Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Das Schreckenswort heißt Superhysterese

| 8 Lesermeinungen

Warum nur kommt die europäische Wirtschaft so langsam aus der Krise heraus? Olivier Blanchard und Larry Summers hatten schon vor 30 Jahren eine Idee, die damals auch bei deutschen Ökonomen für Furore sorgte. Jetzt haben sie sich die Sache noch einmal angeschaut – und sind zu einer beunruhigenden Antwort gelangt.

In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts kamen die europäischen Volkswirtschaften nur sehr langsam aus den Krisen der unruhigen siebziger Jahre heraus. Darüber setzte ein großes Rätselraten ein, ehe die beiden damals jungen Ökonomen Olivier Blanchard und Larry Summers ein Phänomen entdeckten, das sie „Hysterese“ nannten: Gemeint ist eine Situation, in der eine wirtschaftliche Krise lange nachwirkt, obgleich ihre ursprüngliche Ursache längst keine Rolle mehr spielt. Das Phänomen der Hysterese wurde damals begierig auch von deutschen Ökonomen aufgenommen, unter anderem von Mitgliedern der „Kieler Schule“ um ihr seinerzeitiges Haupt Herbert Giersch.

Wie erklärten Blanchard und Summers das damalige Verharren der europäischen Wirtschaft in einer Situation sehr hoher Arbeitslosigkeit? Es muss eine Ursache geben, die lange wirksam ist. Die beiden Ökonomen schauten vor allem auf die Insider/Outsider-Problematik auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Menschen in festen Arbeitsverhältnissen und oft mit gewerkschaftlicher Bindung erfreuten sich mancherlei Privilegien wie zum Beispiel hohen Mindestlöhnen („Insider“), während die Arbeitslosen („Outsider“) durch die von den Insidern aufgebauten Hürden nicht in den Arbeitsmarkt kamen. Nun stelle man sich eine Krise vor, die so schwer ist, dass auch ein Teil der bisherigen „Insider“ ihren Job verliert. Nun ist die Zahl der „Insider“ geringer als vorher und die Zahl der „Outsider“ größer als vorher – die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, aber die „Outsider“ finden nach wie vor keinen Weg in den Arbeitsmarkt zurück. Das war in der Tat eine, wenn auch vielleicht nicht die einzige, plausible Erklärung für die schwache Entwicklung der europäischen Wirtschaft in den achtziger Jahren.

Aktuell lässt sich nicht bestreiten, dass Europa wieder einmal länger in einer Krise verharrt als zum Beispiel die Vereinigten Staaten. Könnte wiederum Hysterese eine Rolle spielen? Oder könnte Europa gar in einer „Superhysterese“ gefangen sein? Der Ausdruck stammt von dem amerikanischen Ökonomen Lawrence Ball und beschreibt eine Situation, in der eine Rezession nicht nur wie eine „normale“ Hysterese lange nachwirkt, sondern in der das anschließende Wirtschaftswachstum schwächer ist als vor der Rezession.

Blanchard und Summers haben mit Eugenio Cerutti in einer neuen Arbeit einen Blick auf eine Vielzahl von Rezessionen in 23 Ländern geworfen, um nach Mustern Ausschau zu halten.Tatsächlich finden sich eine Vielzahl von Rezessionen, die mit einer „normalen“ Hysterese erklärt werden könnten. Als Ursachen kommen prinzipiell in Frage, auch wenn sie in der empirischen Untersuchung nicht schlüssig nachweisbar waren:

  • Nach einer langen Rezession verlieren viele Arbeitslose ihre Qualifikation und finden nicht mehr in einen Job.
  • Lange Rezessionen beeinflussen Regeln am Arbeitsmarkt, die den Wiedereinstieg für Arbeitslose erschweren.
  • Rückläufige Investitionen sorgen für einen zumindest vorübergehend niedrigeren Kapitalstock
  • Rückläufige Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Rezession wirken sich nachteilig auf die Produktivität aus

Immerhin lassen sich Gründe für Hysterese auch in unserer Zeit finden. Aber nach Ansicht der Autoren ist es sehr viel schwieriger, Gründe für eine „Superhysterese“ zu entdecken: „Permanently lower output growth requires permanently lower total factor productivity growth; the recession would have to lead to changes in behavior or in institutions, which lead to permanently lower research and development or to permanently lower reallocation. These may range from increased legal or self-imposed restrictions on risk-taking by financial institutions, to changes in taxation discouraging entreprenuership.“

