Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Mädchen, lernt mehr Mathe!

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In Ostdeutschland können Mädchen besser rechnen als im Westen. Woran mag das nur liegen? Von Jürgen Kaube

Vor 25 Jahren lag der Anteil der weiblichen Studenten an deutschen Hochschulen noch knapp unter 40 Prozent. Zehn Jahre später war die Lücke fast geschlossen, und es studierten anteilsmäßig fast so viele Frauen, wie in einem Jahrgang vertreten sind, nämlich knapp 50 Prozent. In manchen Fächern, von der Jurisprudenz bis zur Medizin, liegen die Anteile inzwischen deutlich höher, von Kunstgeschichte, Psychologie oder Germanistik ganz zu schweigen.

Nur in Studiengängen, die viel Mathematik voraussetzen, ist es anders. In der Physik entfallen zurzeit etwa 20 Prozent der Studienabschlüsse auf Frauen, wobei das Lehramt stark dominiert. Etwas ältere Zählungen der Chemiker von 2013 kamen auf stagnierende 40 Prozent. Bei den Bauingenieuren machen Frauen nur ein gutes Viertel der Studenten aus, bei den Wirtschaftsingenieuren verhält es sich ähnlich. In der Informatik ist es nicht einmal ein Fünftel, im Maschinenbau ein Zehntel.

Auch in der Mathematik greift dasselbe Muster. Von zehn Studenten, die sich für Mathematik im Lehramt der Grundschule einschreiben, sind acht Frauen. Geht es ums Lehramt an Gymnasien, sind es fünf. In Mathematik außerhalb des Lehramts kommen dann nur noch drei Frauen auf sieben Männer.

Dieses Muster der Studienfachwahl schlägt sich nicht zuletzt in den geschlechtsspezifischen Einkommensprofilen nieder. Wie Francine Blau und Lawrence Kahn von der amerikanischen Cornell-Universität kürzlich in ihrem Überblick zum „Gender-Wage-Gap“ gezeigt haben, erhalten Frauen über alle Berufe hinweg derzeit etwa 80 Prozent dessen, was Männer verdienen. Auf die Verweildauer im Arbeitsmarkt geht das kaum mehr zurück und auf die Höhe des Bildungsabschlusses ebenfalls nicht. Aber eben unter anderem auf die studierten Fächer. Denn Ingenieure verdienen durchschnittlich mehr als Pädagogen, Physiker mehr als Psychologen.

Woran liegt es, dass Frauen in den Mathematik-nahen Berufen und Studienfächern weniger stark vertreten sind? Als der Ökonom Lawrence Summers 2005 auf einer Konferenz zum Thema etwas freihändig darüber spekulierte, es könnten dafür im Bereich der mathematischen Leistungsfähigkeit geschlechtsspezifische Begabungen ursächlich sein, war er nach heftigen Diskussionen ein Jahr später seinen Posten als Präsident der Harvard-Universität los. Tatsächlich hat sich die Forschung bislang nicht einigen können, ob die Hypothese zutrifft, dass Männer sowohl unter den ganz schlechten wie unter den sehr guten „Rechnern“ stärker vertreten sind. Hinzu kommt die Frage, ob man, um ein Ingenieurstudium erfolgreich abzuschließen, überhaupt sehr gut in Mathematik sein muss oder ob nicht solide Leistungen genügen.

Zwei französische Ökonomen haben jetzt anhand eines in Deutschland durchgeführten Experiments untersucht, ob der Studien- und Berufswahl nicht vielmehr rationale Kalküle zugrundeliegen. Das Experiment ist die Wiedervereinigung. In den ostdeutschen Bundesländern, so weisen die Forscher nämlich nach, ist die Distanz von jungen Frauen gegenüber Mathematik weit weniger ausgeprägt als im Westen des Landes. Die Mädchen haben dort auch zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer bessere Noten in Mathematik, teilen weniger Reserven gegenüber dem Fach mit, fühlen sich weniger durch das Fach gestresst und trauen sich mehr in ihm zu. Insgesamt unterscheiden sie sich weniger stark von ihren männlichen Mitschülern, als das bei Schülerinnen im Westen der Fall ist. All das geht übrigens nicht mit Defiziten bei den sprachlichen Leistungen einher.

