Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wirtschaftstheorie als griechische Tragödie

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Ein Gespräch mit Rüdiger Bachmann über die Eigentumsökonomik von Heinsohn/Steiger, die Selbstbezogenheit mancher deutscher Professoren, ihre verhängnisvolle Suche nach Letztbegründungen und ihr grandioses Scheitern im internationalen Wettbewerb der Ökonomen.

Herr Bachmann, wir wollen heute in die jüngere deutsche Theoriegeschichte einsteigen und uns mit der Eigentumsökonomik der Bremer Wissenschaftler Gunnar Heinsohn (geb. 1943) und Otto Steiger (1938 bis 2008) befassen sowie mit der Kritik der Eigentumsökonomik durch die Berliner Monetärkeynesianer um Hajo Riese (geb. 1933). Das klingt nach einem Spartenprogramm, aber vielleicht lassen sich daraus Erkenntnisse über allgemeine Probleme der jüngeren deutschen Volkswirtschaftslehre gewinnen. Bevor wir uns mit den Inhalten befassen: Was ist Ihr Eindruck vom Stil der damaligen Auseinandersetzungen?

Das kann man sehr gut an einem Beitrag festmachen, den Hajo Riese für den Steiger-Gedenkband verfasst hat. Er trägt den Titel „Die Volkswirtschaftslehre als historische Wissenschaftstheorie“.  Diese Art zu schreiben zeigt eine maximale Selbstbezogenheit und ein maximales Von-sich-selbst-überzeugt-sein bei maximaler internationaler Isolation. Die Volkswirtschaftslehre ist doch keine historische Wissenschaftstheorie. Das war sie nie und das soll sie auch nicht sein. Was soll ein solcher Artikel?

Und was kam bei dem Artikel heraus?

Das war dann extrem dünn. Der Titel erweckt den Eindruck, als habe die Volkswirtschaftslehre irgendetwas zur Wissenschaftstheorie beizutragen. Es kommt dann ein simples Drei-Stufen-Schema mit einem Abriss von Klassik, Neoklassik und Keynesianismus vor. Alles Neuere rezipiert der Autor nicht mehr. Dann schreibt er mit Verweis auf Thomas Kuhn, dass mit jedem Paradigmenwechsel nicht nur Fortschritt, sondern auch Regression verbunden ist. Das war es dann, aber das könnte auch jeder Philosophiestudent in einem einigermaßen fortgeschrittenen Semester.

Wenden wir uns der Eigentumsökonomik von Heinsohn/Steiger zu. Ich versuche für Leser, die damit nicht vertraut sind, ihre Essenz in wenigen Sätzen zusammenzufassen: Eigentum, das im Zuge der Sklavenaufstände entstanden ist, wird eine konstitutive ökonomische Rolle beigemessen – seine Existenz begründet überhaupt erst die Möglichkeit des Wirtschaftens. Denn Eigentum, streng abgegrenzt von Besitz, erzeugt eine Dispositionsfreiheit, deren wichtigste Elemente das Belasten, Verpfänden und Verkaufen sind. Die mit dem Eigentum verbundenen Annehmlichkeiten werden als Eigentumsprämie bezeichnet. Wirtschaften entsteht nach Heinsohn/Steiger nun dadurch, dass durch Verpfänden von Eigentum Kontrakte zwischen Gläubigern und Schuldnern entstehen, die Geldcharakter tragen und verzinst werden. Auf der Basis des Eigentums entsteht eine Geldwirtschaft und überhaupt erst modernes Wirtschaften, während die auf dem Tauschparadigma beruhende Neoklassik den auf dem Eigentum beruhenden Kern des Wirtschaftens gar nicht verstanden hat. Damit wird aus der Sicht ihrer Schöpfer die Eigentumsökonomik zur ersten und einzigen seriösen Wirtschaftstheorie. Was halten Sie von einem solchen Ansatz und einem solchen Anspruch?

Bei allem, was man daran kritisieren kann: Die Leute sind schon smart. Dass Eigentum eine wichtige Kategorie des Wirtschaftens ist, bleibt eine wertvolle Erkenntnis, auch wenn sie natürlich nicht neu ist. In der Entwicklungsökonomik und in der Wachstumstheorie haben Eigentumsrechte (property rights) auch schon vor Heinsohn/Steiger eine Rolle gespielt.  Und die Rolle von Sicherheiten für Kredite ist im Mainstream auch schon lange bekannt, zum Beispiel durch Arbeiten von Bernanke, Gertler oder Kiyotaki/Moore, die übrigens ungefähr zeitgleich entwickelt wurden.

Das ist sicherlich so, aber Heinsohn/Steiger messen dem Eigentum eine weit größere Rolle zu, indem es zur Grundlage des Wirtschaftens überhaupt erklärt wird.

Diese Versuche essentialistischer Definitionen, was Wirtschaften überhaupt ist, sind letztlich alle gescheitert. Das ist etwas für Kamindebatten. Solche Debatten mögen ästhetisch angenehm sein, aber sie führen zu rein nichts. Sie leisten auch keinen Beitrag zu wirtschaftspolitischen Debatten.

Haben sich Heinsohn/Steiger mit ihrem Anspruch überhoben?

