Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Was ist zeitgemäßer Liberalismus?

| 8 Lesermeinungen

Über Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und ein gutes Leben. Karen Horn rezensiert Lisa Herzogs Buch "Freiheit gehört nicht nur den Reichen"

Mit dem Abdruck dieser Rezension wollen wir in FAZIT eine Diskussion über einen attraktiven Liberalismus in unserer Zeit eröffnen. In den kommenden Tagen werden wir eine Reaktion Lisa Herzogs auf den heutigen Beitrag veröffentlichen. (gb.)

 

Ein Beitrag von Karen Horn *)

In der Ukraine, in der Türkei, in Venezuela und anderen Ländern gehen die Menschen für die Freiheit auf die Straße. In den liberalen Demokratien des Westens hingegen hat der politische Liberalismus an Anziehungskraft verloren. Braucht es ihn hier nicht mehr, weil schon so viel erreicht ist? Oder liegt es daran, dass freiheitliche Botschaften mitunter auf den ersten Blick kompliziert und hartherzig wirken? Die Frankfurter Ökonomin und Philosophin Lisa Herzog hat eine andere Erklärung parat, die sich in ihrem ersten populärwissenschaftlichen, aber vor interdisziplinärer Belesenheit strotzenden Buch („Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für zeitgemäßen Liberalismus“) zur vernichtenden Kritik auswächst. So, wie der Liberalismus traditionell gedacht werde, als System zur Abwehr kollektiver, insbesondere staatlicher Willkür, sei er schlicht nicht zeitgemäß.

Die Autorin trifft einen Nerv, wenn sie die Alternative „Staat oder Markt“ ins Zentrum ihrer Kritik stellt. Die Unterscheidung zwischen Konstruktivismus und spontaner Ordnung ist zwar nach wie vor unverzichtbar, wenn sich die Frage stellt, ob und wann der Staat tätig werden soll. Doch es ist platt und unergiebig, wenn „der Markt ausschließlich als Reich der Freiheit und der Staat ausschließlich als Reich von Zwang und Unterwerfung gesehen wird“, ohne dass die institutionelle Ausgestaltung Berücksichtigung findet. Keiner dieser gesellschaftlichen Regelkreise sei an sich perfekt, schreibt Herzog; vielmehr gelte es beide in eine gesunde Balance zu bringen. Gerade im Namen der Freiheit sei der Staat aufgerufen, den Markt zu ordnen und dessen Ergebnisse zu korrigieren. Darum gelte es ein auf den freien Markt verkürztes Freiheitsverständnis abzulegen und anstelle dessen das Recht „aller Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben als zentralen Wert der Moderne ernst zu nehmen“.

Das klingt vernünftig und nach Aufbruch, und in der Tat trifft Lisa Herzog mit den Schmerzpunkten des Liberalismus, die sie in ihrem Buch abarbeitet, genau ins Schwarze. Warum haben viele Liberale zu den Themen Klima und Umwelt so herzlich wenig zu sagen? Warum hat seit den Ordoliberalen sich niemand mehr mit dem Problem der privaten Macht beschäftigt? Weshalb schalten viele Liberale nur auf Abwehr, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass es Menschen gibt, die Angst vor der Freiheit haben und zu Entscheidungen im eigenen Interesse kaum fähig sind? Wieso darf man mit vielen Liberalen über materielle Ungleichheit und „soziale Gerechtigkeit“ nicht sprechen, ohne gleich das hermetische Verdikt Friedrich August von Hayeks um die Ohren geschlagen zu bekommen, der einzig sinnvolle Begriff von Gleichheit sei jene vor dem Gesetz, und Gerechtigkeit sei als Tugend keine für ein Kollektiv angemessene Kategorie? Solche Gesprächsverweigerung macht den Liberalismus nicht nur unsympathisch, sondern auch irrelevant. Hier muss sich dringend etwas ändern.

Die Autorin lädt dazu ein, die alte Debatte über das Verhältnis zwischen „negativer“, aus Abwehrrechten bestehender und „positiver“, die materiellen Möglichkeiten in den Blick nehmender Freiheit neu aufzurollen. Problematisch ist das Verhältnis zwischen beiden, weil die staatliche Herstellung gleicher Möglichkeiten praktisch Umverteilung bedeutet und damit automatisch das Abwehrrecht außer Kraft setzt.

