Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Schulden senken ist schwierig. Wie hoch darf Staatsverschuldung sein? (Teil 2)

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Für viele Länder wäre eine deutlich niedrigere Staatsverschuldung vermutlich vorteilhaft. Aber Staatsschulden zu senken ist schmerzlich – vor allem, wenn die Einkommen in einem Land sehr ungleich verteilt sind. Politiker mögen es vorziehen, lieber den Ausweg über den Staatsbankrott zu suchen. Aber der ist auch nicht kostenlos.

Chinesische Philosophen wissen schlaue Dinge. „Der Weg ist das Ziel“, sagte Konfuzius. „Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg“, meinte Laozi. Ein moderner Finanzpolitiker mag hingegen denken: „Was nützt mir das schönste Ziel, wenn der Weg dahin so steinig ist, dass mir die Mehrheit der Wähler die Gefolgschaft verweigert?“

Auf 67 Prozent hatten Ende der neunziger Jahre die Ökonomen Rao Aiyagari und Ellen McGratten das optimale Verhältnis von Staatsschuld und Bruttoinlandsprodukt für die Vereinigten Staaten geschätzt. Das war eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unserem ersten Serienbeitrag über optimale Staatsverschuldung. Nun haben die Ökonomen Sigrid Röhrs und Christoph Winter sich das Thema noch einmal angeschaut, Und sie kommen mit einem an Aiyagari/McGratten angelehnten Modell zu einem ganz anderen Ergebnis: Optimal wäre für die Vereinigten Staaten eine Situation, in der es gar keine Staatsverschuldung gibt, sondern der Staat umgekehrt sogar Nettovermögen hält! Dieses nun wirklich ganz andere Resultat kommt zustande, weil die ökonomischen Folgen, die sich aus der Einkommensungleichheit in den Vereinigten Staaten ergeben, präziser berechnet sind.

Blicken wir kurz zurück. In der Arbeit von Aiyagari/McGratten hatte die Einführung der Staatsverschuldung in ein Modell, in dem sich Haushalte nicht gegen ökonomische Risiken versichern können und in dem ihre Verschuldungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, gegenläufige Effekte. Die Staatsverschuldung wirkte negativ, weil sie private Investitionen verdrängte und damit negativ auf den Reallohn wirkte. Andererseits sorgte die Staatsverschuldung für liquidere Kapitalmärkte und für einen höheren Zins, der es den privaten Haushalten erleichtert, eine als Vorsorge geplante Ersparnis zu generieren.

Das Problem ist nun, dass viele Haushalte in den Vereinigten Staaten vom Vorteil der höheren Verzinsung für ihr Vorsorgesparen gar nicht profitieren. Denn wegen der hohen Ungleichheit der Einkommen sparen sehr viele Haushalte nicht oder nur wenig. Für sie zählt der positive Zinseffekt auf die Ersparnis gar nicht; statt dessen leiden sie unter der Verdrängung privater Investitionen. Im Rahmen des Modells ist daher jede Staatsverschuldung schädlich.

Röhrs/Winter haben aber noch eine zweite Botschaft parat: Mag die Reduzierung existierender Staatsverschuldung im Prinzip ein lohnenswertes Ziel sein, so sind die konkreten Mechanismen, die während eines solches Prozesses ablaufen, auch für die ärmeren Haushalte belastend. Dann hat man aber das Problem, dass es schwierig sein wird, politische Mehrheiten für eine im Prinzip wünschenswerte Reduzierung der Staatsverschuldung zu erreichen. „Austerität“ ist kein Wahlkampfslogan, dem die Wählermassen mit Begeisterung applaudieren, auch wenn sie bei langfristiger Betrachtung positive Ergebnisse zeitigen mag. Röhrs/Winter geben zu bedenken, ob aus politischer Sicht nicht am ehesten kurzfristig implementierte Erhöhungen der Vermögensteuer funktionieren dürften – allerdings wird man alleine mit der Vermögensteuer kaum eine sehr hohe Staatsverschuldung wirksam reduzieren können.