Was folgt denn daraus, wenn man Eigentum zur fundamentalen Kategorie des Wirtschaftens erhebt und den Tausch für nachrangig erklärt? Gar nichts. Aber dieser Absolutheitsanspruch macht blind. Wie passen unbesicherte Kredite, etwa durch Kreditkarten, in diese Theorie? Was ist mit Staatsschulden, die nicht besichert sind? Es gibt Länder wie Argentinien, die schon mehrfach bankrott gegangen sind und trotzdem immer wieder aufs neue Kredite erhalten. Im Durchschnitt sind solche Kapitalanlagen häufig rentabel, auch wenn sie sehr riskant sind. Und dann gibt es den Punkt, der Heinsohn/Steiger von den Berliner Monetärkeynesianern wie Hajo Riese und Heinz-Peter Spahn zurecht um die Ohren gehauen wurde: Wie kommt es, dass eine Zentralbank auch ohne Eigenkapital funktionieren kann?

Das kann eine Zentralbank in der Tat, wie wir in FAZIT am Beispiel der Tschechischen Nationalbank gezeigt haben. Und damit sind wir bei den Berliner Monetärkeynesianern, die wie Heinsohn/Steiger der Ansicht waren, dass Wirtschaft nur als Geldwirtschaft erklärt werden kann und die Neoklassik mit ihrem Tauschparadigma dies nicht versteht. Allerdings entsteht für die Berliner Geld aus dem Nichts und der Wert des Geldes erklärt sich nicht aus einer Besicherung, sondern er entsteht durch Knapphalten.  Ich habe hier ein längeres Zitat von Hajo Riese über Heinsohn/Steiger: „Wenn jemand Geld und Einkommen durcheinanderwirft und zudem Geld und Kredit verwechselt, so entstehen jene Apokryphen, die offensichtlich wie die Theologie auch die Wirtschaftswissenschaften befallen. Und wenn die Autoren dieser Apokryphen auch noch den Anspruch erheben, als erste der Menschheitsgeschichte so etwas wie eine ökonomische Theorie zu begründen, so muss ihnen sogar jener gute Wille verweigert werden, der einem ansonsten auch bei fehlenden Kräften zugebilligt wird… Das Ergebnis ist trivial: Was ökonomische Theorie begründen soll, erweist sich als eine unzulässige Verwendung von Kategorien und was als wissenschaftliche Revolution gedacht war, katapultiert die Autoren aus der scientific community… Die Konsequenzen sind unausbleiblich: Heinsohn und Steiger werden zu typischen cranks…“ Das ist ganz schön heftig.

Allerdings. Ich habe einen veröffentlichten Briefwechsel zwischen Heinz-Peter Spahn und Otto Steiger gelesen, in dem man sich auch viele Unfreundlichkeiten an den Kopf geworfen hat. Nicht zuletzt geht es dort um Begriffe. Steiger wirft Spahn dauernd vor, dass er den Unterschied zwischen Eigentum und Besitz nicht kenne. Das ist natürlich Unsinn. Umgekehrt wirft Spahn Steiger dauernd vor, dass dieser den Unterschied zwischen Geld und Kredit nicht kenne.

Was halten Sie von solchen Debatten?

Ich halte sie für völlig sinnlos. Wozu leisten sie einen Beitrag? Zeitlich parallel hat man sich in der angelsächsischen Welt gefragt: Was passiert in einem marktwirtschaftlichen Modell – es muss nicht einmal ein neoklassisches Modell sein -, wenn man dort Kreditsicherheiten einführt? Und dann kommt man zu vergleichbaren Ergebnissen, nämlich, dass in einer Finanzkrise ein Fall von Vermögenspreisen die Krise verschärft. Das haben die Bremer Eigentumsökonomen im Grundsatz schon gesehen. Aber sie sind dann halt stehen geblieben. Und so erklären sich auch wirtschaftspolitische Fehlschlüsse der Bremer, indem sie beispielsweise sagen, die Geldpolitik könne kein Eigentum schaffen. Natürlich baut die Zentralbank keine Häuser, aber sie hat erheblichen Einfluss auf die Bewertung von Eigentum, und darauf kommt es doch an. Deshalb hat die Geldpolitik in der Finanzkrise doch versucht, Vermögenspreise zu stützen. Und die Geldpolitik nimmt Einfluss, indem eine Zentralbank festlegt, was sie als Vermögensgüter ankauft und was sie als Pfand (collateral) bei Krediten akzeptiert.

Fehlt es an der Kenntnis der relevanten Literatur?

Ein Blick in das Literaturverzeichnis der Bremer ist vielsagend: Sie haben die internationale Literatur nur unvollständig zur Kenntnis genommen und nicht zuletzt sich selbst zitiert.

Vielleicht bleibt man zwangsläufig in einem kleinen Kreis, wenn man sich selbst für maximal erleuchtet und alle anderen für blöd hält. Wenn man sich internationalen Debatten stellte, bliebe von einer solchen Selbstwahrnehmung vermutlich nicht viel übrig.

Ich kenne jedenfalls keinen noch so großspurig auftretenden, von sich selbst überzeugten angelsächsischen Ökonomen, der den Anspruch erhebt, er habe als Erster eine ernsthafte Wirtschaftstheorie entwickelt.

