Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister

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Das Interesse an wichtigen Ökonomen der Vergangenheit hat zugenommen. Hier sind drei Bücher über Adam Smith, Karl Marx und Friedrich von Hayek.

Die im Jahre 2007 ausgebrochene Finanzkrise hat das Interesse an den Werken und Gedanken bedeutender Ökonomen aus der Vergangenheit erheblich belebt. *) Auf den ersten Blick ließe sich dieses Interesse als merkwürdig deklarieren, denn was sollte ein Ökonom des 19. Jahrhunderts über eine im Jahre 2007 ausgebrochene Finanzkrise wissen, was einem modernen Fachmann verborgen bleibt?

Eine solche Frage wäre verständlich, aber sie griffe zu kurz. Denn mit der im Jahre 2007 ausgebrochenen Krise sind nicht nur Zweifel an der Funktionsfähigkeit von Banken und Finanzmärkten entstanden, sondern Zweifel an der modernen Wirtschaftslehre insgesamt, so wie sie in unzähligen Universitäten rund um den Globus gelehrt wird. Gleichzeitig hatte in den Jahren vor der Krise das Interesse moderner Ökonomen an den Erkenntnissen hervorragender Vorgänger nachgelassen.

Dabei haben viele Altmeister auch heute noch Bedeutendes zu sagen und oft sagten sie es sehr viel verständlicher als manche modernen Ökonomen. Das liegt zum einen daran, dass viele wichtige frühere Fachvertreter einen breiteren Blick auf das Wirtschaftsleben warfen. Die so verschiedenen Altmeister John Maynard Keynes und Friedrich von Hayek einte unter anderem die Überzeugung, dass ein engstirniger Ökonom wenig Nutzen besitzt. Hayek drückte es in einem bekannten Zitat so aus: „Ein Physiker, der nur Physiker ist, kann durchaus ein erstklassiger Physiker und ein hochgeschätztes Mitglied der Gesellschaft sein. Aber gewiss kann niemand ein großer Ökonom sein, der nur Ökonom ist – und ich bin sogar versucht hinzuzufügen, dass der Ökonom, der nur Ökonom ist, leicht zum Ärgernis, wenn nicht gar zu einer regelrechten Gefahr wird.“

Die vor einigen Jahren im Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Büchern über John Maynard Keynes (aus meiner Feder) und Joseph Schumpeter begonnene Buchreihe „Ökonomen für jedermann“ hat in jüngerer Zeit drei Neuzugänge erhalten. Es handelt sich um Bücher über Ökonomen, die über ihre Lebenszeit hinaus wirken und mit denen es sich heute noch zu beschäftigen lohnt. Alle Bücher der Reihe sind nach dem bewährten Prinzip „Vita-Werk-Wirkung“ aufgebaut. Der Leser erfährt somit nicht nur etwas über die Schriften der Porträtierten, sondern auch über deren Leben. Denn sehr oft erklärt sich das Werk eines Ökonomen aus seinem Lebensweg.

Die Grazer Ökonomen Heinz D. Kurz und Richard Sturn, die bereits das früher in der Reihe erschienene Buch über Joseph Schumpeter verfasst haben, legen ein sehr kenntnisreich verfasstes Werk („Adam Smith für jedermann. Pionier der modernen Ökonomie“) über Adam Smith (1723 bis 1790) vor. Der Schotte gilt zurecht als der Stammvater der modernen Wirtschaftswissenschaften, aber im Unterschied zu manchen anderen wichtigen Ökonomen wird er weniger mit einer Kombination aus Verklärung und Verdammnis betrachtet. Die Smith-Forschung ist auch nach gut 200 Jahren noch immer sehr rege, was für das Werk des Schotten spricht.

Smith lebte in einer wirtschaftlichen Umbruchzeit, in der sich wichtige Bestandteile der modernen Güter- und Geldwirtschaft herausbildeten. „ Viele Probleme und Perspektiven, die er vor dem Hintergund seiner Epoche des Übergangs zur Moderne aufgreift, sind zu Problemen und Perspektiven der Moderne schlechthin geworden. Es geht um das Funktionieren pluralistischer, dynamischer Gesellschaften. Gesellschaften, in denen sich Arbeitsteilung und Spezialisierung immer mehr ausbreiten, und in denen die wissenschaftsgestützte Technik Möglichkeiten eröffnet, die Jahrzehnte zuvor nicht einmal erträumt wurden“, schreiben die beiden Autoren.

