Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die BIZ warnt vor dauerhaft niedrigen Zinsen

| 18 Lesermeinungen

Die in Basel ansässige „Bank der Zentralbanken“ sieht Gefahren für das Wirtschaftswachstum und die Produktivitätsentwicklung. Sie hält eine mittel- und längerfristige Ausrichtung der Geld- und Wirtschaftspolitik für notwendig.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt vor einer Gewöhnung an eine Welt mit dauerhaft sehr niedrigen Zinssätzen. „Insbesondere die negativenRenditen einiger Staatsanleihen sind beispiellos und dehnen die Grenzen desUndenkbaren“, sagte der Generaldirektor der BIZ auf der Hauptversammlung der in Basel ansässigen „Bank der Zentralbanken“. In ihrem gleichzeitig veröffentlichten Jahresbericht gehen Ökonomen der Bank der Frage nach, warum die Zinsen so niedrig sind, obgleich die Weltwirtschaft kaum schwächer wächst als im Durchschnitt.

„Die Gründe für diese Spannungen sind ausgesprochen schwer nachvollziehbar“, sagte Caruana. Ein wichtiger Grund ist nach Ansicht der Basler Ökonomen in dem Unvermögen zu sehen, in einer globalisierten Wirtschaft die Vorgänge an den Finanzmärkten mit der Entwicklung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen sowie der Inflation in Einklang zu bekommen. So seien enorm schädliche finanzielle Ungleichgewichte entstanden.

Die Analyse aus Basel verläuft wie folgt: Aufschwünge an den Finanzmärkten, die dort zu hohen Preisen führen, können unrentable Investitionen befördern und damit die Produktivität in der Wirtschaft sowie im Aufschwung wie in der nachfolgenden Krise beschädigen. Das internationale Währungs- und Finanzsystem habe diese Ungleichgewichte verstärkt, indem eine sehr lockere Geldpolitik auch in Ländern betrieben wurde, die diese auch nicht brauchten. „Der Geldpolitik ist viel zu lange zu viel aufgebürdet worden“, sagte Caruana. „Sie muss Teil der Antwort sein, sie kann aber nicht die ganze Antwort sein.“

Das Fortdauern außerordentlich niedriger Zinsen spiegele die Reaktion von Zentralbanken und Marktteilnehmern auf die ungewöhnlich schwache Erholung nach der Krise wider, sagte BIZ-Ökonom Claudio Borio. Auf der Suche nach gesicherten neuen Erkenntnissen tappten sie im Dunkeln. Die Zinssätze zeigten in aller Deutlichkeit, wie der Geldpolitik mit der Aufgabe, das Wachstum anzukurbeln, zu viel aufgebürdet wurde. Sie untermauerten die Diskrepanz zwischen der hohen Risikoübernahme an den Finanzmärkten, wo sie Schaden anrichten könne, und der verhaltenen Risikoübernahme in der Realwirtschaft, wo zusätzliche Investitionen dringend nötig wären. Die sehr niedrigen Zinsen würden damit selbst zu einer Bremse für das wirtschaftliche Wachstum.

Nach Ansicht der BIZ ist eine grundlegende Neuausrichtung der Wirtschafts- und Geldpolitik notwendig. Sie muss weg von einer kurzfristigen Ausrichtung auf die Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu einer mittel- und längerfristigen Ausrichtung, die Wert auf effizientere Wirtschaftsstrukturen legt und von einem Schulden finanzieren Wachstumsmodell wegführt, das nach Ansicht der BIZ „als politischer und gesellschaftlicher Ersatz für produktivitätssteigernde Reformen gedient hat.“

An den Finanzmärkten sieht die BIZ einen Wandel, der zur Verlagerung mancher Risiken von den Banken zu Vermögensverwaltern wie Fondsgesellschaften und Versicherungen führt. „Trotz beträchtlicher Anstrengungen zur Stärkung der Eigenkapital- und Liquiditätsausstattungen haben die Banken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften immer noch mit der Skepsis der Märkte zu kämpfen“, heißt es. „Infolgedessen haben sie einen Teil ihres traditionellen Finanzierungsvorteils in Bezug auf potentielle Kunden eingebüßt.“ Hinzu kämen Probleme, die sich aus dem allmählichen Wegbrechen ihrer Zinserträge und der Zunahme ihrer Zinsänderungsrisiken ergeben und die ihre künftige Widerstandsfähigkeit schwächen könnten.

