Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Dummheit kann teuer werden

| 6 Lesermeinungen

Datenauswertung kann Unternehmen ganz neue Erkenntnisse über ihre Kunden bringen. Wer nicht aufpasst, zahlt drauf.

Warum funktioniert Verbrauchermacht? Weil ein paar Leute aufpassen. Zum Beispiel im Supermarkt. Da gibt es immer ein paar Kunden, die den aktuellen Milch- und Butterpreis ganz genau im Kopf haben. Wenn ein Supermarkt zu teuer wird, dann gehen sie zum anderen. Und zwingen den Supermarkt so, seine Preise wieder zu senken. Davon profitiert auch der große Rest der Supermarktkunden: Sie bekommen billige Milch, ganz ohne darüber nachzudenken.

Dank Digitalisierung und Internet sind die Verbraucher sogar noch mächtiger geworden. Wer für den Urlaub ein gutes Hotel sucht, braucht keinen Reiseführer mehr – er kann auf die Hotelbewertungsseiten gucken und von der Arbeit der Leute profitieren, die dort lange Rezensionen geschrieben haben. Ebay hat deshalb so gut funktioniert, weil Käufer und Verkäufer sich gegenseitig bewerten konnten. So konnten die nächsten Nutzer direkt von den Erfahrungen der anderen profitieren. Das Internet und die Bewertungen machen sogar Zertifikate überflüssig: Zu Uber-Fahrern haben Kunden auch ohne Taxischein Vertrauen, weil die Uber-Fahrer von früheren Passagieren bewertet worden sind.

Die Digitalisierung hat’s gegeben – die Digitalisierung wird’s vielleicht nehmen. Vielleicht kommt die technische Entwicklung bald an einen Punkt, an dem sich das dreht. An dem Unternehmen die Dummheit ihrer Kunden ausnutzen können – oder auch nur deren Unaufmerksamkeit. Darauf hat Achim Wambach, Mitglied der Monopolkommission, auf einer Tagung der Ludwig-Erhard-Stiftung hingewiesen: Er zum Beispiel passt im Supermarkt nie auf die Preise auf, sagt er. Was passiert jetzt, wenn der Supermarkt das bemerkt und für ihn individuell die Preise erhöht? Dann funktioniert die Verbrauchermacht und ein Teil des automatischen Verbraucherschutzes auf dem Markt nicht mehr richtig.

Verbraucherschutz kann schädlich sein

Tatsächlich gibt es schon lange Gerüchte darüber, dass Unternehmen vor allem im Internet schon lange von unterschiedlichen Kunden unterschiedliche Preise verlangen. Das wäre das, was Ökonomen „Preisdiskriminierung 1. Ordnung“ nennen. Wirklich nachgewiesen wurde das bisher aber noch selten.

Doch es gibt solche Ansätze schon ganz ohne Internet. Darauf wurde vor zwei Jahren auf der Ökonomen-Tagung des Vereins für Socialpolitik in Düsseldorf hingewiesen. Fluggesellschaften verlangen Extra-Gebühren für Gepäck, das erst am Flughafen angemeldet wird und nicht schon beim Check-In. So zahlen die Kunden drauf, die nicht aufpassen – und die, die aufpassen, haben einen Vorteil. Aber wer das per Verbraucherschutz unterbindet, nimmt den Kunden den Anreiz aufzupassen – und am Ende stehen sie vielleicht schlechter da als ohne das Verbot.

Auf den Verbraucherschutz kommt eine neue Frage zu: Will er die Unternehmen so regulieren, dass die Leute nichts mehr denken müssen? Oder sollen die Leute, die aufpassen, einen Vorteil haben?

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6 Lesermeinungen

  1. Salzfettwurst, süßer Kartoffelsalat und Zucker statt Marzipan
    8 von 10 Leberwürsten aus dem Super sind Salzwürste,
    teure Zutaten wurden entfernt, bis auf das gesetzliche Minimum, stattdessen dominiert Salz, eine erstklassige Optik generiert man mit Emulgatoren, Stabilisatoren und Chemie.
    Gleiches bei anderen Würsten, Salz, Salz, Salz…

    Ein anderes Beispiel. Es gibt keinen verdammten herzhaften Kartoffelsalat mehr, alle sind kostenoptiemiert, was heisst, wertvolle Zutaten, teure Gewürze raus und og. Chemie rein.
    Dann schmeisst man ein paar Erbsen drauf und nennt den Matsch fantasievoll masurischen Kartoffelsalat.

    Das gleiche bei Süßigkeiten, Nougat, Marzipan sind häufig an der Nachweisgrenze, man bekommt aber den Geschmack und Geruch noch halbwegs mit Chemie hin, die Optik erst recht.

    Ich könnte Seitenweise so fortfahren.
    Die extreme Preisensibilität zwingt Unternehmen regelrecht immer billiger zu werden, bis auf diejenigen die sich mit höheren Preisen, einer starken Marke und besserer Qualität über Wasser halten können, aber das wird immer schwieriger. Meiner Ansicht nach geht es auch bei bekannten Marken wie z.B. Rügenwald langsam in die gleiche Richtung.