Kurz und Sturn präsentieren Smith als einen Autor, der sich kritisch mit dem Wirtschaftsverständnis seiner Zeit, dem von einem starken Staatseinfluss geprägten Merkantilismus auseinander setzt. Smith ist sehr wohl der Ökonom, der die Vorteilhaftigkeit von freiem Güteraustausch und Arbeitsteilung, sprich einer Marktwirtschaft, gesehen hat. Aber in Smiths Ideenwelt kam auch dem Staat eine wichtige Rolle zu: „Der alte Privilegienstaat, dessen Überregulierung bestimmten Interessengruppen auf Kosten der Allgemeinheit Vorteile brachte, sollte der Vergangenheit angehören. Es galt, notwendige Deregulierung zu verbinden mit der Entwicklung eines Rechts- und Leistungsstaats, der auf der Höhe der Probleme seiner Zeit ist.“

Kaum ein Denker hat eine solche Menge an Vergötterung und Verdammnis erfahren wie der in Trier gebürtige Karl Marx (1818 bis 1883). Man mag von Marx‘ Thesen halten, was man will. Unbestreitbar war er ein für die Geschichte des 20. Jahrhunderts sehr einflussreicher Mann. Über mehrere Jahrzehnte fühlten sich mit der Sowjetunion und der Volksrepublik China zwei Supermächte (und eine Reihe von Satellitenstaaten) den Gedanken des Trierers verpflichtet. Die ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe, Marx einem heutigen Leser nahe zu bringen, hat der Publizist Bernd Ziesemer („Karl Marx für jedermann. Der erste Denker der Globalisierung“) übernommen.

Ziesemer erinnert daran, dass sich Marx in erster Linie als Revolutonär und erst danach als Wissenschaftler verstanden hat. Er plädiert gleichwohl dafür, sich heute dem Werk Marx‘ unvoreingenommen zu nähern, auch wenn dessen wichtigste Prophezeiungen „allesamt mehr oder weniger schnell widerlegt worden“ seien. Denn Marx verdiene als erster Denker der Globalisierung Beachtung: „Was also bleibt von dem Ökonomen Marx? Kein abgeschlossenes Werk, nicht einmal eine einzige wirkungsmächtige Theorie. Aber eine zerklüftete Landschaft wilder Ideen und überraschender Wegbiegungen, die man mit intellektuellem Gewinn auf immer neuen wegen durchwandern kann.

Karen Horn ist nicht nur als Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft  als Expertin für das Leben und das Werk Friedrich von Hayeks (1899 bis 1992), eines „Gelehrten par excellence“, ausgewiesen. Sie präsentiert in ihrem Buch „Hayek für jedermann. Die Kräfte der spontanen Ordnung“ diesen herausragenden Liberalen und führenden Vertreter der Österreichischen Schule als einen weit über die engen Grenzen der traditionellen ökonomischen Theorie hinausreichenden Denker, der sich in erster Linie der Wissenschaft verpflichtet fühlte und gerade in der heutigen Zeit mit Gewinn gelesen und studiert werden kann. Horn zitiert Hayek: „Was uns heute mangelt, ist eine liberale Utopie, ein liberaler Radikalismus, der weder die bestehenden Interessengruppen schont noch sich auf Dinge beschränkt, die heute politisch möglich erscheinen.“

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Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Version eines Artikels, der am 16. Dezember 2013 in der Rubrik „Wirtschaftsbücher“ im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist.

*) Aus der jüngeren Zeit: Heinz D. Kurz hat einen Zweibänder mit Beschreibungen wichtiger Ökonomen herausgegeben (hier und hier). Toni Pierenkemper hat eine sehr kompakte ökonomische Ideengeschichte verfasst, die sich für Einsteiger eignet. Ausführlicher und ebenfalls sehr gut lesbar ist ein in englischer Sprache erschienenes Buch („Economics Evolving“) von Agnar Sandmo.