Die Verlagerung von Geschäften zu Fonds und Versicherungen betrachten die Ökonomen der BIZ nicht nur als vorteilhaft. Unter dem Zwang, attraktive Renditen zu erzielen, hätten viele Vermögensverwalter in den vergangenen Jahren Kreditnehmer in den Schwellenländern finanziert, heißt es im Jahresbericht. Andererseits seien die sehr niedrigen Zinsen in den meisten Industrienationen für Versicherungsunternehmen auch mit Risiken verbunden. Gerieten sie in Schwierigkeiten, wäre dies auch für die Realwirtschaft ein Problem.


18 Lesermeinungen

  1. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 5. Juli | Pipsologie

  2. Interessant, die Meinung der BIZ zu lesen...
    zumal sie in ihrer Meinung ziemlich alleine dasteht. Alle anderen Zentralbanken, die noch eigenständig Geldpolitik machen (und ich meine nicht die Bundesbank…), vermitteln nicht den Eindruck viel Wert auf die Meinung der Ökonomen aus Basel zu legen…

    • Die BIZ findet am ehesten im deutschsprachigen Raum und in Schwellenländern Aufmerksamkeit.

      Das lässt sich allerdings bisher kaum für den englischsprachigen Raum sagen – letztes Jahr gab es eine ziemlich wüste Auseinandersetzung zwischen der Fed und der Bank of England auf der einen und der BIZ auf der anderen Seite, die wir in FAZIT behandelt hatten. Mark Carney, der Gouverneur der Bank of England, sagte damals unter anderem: „Es ist ein interessanter Bericht. Allerdings ist der Bericht in einem Vakuum entstanden, dem Baseler Vakuum; in einer Welt, in der eine Notenbank kein Mandat besitzt und in der eine Notenbank gegenüber einem Parlament und damit gegenüber der Bevölkerung keine Verpflichtung besitzt, bestimmte Ziele zu erreichen.“

      Gruß
      gb

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 29. Juni 2015 | Die Börsenblogger

  4. Leistung und Gegenleistung
    Ich würde nicht zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft trennen, sondern zwischen wirtschaftlich dauerhaft sinnvollen Aktivitäten und eher kurzsichtig orientierten Aktivitäten, die unterm Strich Schaden anrichten. Drogendealer und Kinderpornographen würde ich zum Beispiel zwar der Realwirtschaft zurechnen, aber nicht den sinnvollen Aktivitäten. In der Finanzwirtschaft scheint es mir viel mehr Einfluss von Akteuren zu geben, die andere „über den Tisch ziehen“ oder mit Risiken versehen, um ihres vermeintlich eigenen Nutzens Willen. Einige scheinen ihr Tun sogar zu verstehen. Zynismus würde mich bei denen nicht wundern.

  5. Sehr treffende Analyse aber es fehlen die Schlußfolgerungen
    das die überschwappenden Geldmärkte eines Tages mit den realen Märkten und Werten ins Gleichgewicht gebracht werden müssen. Entweder eine inflationäre Anpassung der Preise an die Geldmenge oder eine Währungsreform. Verlierer werden auf jeden Fall die „Geldbesitzer“ wie Kleinsparer sein, da „Großsparer“ meist Realwerte wie Immobilien und Aktien besitzen, die diesen Effekt ausgleichen werden.