Mehr Schulstunden in Mathematik erhielten die so dem Fach gewogenen Mädchen in den ostdeutschen Bundesländern nicht. Auch in anderen Merkmalen des Unterrichts – den Methoden der Lehrer, ihren Leistungserwartungen, ihrer Wertschätzung nichtmathematischer Fähigkeiten – erkennen die Ökonomen keinen ausschlaggebenden Unterschied, genauso wenig wie in der stärker protestantischen Prägung der ostdeutschen Familien.

Die Erklärung der Wissenschaftler ist vielmehr: In der DDR wurde früh die berufstätige Frau als Rollen-Ideal propagiert. 1990 waren 89 Prozent aller ostdeutschen Frauen in einem Beruf und 92 Prozent der Männer. Die Vergleichzahlen für Westdeutschland liegen bei 56 und 83 Prozent. Zehn Jahre später sah es nicht viel anders aus: 80 Prozent berufstätige Frauen im Osten, 65 Prozent im Westen.

Frauen, so die ökonomische Deutung, haben sich in der DDR in viel stärkerem Maße in einer Konkurrenzsituation gegenüber Männern gesehen. Wenn Berufstätigkeit normal ist und es keine legitime Rückfallposition für Frauen in die ausschließliche Familien-Rolle gibt, erfolgt demnach schon das schulische Engagement stärker im Zeichen des späteren beruflichen Erfolgs. Dass man Mathematik später ohnehin nicht brauchen werde, dieser vielgehörte Satz ist in einer Gesellschaft, die alle in den Arbeitsmarkt zieht, weniger plausibel. Oder anders formuliert: Ihn sich früh zu eigen zu machen ist in einer solchen Gesellschaft riskanter.

Vergleicht man die europäischen Frauenerwerbsquoten, so bestätigt sich der Eindruck der Forscher. Am höchsten sind diese Quoten in den „westlichen“ Ländern in Schweden, in den Niederlanden, in Dänemark und Finnland. Drei dieser Länder gehören auch zur Gruppe mit den geringsten geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden der Schüler in Mathematik; nur Dänemark fällt heraus. Und Island, wo die Mädchen im Mathematikunterricht sogar besser abschneiden als die Jungs, gehört ebenfalls zu den Ländern mit der höchsten weiblichen Berufstätigkeit in Europa.

Die meisten osteuropäischen Länder wiederum bewegen sich, was die Mathematik-Leistungen der Mädchen angeht, im Bereich Skandinaviens. Hier gibt es gleich vier Nationen, in denen Mathematik in den Schulen gewissermaßen weiblich ist: Albanien, Bulgarien, Litauen und Mazedonien.

Dass die sozialistische Ideologie allgemein vorteilhaft für Frauen war, will die Studie, die an der Pariser Sorbonne entstand, nicht behaupten. Sondern nur, dass sich in der schulischen und universitären Präferenz für Fächer auch gesellschaftliche Berufsbilder und sozialpolitische Entscheidungen (Ausbau von Tagesstätten, Mutterschaftszeiten) auswirken. Ob zusätzlich nicht doch auch eine bestimmte Art von Erziehung im Spiel ist, sei nur als Frage notiert. Vielleicht sprachen und sprechen im Osten Mathematiklehrer und -lehrerinnen sowie die Eltern den Nachwuchs gleicher an als im Westen.

Literatur:
Francine D. Blau und Lawrence M. Kahn: „The Gender Wage Gap: Extent, Trends, and Explanations“, Journal of Economic Literature 55 (2017)
Quentin Lippmann und Claudia Senik: „Math, Girls and Socialism“, SOEP-Papers 993 (2018), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.

12 Lesermeinungen

  1. Alle sind gleich nur Männer sind schlechter?
    Kinder sind die Zukunft,deshalb sollte man Noten rationaler vergeben!
    Statt nur persönlich geprägter Noten durch LehrerInnen zu vergeben sollte man jährlich Bundeslandweite Tests machen.
    Unabhängig kann JEDEr in jedem Fach sehr gute Noten haben,dank Youtube-Erklärvideos.

    Sorry ,aber dieses Männerbashing empfinde Ich langsam als Zumutung.
    Immer wird so getan als ob Frau immerzu benachteiligt wird und ALLE Männer das böse schlechthin wären.Kriegen mehr Gehalt,haben es immer leichter und das schönere Leben oder wie?
    Im Gegensatz zu Frauen ist es für Männer normal Überstunden zu leisten.

    1.In einer Firma in der Ich gearbeitet habe gab es dasselbe Gehalt für ALLE
    Im Büro und etwas weniger für alle gleich auch im Lager.
    Blöd nur dass alle gleich-wenig bekommen haben!
    Und für das Lager hat sich nie eine Frau beworben!!!