Die beunruhigende Schlussfolgerung von Blanchard, Cerutti und Summers ist, dass Hysterese oder gar Superhysterese nur eine mögliche Antwort für die Wirtschaftsschwäche seit der Krise ist. Es kommen aus ihrer Sicht auch zwei andere Erklärungen in Frage. Zum einen kann die Rezession und anschließende Wirtschaftsschwäche auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen sein. In Frage kommt beispielsweise eine Finanzkrise, die erst eine Rezession erzeugt und daraufhin zu so starken Regulierungen des Finanzsektors Anlass gibt, dass die Wirtschaft nicht mehr richtig ins Laufen kommt. Schließlich ist auch eine „umgekehrte Kausalität“ denkbar: Demnach gelangen Konsumenten und Unternehmer gegen Ende eines Booms zur Erkenntnis, dass das Wirtschaftswachstum nicht plausibel ist. Dies kann eine Rezession auslösen und das nachfolgend langsame Wachstum ist nicht anderes als das Ergebnis einer korrekten Antizipation von Konsumenten und Unternehmern vor der Krise.

Nur: Wenn die Ursache des langsamen Wirtschaftswachstums in Europa nicht klar definierbar ist, lässt sich auch nicht klar bestimmen, was die Wirtschafts- und Geldpolitik unternehmen soll. Das scheint auch in derzeit in Europa so zu sein.


8 Lesermeinungen

  1. Ist das wieder ein Versuch, neue Phänomene mit alten Theorien zu rechtfertigen?
    Alles wie vor 30 Jahren? Dann wartet also 1987 auf uns. Darauf folgen 1992/1993. Finanzkrise Asien 1997. Dotkom Krise 2000/2001 und Finanzkrise 2008. Fünf weltweite Krisen in 30 Jahren. Wartet das wieder auf uns? Muss jedes mal der Steuerzahler die Wirtschaft aus dem Sumpf ziehen? Die internationalen Globalplayer nutzen die doppelte Nichtsteuerzahlung um sich cum ex die nicht gezahlten Steuern, doppelt erstatten zu lassen. Trotzdem ist das Bankensystem marode. Wie errechnet sich denn der Kapitalstock und seine Substanz bei Banken auf die gesamte Volkswirtschaft um? Was schreiben die Experten? Was ist Europa, das den Vergleich mit den USA zulässt? Ist Europa ein Bundesstaat? Der Bundesstaat USA hat seit 150 Jahren über 40 Bundesstaaten. Europa hat bald 30 national souveräne Staaten, also heute noch nicht. Wie vergleicht man beides? Wie vergleicht man Frankreich und Großbritannien? wie vergleicht man Spanien mit Polen? Wie vergleicht man Portugal, Griechenland und Italien mit Deutschland? In Europa gibt es Arbeitnehmerfreizügigkeit von Rumänien, Bulgarien oder Kroatien. Wie stark sind da die Gewerkschaften? Jetzt kommen Millionen Arbeitssuchende aus Pakistan, Bangladesch, Afghanistan. Iran, Irak, Libanon, Libyen, ganz Afrika usw. Haben die Ökonomen das vor 30 Jahren schon berücksichtigt? Reicht das zur Glaubwürdigkeit der Topökonomen?

    • Titel eingeben
      Wer den Beitrag liest, wird erkennen, dass Blanchard und Summers keine Prognosen über künftige Finanzkrisen abgeben.

      Er wird auch erkennen, dass sie Hysterese als eine von mehreren möglichen Ursachen für die aktuelle Krise verorten. (Und damit stehen sie nicht alleine.)

      Und schließlich steht in vermutlich jeder Analyse der Arbeitsmärkte in Ländern wie Frankreich oder Italien, dass die Insider/Outsider-Probematik dort eine erhebliche Rolle spielt.

      Gruß
      gb.

  2. Fortschritt
    Ein Punkt haben die Herren Wissenschaftler vergessen. In der Zeit der Industrialisierung, Automatisierung und heute in der Digitalisierung der Wirtschaftsabläufe in der Produktion, wurde von der Politik vergessen die Wirtschaft an den Folgekosten vom Abbau der Personal-, und Sozial kosten zu beteiligen. Warum das den, Maschinen bezahlen keine Steuern und Konsumieren nicht. Das bedeutet, wer Maschinen durch Menschen ersetzt, bezahlt trotzdem Sozialbeiträge. den es werden mehr Job vernichtet als es neue Jobs erschaffen. Den man geht davon aus, das durch die Digitalisierung der Wirtschaft, bis ins Jahr 2050, Weltweit 600 Millionen neue Jobs geschaffen werden.

