Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Das allgemeine Wahlrecht hat die Banken gestärkt

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Die Finanzgeschichte zeigt: Wenn Eliten herrschen, profitiert die Börse. Wenn die Masse wählt, wachsen Banken besonders schnell.

Eine leistungsfähige und gesunde Finanzbranche bildet eine Voraussetzung für ein langfristig gedeihliches Wirtschaftswachstum. Diese Tatsache ist Ökonomen seit langem bekannt. Aber dennoch unterscheiden sich die Finanzsysteme in den Industrienationen nicht wenig. In Ländern wie den Vereinigten Staaten spielen die Finanzmärkte, darunter der Aktienmarkt, eine sehr viel größere Rolle als in vielen Ländern Kontinentaleuropas. Dafür spielen in Kontinentaleuropa die Banken eine größere Rolle als in vielen englischsprachigen Ländern.

Hierfür gibt es mehrere Gründe, darunter zum Teil weit in die Vergangenheit reichende unterschiedliche kulturelle Präferenzen und unterschiedliche Rechtssysteme. Auf ein interessantes weiteres Phänomen weisen die Ökonomen Hans Degryse, Thomas Lambert und Armin Schwienbacher in einer Untersuchung hin, die in diesen Tagen auf der Jahrestagung der American Economic Association in Boston vorgestellt wird. Die Ausprägung eines Finanzsystems wird auch beeinflusst durch das Ausmaß und die Schnelligkeit, mit der in einem Land ein allgemeines Wahlrecht eingeführt und von den Menschen mit einer hohen Wahlbeteiligung angenommen wurde. Die Untersuchung der drei Autoren stützt sich auf die Auswertung von 18 Ländern im Zeitraum von 1830 bis 1999. In dieser Zeit hat sich das Wahlrecht nach Angaben der Autoren weit verbreitet: Waren im Jahre 1900 nur 17,3 Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt; die Marke von 50 Prozent wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg überschritten.

Die der Studie zugrunde liegende These lautet, dass in Ländern, in den vor allem Reiche und andere Privilegierte wählen, eine starke Präferenz für die Entwicklung von Aktienmärkten besteht, denn diese Bevölkerungsgruppen besitzen weniger Interesse an sicheren, aber wenig rentablen Anlagen bei Banken. Kredite von Banken benötigen sie nur selten. Statt dessen schätzen sie chancenreiche Kapitalanlagen in Unternehmen, wie sie der Aktienmarkt ermöglicht.

Mit der allmählichen Einführung eines allgemeinen Wahlrechts wird der Medianwähler ärmer; in den meisten Fällen wird er abhängig beschäftigt sein. Solche Wähler bevorzugen eher Sicherheit. Dieser Medianwähler besitzt meist nur ein geringes Finanzvermögen und ist sehr stark von den Einkünften aus seiner Arbeit abhänig. Daher werden unter ihrem Einfluss gewählte Politiker eher für Regulierungen des Arbeitsmarktes und die Förderung möglichst sicherer Banken eintreten, bei denen der Durchschnittswähler einen erheblichen Teil seines Geldes parkt und bei denen viele Menschen Geld leihen.

Die Untersuchung der drei Autoren sieht diese Thesen für viele Länder recht gut bestätigt. Dort passten sich die Finanzsysteme nach Änderungen des Wahlrechts häufig an. Auch in Deutschland spielte die Börse, relativ zu den Banken, einmal eine größere Rolle als heute.

 


1 Lesermeinung

  1. Eine interessante Studie, aber sie bestärkt einmal mehr meine Vorbehalte ...
    … bezüglich vieler heutiger sog. ‚wissenschaftlicher‘ Studien der Wirtschafts’wissenschaften‘.

    Es scheint mir einmal mehr einäugig und unwissenschaftlich, wenn man nach wissenschaftlich genau bewiesener Korrelation zwischen zwei Parametern unbesehen einen fragwürdigen kausalen Zusammenhang herbeiredet.

    Im vorliegenden Beispiel wird zu sehr ausgeblendet, dass im betrachteten Zeitraum auch das Knowhow der Amtsträger völlig geändert hat, Modeströmungen aller Art das Abstimmungsverhalten der Parlamente beeinflussen usw. usf.

    Mit genügend Fleiss und Ausdauer könnten bestimmt noch weitere Korrelationen für die Vergangenheit gefunden werden. Vielleicht korreliert die Änderung der Wählerschicht auch zu Anzahl und Zusammensetzung der Schneckenpopulation in gewissen Weinbergen? ;)

    DAS wäre doch ein interessantes Dissertationsthema für den angehenden Dr. Oeconomicus!
    :O

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