    2.“Ausserhalb der Mathematik ist der Frauenanteil deutlich über 50%“
    D.h. der Männeranteil ist deutlich unter 50%.Weil mehr wie 100% geht nicht!Und warum werden nicht nur die „guten“ Jobs als Vergleich genommen?
    Wie wäre es mit dem Anteil der Müllfrauen zu Müllmänner,oder Soldaten im Einsatz .oder Bergfrauen zu Bergmännern?
    Weil mann gut verdient aber Frau diese Jobs nicht machen will?
    Wer macht da was gegen?Niemand,weil Männer haben keine Lobby!
    Männer haben keine Gleichberechtigung in Erziehungsfragen,Lebensdauer,Grundschule (als Lehrer und Schüler),in der Ausbildung usw.
    Kurz gesagt Jungen müssen in der Ausbildung die körperlich deutlich härteren Arbeiten und mehr machen.Die Frauen werden gefragt „willst Du das machen?“ und den Männern „das und das und das muss bis Zeitpunkt xy gemacht werden“.
    In der Schule müssen Mädchen zu Jungen nur einen Bruchteil an mündlicher Mitarbeit leisten um eine gute/bessere Note zu kriegen

    3.Frauen Leben 4-5 Jahre länger im Schnitt

    Fakt ist: Frauen arbeiten eher in ihrem Lieblingsjob,können sich das aber nur leisten,weil Männer mehr verdienen und sind dafür dann undankbar.
    Von wegen Kinder erziehen und Wäsche machen usw.

    Als Single mach Ich meine Wäsche selber und kann nur sagen „Einfacher gehts nicht!“ Und wenn die Frauen die Kinder so gut erziehen würden dürfte es da ja keine Probleme geben!Schulnoten usw!!!
    Dumm nur dass die ganzen Kinder die Ich irgendwo mal kennenlerne echt froh sind wenn mal jemand „normal“ ist und Zeit hat.Vom nicht schmeckernden Essen mal ganz abgesehen.

  2. ist das wirklich "noch" eine große frage??
    sie fragen ernsthaft woran das liegt – sie haben sich mit dem vergleich der ddr doch die antwort selber gegeben – wenn auch auf eine andere art, wie sie vielleicht rückgeschlossen haben ;-)
    hier wurden in der wissensvermittlung einfach frauen und männer gleichgesetzt(nur als „staatsfeind“ oder „regimekritiker“ hatt man wenig chancen)
    im leserkommentar von frau sophie hausdorff ist es ebenfalls zu lesen!

    den mädchen wird in deutschland einfach selten zugetraut, dass sie mathe können !!!!!!!!!!!!!
    und anscheinend hat sich da bis heute nichts geändert
    und ganz ehrlich: letzendlich hat man dann als frau keine große lust auf allen ebenen zu „kämpfen“ und sich durch den kakao ziehen zu lassen, anstatt sich um sein studiium zu kümmern

    mein abitur liegt jetzt fast 50 jahre zurück bis zur realschule hatte ich mit meinen matheleistungen (1-2) nie probleme – nicht bei lehrern und nicht bei schülern
    im gegenteil – in der letzten klasse der realschule mit 18 schülern (13 jungen 5 mädchen) war ich „henne im korb“ – aber nicht um des geschlechtes willen, sondern weil die kollegen in mathe abschreiben wollten ;-D
    auf dem mädchengymnasium (damals war es oft üblich die geschlechter zu trennen) und einem mathelehrer – einer der wenigen männl. lehrer auf dieser schule…
    hiess es ab einem gewissen punkt : um bei mir eine zwei in mathe zu bekommen, muss man mehr können, als ich in der schule beibringe !!!
    (frag mich, wofür der lehrer dann bezahlt werden will)
    selbst interventionen bei der schulleitung durch eltern waren erfolglos
    die drei mädchen, auf die das zutraf, wurden bis zum abi sukzessive „runtergewirtschaftet“ – die letzte im mündlichen abitur

    für meine tochter war mathe ebenfalls ein „kinderspiel“ bis zur mittleren reife – was auf dem gymnasium und der berufschule dann passierte entsprach fast 30 jahre später meinen erfahrungen
    wann geschieht bei männern eigentlich ein grundsätzliches umdenken ??
    und man lässt frauen das wählen, was sie möchten ?