 

Die bisherigen Beiträge der Reihe „Bücherkiste“:

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut


3 Lesermeinungen

  1. Petersen/Faber zu Marx
    Wir hatten vor einiger Zeit einen Beitrag von Thomas Petersen und Malte Faber „Karl Marx und die Finanzkrise“ veröffentlicht, den eine Reihe von Lesern kommentiert hatten.

    Petersen/Faber haben nunmehr eine Stellungnahme zu den Leserkommentaren gesandt:

    https://blogs.faz.net/fazit/2013/10/07/karl-marx-und-gegenwaertige-finanzkrise-2734/

  2. Pingback: Was hilft es, wenn die „Waffe der Kritik“ nicht in die „Kritik der Waffen“ umschlägt?

  3. Was hilft es, wenn die „Waffe der Kritik“ nicht in die „Kritik der Waffen“ umschlägt?
    „Was also bleibt von dem Ökonomen Marx? Kein abgeschlossenes Werk, nicht einmal eine einzige wirkungsmächtige Theorie. Aber eine zerklüftete Landschaft wilder Ideen und überraschender Wegbiegungen, die man mit intellektuellem Gewinn auf immer neuen wegen durchwandern kann.“ Allein die Werttheorie (https://blog.herold-binsack.eu/2013/11/anverwandlung-des-gesellschaftlichen/) ist es wert, als wirkungsmächtige Theorie bezeichnet zu werden. Erst die „Arbeitswerttheorie“ überwand den Mystizismus (https://blog.herold-binsack.eu/2013/11/die-paranoia-ist-berechtigt/) der politischen Ökonomie des Bürgertums. Ohne diese Theorie wäre es bei Adam Smiths „unsichtbarer Hand“ geblieben. Die Bourgeoise scheint in ihren diesbezüglichen „blinden Fleck“ so verliebt zu sein, wie im Hass verbunden gegen den „tendenziellen Fall der Profitrate“. Letzteres lüftet erst des Finanzkapitalismus‘ „zerklüftete Landschaften“ (https://blog.herold-binsack.eu/2011/09/hin-zum-platonischen-hohlengleichnis/). Doch was hilft es, wenn der Klassenkampf die „Kritik der politischen Ökonomie“ nicht zu Ende führt, wenn die „Waffe der Kritik“, nicht in die „Kritik der Waffen“ umschlägt, wenn dem Proletariat die Teilhabe an den imperialistisch erwirtschafteten Extraprofiten wichtiger ist, als die volle Kontrolle über den von ihm erwirtschafteten Mehrwert, wenn das Subjekt politisch wie moralisch auf das Niveau eines römischen Pöbels hinabsinkt? Was hilft es, wenn das Sklavenbewusstsein einfach nicht dem Klassenbewusstsein weichen will? Die marxsche Theorie ist Anleitung zum Handeln, doch das Handeln kann sie nicht ersetzen. Man könnte dieser Theorie natürlich vorhalten, dass sie die revolutionären Möglichkeiten des sog. „revolutionären Subjekts“ überschätzt.
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    Doch wo die Waffe der Kritik, bevor sie in die Kritik der Waffen umschlägt, die Selbstkritik beinhaltet, wird das nicht leicht. Die Abschaffung der Klassengesellschaft, wenn auch als solche auf der „objektiven Agenda“, ist keine leichte Aufgabe. Die Erinnerungen aller bisherigen Klassengesellschaften sind im Bewusstsein der Massen – als Muttermale quasi – solange eingeschrieben, bis die letzte aller Schlachten geschlagen ist. Somit auch das Sklavenbewusstsein, der letzten 5000 Jahre.
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    Doch welche Angst die Herrschenden haben, vor dieser letzten Schlacht, zeigen nicht nur die Verbrechen dieser Herrschenden an ihren Völkern, nicht erst seit eines Marxens Schaffen, sondern ganz aktuell mal wieder jene paranoid anmutende Verschwörung der Geheimdienste – rund um den Globus. Jener Angriff nämlich ganz zentriert auf dieses Bewusstsein.
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    Es macht also Sinn, das revolutionäre Subjekt noch nicht aufgegeben zu haben, um mit diesem die marxsche Theorie.

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