  3. Ein andere Interpretation ist auch möglich
    Eine andere Interpretation dieser komplexen Vorgänge ist das Ende eines Wachstumszyklus, der nicht auf dem Radar der Wirtschaftswissenschaften ist, weil er sich über historische Zeiträume erschließt. In diesem Fall wäre es eine ausklingende Wachstumswelle, ein Leontieff-Winder, den man gestalten, aber wenig direkt beeinflussen kann. In der Tat besteht eine Reihe von Analogien zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Peak Trade, Rückgang der Beschäftigten in der Industrie (damals: Landwirtschaft), negative Kreditzinsen, zunehmender Protektionismus, Unwirksamkeit monetärer Faktoren, allgemeiner Wachstumsrückgang in den entwickelten Staaten, politische Fragmentierung und zunehmende Unwirksamkeit der wirtschaftspolitischen Rezepte. Der „Gewinner-nimmt-alles-Märkte“ wurden von einzelnen Episoden zu einem überspannenden Phänomen, der ein Hinweis auf die allgemeine Unsicherheit und der breite Rückgang der Investitionstätigkeit ist.
    Europa hat noch nicht wieder die Wirtschaftsleistung vom Vorabend der globalen Finanzkrise 2008 erreicht, ein Hinweis auf eine strukturelle Transformation, die mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vergleichbar ist.

    Oft wird mit dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Stunde Null gesprochen, vielleicht war es aber nur die Goldene Ära eines größeren Zyklus, bei dem Strukturen im Großen und Ganzen mit dem Wachstumserfordernissen übereinstimmten (wenn man vom Damokleschwert des Kalten Krieg abstrahiert).

    Was würde aus einer solchen Sichtweise folgen? Vor uns stehen erhebliche Veränderungen, die das Selbstverständnis unseres Handelns und den Zusammenhalt der Gesellschaft betreffen, ähnlich wie vor 100 Jahren. Zwar ist es unklar, welche der gegenwärtigen politischen Strömungen die Oberhand gewinnt – oder welche neuen Impulse noch erforderlich sind – , aber es ist offensichtlich auch klar, dass weiteres Wachstum mit den Treibern und Erfolgsfaktoren nicht weitergehen muss und die vielen Faktoren eine kritischen Punkt des Übergangs zu einem neuen System erreichen können. Die Pragmatik in der Politik ist genauso ein Hinweis wie fehlende oder äußerst geringe Reallohnzuwächse (vergleichbar zur Mitte des 19. Jahrhunderts), das Ende der dritten Demokratisierungswende und vieles mehr. Vielleicht werden wir ja in der Zukunft einen roten Faden und den Zusammenhang im Puzzle sehen, der uns gegenwärtig noch nicht vergönnt ist.

  4. Soteriologie oder wirtschaftswissenschaftliche Theorien nicht das Ende
    Blanchard und Summers’s Essay mehrmals gelesen ,immerhin die Terminologie von exogene und endogene Faktoren lässt sich Wirtschaft wie ein öffentliche Gesuntheitsproblem erscheinen,gerade das Wort Hysteresis übertönt jeder Barometerhochstand ,metaphorisch gesagt.
    Ich stöbere atemlos am Wirbel,ein Durcheinander und Getöse von Wirtschaftsgeschichte ,Econometrie,Prognosen,Theoretiker wie L’Art pour L’Art,Macro versus Micro,Korrelation [ein Bedürfnis ,und weiter führt den Weg nicht?Korrelation ,Brutstätte der vermeintliche Forschungsresultate] ,Ideen undsoweiter .
    Das oszillierende ,wie skizzenhaft gemalt,dieser Essay ,macht verständlich das willkürliche und damit das traurige Mechanismus reines theoretisches Denkens,jedoch -bewusst oder nicht – bestimmt von Textbücher,pauschal gesagt,und Welt- und Lebens Anschauung .
    Wie viele Ereignisse,Geschichte,Schicksale wurden in Grunde beobachtet,ich meine die Differenzen sogenannte Schwellenländer und hoch industrialisierte Länder ,da spielt “ das Reservoir “ an vorhandene Arbeitskräfte ,Menschen,hier und da kein bestimmende Rolle aus ganz verschiedener Perspektive ,und dan meine ich „Employment“.
    Die Realität lässt sich tagtäglich lesen,z.B. “ Konsumenten retten Wachstum“[F.A.Z. vom 14.11.2015].

    Ihr heutige Fazit war ein harte,widerstandsfähige Nuss,und ein Leckerbissen ,wenn Sie erlauben.

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