  3. Die plausibelste Erklärung....
    … sollte eigentlich bekannt sein – leider wird sie mal wieder im Artikel nicht erwähnt. Ein Informatiker würde es so zusammenfassen: Frauen und Männer haben dieselbe Hardware, aber unterschiedliche Betriebssysteme.

    Vieles spricht dafür, dass Frauen (im Durchschnitt) durchaus die Fähigkeit hätten, technische und mathematische Aufgaben genauso gut zu erledigen wie Männer. Sie haben nur weniger Lust dazu – es macht ihnen weniger Spaß, und deswegen sind sie darin (im Durchschnitt) auch weniger gut.

    Wenn sie das Gefühl haben, dass sie Mathematik brauchen werden, um für sich selbst oder gar eine Familie zu sorgen, dann lernen sie es. Studieren auch eher entsprechende Fächer, weil es da halt mehr zu verdienen gibt. Aber wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie Themen, die ihnen mehr liegen – soziale, sprachliche. Sogar unter Verzicht auf Einkommen – Hauptsache ihnen verbleibt (gefühlt) genug zum Leben.

    Gerade ist Schach-WM. Die beste Schachspielerin der Welt käme bei den Männern nicht unter die besten 500. Wenn man aber die Zahl schachspielender Frauen zu der der Männer ins Verhältnis setzt, ist so ein Ergebnis statistisch durchaus zu erwarten. Würden genauso viele Frauen Profi-Schach spielen, gäbe es entsprechend viele in der absoluten Weltspitze.
    Nur: WARUM spielen so viel mehr Männer Schach als Frauen? Um im Schach richtig gut zu werden, muss man dafür eine Obsession entwickeln, sozusagen schon als Kind jede freie Minute ins Schach „investieren“. Warum tun das Jungs offenbar weltweit so viel häufiger als Mädchen? Wenn sie doch nicht klüger sind?

    Offenkundig macht es ihnen mehr Spaß!

    Ein weiteres Beispiel: Soziale Medien wie facebook oder whats’app werden mindestens zur Hälfte von Frauen genutzt. Aber bei wikipedia sind 90% der Autoren männlich – obwohl das Ganze völlig frei ist. Es gibt keinerlei ersichtliche „Sozialkontrolle“ nach Geschlecht, weder intern (bei Wikipedia) noch extern (durch das Umfeld der Autoren). Männer scheinen einfach mehr Spaß daran zu haben, ihre Weisheit mit dem Rest der Welt zu teilen (oder auch: ihre Sicht einer Sache zum Standard zu machen).

    Vielleicht nicht die Fähigkeiten, wohl aber die statistische Verteilung der Vorlieben unterscheiden sich allem Anschein nach zwischen den Geschlecht.

  4. gesellschaftliches Problem, nicht der Mädchen
    Ich selbst habe Mathematik und Maschinenbau studiert. (Übrigens bekommt Frau Ingenieurin bei gleicher Qualifikation und gleicher Erwerbsbiografie – von wegen Kinder und so – auch weniger Gehalt als Herr Ingenieur.)
    Im Abi hatte ich Mathe und Physik als Leistungskurse. Der Physiklehrer war über meine Anwesenheit als einziges Mädchen sehr erstaunt. „Thomas, bau mal den Versuch auf. Sophie, putz die Tafel.“

    Dann die ständigen Kommentare: „Boah, als Mädchen? Wie kannst du nur! Das ist doch unnatürlich.“ Welcher Teenager hat Spaß daran, derart als „Paradiesvogel“, „andersartig“, „unnormal“ herausgestellt zu werden? Die meisten wenden schon recht früh ihr Interesse anderen, gesellschaftlich akzeptierteren Fächern (Bio, Sprachen) zu.

    Im Studium stellte ich zusammen mit einer Iranerin die 1% Frauenanteil. Wir haben uns gleichberechtigt und gleichwertig gefühlt. Der Witz dabei war allerdings der REFA-Lehrer. Der konnte es nicht verkraften, dass eine Frau anwesend war, und nannte mich immer „Herr H“. Das war aber eher eine Lachnummer als ein Problem.

    Im Beruf wurde ich gefühlt 243717-mal gefragt, wie ich denn als Frau dazu käme, Ingenieurin zu werden. Fragt irgendwer einen Mann dasselbe?

