Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wie die Banken Krisen verschärfen (Sintra 1)

| 5 Lesermeinungen

Die Europäische Zentralbank hatte zu einer Forschungskonferenz nach Sintra in Portugal geladen. Dort trafen sich Geldpolitiker, Ökonomen, Finanzfachleute und Journalisten. Wir stellen Beiträge aus Sintra in einer kleinen Reihe vor.

Während der EZB-Konferenz in Sintra (hier das Programm) waren Tweets eigentlich nicht erwünscht. Der amerikanische Ökonom Adam Posen hielt sich jedoch nicht daran und tweetete: „Hyun Song Shin is just rocking it with an intuitive discussion of bank capital.“ Shin, seit Anfang Mai Chef-Ökonom der Bank für Internationalen Zalungsausgleich (BIZ) und in FAZIT häufiger mit Arbeiten erwähnt, trat im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf. Dabei hatte er eine Präsentation, die wiederum auf einem mit dem bei der New York Fed arbeitenden Ökonomen Tobias Adrian verfassten Arbeitspapier aufbaute. In der Präsentation geht es im wesentlichen um die Verschuldung von Banken und die sich daraus für die Gesamtwirtschaft und die Geldpolitik ableitenden Folgen.

Die Geschichte geht so:

 

– Der Verschuldungsgrad („Leverage“) ist definiert durch das Verhältnis der Aktiva (sprich der Bilanzsumme) dividiert durch das Eigenkapital.

– Im Boom wachsen Banken, indem neue Aktiva durch zusätzliches Fremdkapital, aber nicht durch zusätzliches Eigenkapital finanziert werden. Dies ließ sich im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts sehr gut anhand großer europäischer Banken studieren. Das heißt: Im Boom steigt der Verschuldungsgrad.

– Dies ist für sich genommen noch kein Problem: In einer guten Konjunkturlage gibt es mehr für Unternehmen rentabel erscheinende Investitionen als in einer Krise. Dass Banken in einem Boom mehr Kredite an Unternehmen vergeben als in der Krise, ist daher als grundsätzliches Phänomen nicht erstaunlich. *)

– Allerdings kommt es immer wieder vor, dass Banken zu viele Projekte finanzieren und sich an den Boom eine schwere Krise anschließt. Warum kommt es zu diesen Übertreibungen?

– Adrian/Shin sagen: Das Verhalten der Banken hängt stark von ihrer Messung von Risiken und ihrer Steuerung dieser Risiken ab. Viele Banken bemessen ihre Risiken nach einem Verfahren, das zuerst in der amerikanischen Großbank JP Morgan verwendet wurde und sich dann in der Branche ausbreitete. Es heißt „Value at Risk“ oder kurz VaR. Auf der Basis von Vergangenheitsdaten lässt sich zum Beispiel für Wertpapiere oder Kredite für eine gegebene Wahrscheinlichkeit und einen gegebenen Zeitraum ein künftiger maximaler Verlust errechnen. Ein praktisches Beispiel aus der Wikipedia: „Ein Value at Risk von 10 Millionen Euro bei einer Haltedauer von 1 Tag und einem Konfidenzniveau von 97,5 Prozent bedeutet, dass der potentielle Verlust der betrachteten Risikoposition von einem Tag auf den nächsten mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,5 Prozent den Betrag von 10 Millionen Euro nicht überschreiten wird.“

– Wichtig ist in einem nächsten Schritt die Beobachtung, dass viele Banken über den Zyklus von Aufschwung und Abschwung hinweg das Verhältnis ihres VaR zum Eigenkapital in etwa konstant halten wollen. Daraus, und das ist extrem wichtig, entsteht nun ein prozyklisches Verhalten der Banken. Sie verstärken den jeweiligen Trend: Denn in einer guten Wirtschaftslage ist der VaR eines Wertpapiers oder Kredits sehr viel geringer als in der Krise. Das heißt: Im Boom vergeben die Banken zusätzliche Kredite (bzw. kaufen zusätzliche Wertpapiere), aber nach Ausbruch der Krise wollen sie ihre Kredite bzw. Wertpapiere möglichst schnell verkaufen. So kann es zu Übertreibungen kommen.

– In der Krise wollen die Banken schnell ihre Risiken reduzieren; vor allem aber wollen sie keine neuen Risiken durch neue Kredite eingehen. Andererseits benötigen viele Unternehmen aber gerade in der Krise Kredite, um zu überleben. („The implication is that intermediaries are shedding risks and withdrawing credit precisely when the financial system is under most stress, thereby serving to amplify the downturn.“)

Daraus lassen sich für Geldpolitiker und Regulierer einige Folgen ableiten:

– Geldpolitische Analysen sind unvollständig, wenn sie nicht den Finanzsektor berücksichtigen! Denn es wird aus der obigen Analyse klar, warum die Wirkung der Geldpolitik eingeschränkt ist, wenn in einer Wirtschaft kleine und mittlere Unternehmen eine bedeutende Rolle spielen wie zumindest in großen Teilen der Europäischen Währungsunion. Auch bei niedrigen Zinsen sehen sich Banken, die ihre Risiken reduzieren wollen, nicht in der Lage, gerade kleinen und mittleren Unternehmen Kredite zu geben – und wenn sie Kredit vergeben, wollen sie erstklassige Sicherheiten, die in der Krise aber oft nicht da sind. Kredite an kleine und mittlere Unternehmen sind oft riskanter als Kredite an große Unternehmen. **)

– Da Banken das Verhältnis von VaR zu Eigenkapital steuern, ist es für die Kreditvergabe und damit für die Gesamtwirtschaft nicht förderlich, wenn Banken ausgerechnet in Krisen Eigenkapital als Dividenden ausschütten. ***) Die Grafik 5 in Shins Sintra-Präsentation zeigt allerdings, dass die großen europäischen Banken auch nach Ausbruch der Krise weiterhin Dividenden ausgeschüttet haben.