© privatRüdiger Bachmann

Ist diese Neigung, in kleinen Clustern fernab des Mainstreams zu theoretisieren und die eigenen Geistesfrüchte als einzigartig darzustellen, eine deutsche Spezialität?

In den Vereinigten Staaten würden Heterodoxe sicherlich stärker versuchen, sich zu vernetzen. Durch das Internet sind die Kosten, aus der Isolation herauszukommen, auch kleiner geworden. Festzustellen bleibt, dass die Anliegen der Eigentumsökonomik wie des Monetärkeynesianismus grandios gescheitert sind. In der akademischen Welt finden sie überhaupt keine direkt auf sie zurückgehende Resonanz. Es hat ja auch kaum Schüler an den Universitäten gegeben.

In deutschsprachigen Blogs findet sich hier und da Resonanz. Da trifft man Betreiber, Autoren und Diskutanten, die zumindest Elemente aus der Eigentumsökonomik und des Monetärkeynesianismus verwenden – übrigens nicht selten mit dem gleichen Anspruch auf Letztbegründung. Sprüche wie „Die Mainstream-Ökonomen verstehen nichts von Geld“ oder „Die Neoklassik hat keine Ahnung, was Geld ist“, sind häufig kaum mehr als aufgewärmter Heinsohn beziehungsweise Riese. Auch die Irrtümer sind die gleichen geblieben…ebenso wie die fatale Neigung, endlos und rechthaberisch über Begriffe zu streiten.

Man könnte die Debatten zwischen Dirk Ehnts und Georg Quaas zur creatio pecuniae ex nihilo-These in der „Ökonomenstimme“ anführen. Ehnts argumentiert wie ein Monetärkeynesianer, während Quaas, wenn auch differenzierter und kritischer, Argumente der Eigentumsökonomik anführt.

Ja, Georg Quaas hat gerade ein Buch über das Geld geschrieben, in dem er die Monetärkeynesianer hart attackiert und Grundgedanken der Eigentumsökonomik übernimmt, sich aber von überzogenen Ansprüchen von Heinsohn/Steiger distanziert und auch konkret Irrtümer benennt. Ein anderer Aspekt: Eine internationale Ausrichtung haben die Bremer und die Berliner offenbar nie angestrebt. 

Das ist schon ein wenig eine typisch deutsche professorale Haltung und damit kommen wir zum Anfang zurück: Da gibt es die Neigung, auch mit einem kleinen Gedanken die Theorie auf eine neue Höhe zu heben und allen anderen Unwissenschaftlichkeit vorzuwerfen. Diesem Professorentypus reicht es nicht, die vorhandene Wissenschaft ein Stück weit voranzubringen. Das ist dieses kantische Ideal: Immanuel Kant hat sein Leben lang nur in Königsberg gesessen und in seiner Studierstube die Welt erklärt. Aber Kant war ein Genie und da hat es geklappt. Bei den meisten anderen klappt es nicht.

Gehören auch die Ordoliberalen zu diesem Wissenschaftstypus?

Nein. Die Ordoliberalen haben nicht den Anspruch erhoben, eine neue Fundierung der Wirtschaftstheorie zu leisten. Die Theorie der Ordoliberalen besteht aus neoklassischer Mikroökonomie gepaart mit Public-Choice-Theorie. Den Ordoliberalen ging es immer eher um praktische Wirtschaftspolitik.

Zurück zur Eigentumsökonomik: Man findet bei Heinsohn/Steiger nicht nur endlose Diskussionen über Begriffe, sondern auch eine große Neigung, juristische Konstruktionen zu erörtern.

Es ist schon kurios, wenn sie behaupten, außer ihnen verstehe kein Ökonom den Unterschied zwischen Eigentum und Besitz. Im Grunde genommen ist das beleidigend: Die sitzen da in Bremen und werfen zigtausend Ökonomen in aller Welt vor, sie wüssten nicht, was Eigentum ist. Das ist doch die Ausgeburt von Hybris. Aus psychologischer Sicht finde ich ein solchen Verhalten äußerst bemerkenswert.

Findet man die Neigung zur Rechthaberei, zum endlosen Streiten über Begriffe und die Chuzpe, sich als Ökonom aufzuführen wie ein Rechtsgelehrter, wenn es der eigenen Position zu nützen scheint, aktuell nicht auch in der Target-2-Debatte?

Was meinen Sie konkret?

Ich denke unter anderem an die schon lange währende Debatte um die Frage, ob Target-2-Salden eher Kredite oder eher Buchungsposten sind.

Bei aller Rechthaberei und bei aller Begeisterung für Semantik geht es bei diesen Debatten nicht um einen Letztbegründungsanspruch für die Wirtschaftstheorie. Das gilt für Hans-Werner Sinn wie für die anderen Teilnehmern an der Debatte.

Zum Schluss: Was nehmen Sie als moderner Ökonom aus der Eigentumsökonomik von Heinsohn/Steiger und den sich anschließenden Debatten mit?

