Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Sind wachsende Zentralbankbilanzen gefährlich? Nicht unbedingt. (Sintra 3)

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Die Europäische Zentralbank hatte zu einer Forschungskonferenz nach Sintra in Portugal geladen. Dort trafen sich Geldpolitiker, Ökonomen, Finanzfachleute und Journalisten. Wir stellen Beiträge aus Sintra in einer kleinen Reihe vor.

„You have peacetime and then you have wartime. In peacetime, I’m on the Bundesbank line, but the situation (in 2012) was very different.“
Jörg Asmussen, im Jahre 2012 Mitglied des Zentralbankrats der EZB.
 

Die Bilanzsummen einiger Zentralbanken – darunter der Fed, der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bank of England, der Bank of Japan und der Schweizerischen Nationalbank (SNB) – sind heute deutlich höher als vor Ausbruch der Krise. Die Bilanzsummen der Fed und der Bank of Japan steigen noch weiter, während die Bilanzsummen der Bank of England und der SNB seit einigen Monaten stagnieren. De Bilanzsumme der EZB ist seit ihrem Höchststand von 3102 Milliarden Euro im Sommer 2012 deutlich auf 2164 Milliarden Euro gefallen; das ist ein Rückgang um immerhin gut 30 Prozent. Aber auch der aktuelle Stand liegt über jenem im Sommer 2007.

Ist dieses Wachstum der Bilanzsummen gefährlich? Sind die Bilanzsummen auch im historischen Vergleich hoch? Was sagen frühere Erfahrungen über die Reduzierung der Bilanzsummen? Niall Ferguson (Harvard), Andreas Schaab (Harvard) und Moritz Schularick (Bonn) waren in Sintra mit einer wirtschaftshistorischen Präsentation vertreten. Ihre Analyse beruht auf Daten von 12 Industrienationen für den Zeitraum von 1900 bis 2013.

Dies sind ihre wichtigsten Ergebnisse:

– Einen derart steilen Anstieg von Zentralbankbilanzen wie seit dem Ausbruch der jüngsten Krise hat man zuletzt im Zweiten Weltkrieg gesehen.

– Ein kräftiges Wachstum der Zentralbankbilanzen geht gewöhnlich mit einem kräftigen Anstieg der Staatsverschuldung einher. Nicht zufällig wächst in einer solchen Situation auch der Anteil der Staatsanleihen an den Gesamtaktiva der Zentralbanken.

– Allerdings relativiert sich die aktuelle Entwicklung sehr stark, wenn man die Größe der Zentralbankbilanzen ins Verhältnis zur Größe des Finanzsektors stellt. Dann zeigt sich nämlich, dass die aktuelle Entwicklung eher eine Art Rückkehr zur Situation darstellt, wie man sie bis vor etwa 30 Jahren hatte. In den vergangenen 30 Jahren ist der Finanzsektor in der industrialisierten Welt sehr stark gewachsen, ohne dass – bis 2008 – die Bilanzen der Zentralbanken entsprechend mitgewachsen wären. Langfristig betrachtet kann man daher in der aktuellen Entwicklung sogar eine Art Normalisierung sehen.

– Nach der alten Quantitätstheorie müsste sich eine Zunahme der Zentralbankbilanz in einer Zunahme der Inflationsrate zeigen. Während dieser Zusammenhang zwischen 1950 und 1980 mehr oder weniger eng war, ist der Zusammenhang etwa seit dem Jahr 1980 in den Industrienationen zusammengebrochen. (Dieser Zusammenbruch ist gut dokumentiert und in der Fachwelt längst bekannt. Dies hat aber einige deutsche Ökonomen nicht davon abgehalten, die Inflation herbeizurufen, als die EZB in der Krise ihre Bilanzsumme wachsen ließ. Wir hatten schon vor längerer Zeit in FAZIT einen Beitrag über diese Ökonomen verfasst)

– Dementsprechend sehen Ferguson & Co. auf absehbare Zeit aus dem Anstieg der Zentralbankbilanzen keine bedeutenden Inflationsgefahren entstehen.

– Allerdings müssen längerfristige Risiken für die Stabilität des Preisniveaus beachtet werden. Inflationsgefahren können langfristig vor allem dann entstehen, wenn die Neuverschuldung der Staaten hoch bleibt und die Unabhängigkeit der Zentralbank schaden nimmt – und dieser Zusammenhang ist umso wichtiger, je größer die Bestände an Staatspapieren in der Bilanz einer Zentralbank sind.