Herzogs größtes, wichtiges, ganz und gar nicht einfaches Anliegen ist es, eine harmonische Balance von negativer und positiver Freiheit zu finden, ergänzt und stabilisiert noch durch die „republikanische Freiheit“, nach der sich der Mensch auf seinen Bürgerstatus als nicht nur dank hoheitlicher Gnade gewährtes, sondern fest gesichertes Recht verlassen kann. Das wäre dann ein „zeitgemäßer Liberalismus“. Doch leider kommt auch sie in dieser Sache nicht substantiell voran. Stattdessen treibt sie im Großteil des Buches diverse altbekannte Sauen aus der erbitterten sozialphilosophischen Debatte der vergangenen Jahre durch das liberale Dorf.

So arbeitet auch sie sich an der in der Tat psychologisch wertlosen und längst millionenfach dafür kritisierten Heuristik der Ökonomen ab, dem „Homo oeconomicus“. Zwar darf diese Annahme aus der Modellwelt, wonach der Mensch rationale Entscheidungen zur Maximierung seines eigenen Nutzens fällt, nicht als Menschenbild verstanden werden. Dennoch ist die Kritik berechtigt, und die Autorin trägt sie präzise vor. Doch wenn der Mensch nicht so berechnend und berechenbar ist, wie es simple Modelle unterstellen, dann sollte aus liberaler Sicht daraus ein Mehr an Demut folgen und keineswegs eine umso größere Anstrengung, das Verhalten der Individuen im Interesse desKollektivs zu manipulieren. Hierfür aber leistet die moderne Verhaltensökonomik Vorschub, für die Herzog begeistert eine Lanze bricht. Erst recht muss man den Kopf schütteln über das von Herzog bemühte, letztlich geringschätzige neomarxistische Narrativ à la Joseph Vogl, wonach das Paradigma sich seinen Menschen geschaffen hat. Angeblich hat die Denkfigur des rationalen Wirtschaftssubjekts das Denken, Fühlen, Sprechen und Tun der Menschen infiziert, hat zur Ökonomisierung aller Lebensbereiche geführt und ist schließlich in Überforderung und Entfremdung gemündet.

Es folgt noch mehr Ungemach, beispielsweise eine Rechtfertigung des angeblich „liberalen“ Paternalismus und die Aufforderung, im Kollektiv grundsätzlich darüber nachzudenken, „wofür Märkte eigentlich sinnvoll sind“, ganz im Stil der jüngeren Mäßigungsliteratur von Michael Sandel oder Robert und Edward Skidelsky. Das Buch changiert merkwürdig zwischen solch unorigineller Wiederkäuerei und einer profunden Durchdringung der Materie. Wer ein dickes Fell hat, wird das Buch trotzdem mit Gewinn lesen und oft auch nachdenklich werden. Ein auf derart unausgegorenen, im Kern kollektivistischen Ideen aufbauender Liberalismus indes mag zeitgemäß sein, nur seinen Namen verdient er nicht mehr. Was Lisa Herzog als Aufbruch gedacht hat, gerät ihr zur Kapitulation.

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*) Karen Horn ist Vorsitzende der Friedrich A.von Hayek-Gesellschaft.

Dieser Text ist zuerst am 31. März 2014 im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.


8 Lesermeinungen

  1. "Freiheit nicht nur für die Reichen" ist eine schon fast beleidigend banale Feststellung.
    Der Versuch, den bereits vielfach breit getretenen Liberalismus noch einmal zu benutzen, um ein letztlich ergebnisloses Buch zu schreiben, zeugt entweder von zu hohem gescheiterten Anspruch oder eben gar keinem.

    Freiheit ist für alle da, sofern sie denn überhaupt existierte, wofür sich uneingeschränkt einzusetzen lohnte.
    Dafür sei Karen Horn gedankt.

  2. Pingback: Ein liberaler Medienrückblick - Liberale Tafelrunde

  3. FAZ-Wirtschaftsblog "Fazit" vom 09.04.2014: Was ist zeitgemäßer Liberalismus?
    Leider habe ich erst heute den obigen Beitrag entdeckt und kann deshalb erst mit 10 Tagen Verspätung darauf reagieren.

    Dass ich die Meinung von Karen Horn nicht teile, will ich nicht umfangreich erläutern, da mir derzeit die hierfür erforderliche Zeit fehlt. Meines Erachtens wird der Begriff Liberalismus ohnehin von vielen Personen missbraucht – zu ihrem Nutzen und der zugehoerigen Gesellschaft.