Auch wenn Letztbegründungsdebatten geführt wurden, ging es doch eigentlich nur um wenig. Ich kann hier nur eine Pseudo-Gelehrsamkeit, aber keine Debatte unter reifen Wissenschaftlern erkennen – auch wenn das die Beteiligten sicherlich anders sehen. Andererseits sehe ich auch eine gewisse Tragik, denn die Leute waren smart und haben auch einzelne wichtige Aspekte innerhalb moderner Kreditökonomien thematisiert. Aber sie haben ihre Erkenntnisse nie weiterentwickelt, sondern sich in Wesensdebatten und Rechthaberei verloren. Andere, die diese Themen weiterentwickelt haben, werden dafür eines Tages Nobelpreise erhalten, während Heinsohn/Steiger in Vergessenheit geraten und eine dogmenhistorische Episode bleiben werden. Ihre Hybris stand ihnen im Weg. Das trägt schon Züge einer griechischen Tragödie.

Und was können Ökonomen daraus lernen?

Man darf in Deutschland nicht mehr aus der internationalen Vernetzung heraus. Die Gefahr sehe ich zwar nicht, aber man weiß nie, was noch kommt.

 

Rüdiger Bachmann ist Stepan Family Associate Professor am Department of Economics an der University of Notre Dame. Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

 

 

 

 

 

 

 

 


26 Lesermeinungen

  1. Hubris or Genius?
    I echo Peter Spahn’s comments on “Dozieren aus der Studierstube, keine internatonale Ausrichtung?” and would like to add further commentary on the assertion that Heinsohn and Steiger did not aspire to have an international impact or outlook. On the contrary, an edited translation of Heinsohn and Steiger’s Eigentumsökonomik was published (with some effort from my part) by Routledge in 2013 as “Ownership Economics”, Heinsohn and Steiger published in various edited volumes on monetary theory (edited by Smithin, Hodgson, Fontana/ Realfonzo, Arestis / Sawyer etc.), and Steiger and I both published full accounts of ownership economics in the Journal of Economic Issues (2006, XL, No. 1, pp193; 2015, XLIX, No.4, pp922, ). Heinsohn and Steiger’s emphasis on the distinction between ownership and possession, one of the core insights of their work, was recently taken up by Geoffrey Hodgson, and features in a debate with proponents of the “economics of property rights” approach, including Allen, Barzel and Cole (Journal of Institutional Economics 2015, 11: 4, 683–709; 11: 4, 731–747). Moreover, Hodgson, in his recent book “Conceptualizing Capitalism” (University of Chicago Press 2015), again with reference to Heinsohn and Steiger, stresses the importance of collateral, which is one of the key insights presented in his book. Not to mention earlier references by Hernando de Soto in his Mystery of Capital (2000).(See also my Gunnar Heinsohn Festschrift “Eigentum, Zins und Geld nach 20 Jahren”; with J. Beaufort, Marburg, Metropolis 2016).

    Reflecting on this debate, I can’t help but think that the uniqueness of German monetary economics (including but not limited to the search for “Letztbegründungen”) has always been a strength rather than a weakness. Contributions from Hahn, Lautenbach, Stützel, Riese, Heinsohn and Steiger have been notable in this regard (for the relevance of this “divergent” thinking in the current policy debate, see my article with Charles Goodhart, Credit Mechanics – a precursor to the current money supply debate, CERP Discussion Paper, DP13233, 2018; https://cepr.org/active/publications/discussion_papers/dp.php?dpno=13233 and my article in Economic Affairs, 37(2), 343-356, https://onlinelibrary.wiley.com/journal/10.1111/(ISSN)1468-0270). Peter Watson illustrates in his book “The German Genius” what I mean in a broader context. New insights are driven from diversity of thinking not uniformity.

    With best regards

    Frank Decker

  2. Eigentum
    Es ist das Verdienst von G. Heinsohn und O. Steiger, das Tauschparadigma der ökonomischen Lehre überwunden zu haben. Ich denke aber, dass sie die Notwendigkeit von Machtstrukturen für die Entstehung des Eigentums ausklammern. Sie sehen nicht, dass nicht ein bereits vorhandenes Eigentum die Grundlage für das Wirtschaften bildet, sondern die Institutsgarantie des Privateigentums nur unter einer Zwingherrschaft möglich ist, die immer auf gewaltsamen Unterdrückungen beruht, und nicht das Ergebnis einer sozialen Übereinkunft ist. Sie brauchen für ihre Eigentumsökonomik keine weiteren Voraussetzungen wie Zentralmacht, Unterwerfung und Abgabenschuld, durch die erst alle Abgabepflichtigen zur Überschussproduktion gezwungen werden.

    Paul C. Martin: „Der Kapitalismus ist die Konsequenz eines per Waffengewalt etablierten Abgabensystems mit nachfolgenden Machterhaltungs-Zessionen (sog. “ Privilegia “ oder “ fryheiten „) und ist ohne Waffengewalt (= Besicherung des „Kapitals“, sowie der Erfüllung von „Kontrakten“, letztere im Sinne des bekannten „Kettenbriefs“) nicht definierbar.“

    Kurz und bündig: Ohne die Macht des Staates ist der Kapitalismus nicht definierbar.

  3. Gunnar Heinsohn
    Ein umfassendes Geständnis vorneweg. Die Anklage, dass ich eine Letztbegründung des Wirtschaftens versuche, ist unbestreitbar. Ich habe 1982 in meiner ökonomischen Dissertation das Tauschparadigma – damals und heute herrschende Letztbegründung – durch das Eigentumsparadigma ersetzt. Kreditieren, Besichern, Verpfänden und Verzinsen für die vorübergehende Aktivierung von Eigentum sowie Bepreisen und Vollstrecken für seine finale Übertragung fehlen in reinen Besitzsystemen. Einmal vorhanden, lassen sich diese Operationen partiell imitieren oder außer Kraft setzen. Dafür aber müssen sie vorhanden und einer Erklärung zugänglich sein.

