines Kollegen Philip Plickert anlässlich des 100. Geburtstages von Coase, der auch Interessantes zur Biografie bringt.)

Coase ist vor allem für zwei Arbeiten bekannt geworden, die in der Entwicklung der Institutionenökonomik sowie des damit verbundenen Gebietes der „Law and Economics“ eine erhebliche Rolle gespielt haben:

1. Die „Nature of the Firm“ stammt aus den dreißiger Jahren und ist kaum 20 Seiten dick (es gibt wahrscheinlich keine kürzere Schrift, für die ein Ökonomie-Nobelpreis vergeben worden ist). Der Grundgedanke geht so: Wer neoklassische Mikrotheorie studiert, lernt dort in den Grundlagen zwar eine Produktionsfunktion kennen, aber kein Unternehmen als Institution. Coase stellte die einfache Frage: Warum gibt es eigentlich Unternehmen? Ein Unternehmer könnte doch auf die Idee kommen, alle Vorprodukte und Dienstleistungen, die er zum Betrieb eines Geschäftes braucht, am Markt einzukaufen? Warum tut er sich den Aufwand an, ein Unternehmen aufzubauen mit all dem Aufwand und der Bürokratie? Coases Antwort lautete: Im einfachen neoklassischen Modell fehlen Transaktionskosten, gemeint sind Kosten, die mit dem Bezug aller Vorleistungen über den Markt verbunden sind. Aus Kostengründen kann es daher sinnvoll sein, ein Unternehmen zu führen (wobei es für das Wachstum eines Unternehmens aber auch Grenzen gibt, die sich aus Kosten erklären, die  aus der Führung eines großen Unternehmens entstehen).

2. Das „Coase-Theorem“ – präsentert im Aufsatz „The Problem of Social Cost“ – behandelt die Frage der effizienten Behandlung externer Effekte (zum Beispiel die Emission von Schadstoffen in die Luft), also von ökonomischen Kosten, die mit einer Produktion entstehen, aber nicht in der Kostenfunktion des Unternehmen auftauchen. Der Trick besteht darin, klare Eigentumsrechte zu schaffen. Coase benutzte das Beispiel eines Farmers und eines Ranchers, heute wird das Coase-Theorem gerne anhande von Umweltfragen behandelt. Hierauf angewendet besagt das Coase-Theorem, zitiert aus Charles Blankarts Lehrbuch „Öffentliche Finanzen in der Demokratie“: „Handelbare Umweltrechte gelangen – egal, wem sie anfänglich zugeteilt worden sind – über Tausch stets in den Besitz dessen, der aus ihnen den höchstmöglichen Nettoertrag zu erzielen vermag. Das Tauschverfahren garantiert eine effiziente Nutzung der Verwendung von Umweltressourcen.“

Das Coase-Theorem gilt – man ahnt es bereits -, solange keine Transaktionskosten anfallen. Fallen Transaktionskosten an,  muss die private Verhandlungslösung nicht mehr unbedingt die optimale Lösung bei der Internalisierung externer Effekte darstellen.

Vor Coase war das Denken über externe Effekte stark von dem britischen Ökonomen Arthur Cecil Pigou geprägt gewesen. Pigou hatte für den Fall negativer externer Effekte im wesentlichen drei Vorschläge unterbreitet, die allesamt mit staatlichen Eingriffen verbunden sind:

– Schadenersatzzahlungen vom Schädiger an die Geschädigten,

– eine Besteuerung der Schäden auslösenden Tätigkeit, in der Fachwelt „Pigou-Steuer“ genannt. Ein CO2-Steuer wäre ein Musterbeispiel.

– ein Verbot der externe Schäden anrichtenden Tätigkeit, z.B. zum Beispiel das Verbot des Betriebs von Kraftwerken mit starken Schadstoffemissionen.

Das Coase-Theorem bot die Möglichkeit, mit ökonomischer Argumentation Staatseingriffe in Frage zu stellen und statt dessen auf Marktlösungen zu vertrauen, indem man Eigentumsrechte am externen Effekt, zum Beispiel Verschmutzungsrechte, schafft und diese handelbar macht.

3. Ergänzung: Der Erwähnung wert ist auch die sogenannte Coase-Vermutung (Coase conjecture“). Damit ist die Annahme gemeint, dass ein Monopolist, der langlebige Güter anbietet, über weniger Markt- und Preissetzungsmacht verfügt als ein Monopolist, der kurzlebige Verbrauchsgüter anbietet. Unter der Annahme, dass zumindest ein Teil der Konsumenten Geduld besitzt und in der Lage ist, geplante Käufe eines langlebigen Gutes hinauszuzögern, ist es nach Coase‘ Vermutung für den Monopolisten vorteilhaft, frühzeitig einen für die Käufer günstigeren Preis zu setzen, um sie zu schnellen Käufen zu veranlassen. (Im Grenzfall eines Gutes mit unendlicher Lebensdauer würde die Preissetzung im Monopol der Preissetzung bei vollständigem Wettbewerb gleichen.) *)

 

Noch ein Link: Von Interesse ist womöglich auch die Vorlesung, die Coase anlässlich der Verleihung des Nobelpreises im Jahre 1991 gehalten hat.

 

Der in FAZIT häufiger erwähnte Ökonom Daron Acemoglu hat vor rund zehn Jahren ein sogenanntes „Politisches Coase-Theorem“ entwickelt; wir können hier aus Zeitgründen nur auf Abschnitt 2 eines früheren FAZIT-Beitrags und die dort angeführte Fachliteratur verweisen.

 

———————————————————————————————

*) Dank an Markus Brunnermeier (Princeton University) für den Hinweis auf die Coase-Vermutung.