  6. Pingback: Morgenlage Wirtschaft am Montag, 29. Juni 2015 | Morgenlage

  7. Der Geldpolitik ist viel zu lange zu viel aufgebürdet worden ....
    … das ist eigentlich der Kern der Erkenntnis. Zu lange haben Politiker und zahlreiche Volkswirte darauf vertraut, dass die monetäre Steuerung der Schlüssel zum Erfolg sei – nach der simplen Vorstellung „oben Geld rein – unten kommt Leistung heraus“. Aber Kapital ist eben nur einer der Produktionsfaktoren und in der historischen Betrachtung nicht der wichtigste, da höchste Wirtschaftsleistung meist mit Hochzinsphasen einherging. Daher haben Politik und Zentralbanken über lange Perioden versucht, durch Niedrigzinspolitik und Konjunkturprogramme die lahmende Wirtschaft mit wenig Erfolg anzukurbeln. Weit wichtiger als das Kapital sind jedoch die technologisch-unternehmerischen Fähigkeiten, Werte zu schaffen. Und spätestens seit dem Eintritt Chinas und Südkoreas in die Weltwirtschaft, haben sich Innovation und Wachstum dorthin verlagert. Dem Grunde nach würden beide Länder zur Versorgung der Welt mit Konsum- und zunehmend auch Investitionsgütern ausreichen. Zahlreiche traditionelle Industrieländer sind bereits aus dem Wettbewerb ausgeschieden und werden, da bereits viele Felder beackert und Technologien unwiederbringlich verloren sind, nicht mehr aufholen. Das trifft nicht nur Griechenland und die übrigen „Südländer“, auch bisher starke Industrienationen wie F, GB und selbst die USA werden schleichend deindustrialisiert. Und spätestens mit der Einführung der Elektromobilität wird es auch in D zappenduster aussehen, da dann plötzlich die perfekte mechanische Technologie, die heute ca 30 % der Arbeitsplätze begründet, nicht mehr benötigt werden wird. Die Lösung liegt damit nicht im Finanzsektor – mehr Jugend, bessere MINT-Ausbildung und auch wieder den Ehrgeiz zum wirtschaftlichen Wettbewerb wären der Weg! Aber hier sieht es in den vergreisenden, sozial und regulatorisch überfrachteten Industrienationen noch wesentlich düsterer aus.

    • "da höchste Wirtschaftsleistung meist mit Hochzinsphasen einherging"
      Wunderschöner Trugschluss! Das geschieht, wenn man Ursache mit Wirkung verwechselt. Es ist genau das Gegenteil: in einer entwickelten Wirtschaft ist Kapital einer der wichtigsten Faktoren. Und warum sind bei höchster Wirtschaftsleistung die Zinsen hoch? Weil Kapital sehr wichtig ist und es bei „höchster Wirtschaftsleistung“ nicht genug für alle gibt, sondern nur für jene, die höhere Zinsen zahlen.

    • "Daher haben Politik und Zentralbanken über lange Perioden versucht, ...
      … durch Niedrigzinspolitik und Konjunkturprogramme die lahmende Wirtschaft mit wenig Erfolg anzukurbeln.“ — Das ist auch eine Sache. Weidmann benutzt anscheinend noch die älteren Vorstellungen der deutschen Geldpolitik: die Zinsen der Zentralbank sind eine Reaktion auf die Wirtschaft. Von anderen hört aber eine andere Erklärung: die niedrigen Zinsen sind nicht Reaktion, sondern Aktion, damit die lahmende Wirtschaft reagiere. Wer hat Recht? Ich fürchte, die letzten. Bei der alten Geldpolitik kam die Initiative des Kredits von der Wirtschaft, sie näherte sich mit mehr oder weniger Handelswechseln zur Notenbank, die Notenbank reagierte, zum Beispiel mit restriktiveren Geldpolitik, wenn die Notenbank überfordert wurde, oder mit lockerer, um in Fühlung mit dem Markt zu bleiben. Heute aber kommt die Initiative von der Zentralbank, sie tappt im Dunkeln über den Bedarf der Wirtschaft und bietet Geld im Tender-Verfahren an. Sie agiert.

    • Werte Frau Orti
      natürlich haben die Zentralbanken mit dem klassischen Mittel der Geldmengensteuerung versucht, überschäumende Konjunkturphasen durch Erhöhung des Diskontsatzes zu regulieren. Ich kann mich noch an die frühen 70-er- Jahre erinnern, wo bei ca. 8% Diskontsatz, 15% Gehaltssteigerungen und eben soviel Inflation die Wirtschaft brummte. Angesichts der heutigen Geldschwemme, der Billion an Risikokapital und Niedrigstzinsen müssten wir heute europaweit Höchstkonjunktur haben. Aber außer Bauherren und Aktienanlegern ruft kaum jemand das Geld ab – weil es eben an Fähigkeiten, Unternehmern und Produkten fehlt. Die VWL ist sicher eine wichtige, flankierende Wissenschaft, aber sie ist nicht das wesentliche Steuerungselement. Urvater Keynes funktionierte – wenn überhaupt – nur einmal, nämlich in D und den USA vor dem II. WK. Aber auch hier streiten sich die Gelehrten, ob nicht der Nachholbedarf aus der Depression und neue Technologien wie Automobil, Rundfunk, Chemie, Infrastruktur, Luftfahrt und in beiden Ländern die Rüstung die eigentliche Ursache des Aufschwungs waren. All die Jahrtausende vor Einführung der modernen Geldwirtschaft war es immer die Idee, das Können und der Mut von Menschen, die Fortschritt und Wohlstand ausgelöst haben. Und daran mangelt es eben in vielen Volkswirtschaften.