– Eigenkapital existiert nicht nur in Form von Aktien. Es gibt auch Instrumente wie die an Beliebtheit zunehmenden, für viele Investoren attraktiv verzinsten Pflichtwandelanleihen („CoCos“), die im Krisenfall in Aktien umgetauscht werden. Hier gibt Shin zu bedenken, dass die Umtauschbedingungen in Aktien darüber entscheiden, wie viel Eigenkapital die Bank hat – und dass dies von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung ist, weil sich die Kreditvergabe der Bank an der Eigenkapitalausstattung orientiert.

 

Mittlerweile ist Teil 2 der Sintra-Reihe erschienen: Macht Unternehmens- und Konsumentenkredite handelbar!

Und hier ist Teil 3: Sind wachsende Zentralbankbilanzen gefährlich? Nicht unbedingt.

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*) „There are more positive net present value (NPV) projects that need funding when the economy is strong than when the economy is weak. Therefore, we should expect total credit to increase during the up-swing and decline in the down-swing. The debate about procyclicality of the financial system is therefore more subtle. The question is whether the fluctuations in lending are larger than would be justified by changes in the incidence of positive NPV projects.“ (Adrian/Shin)

**) Die Wirksamkeit der Geldpolitik würde sich möglicherweise vergrößern, wenn es jemanden gäbe, der die Bonität dieser Unternehmenskredite glaubwürdig verbürgt. Zu diesem Thema kommen wir in einem späteren Beitrag.

***) Die Forderung nach einer Beschränkung der Dividendenausschüttung für Banken in einer Krise geht mindestens bis auf Hyman Minsky zurück.

 


5 Lesermeinungen

  1. Pingback: Vor den geldpolitischen Entscheidungen: Umgeht auch die EZB künftig die Banken?

  2. Nicht neu, daß value at risk nicht funktioniert,
    jedenfalls nicht für die Gesellschaft, in der derartige Risikobemessungsmaßstäbe herrschen.
    Es ist zu subjektiv, daher wurde es ja eingeführt, um dehnbare Verhältnisse zu schaffen, den Kredit atmen zu lassen, sozusagen.

    Allein Kapitalerhöhung – wie Shin fordert – bringt die Dinge nicht in eine tragfähige Lage.
    Hinzu treten sollte eine Größenbegrenzung – etwa bei der Bilanzsumme – und/oder der Möglichkeit, Giralgeld zu schöpfen, bei gleichbleibender Eigenkapitalausstattung.

    Seit das Fraktional Reserve Banking weltweit die Oberhand gewann, muß die Welt damit leben, dadurch ständigen Risiken ausgesetzt zu sein.

    Diese sind vielleicht einzugrenzen, jedoch kaum die schlimmstenfalls eintretenden Folgen.
    Dafür wäre dann regelmäßig die Politik verantwortlich, die erfahrungsgemäß fehlerhaft handelt.
    Damit erhöhen sich die Risiken weiter und auch deren schädliche Folgen – jedenfalls am Ende nach einer teuer vielleicht erkauften Erholungspause.

    Ziemlich genau an dieser Stelle müht aktuell sich die Welt ab, festen Boden in der vor allem politisch verursachten Flut zu erreichen.

    Natürlich gäbe es Alternativen, die auch lange schon diskutiert werden, jedoch ist das Interesse daran noch nicht groß genug, um tatsächlich umstellen zu wollen, was schließlich auch gewisse Folgen hätte.

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 28. Mai 2014 | Die Börsenblogger

  4. Komisch
    alle haben Schulden, die Banken, die Unternehmen, die Staaten. Wer hat eigentlich dann das Guthaben? Was die dort besprechen mag alles gut und schön sein, letztlich geht es doch nur um Gewinnoptimierung. Und nochmals, was ich gestern schon gefragt hatte („Monaco im Zwielicht“ – nur nch zu googlen), wie kann es sein dass ein Staat ohne Staatsverschuldung überleben kann? Es wird doch das Gegenteil gepredigt.

    • @ namour: Monaco ist ein auch nur teilweise beneidenswerter
      dabei nur teilsouveräner Staat, dessen Gebiet an Frankreich zurück fällt, sollte es keinen männlichen Erben geben.

      In der Tat ist Monaco nicht verschuldet, dafür völlig zu- und überbaut mit Häusern und Wohnungen vor allem für eine Klientel, die sich unter den dortigen Steuerbedingungen bis hin zur völligen Abgabenbefreiung wohl fühlt.

      Das sei Land, Leuten und Bewohnern von Herzen gegönnt, führt immerhin zu der beneidenswerten Situation, kaum Staatsausgaben produzieren zu müssen.
      Mehrere Staaten, etwa Liechtenstein, sind ebenfalls schuldenfrei.

      Das schaffte auch jeder andere Staat, sofern er in der Läge wäre, unter libertären Verhältnissen seine Menschen leben lassen zu wollen.
      Das will jedoch keine Partei, keine Politiker, denn sie hätten kaum Macht über die Menschen, sondern diese über sie.

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