    Hat diese mit Otto Steiger weiter entwickelte Sicht sich durchsetzen können? Akademisch ganz überwiegend nein. Von Firmen, die mit Geld und wirtschaftlicher Entwicklung zu tun haben, haben die Einladungen bis heute allerdings nicht aufgehört.

    Habe ich diese Sichtweise inzwischen widerrufen? Ebenfalls nein. Werde ich das tun, wenn überzeugende Erklärungen für die Operationen des Wirtschaftens vorgelegt werden? Selbstverständlich! Einsteigen könnte man mit dem „Preis“ des Geldes. Ist es der Wechselkurs (Eigentumstheorie) oder der Zins (Tauschparadigma) oder hat das Geld gar zwei Preise?

    Herzlich, Gunnar Heinsohn

    • Immer diese Paradigmen
      Nach gängiger (neoklassischer) Modelltheorie ist der „Preis der Geldes“ der Kehrwert der Güterpreise. Wenn vermutlich mit „Wechselkurs“ dies gemeint sein sollte, bewegen sich zumindest aus Ihrer Sicht einige Ansätze der „Neoklassik“ im Eigentumsparadigma.

      Die Gegenfrage, ist „Neoklassik“ denn heutzutage zwingend eine eigenständige Theorie bzw. in Ihrem Sinne ein Tauschparadigma oder nicht vielmehr eine Modellierungsart, die sich (zumindest als Wirtschaftstheorie) einem konkreten Paradigma nicht zuordnen lässt?

      Viele Grüße

  4. Kredite ohne verpfändbares Eigentum
    Die Vertreter der Eigentumsökonomik zeigen eine bemerkenswerte Unkenntnis der wirtschaftlichen und finanziellen Realität. Zentrale Annahme dieser Theorie ist es ja, dass verpfändbares Eigentum benötigt wird, um von einer Bank Kredit zu bekommen. Dies ist natürlich barer Unsinn.

    Rüdiger Bachmann hat schon darauf hingewiesen, dass Staatsanleihen in aller Regel nicht besichert werden. Ich möchte ergänzen: Auch Unternehmen und Banken begeben Anleihen ganz überwiegend, ohne dass sie den Gläubigern Eigentumsrechte verpfänden würden. (Besichert sind lediglich Pfandbriefe, die jedoch nur von bestimmten Banken emittiert werden dürfen. Solche Covered Bonds spielen überdies heute nur noch eine geringe Rolle.)

    Überdies vergeben die Banken Investitionskredite an Großunternehmen überwiegend als Blankokredite, d. h. ohne übertragene Sicherheiten. Eine Besicherung ist oft gar nicht möglich, da die Kreditnehmer nicht über genügend verpändbare Eigentumsrechte verfügen, dennoch aber eine sehr hohe Bonität besitzen.

    Wir befinden uns auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Physische Assets wie zum Beispiel Immobilien, die eine Bank als Sicherheiten akzeptiert und die sie im Fall der Fälle auch verhältnismäßig einfach verwerten kann, verlieren zunehmend an Bedeutung.

    Das Anlagevermögen eines IT- oder Pharma-Unternehmens besteht in der Regel zu einem sehr großen Teil aus immateriellen Aktiva wie Patenten, Gebrauchsmustern und Markenrechten. Zwar kann auch ein Patent im Prinzip verpfändet werden. Eine Bank hat allerdings in der Regel nicht die geringste Ahnung, wie sie den Wert einer patentierten Erfindung bestimmen könnte. Noch viel weniger ist sie in der Lage, Intellectual Property erfolgreich zu vermarkten.

    • In diesem Zusammenhang darf man daran erinnern, dass aus der Sicht der Eigentumsökonomik eine Zentralbank eigentlich keine Staatspapiere ankaufen dürfte. Steiger hat dann aber öffentlich – ich glaube, im Briefwechsel mit Heinz-Peter Spahn – darauf verwiesen, dass man dies aber nicht so extrem sehe.

      Gruß
      gb

  5. Tragoedie fuer wen ;-)
    „Im Mittelpunkt der Tragödie steht ein unlösbarer Konflikt, der zum unausweichlichen Untergang des tragischen Helden führt.“
    Hier die Wirtschaftswissenschaften Bachmannscher Couleur. Da ist jedoch nichts tragisch, sondern dem Manko zugeordnet, dass sein Werk bislang keine analytische Synopse ueber den von ihm bespoettelten Dreiklang „Klassik, Neoklassik und Keynesianismus“ zu kreieren vermochte. Also derzeit kaum satisfaktionsfaehig. Und: Privateigentum naehrt sich eben aus dem Lateinischen …
    Froehlich gruesst
    B.B.

  6. Wirtschaftspraxis als griechische Tragödie
    Mehr noch als die Wirtschaftstheorie tendiert insbesondere die wirtschaftliche Praxis zur griechischen Tragödie. Oder um mit Goethes Zauberlehrling zu argumentieren:

    Die ich rief, die Geister,
    Werd ich nun nicht los.