  8. Ganz einfache Lösung
    Die Kreditvergabe darf nur noch an realwirtschaftliche Transaktionen gebunden werden. Derivate sind erlaubt, aber nur ein Derivat auf eine einzige konkrete realwirtschaftliche Transaktion. Keine Verkettung von Derivaten mehr und keine 1000 CDS auf einen Ausfall Griechenlands etc.

    Bankgeschäfte werden weltweit verboten und nur mit einer klar definierten Positivliste erlaubt. Da könnte man auch reinschreiben, dass Banken auch beim Kauf von Staatsanleihen Eigenkapital binden müssen.

    • Ganz einfache Lösungen
      Hayek nannte es eine Anmaßung von Wissen, die Menschen dazu verleite alles mit ganz einfachen Lösungen von oben regeln zu wollen. Soll das funktionieren, müssten allerdings diejenigen, die sich die Regeln ausdenken intelligenter sein als alle anderen Menschen, damit dies letztlich zu einem Vorteil führen kann.

      Ansonsten zerstört man nicht nur die Entscheidungsfreiheit auf der unsere Gesellschaft beruht, sondern sorgt als Nebeneffekt auch noch dafür, dass die Abläufe in der Wirtschaft immer ineffizienter werden.

    • @M. Hirtenbach: Dann widerspricht Hayek sich selbst
      Hayek hat in einem seiner „Meisterwerke“ auch den ganz einfachen Schluss gezogen, dass staatliche ökonomische Aktivität automatisch und ohne Ausnahme in die Sklaverei führe.

      Da fragt man sich doch, warum Hayek Beraterhonorare von Thatcher angenommen hat. Die sind nämlich auch ökonomische Aktivität. Und man fragt sich außerdem, warum Schweden weder Mauer noch Schießbefehl, sondern eine sehr zufriedene Bevölkerung, eine wettbewerbsfähige Industrie und ein hohes BIP pro Kopf hat. Alles trotz hoher Staatsquote, hoher Steuern und einem breiten Angebot staatlicher Dienstleistungen, die anderswo private stellen.

      Hayek ist m.E. nicht zitierfähig, weil er Ideologie über Logik stellt.

  9. Es wird zu wenig in der Realwirtschaft investiert...
    Soweit ich es richtig verstehe, wird hier eine Sicht von Minsky verwendet, der den sekundären Finanzmarkt und den realwirtschaftlichen Primärmarkt als unabhängig ansieht. Demnach können sich Preise auf beiden Märkten unabhängig bilden und damit dazu führen, dass sich Investitionen im Realmarkt nicht mehr lohnen. Das führt dann unweigerlich in die Krise, weil der Primärmarkt die Einkommen der meisten Menschen generieren.
    Das zeigt nichts anderes, als das was heute in BWL gelehrt wird. Alle Investitionen müssen mindestens die risikoangepasste Kapitalmarktrendite erbringen. Werden am Kapitalmarkt aber größere Risiken in Kauf genommen, werden Realinvestitionen nicht mehr durchgeführt. Blase auf dem Kapitalmarkt, Krise in der realen Wirtschaft.

  10. Na ja, so ganz ohne logischen Widerspruch ist die BIZ-Argumentation nicht:
    Einerseits:

    „Aufschwünge an den Finanzmärkten, die dort zu hohen Preisen führen, können unrentable Investitionen befördern und damit die Produktivität in der Wirtschaft sowie im Aufschwung wie in der nachfolgenden Krise beschädigen.“

    Andererseits:
    „Sie untermauerten die Diskrepanz zwischen der hohen Risikoübernahme an den Finanzmärkten, wo sie Schaden anrichten könne, und der verhaltenen Risikoübernahme in der Realwirtschaft, wo zusätzliche Investitionen dringend nötig wären.“

    Wat denn nu: Wird zu viel oder zu wenig investiert?

    Ordnungspolitisch geht das Warnen vor einer zu expansiven Geldpolitik aber auf jeden Fall in Ordnung! Vor diesem Hintergrund ist das Beharren auf Einhaltung des Prinzips vom zu vermeidenden Widerspruch im Grunde ziemlich kleinlich ;-)

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