Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ohne Kirche keine Marktwirtschaft

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Der bekannte Harvard-Ökonom Benjamin Friedman hat eine Gastprofessur für Finanzgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt übernommen. In seiner Antrittsvorlesung sprach er über die Bedeutung religiöser Überzeugungen für die Durchsetzung der Marktwirtschaft.

Benjamin Friedmans Antrittsvorlesung trug den Titel „Religious Influences on Economic Thinking: How the West Came to Believe in Markets“. 1)  In ihr ging Friedman der Frage nach, wie sich das zentrale Postulat der westlichen Wirtschaftslehre – dass am Eigennutz von Individuen orientiertes Handeln unter den richtigen Rahmenbedingungen nicht nur den jeweiligen Individuen nutzt – entstehen und ausbreiten konnte. Wir fassen die Vorlesung im Folgenden zusammen. 2)

Dieses zentrale Postulat – bekannt als „unsichtbare Hand“ oder, moderner, als erster Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomie – wird gewöhnlich Adam Smith zugeschrieben. Friedman fragte: Woher hat Smith diese Erkenntnis und wie konnte sie sich durchsetzen?

Die Antwort lautet: Es gab in der englischsprachigen Welt im 18. Jahrhundert zwei große Transformationen – im ökonomischen Denken und im religiösen Denken. Nur aus dem Zusammentreffen dieser beiden Transformationen erklärt sich der Siegeszug marktwirtschaftlichen Denkens.

Beginnen wir mit dem ökonomischen Denken im England und Schottland des 18. Jahrhunderts. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts dachte man überwiegend, dass die meisten Menschen überhaupt nicht in der Lage gewesen wären, am ökonomischen Eigennutz ausgerichtetes Denken zu praktizieren und anzuwenden. Und wenn Menschen zu eigennützigem Handeln in der Lage gewesen wären, hätten sie nach der damaligen Denkweise anderen Menschen damit keinen Nutzen gestiftet, sondern eher Schaden angerichtet. Daher wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts eigennütziges Handeln als „Sünde“ bezeichnet.

Im Jahre 1714 veröffentlichte der aus den Niederlande stammende Autor Bernard Mandeville seine „Bienenfabel“. Seine Kernthese lautete, dass am Eigennutz ausgerichtetes individuelles Handelns, und sei es auch das Handeln von Halunken, oft zu einem allgemein vorteilhaften Ergebnis führt. Aber warum hat Smith den Ruhm für die Entdeckung der Grundweisheit der Marktwirtschaft erhalten und nicht Mandeville? Friedman antwortete: Weil Mandeville seine Einsicht nicht nachvollziehbar begründen konnte und damit einer an den wissenschaftlichen Prinzipien des berühmten Physikers Isaac Newton orientierten Öffentlichkeit keine brauchbare Theorie bot. Am Eigennutz ausgerichtetes Handels wurde weiterhin als Sünde angesehen.

In den Jahren 1725 bis 1775 fand eine Auseinandersetzung mit Mandevilles Idee statt. Sie wurde oft aus moralischen Gründen abgelehnt, faszinierte gleichzeitig aber auch einige Denker. Wichtige Teilnehmer an dieser Debatte waren Francis Hutcheson (der wichtigste Lehrer Adam Smiths), David Hume (der engste Freund und wichtigste intellektuelle Mentor Adam Smiths) sowie Adam Smith 3) selbst.

In seinem Werk Wealth of Nations gelangte Smith im Jahre 1776 zu wichtigen Erkenntnissen: Zum einen ist das am Eigennutz ausgerichtete Handeln des Individuums in seiner Natur begründet und daher keine Sünde. Zum zweiten stellt Smith die Frage, ob die Menschen in der Lage wären, die richtigen Entscheidungen zur Steigerung ihres Eigennutzes zu treffen. Nach seiner Sicht werden dies Unternehmer meistens können, Konsumenten sehr oft aber nicht. Damit die „unsichtbare Hand“ wirkt, werden gute Rahmenbedingungen benötigt und diese sind in erster Linie Märkte mit einem funktionierenden Wettbewerb. Smith sieht Staatseingriffe und Marktmacht als Gefährdungen des Wettbewerbsmechanismus, besitzt aber ein großes Vertrauen in den Marktmechanismus. Am Eigennutz ausgerichtetes Handelns wird von ihm nicht mehr als Sünde bezeichnet.