    Es sind die Geister in Form der schwarzen Null. Leider hält sich Deutschland insbesondere in diesem Punkt aus der internationalen Vernetzung heraus: https://zinsfehler.com/2017/11/24/keynesianische-revolution-2-0/.

    Da hilft wohl auch kein Zwischenruf von Ashoka Mody: https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2018-10-26/italy-s-budget-isn-t-as-crazy-as-it-seems

    LG Michael Stöcker

  7. Privat- oder Kollektiveigentum, die alles entscheidende Frage!
    Irgendwie bewegt sich dieses Interview auf der Ebene der reinen Anekdote. Worauf zielt die Kritik an Heinsohn und Steiger denn wirklich ab? So wie ich das im Moment lese, doch wohl nur auf derer beider „Hybris“. Welche Rolle aber die „Eigentumsökonomik“ im ökonomischen Diskurs überhaupt hat, erfahren wir nicht. Auch vorhandene Kritiken werden nicht (für den Leser) rezipiert.
    .
    Eine Kritik, die mich persönlich nicht nur sehr beeindruckt, sondern auch weitgehend (nämlich auch darüber hinaus) überzeugt, ist die von Bernd Senf, die ich – auch mittels dreier zitierten Passagen – hiermit vorstelle (vgl. Bernd Senf Juni 1999 / zeitschrift für sozialökonomie / https://www.sozialoekonomie.de
    Die korpernikanische Wende in der Ökonomie?
    Eine Würdigung und Kritik des Buches „Eigentum, Zins und Geld“
    von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger – https://www.berndsenf.de/pdf/Heinsohn_Steiger.pdf).
    .
    Vorneweg meine wichtigste Schlussfolgerung: Die Geschichte der Verbindung von Gewalt und Ökonomie beginnt nicht erst mit den hier bemühten „Sklavenaufständen“, sondern schon wesentlich früher. Bernd Senf nimmt als Beispiel die Saharasia-These“ von James DeMeo, welche einen Zusammenhang zwischen einer Klimakatastrophe in Afrika und Asien und der Entstehung von Privateigentum und Patriarchat, erklärt. Überhaupt scheint mir der theoretische Hauptmangel dieser Eigentumsökonomik darin zu liegen, dass es die Entstehung des Privateigentums in Mythen, Halbwahrheiten und kryptischen Begriffen versteckt. Wenn die Unterscheidung zwischen Kollektiveigentum und Privateigentum nämlich nicht so konsequent unterschlagen worden wäre, würde das ganze Theoriegebäude von Beginn an als auf Sand gebaut erscheinen. Kollektiveigentum kann sehr wohl „ausgetauscht“ werden, was auch in den tausenden von Jahren vor dem ersten Privateigentum regelmäßig erfolgte, soweit „Überschüsse“ zu teilen waren. Mag sein, dass stellvertretend für die ganze Sippschaft irgendeine herausragende Persönlichkeit (PriesterIn, KönigIn…) diesen Tausch vollzog, doch stellte dies regelmäßig eine Form der Eigentumsübertragung dar, nämlich von einem Kollektiv in das andere. Vielleicht „abgesichert“ durch gleichzeitig geschaffene „familiare“ Bande. Wie auch immer: Der Tausch war älter als jedes Privateigentum.
    .
    „Daß Heinsohn/Steiger dem Absolutheitsanspruch (oder dem absoluten Gültigkeitsanspruch)
    insbesondere der klassischen und neoklassischen Theorie entgegentreten, ist nur allzu
    berechtigt. Sie sind darin allerdings nicht die ersten. Schon Marx hatte ja zwischen
    verschiedenen Gesellschaftsformationen unterschieden: Urgesellschaft (Urkommunismus),
    Sklavengesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, und in seiner Vision noch Sozialismus und
    Kommunismus. Und er hatte dabei geltend gemacht, daß die Gesetze der Mehrwertproduktion
    und Kapitalakkumulation eben nur im Rahmen kapitalistischer Warenproduktion gelten. (Ob
    er mit seiner Unterscheidung von Privateigentum und Kollektiveigentum wesentliche
    Stukturmerkmale des Wirtschaftens erfaßt oder ob auch er die wesentliche Unterscheidung
    von Eigentum und Besitz verfehlt hat, wie Heinsohn/Steiger meinen, ist eine andere Frage.)“

    „Durch eine dramatische Klimakatastrophe vor etwa sechstausend Jahren sind in kurzer Zeit
    aus vorher fruchtbarem Land die großen Wüsten (Sahara, arabische und asiatische Wüste =
    Saharasia) entstanden, und im Gefolge der Hungersnöte seien die vormals liebevollen,
    matriarchalen Stammesgesellschaften zusammengebrochen. Unter den körperlichen und
    emotionalen Leiden des Hungers seien erstmals in großer Zahl verhärtete, emotional
    gepanzerte Charakterstrukturen entstanden, die nicht mehr hingebungsvoll, sondern
    gewaltsam geworden waren, voller Angst, Mißtrauen und Haß gegenüber dem Lebendigen
    und Liebevollen in den heranwachsenden Kindern und Jugendlichen ebenso wie in anderen
    noch liebevollen Stämmen, auf die sie auf ihrer Flucht vor dem Hunger stießen. Die
    Entstehung und Ausbreitung des Patriarchats und der Gewalt in der menschlichen
    Gesellschaft habe hier ihre historische und geografische Wurzel. In diesem
    Ausbreitungsprozeß, der einer „emotionalen Pest“ gleicht, wurden immer mehr Menschen
    emotional derart deformiert, daß sie nicht mehr ihrer inneren Motivation, Intuition und
    Inspiration folgten, sondern im wesentlichen auf äußeren Druck reagierten, sei es in Form
    offener Gewalt durch Befehl und Herrschaft, sei es durch strukturelle Gewalt (zum Beispiel
    wirtschaftlicher Sachzwänge).“