– In historischer Betrachtung haben Zentralbanken in der Geschichte ihre Bilanzsummen in Nominalbeträgen nicht reduziert *), wohl aber ist das Verhältnis von Bilanzsumme zu Bruttoinlandsprodukt zurückgegangen. (Die Bilanzsummen der Zentralbanken sind sozusagen in das Kleid der Wirtschaft allmählich hineingewachsen.)

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*) Insofern ist der deutliche Rückgang der Bilanzsumme der EZB seit knapp zwei Jahren eher untypisch.


5 Lesermeinungen

  1. BoE und SNB-Bilanzen stagnieren nur deswegen auf sehr hohem Niveau,
    weil beide sich bislang nicht in der Lage sehen, die „verschütteten“ Billionen wieder einzusammeln.

    SNB kann dies wegen der Euroschwäche zum Sfr (noch) nicht und BoE kann dies nicht wegen der noch unsicheren Entwicklung auf den britischen Märkten und dem britischen Zins.

    SNB tanzt dabei auf sehr dünnem Seil in schwindelnder Höhe: Schwächt sich der Euro weiter ab, was die EZB beabsichtigt, vermöchte das schweizerische Finanzsystem zusammen zu brechen mit dramatischen Folgen für die Welt und alle Währungen.

    Dort liegt ein wesentlicher Grund für die Gefahren der Geldpumperei zu Lasten der Notenbankbilanz, die dazu oft auf nationale Staatsfinanzierung hinaus liefe.

    Im Falle der 08-Krise-QE-Maßnahmen der Fed soll es gar eine Garantie der Treasury, also der Regierung, für den theoretisch unbegrenzten Staatsschuldankauf gegeben haben: eine Verlängerung des Fed-Account direkt zum Schatzamt. Eine absurde Vorstellung.

    So ergeben sich mitunter irrwitzige Verhältnisse, die völlig jenseits von Rechts, jeder Vernunft und fast ausschließlich im politischen Sumpf siedeln, politischen Wahnvorstellungen geschuldet.

    Schwerbeschädigung der Demokratie, auch ihr Scheitern, wären wahrscheinliche Folge.

  2. Die Autoren berücksichtigen den technischen Fortschritt nicht
    Trotz großem Fortschritt in ETV und Automatisierung, arbeiten wir am Tag genau so lang oder länger, um in Verhältnis nicht viel besser zu leben, wenn überhaupt besser: ist das nicht wie eine horrende Preissteigerung, die Folge einer Indexwährung? Auch im elektronischen Zahlungsverkehr gibt Fortschritte, mit denen Buchgeld der Finanzinstitute eine größere Rolle spielt und Geld der Notenbank umgangen wird: ist das nicht ein Grund für schrumpfende Notenbankbilanzen? Ich wollte nur ein Beispiel geben, warum ich den Aufsatz für kurzsichtig halte. Zu viel empirische Forschung, die Äpflen mit Birnen in einen Korb wirft, zu wenig überzeugende analytische Argumente.

  3. Ich empfehle, Seiten 12 bis 14 zu lesen
    Die Autoren sammelten mit Mühe Daten und machten Statistiken. Trotz allem finde ich den Aufsatz unappetitlich. Ihre analytische Argumentation und daher auch ihre Schlussfolgerungen sind nicht überzeugend.

  4. "Allerdings relativiert sich die aktuelle Entwicklung sehr stark, ..."
    „Allerdings relativiert sich die aktuelle Entwicklung sehr stark, wenn man die Größe der Zentralbankbilanzen ins Verhältnis zur Größe des Finanzsektors stellt.“ — Wieso? Lediglich die wirtschaftliche Tätigkeit und die Höhe der Preise sollten die Geldmenge bestimmen, unabhängig von der Größe des Finanzsektors. Wenn es nicht so ist, dann, weil etwas Faules im System ist. Diese Ökonomen wollen anscheinend da kein Gefahr sehen, weil sie irgendwie zum Finanzsektor gehören.

    • Oder vielleicht ...
      Wenn mehr Überweisungen zwischen Banken stattfinden, sollte sich doch die Bilanz der Notenbank aufblähen. Ob die Aufblähung allein darauf zurückzuführen ist, so dass man die möglichen Folgen dieser Entwicklung stark relativieren kann, sollte aber nicht schwer zu überprüfen sein.

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