    Dann gab es bei meiner Bewerbung um eine Stelle eine Diskussion, ob es zumutbar (!) für die männlichen Kollegen wäre, mit einer Frau zusammenzuarbeiten. Nicht in Kabul, sondern im 21. Jahrhundert in Deutschland, bei einem börsennotierten Konzern. Die Diskussion, ob es zumutbar wäre, mit einem Juden zusammenzuarbeiten, wäre wohl nie aufgekommen.

    Das Erstaunen „Oh, Sie sind ja eine Frau!“ Meine Lieblingsantwort: „Keine Angst, das ist nicht ansteckend.“
    Oder: es kommt jemand in mein Büro, pampt mich an und will erst mal meinen Chef sprechen. „Ich red doch nicht mit der Sekretärin. Ich will mit jemandem reden, der Ahnung hat.“ (Gefühlt 3457mal passiert.) Der Chef kommt dann in der Regel wieder zu mir…

    Die sexistischen Sprüche und Grabschereien sollen jetzt nicht ausgebreitet werden.

    Aus heutiger Sicht würde ich nicht mehr eine MINT-Laufbahn einschlagen, meiner psychischen Gesundheit zuliebe.

  5. Welches Image hat die Mathematik?
    Das Interesse an der Mathematik hängt von ihrem Image ab und davon, ob sich Kinder Mathematik zutrauen. Und daran wirken die Schule, die Eltern und die Medien mit. Der letzte FAZ-Leitartikel über Mathematik erschien am 6.1.2007 oder habe ich einen verpasst?

  6. Genetisch bedingt?
    Die Studie zeigt eindeutig, dass das Ganze nicht genetisch bedingt sein kann bzw. genetische Unterschiede nicht die dominierende Rolle spielen.
    Warum sollten westdeutsche Mädchen besonders dumm in Mathe sein?

    Der höhere Frauenanteil in Osten hatte vorallem mit dem Mangel an Arbeitskräften zu tun und auch der Tatsache, dass man nicht einfach studieren konnte, was man wollte. Für jeden Studiengang gab es eine Art NC und wer da in sein Wunschfach nicht reinkam wurde „umgelenkt“. Auf diese Weise haben viele Mädchen auch Fächer studiert, die nicht ihre Wunschfächer waren, manche sind daran gescheitert, manche haben sich dabei sehr wohl gefühlt. Dadurch ergab sich aber auch eine geringere Ablehnung von Frauen in den entspechenden Berufen.

    Die entscheidendste Größe für die Unterschiede in der Wahl der Studienfächer und auch der Anerkennung der entsprechenden Schulfächer ergibt sich aus der gesellschaftlichen Einordnung dieser Fächer. Es zeigt sich ja auch, dass Erstgeborene mehr „harte“ Fächer studieren als ihre jüngeren Geschwister. Es zeigt sich auch, dass Männern insbesondere in Westen als die Ernährer ihrer Familien gesehen werden und die Ehefrauen bestenfalls ein Zubrot verdienen dürfen. Dementsprechend werden dann auch die Fächer bewertet. Auch hier in den Kommentaren fühlen sich ja einige regelrecht benachteiligt, wenn Frau genauso arbeiten würde wie sie.

  7. Titel eingeben
    Der Autor hat aber wohl keine „soliden REchenkenntnisse“, wenn er meint:
    „1990 waren 89 Prozent aller ostdeutschen Frauen in einem Beruf … Westdeutschland … 56 Prozent. Zehn Jahre später sah es nicht viel anders aus: 80 Prozent berufstätige Frauen im Osten, 65 Prozent im Westen.“

    Der Unterschied hat sich also vom 89%-56% = 33% auf 80%-65%=15% mehr als halbiert, und das binnen einer kurzen Zeitspanne, die noch nicht einmal einen Generationswechsel kennzeichnet. Das eine beträchtliche Geschwindigkeit der Veränderung im Erwerbsverhalten, auch wenn der Unterschied zwischen 56 und 65 nicht so groß erscheinen mag.

  8. Mathe ist NC-frei, daher mehr männliche Studenten
    Das Mathematik-Studium ist [fast] überall ohne Numerus Clausus zugänglich. Mädchen bzw. Schülerinnen haben aber bessere Noten als Jungen, unter anderem deshalb, weil sie fleißiger sind und vielleicht auch gegenüber den LehrerInnen angepasster.

    Daher sind Mädchen bzw. junge Frauen bei den „harten“ NC-Fächern wie Psychologie und Medizin deutlich überrepräsentiert. Diese Personen fallen somit als potentielle Mathe-Studentinnen weg. Das gilt natürlich besonders für den klügeren Teil der Mädchen.