    „Darin liegt eine der wesentlichen Botschaften von Heinsohn/Steiger: Ohne Eigentum kein
    Kredit und Zins, und ohne Kredit und Zins kein Zwang zum Wirtschaften, zum Erwirtschaften
    von Überschuß oder Profit. Und ohne diesen Zwang gebe es gesamtwirtschaftlich keine
    Steigerung der Produktivität und des materiellen Wohlstands, gebe es kein
    Wirtschaftswachstum. Jetzt also kommt die Katze aus dem Sack: Die radikalen Kritiker der
    bisherigen Wirtschaftstheorien sind ihrerseits vehemente Befürworter und Verteidiger des
    Eigentums, allem voran des Eigentums an Boden, sowie der Profitwirtschaft und des
    permanenten Wachstumszwangs der Wirtschaft. Hallelujah!“

  8. Bremer Hybris?
    Da ich nun die Ansichten von Heinsohn und Steiger zuweilen auch selbst kritisiert habe (z.B. in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik 1998 oder in meinem „From Gold to Euro“ 2001), könnte ich mich Rüdiger Bachmann einfach anschließen. Aber das würde Engagement und Leistung von HS nicht gerecht.
    Dozieren aus der Studierstube, keine internationale Ausrichtung? Sie haben über viele Jahre auf internationalen Konferenzen referiert (gut, vermutlich nicht dort, wo Herr Bachmann verkehrt) und zahllose Beiträge in internationalen Sammelbänden und Journals verfasst. Gut, QJE oder JPE waren glaube ich nicht darunter. Hätte es für sie Sinn gemacht, „sich anzustrengen“, um dort hineinzugelangen? Nur dann, wenn sie ihre Kernthesen aufgegeben hätten. Und das wäre schade gewesen.
    Es gibt glücklicherweise auch eine wissenschaftliche Diskussion „unterhalb“ dieser so berühmten und erkenntnisreichen Journals. Man kann auch und gerade in der Auseinandersetzung mit falschen und Minderheitspositionen sehr viel lernen, einfach weil sie Perspektiven einnehmen und aufzeigen, die es im Mainstream so nicht gibt. Das frühe Hauptwerk von HS „Eigentum, Zins und Geld“ finde ich in einigen Hauptpunkten falsch – aber ich hatte damals schon lange kein so anregendes Buch über Theorie und Theoriegeschichte gelesen.
    HS’s abseitige Debatten führen zu nichts, auch nicht wirtschaftspolitisch? Die Öffentlichkeit versteht die Rolle des Eigentums in der Entwicklungsökonomie erst langsam oder gar nicht und setzt leider nach wie vor auf Entwicklungshilfe. HS haben schon früh vor dem Fehlen eines Lenders of Last Resort in der Eurozone gewarnt, als der Mainstream in seiner Hybris noch meinte, darauf verzichten zu können („Wir haben ja einen Stabilitätspakt“).
    Kurz: Wenn alle jungen Ökonomen heute so für ihre Sache „brennen“ wie HS es in einem langen Forscherleben gezeigt haben, muss man sich keine Sorgen machen.

    P.S.: Eine Ehrenrettung des Monetärkeynesianismus verlangt ein größeres Ausholen – das geht hier nicht.

  9. Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen
    Ob Heinsohn / Steiger in Vergessenheit geraten werden oder eines Tages doch noch „groß rauskommen“ weiß heute keiner. Der Paradigmenwechsel, den Heinsohn / Steiger fordern (weg vom Tauschparadigma) hat es gegen die orthodoxen Ökonomen schwer, die ja bereits in der ersten Vorlesung lernen, dass Wirtschaften produzieren und tauschen sei. Als Naturwissenschaftler und Patentanwalt (der den Wert des geisitigen Eigentums kennt), der vor Heinsohn / Steiger nie etwas anderes über Wirtschaft gelesen hatte, kommen mir nachträglich die anderen Ökonomen so vor wie die Physiker vor Einstein und Planck. Achtung vor deren Leistung, aber eben nicht ganz richtig. Und ganz nebenbei bemerkt: eine Zentralbank braucht tatsächlich kein Eigenkapital, sondern das Eigentumsrecht, als einzige Bank, Geld herauszugeben – aber dies nur gegen gute Sicherheiten. Und mit diesen guten Sicherheiten kann sie zu viel Geld wieder aus dem Verkehr ziehen – mit griechischen Staatsanleihen gelingt das nicht. Noch etwas: Das Eigentumsrecht des Staates ist es (nach Heinsohn / Steiger), Steuern zu erheben. Auf dieses Recht hin, kauft man dem Staat seine Anleihen ab. Die ganze gängige Wirtschaftstheorie klebt sein Adam Smith an Gütern, weil Smith die Erkenntnisse der geistlichen Gelehrten aus Salamanca (16. Jahrhundert) weitgehend ignoriert hatte. Aber Fortschritt verläuft eben nicht linear. Wenn das Eigentumsrecht besser verstanden würde, dann würde es auch Afrika besser gehen. Aber dort gehört aller Grund und Boden dem König, die dann Besitzrechte zuteilt, die aber nicht gestatten, dass einer eine Hypothek bei einer Bank aufnehmen kann. Es ist wirklich schade, dass die herrschende Ökonomie Heinsohn / Steiger nicht verstehen will und uns immer noch erzählt, dass man durch vorteilhaftes Tauschen reich werden kann. Dabei entsteht Reichtum (nach Heinsohn / Steiger) nur durch den Zins, der wiederum (mit dem Geld) aus dem Eigentum entsteht. Und daher kann man auch ein vernichtendes Urteil über die jetzige Nullzinspolitik ziehen, denn die Menschen arbeiten praktisch wie Sisyphus.