    Diese Billigheimerei, das Wälzen der Sonderangebotspostillen führt automatisch zu kostenoptimierten Salz-, Fett- oder Zuckerbomben mit Chemie.
    Geiz ist geil macht letztlich krank, dick und fett und wir selbst sind schuld. Wir wollen es billig, der Unternehmer liefert es billig. Nur die Optik muß top sein, darauf wird extrem geachtet.

    Wie kann man dies ändern, zumal es ja auch teure Produkte gibt, die Mist sind? Der Blick auf die Zutatenliste hilft nicht, der Verbraucher ist kein Chemiker und mit einem Vergrößerungsglas rennt man auch nicht in die Konsumzempel.

    Mir fallen dazu nur zwei Lösungen ein, die für alle sehr hilfreich wären:
    1. Statt Zutatenlisten, die eh keiner List, kommen 3 Ampeln auf jedes Produkt, eine für Kalorien, eine für Zucker und die 3. für Salz.
    So sieht man an den Farben kann so relativ einfach seine Einkäufe steuern. Rotes kauft man halt selten, grünes sollte dominieren.
    2. Eine weitere Hilfe wären gestaffelte Steuern für Vorprodukte, z.B.
    Zucker, gehärtetetes Fett (weil extrem schädlich) und Salz werden mit mindestens 100-300% besteuert, nicht gehärtete Fette mit 50-100%, andere Zutaten werde so gering besteuert, so das keine Mehrbelastungen entstehen, wenn man seine Einkäufe gesund mischt.

    Das fürt nicht zu einer Verzichtskultur, da Unternehmer auch in diesem Fall entwickeln und liefern werden, was der Verbraucher wünscht.

    Wenn Oddo Normalverbraucher dann noch einige rudimentäre Kenntnisse hat und die Finger weg lässt von Function Food, künstlichen Süßstoffen (Krebserregend) und 0-Kalorien-Produkten (Haben mehr Nachteile als Vorteile) wird es allen schnell besser gehen,doch der Genuss bleibt. Zucker wird man zum großen Teil (etwa zu 70%) ohne Geschmackseinbußen durch Stevia preiswert ersetzen können.
    Salz wird nur verwendet, um den Geschmack abzurunden und die Salzwurst kann wieder nach Leber schmecken und ist trotzdem bezahlbar.
    Der Verbraucher wird allerdings Zeit brauchen, bis der natürliche Geschmack zurück kommt.

    Doch ob jemals unserer Abgeordneten mit ihren vielen Beraterverträgen derartiges in die Reihe bekommen, das ist wohl fraglich!

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 5. März 2015 | Die Börsenblogger

  3. Die Individualisierung der Angebote und damit der Preise ist nicht aufzuhalten
    Und das hat weder mit Dummheit, noch mit Unaufmerksamkeit zu tun, eher mit Bequemlichkeit und Wandel im Einkaufsverhalten sowie den Möglichkeiten moderner Technik.

    Letztere erlauben es zunehmend Kundenprofile zu erstellen, die Aussagen über die finanzielle Potenz potentieller Kunden ebenso ermöglichen, wie über deren Produktvorlieben oder auch deren Lebenswandel und gesundheitlichen Status.

    Wer per Smartphone bezahlt oder per App seine Gesundheit kontrolliert oder ein vernetztes Auto fährt, der erzeugt damit Daten, die von Anbietern nicht nur zielgerichtet genutzt werden können, sondern auch zum Beispiel Versicherern eine individuelle Risikoeinschätzung ermöglichen, die dann zu individuellen Beiträgen führt. Und wenn ein Anbieter erstmal weiß, welche Produkte ein Kunde bevorzugt und wieviel Prozent seines Einkommens er bereit ist, dafür aufzuwenden, dann kann er den Preis individuell kalkulieren.

    Als Fazit kann festgehalten werden, daß es für den durchsichtigen Bürger, der sich gegen diese Durchsichtigkeit nicht mehr ewig wehren kann, am Ende jedenfalls teuer wird. Für manche wird es sogar unbezahlbar werden, sich beispielsweise noch ein Auto zu leisten oder eine Krankenversicherung, da ihre individuellen Risiken von den Versicherern entweder unbezahlbar hoch eingeschätzt oder generell abgelehnt werden.

    Was auf jeden Fall auf der Strecke bleiben wird, ist jede Form von Solidarität. Denn die Menschen werden durch die Individualisierung zwangsläufig auseinanderdividiert, die Verbraucher verlieren die Macht als Verbraucher, da sie nicht mehr als Masse, sondern nur noch als Individuen in Erscheinung treten, die leicht zu manipulieren sind. Denn wer würde denn wirklich auf Vorteile verzichten, um anderen Nachteile zu ersparen? Hand aufs Herz!

    Daß der Gesetzgeber hier einschreitet, halte ich angesichts der Macht der Lobbyisten und der unseligen Verquickungen zwischen Politik und Wirtschaft für einen abwegigen Gedanken. Das zeigen uns die letzten Jahrzehnte neoliberaler Politik doch auch ganz deutlich, daß die Volksvertreter längst nicht mehr das Volk vertreten, daß das Volk keine Stimme mehr hat, eigentlich nie hatte, daß die parlamentarische Demokratie nicht mehr als ein Feigenblatt ist.