Die neue Lehre von der Marktwirtschaft besaß eine große Durchschlagskraft: Am Ende des 18. Jahrhunderts war Smith eine internationale Berühmtheit und sein Hauptwerk ein Bestseller. Seine Grundideen breiteten sich vor allem in Großbritannien und Nordamerika aus und beherrschen die Wirtschaftswissenschaften bis heute.

Nun aber kommt die Religion als wesentlicher Einflussfaktor für die bisher beschriebenen Ereignisse – Religon war damals ungleich wichtiger als heute.  Die Religion beeinflusste die Politik und ihretwegen wurden Kriege geführt. Vor allem bildete die Religion einen wesentlichen Bestandteil der damals wichtigen „Schottischen Aufklärung“, einer intellektuellen Bewegung, zu der auch Hutcheson, Hume und Smith gehörten. Dort war die Religion in Gestalt des Protestantismus sehr präsent; sie bildete, wie Friedman betont, einen Teil des „Weltbildes“ von Smith und seinen Freunden.

Wichtig ist, dass der Protestantismus zu jener Zeit in der englischsprachigen Welt eine deutliche Veränderung erfuhr. Drei Veränderungen erklärten sich aus einer Abkehr von einem orthodoxen Calvinismus; eine vierte Veränderung hatte damit nichts zu tun.

Erstens hatte der orthodoxe Calvinismus alle Menschen als „völlig verdorben“ beschrieben. Daraus wurde die Überzeugung, dass alle Menschen inhärent gut seien. Zweitens hatte der orthodoxe Calvinismus angenommen, dass nur wenige Menschen von Gott errettet würden und das Handeln der Menschen auf ihr Schicksal keinen Einfluss hätten. Daraus wurde die Überzeugung, dass im Prinzip alle Menschen von Gott errettet werden können und die Menschen mit ihrem Handeln darauf Einfluss nehmen können. Drittens hatte der orthodoxe Calvinismus angenommen, dass der einzige Grund für die Existenz des Menschen die Lobpreisung Gottes sei. Daraus wurde die Überzeugung, dass auch das menschliche Glück ein göttliches Ziel sei.

Die vierte Veränderung des Protestantismus im englischsprachigen Raum hatte nicht direkt mit dem orthodoxen Calvinismus zu tun. Hatte man früher angenommen, dass Fortschritte in der menschlichen Gesellschaft nicht in unserer Welt, sondern erst nach dem Jüngsten Tag stattfinden könnten, betrachtete ein modernerer Protestantismus Fortschritte in der menschlichen Gesellschaft in unserer Welt als unvermeidbar und aus religiöser Sicht vorteilhaft.

Diese Veränderungen des Protestantismus wurden im 18. Jahrhundert intensiv diskutiert. 4) Und die neuen Ideen passten sehr gut zu den neuen ökonomischen Ideen, weil in beiden Fällen aus der Förderung des individuellen Wohlstands und Glücks Vorteile für die gesamte Gesellschaft abgeleitet werden konnten.

Die Rezeption Adams Smiths in den Vereinigten Staaten wurde nach den Worten Friedmans in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von ökonomischen Lehrbuchautoren vorangetrieben, die enge Beziehungen zum Protestantismus unterhielten. Friedman nannte hier die Namen John McVickar, Francis Wayland und Francis Bowen.