    Die „dummen“ Abiturienten und Abiturientinnen studieren ohnehin nicht Mathe, oder jedenfalls nicht erfolgreich. Damit bleiben vor allem männliche Studienbewerber übrig, die sich für dieses Fach einschreiben.

    … dies ist der Versuch einer Analyse, die nicht den gesamten Unterschied erklärt, aber einen Teil des Wahlverhaltens erklären kann. Man kann diese These näher untersuchen, indem man vergleicht, wie sich Bewerber für NC-Fächer, die im Losverfahren kein Glück hatten, auf andere Fächer verteilen.

  9. In der Mathematik zählt (inzwischen) nur noch die Leistung
    Emmy Noether hat während des ersten Weltkriegs noch David Hilbert als Förderer gebraucht, um sich gegen die Vorurteile ihrer weniger begabten männlichen Kollegen („die Feldgrauen“) durchzusetzen. Im Nachkriegsdeutschland gab es solche Benachteiligungen meiner Wahrnehmung nach nicht mehr. Während meines Studiums 1975 bis 1980 gab es in unserem Fachbereichskollegium zwar nur eine Frau, die aber in hohem Ansehen bei den Kollegen stand. Die Gründe lagen (und liegen) eher in der Zurückhaltung der Frauen. Ich hatte beispielsweise ein supergute Kommilitonin, die mein Professor gerne in seiner Arbeitsgruppe gehabt hätte. Das war ihr aber nach eigener Aussage zu stressig. Sie studierte Lehramt (Gymnasium), was das spätere stressfreie Großziehen von Kindern erlauben sollte. Das Problem ist eben, dass Mathematik zu studieren etwas Mönchisches hat, jedenfalls bei wissenschaftlichem Interesse: Man muss in der Lage sein, sich konsequent seinem Studienfach zu widmen, ggf. unter Verzicht auf Partner und Familie, gerade wegen der kümmerlichen Einkommensverhältnisse und der unsicheren beruflichen Zukunftsperspektiven. Viele meiner Kommilitonen haben spät oder gar nicht geheiratet. Mittlerweile ist die Frauenquote an meinem Fachbereich gestiegen. Es sind keine Quotenfrauen sondern alle sind extrem kompetent. Es hat sich, was Frauen in der Mathematik angeht, deutlich gebessert. Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung hat gerade mitgeteilt, dass die Cantor-Medaille 2019 an die Mathematikerin Hélène Esnault geht. Auch in der Physik (ich studiere aktuell als Senior dieses Fach) gibt es sehr viel mehr Frauen als in meiner Jugend.

  10. Es liegt am Wirtschaftssystem
    Im unserem Kapitalismus gibt es Berufe, der MINT-Bereich, indem das Studium anspruchsvoll, aber auch der Konkurrenzkampf und die Anforderungen im Job sehr hoch sind. Spitzenkräfte verdienen dort nicht nur ein weit überdurchschnittliches Gehalt, sondern müssen hierfür auch entsprechende Opfer bringen. Häufige Dienstreisen und Überstunden, sowie den Zwang immer auf dem Stand von Technik und Wissenschaft zu bleiben. Halbtagsstelle, mit der Möglichkeit diese Kita- und Schulkompatibel zu machen, Babypause oder auch der Wunsch auf Dienstreisen verzichten zu können, lassen sich tendenziell eher schwer umsetzen. Nach meiner Kenntnis schlaucht solch ein Berufsleben Frauen auch viel stärker, als Männer.
    Aber die Bundesrepublik Deutschland bietet den Frauen auch sehr viele geschützte Bereiche, bei denen der harte Wind der Marktwirtschaft praktisch ausgesperrt wird. Sei es die öffentliche Verwaltung, die jede Sonderlocke umsetzen muss, die in Berlin erdacht wird, wie z.B. Vollzeit-Teilzeit-Wechselrecht oder auch Bereiche, wie die Juristerei, in denen es festgelegte Mindestvergütungen gibt. Auch die Frauen-Quote kommt hier besser zum Tragen. Nebenbei sollte man auch zwischen dem Schulstoff der Mathematik und den universitären Anforderungen differenzieren, bei dem die Latte sehr viel höher hängt.

    Für den recht hohen Anteil von Frauen in der DDR gibt es einen anderen, einfachen Grund: Auch auf diesem Bereich beharkten sich die Systeme. Der höhere Frauenanteil sollte auch den Anspruch der DDR untermauern, das fortschrittlichere System zu sein.

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