Deshalb ist es aus politischer Sicht vielleicht nicht erstaunlich, dass in der Vergangenheit Regierung lieber in einen Staatsbankrott gegangen sind, als ernsthafte Maßnahmen zur Reduzierung hoher Staatsschulden zu betreiben. Zu diesem Komplex haben die Modelle à la Aiyagari/McGratten allerdings nichts zu sagen, da in ihnen annahmegemäß die Staatsschuld immer bedient wird und sich die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit der Staatsverschuldung bei ihnen nicht – aus der Perspektive einer in den neunziger Jahren für die Vereinigten Staaten angefertigten Arbeit vielleicht verständlich. Heute stellt sich aber für nicht wenige Länder die Frage nach der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung vor allem unter der Annahme, dass die Zinsen vielleicht einmal wieder steigen werden und die Steuerbasis eines Landes als Folge einer schwachen Wirtschaft erodieren kann. Insofern ist der Analyserahmen von Aiyagari/McGratten vermutlich zu eng. Wer eine weiter ausgreifende Analyse der Staatsverschuldung studieren will, sei auf eine Arbeit von Klaus Adam verwiesen. 1)

Für uns bleibt als vorläufige Botschaft: Die Berechnung einer optimalen Staatsverschuldung ist offenbar ziemlich kompliziert.

 

Daher werden wir in den kommenden Beiträgen einen Schritt zurück gehen und uns mit einer klassischen makroökonomischen Fragestellung befassen: Was sind die Folgen einer Erhöhung der Staatsverschuldung zur Belebung der Konjunktur? Für „Makros“ mit Langzeitgedächtnis und/oder guten theoriegeschichtlichen Kenntnissen folgt noch ein Cliffhanger. Wir werden für die nächste Folge unserer Serie einen leicht verstaubten Band aus dem Bücherschrank holen, der von einer Konferenz berichtet, die im Herbst 1974 an der Brown University stattfand und auf der es hoch her ging.

 

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  1. Das Thema Schuldentragfähigkeit spielt auch eine wichtige Rolle in der sogenannten Fiskaltheorie des Preisniveaus, die wir in einem früheren Beitrag behandelt haben und die in der Fachwelt auch heute noch diskutiert wird.

4 Lesermeinungen

  1. Für welchen Zweck verschuldet sich der Staat?
    Für langfristige Investitionen wie Straßen? Dann ist es gerecht, sie mit ebenso langfristige Verschuldung zu finanzieren. Das Kapital kommt von jenen, die es im Überfluss haben, nur sie bekommen eine Anlagemöglichkeit. Dass jeder spart, um von Zinsen zu leben, funktioniert nicht: irgendjemand muss produzieren, um die Zinsen zu zahlen. Die optimale Vorsorge für die Masse geht durch organisiertes Sparen: Umlageverfahren. Verschuldung kann also auch die heutigen Steuerzahler entlasten, die künftigen an der Finanzierung von dem, was auch ihnen nutzt, beteiligen. Verschuldung belastet nicht unbedingt, sie kann auch entlasten.

  2. Fragwürdige Modellierungen
    Die Modelle von Aiyagari/McGrattan und Röhrs/Winter beruhen auf der Annahme, dass Haushalte mehr Vermögen bilden können, wenn sich der Staat verschuldet. In der Realität haben Haushalte auch bei gedachter Abwesenheit von Staatsschulden reichlich Gelegenheit zur Vermögensbildung, man denke ans Eigenheim, Aktien oder Auslandsaktiva. All dies muss man per Annahme ausschließen, um positive Wirkungen der Staatsverschuldung herzuleiten.

    • Hi Herbert Spencer,
      warum verstehe ich dieses Argument nicht? Liegt es an mir (Beschränktheit) oder an selbigem? Aber nichts für ungut und einen schönen Gruß,
      G.Sch.

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 29. April 2016 | Die Börsenblogger

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