    Allerdings moechte ich gerne Stellung nehmen zu den Ausführungen von Thorsten Haupts (Antwort von Haupts auf den Kommentar des Blog-Lesers Tom Kurame):

    „Der einfache Bürger ist der groeßte Profiteur von Militär, Polizei, Justiz und Verwaltung. Die meisten Leute wissen oder ahnen das durchaus.“

    Abgesehen davon wissen die meisten Leute aber nicht, dass der Staat in erster Linie nicht von den Reichen und den noch Steuern zahlenden Unternehmen (Multis wie BASF, Bayer, VW usw.minimieren die Steuern) finanziert wird, sondern von der beruflich angestellten Mittelschicht. Angestellten Beschäftigten nimmt der Staat rund 50% (Steuern und Sozialabgaben bis zur Beitragsbemessungsgrenze) ihrer Lohneinkünfte, nicht aber den Reichen.

    Unternehmen in Deutschland tragen nur mit 2,6 Prozent zum gesamten Steueraufkommen bei. Die viel gelobten Export-Umsätze sind in Unkenntnis vieler Bürger von Umsatzsteuer befreit. Dagegen sind lebensnotwendige Arzneimittel mit 19% belastet seit der ersten GroKo Merkel/Steinbrück.

    Lieber Herr Thorsten Haupts, Sie sollten unbedingt das Buch „Schoen reich! Steuern zahlen die anderen“ oder die Rezension des Buches am 07.09.2009 beim Deutschlandfunk („Deutschland ist ein Niedrigsteuerland“) lesen oder das gleichnamige Video „Schoen reich …“ bei Youtube schauen.

    Beispiel aus dem Buch bzw. TV-Video: „Einer verheirateten Krankenschwester bleiben nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben von 2.800 Euro Bruttolohn nur noch 1.200 Euro übrig. Ein Multimillionär aus dem Taunus zahlt im Jahr 2.300 Euro Steuern – weil er sein Jahreseinkommen auf 26.000 Euro runterrechnen kann? Ist das der gerechte „zeitgemäße Liberalismus“?

    Tut mir Leid, lieber Herr Thorsten Haupts, dass ich Ihren Ausführungen nicht folgen kann, sondern vielmehr die Meinung von Herrn Tom Kurame teile.

    Die Autoren Sascha Adamek und Kim Otto haben übrigens ein weiteres interessantes Buch verfasst: „Der gekaufte Staat – Wie Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich ihre Gesetze selbst schreiben.“

    Ist das der von „Neo“-Liberalen propagierte „zeitgemäße Liberalismus“?

  4. Lisa Herzogs Replik ist jetzt auf FAZIT erschienen
    Hier:

    https://blogs.faz.net/fazit/2014/04/11/ist-zeitgemaesser-liberalismus-eine-replik-3871/

  5. Propaganda, Nein Danke!
    „Civil government, so far as it is instituted for the security of property, is, in reality, instituted for the defense of the rich against the poor, or of those who have property against those who have none at all.“ – Adam Smith in The Wealth of Nations

    Eigentumssicherung ist eine staatliche Dienstleistung die Eigentümer beanspruchen, aber Eigentumslose finanzieren sollen im Weltbild der heutigen medialen Vertreter des Liberalismus. Milliarden-Ausgaben für Militär, Polizei, Justiz und Verwaltung finanziert vom normalen Bürger der am Ende Grundsicherung beantragen muss und 2600 Euro Vermögen behalten darf um Todeskosten zu begleichen.

    • Der einfache Bürger ist der grösste Profiteur von Militär, Polizei, Justiz und Verwaltung.
      Die wirklich Reichen bräuchten das nicht – sie könnten sich wie im Mittelalter und der Renaissance Privatarmeen halten. Die meisten Leute wissen oder ahnen das durchaus.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  6. Eine Ergänzung: Herzog versus Hank
    Wir hatten in der F.A.S. vor rund zwei Jahren jeweils einen Beitrag von Lisa Herzog und Rainer Hank, die als ergänzende Lektüre sehr gut geeignet sind:

    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/anstrengend-aber-gut-ein-hoch-auf-die-freiheit-11662624.html (Hank)

    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/essay-freiheit-gehoert-nicht-nur-den-reichen-11671401-p2.html (Herzog)

  7. "In den liberalen Demokratien des Westens hingegen hat der politische Liberalismus ...
    … Anziehungskraft verloren“. Wenn man schaut, welche Politiker und Ökonomen sich als Liberal bezeichnen und was alles als Liberalismus bezeichnet wird, verliert der Liberalismus in der Tat an Anziehungskraft. An dieser Stelle möchte ich Herrn Braunberger fragen, warum er Milton Friedman und seine Scharlatanerie so anziehend findet.

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