    Tja, die Zukunft sieht nicht allzu rosig aus, die uns die Technik da beschert. Sie wird die Perversion der Behauptung, jeder sei seines Glückes Schmied, weiter auf die Spitze treiben.

  4. Das Leben als Hindernislauf
    Interessanter Artikel, danke!

    Das Problem, das ich sehe, ist, dass so etwas das Leben immer komplizierter macht. Früher ging man zum Bahnschalter und sagt: Einmal nach Köln, bitte. Jetzt klickt man sich auf Bahn.de mit hoher Konzentration durch, mit erhöhten Adrenalinspiegel, weil man etwas falsch anklicken könnte oder weil das Ticket im Spam abgefangen werden könnte oder, oder… – Und ich habe noch nicht über die Sonderangebote geredet, die man eigentlich auch austschecken müsste. Und es ist nicht nur die Bahn; es ist überall so.

    Einerseits gut: ich muss nicht mehr zum Bahnhof. Aber andererseits: ein hoher mentaler Einsatz, der auslaugen kann.

  5. Ein gesundes Misstrauen ist immer notwendig, gerade bei Reiseportalen
    ich möchte von mir behaupten, sehr kritisch meine Internetkäufe im Vorfeld zu checken. Dennoch bin ich bei der diesjährigen Urlaubsbuchung einem besonders dreisten Trick eines Reiseportals aus Leipzig aufgesessen. Herr Ballack, als Werbeträger, hätte bei dieser Art Buchung ebenfalls alt ausgesehen. Zu den Fakten:
    Portal aufgerufen, Reiseland, Hotel und Zeitraum eingegeben. Bei der Startseite wurde u.a. besonders herausgestellt, dass zusätzlich 8 Kg Gepäck frei sei. Die Lufthansatochter befördert beim Flug normal 23 kg Freigepäck. Die 8 kg zusätzlich habe ich als Werbetrick abgetan, da dies dem Handgepäck entspricht, zumal die angegebenen Maße dem entsprachen. Weiter durchgeklickt, Transfer zum Hotel musste angeklickt werden, wenn gewünscht. Ergebnis, Kostenaufschlag. Gleiches für Reiseleitung vor Ort. Nächster Punkt: Wünschen sie zusätzliche Gepäckbuchung? Zusätzlich? Nein, habe ja 23 kg Freigepäck bei der Airline und 8 Kg Handgepäck frei. Dann interessehalber doch angeklickt, Kosten pro Zusatzgepäck 35 €! Nicht gekauft. Ganz unten auf der Seite ein kleiner Hinweis „Gepäckbehandlung“ oder so ähnlich, den ich überlesen habe. Das war der Trick dabei. Buchung für eine 3-wöchige Pauschalreise abgeschlossen, paar Tage später Rechnung mit Vorauszahlungsbescheid von über 75% des Reisepreises und „Sie haben kein Gepäck gebucht“. Nichts mehr von Zusatzgepäck, nein, Ballacks Truppe verkauft die Urlaubsreise OHNE Reisegepäck. Einspruch eingelegt, Vorauszahlung erfolgreich reduziert, aber kein Gepäck für den Flieger. Airline angerufen, dort direkt meine 23 kg Gebäck für 15 € zugekauft. Mit diesem Reiseportal werde ich keinesfalls ein zweites Mal „ab in den Urlaub“ fliegen. ALs Resümee, bestimmte Dinge müssen einfach transparent und auf den ersten Blick erkenntlich sein. In meinem Fall müsste klar ersichtlich sein, was der Reisgesamtpreis beinhaltet. Die ganzen Abfragen mit voreingestellten Fallen für Zusatzversicherungen, die für diese eine Reise evtl. gebucht wird, erweist sich als Bumerang, weil sich diese Versicherung automatisch um 1 Jahr verlängert, wenn sie nicht vor her fristgerecht gekündigt wird. Wer rechnet schon mit so fiesen Tricks und liest sich 12 Seiten AGB der Versicherungen durch?

  6. Wenn man diesen Beitrag nicht geschrieben hätte, sähe die Welt vielleicht ganz anders aus...
    Grundsätzlich ist es schwierig zu sagen, ob es ohne besser wäre als mit, oder vielleicht ist ja auch ein Mittelweg zu bevorzugen. Abseits eines konkreten Falls, als abstrakte philosophische Überlegung ist das ganze reichlich abwegig. Auch wäre zu überlegen, in welcher Form denn ein Flugpassagier „aufpassen“ soll, wenn er beispielsweise für das Aufs-Klo-Gehen bezahlen soll. Ist denn so eine Regel durch eine faktische Notwendigkeit begründet, oder lediglich durch das Verlangen, einen zu knapp kalkulierten Flugpreis durch geschickt definierte und zum Teil zumindest letztlich unausweichliche Nebenkosten klammheimlich nach oben zu korrigieren? Dann wäre ja wohl eher im Sinne von Transparenz zu entscheiden.

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