    • Reichtum durch Zinsen?
      Grundsätzliche Zustimmung, Herr Wehlan, aber eine kleine Anmerkung zum Zins sei dennoch erlaubt. Reichtum entsteht mAn nicht durch den Zins, sondern durch den produktiven Kredit. Der Zins ist insbesondere ein Maß für das Ausfallrisiko sowie die Kosten der Kreditgewährung und Kreditverwaltung. Reichtum durch den Zins kann es nur auf individueller Ebene bei unzureichendem Wettbewerb und/oder Betrug im Finanzsektor geben.

      LG Michael Stöcker

    • @Sehr geehrter Herr Stöcker
      Zinsen entstehen ja durch Kredit. Aber während das zurückgezahlte geliehene Geld wieder verschwindet (wie ein Schuldschein zerrissen wird), bleiben die Zinsen übrig. Natürlich haben Sie insofern Recht, dass Zinsen auch das Ausfallrisiko auffangen müssen. Aber dafür dient ja eigentlich der Pfand, der beim Kredit an die Bank verpfändet wird.
      Denkbar wäre es, wenn Gläubiger und Schuldner eine Genossenschaft bilden würden. Dann würde die Genossenschaftsbank dem Unternehmer – der gleichzeitig Teilhaber der Bank ist – einen Kredit geben und gleichzeitig würde die Genossenschaft vom Zins profitieren. Ich habe mich darüber mal bei einer Tagung mit Prof. Heinsohn unterhalten und wir sind zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Wirtschaft ist dann in Ordnung, wenn jeder Wirtschaftsteilnehmer mehr Sollzinsen zahlt als er Habenzinsen kassiert.

    • Eine Anmerkung zur Kontrolle der Geldmenge
      Herr Wehlan, zutreffend beschreiben Sie, daß eine Zentralbank durch den Verkauf von Aktiva (z.B. Wertpapiere) die zuvor geschaffene Zentralbankgeldmenge wieder zurückführen kann. Eine für die Kontrolle der Geldmenge gleichwertige Wirkung kann auch mit einer Mindestreserve auf Bankeinlagen erzielt werden. Kursverluste bei wackligen Staatspapieren mindern zwar den Zentralbankgewinn und damit die Gewinnausschüttung an den öffentlichen Sektor, beschränken aber nicht die Kontrolle der Zentralbank über die Geldmenge. Auch gleichen die geringeren Gewinnausschüttungen an den öffentlichen Sektor die geringeren Möglichkeiten nach Kurseinbußen durch Wertpapierverkäufe die Zentralbankgeldmenge zurückzuführen mit der Zeit aus. Es gibt kein technisches Argument, eine Zentralbank aus der Verantwortung für die Preisstabilität zu entlassen. Die Nichtanwendung oder die Beschränkung der Anwendung ihrer Instrumente zur Sicherung der Preisstabilität ist immer eine geldpolitische Entscheidung, im Guten oder im Schlechten.

    • Zwei Anmerkungen zu der Debatte:

      1. Die Zentralbank muss keine Anleihen verkaufen, sie kann auch warten, bis sie fällig werden. Auf diese Weise sinkt zur Zeit die Zentralbankgeldmenge der Fed.

      2. Die Diskussion ist aus politischer Sicht nicht sehr relevant, da die Steuerung der Zentralbankgeldmenge seit Jahrzehnten keine geldpolitische Strategie mehr ist. Es gibt auch keine Empirie, die eine Rückkehr zu einer solchen Strategie begründen würde.

      Gruß
      gb

  10. Sachkapitalknappheit und Kapitalmarktzins
    „Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.“

    Silvio Gesell

    Grundvoraussetzung dafür ist eine konstruktiv umlaufgesicherte Indexwährung (in Verbindung mit einem Allgemeinen Naturressourcen- Bodennutzungsrecht). Eigentlich ganz einfach, es sei denn, man ist studierter „Wirtschaftsexperte“ und beherrscht die ganz hohe Kunst, die Makroökonomie und insbesondere das „liebe Geld“ NICHT zu verstehen.

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