Als Beispiel für die enge Verbindung von Ökonomie und Religion erwähnte Friedman die „Entdeckung“ des Wirtschaftswachstum durch technischen Fortschritt in den Jahren um 1830. Adam Smith hatte Wachstum als Ergebnis von Arbeitsteilung beschrieben; der technische Fortschritt spielte bei ihm keine Rolle. Wayland erkannte sehr wohl die Bedeutung des technischen Fortschritts und ordnete ihn als „Segnung Gottes“ ein.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschränkten sich die Wirtschaftswissenschaften nicht länger auf die Analyse, sondern sie verstärkte ihre Bemühungen, Einfluss auf die Wirtschaftspolitik zu nehmen, um die Welt zu verbessern. Für die Vereinigten Staaten führte Friedman als entscheidendes Datum die Gründung der Standesorganisation American Economic Association im Jahre 1885 an. Sollte es erstaunen, dass ihr erster Präsident Richard T. Ely ursprünglich eine Laufbahn in der Kirche angestrebt hatte und im Jahre 1889 nacheinander ein Lehrbuch über Politische Ökonomie und ein Buch über die sozialen Aspekte des Christentums veröffentlichte? Zu nennen wäre damals auch der namhafte Ökonom John Bates Clark, der auch als Co-Gründer eines American Institute of Christian Socialism hervorgetreten ist.

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts endete auch Ben Friedmans Vortrag. Er fügte noch kurze Anmerkungen an, die zeigen sollten, dass auch aktuelles ökonomisches Denken in den Vereinigten Staaten durch den Protestantismus beeinflusst ist.

 

 

 

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1) Die Gastprofessur für Finanzgeschichte an der Goethe-Universität wurde von zwei Privatbanken mit langer Tradition gestiftet: dem Bankhaus Metzler (Frankfurt) und dem Bankhaus Edmond de Rothschild (Paris). Friedrich von Metzler stellte in einer kurzen Ansprache fest, dass viele heutige Banker zu wenig Ahnung von der Finanzgeschichte besäßen und die Erforschung der Finanzgeschichte an deutschen Hochschulen unterrepräsentiert sei. Er bezog sich unter anderem auf den Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, als sich Regierungen und Notenbanken zu passiv verhalten hätten. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hätten die Notenbanken dagegen richtig gehandelt, so dass eine Situation wie zu Beginn der dreißiger Jahre vermieden wurde. „Wir wissen aber, dass sich so etwas wie 1931 wiederholen kann“, warnte von Metzler.

2) Die Zusammenfassung beruht auf Benjamin Friedmans Powerpoint-Präsentation sowie eigenen handschriftlichen Notizen.

3) Heinz D. Kurz und Richard Sturn haben in der F.A.Z-Ökonomenreihe ein kompaktes Buch über Adam Smith verfasst.

4) Friedman nannte als religiöse Teilnehmer an den Debatten John Tillotson, John Taylor und John Wesley.


6 Lesermeinungen

  1. Pingback: Ohne Kirche keine Marktwirtschaft? | lumen mundi

  2. Deutsch-amerikanische Verbindungen
    Carl-Ludwig Holtfrerich (FU Berlin) verweist darauf, dass die amerikanischen Ökonomen Ely und Clark in Deutschland studiert hatten, weil unter den amerikanischen Ökonomen die Wirtschaftslehre in Preußen bzw. Deutschland als besonders fortschrittlich galt. Wer mehr darüber erfahren will, findet hier einen Link zu einem Buch von Gisela Schmalz:

    https://www.metropolis-verlag.de/Der-Richtungsstreit-in-der-fruehen-amerikanischen-Wirtschaftslehre-und-der-Einfluss-der-Deutschen-Historischen-Schule/214/book.do

  3. Pingback: 5 vor 10: Religion, Eizellen, Ebola, Öl, Nordkorea | INSM Blog

  4. Sehr interessant!
    Danke!

  5. Kühne Headline und Schlussfolgerung
    Aus dem von Ihnen mitgeteilten zu schließen „Ohne Kirche keine Marktwirtschaft“ ist gelinde gesagt kühn – um nicht zu sagen irreführend. Ihren Worten zufolge endete der Vortrag im 19.Jahrhundert während die Headline zeitlose Gültigkeit beansprucht. Das nenne ich Irreführung.

  6. Sehr lange bekannt und verkannt
    Beispiel nicht nur die Weberschen Überlegungen. In den 90er Jahren in VWL und Kulturanthropologie. Im Jahr 2000 erschien dann beispielsweise die Dissertation des Benediktinermönchs Eckert bei „Schäffer-Pöschl“ unter dem dem Titel „Dienen statt Herrschen“.
    Die Frage ist doch, warum werden Tatsachen nicht beachtet?

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